Baseball in aller Welt: Japan

Dieser Blog beschäftigt sich in erster Linie mit der MLB und der Baseball-Bundesliga und das wird auch so bleiben. Aber auch woanders in der Welt wird Baseball gespielt und es kann nicht schaden, mal einen interessierten Blick über den Tellerrand zu werfen. Genau das möchte ich in Form einer kleinen Serie tun – ab sofort für ungefähr den Rest des Jahres immer dienstags. Die Idee hatte ich schon länger und durch den von Kante geäußerten Wunsch fühle ich mich darin bestärkt, dieses Thema mal anzugehen. Den Anfang machen heute und nächste Woche die Ligen in Japan und Korea, da hierzu konkret Informationen gewünscht wurden. Aber auch die Karibik, Australien und ein, zwei europäische Länder werde ich mir anschauen und zum Abschluss der Serie gehe ich – um auch Jochens Wunsch zu erfüllen – auf internationale Turniere wie den WBC, die EM oder Olympia ein.

Nationalsport Baseball
Bei Sport in Japan denken viele in erster Linie an Kampfsportarten wie Sumoringen oder Judo. Tatsächlich ist Japan aber das Land mit der wohl am längsten und tiefsten verwurzelten Baseballtradition außerhalb Amerikas. Um es mit den Worten der japanischen Tourismusbehörde zu sagen:

Baseball is so popular in Japan that many fans are surprised to hear that Americans also consider it their „national sport.“

Die große Beliebtheit des Baseballsports zeigt sich auch an den Zuschauerzahlen der japanischen Profiliga NPB (Nippon Professional League): Die NPB ist weltweit direkt hinter der MLB die Liga mit den zweitmeisten jährlichen Stadionbesuchen – bezogen nicht nur auf Baseball sondern auf alle Sportarten. Natürlich liegt das nicht zuletzt daran, dass es im Baseball so viele Spiele gibt, aber auch vom Zuschauerdurchschnitt her ist die NPB mit rund 30.000 Besuchern je Spiel die beliebteste Sportliga Asiens und immerhin die siebtbeliebteste weltweit.

Eingeführt wurde Baseball in Japan im Jahr 1872 durch den amerikanischen Englisch-Professor Horace Wilson. Wilson setzte Baseball zuerst als ein Mittel zur körperlichen Ertüchtigung seiner Studenten ein, doch die Begeisterung für den Sport zog schnell weitere Kreise. Es entstanden zahlreiche Mannschaften sowohl für Erwachsene als auch an Schulen und Universitäten. Ab 1920 gab es die ersten Versuche, Profi-Teams zu etablieren, zunächst mit geringem Erfolg. Den Durchbruch schaffte der Greater Japan Tokyo Baseball Club, ein 1934 als All-Star-Team gegründeter Verein, aus dem später der bis heute erfolgreichste japanische Klub Yomiuri Giants wurde. Mit sechs anderen Teams gründeten die Giants 1936 die erste Profi-Liga, die Japanese Baseball League (JBL). Ihr folgte 1950 die NPB, indem die alte JBL in zwei Ligen geteilt und um sieben neue Teams ergänzt wurde.

Der japanische Baseball ist auch auf internationaler Ebene sehr etabliert: Japans Nationalmannschaft hat als bislang einzige schon zweimal (2006 und 2009) die Baseball-Weltmeisterschaft World Baseball Classic gewonnen und steht in der Baseball-Weltrangliste der WBSC sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen auf Platz eins. Bei den bislang fünf olympischen Baseballturnieren holte Japan einmal Silber und zweimal Bronze. Der großen Rolle, die Baseball in Japan spielt, ist die Wiederaufnahme der Sportart zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio zu verdanken.

Die Nippon Professional League
Vieles an der NPB erinnert an eine MLB im Kleinformat: Genau wie jene teilt sich die NPB in zwei Teilligen auf, die sich beide über das gesamte Land erstrecken und die – von ein paar Interleague-Spielen abgesehen – jeweils für sich einen Meister ermitteln. Dieser tritt dann in der großen Finalserie gegen den Meister der anderen Teilliga an. Lustigerweise geht das Nacheifern der MLB sogar soweit, dass auch in Japan eine der Ligen – die Pacific League – mit DH-Regel spielt und die andere – die Central League – nicht.

Standorte der NPB1

Jede der beiden Ligen besteht aus sechs Teams, welche in der regulären Saison jeweils 146 Spiele absolvieren, darunter 24 Interleague-Spiele. Die Saison läuft zeitlich quasi identisch mit der MLB: Gestartet wird Anfang April, an die reguläre Saison bis Anfang Oktober schließen sich die Playoffs an, der Meister steht Ende Oktober oder Anfang November fest. Ermittelt wird er in drei Playoffrunden: In der ersten Climax Series jeder Liga treffen der Zweit- und Drittplatzierte in einer Best-of-Three-Serie aufeinander. Der Sieger dieser Serie trifft dann auf den Erstplatzierten. In diesem zweiten Teil der Climax Series kommt das Team weiter, das zuerst vier Spiele gewinnt; allerdings erhält der Erstplatzierte der regulären Saison ein Spiel Vorsprung und obendrein Heimrecht in allen Spielen. Die Sieger der Climax Series beider Ligen erreichen die Nippon Series und spielen im Best-of-Seven-Modus die Meisterschaft aus. Ähnlich wie in der World Series hat ein Team Heimrecht im ersten, zweiten, sechsten und siebten Spiel, das andere im dritten bis fünften. Wer welches Heimrecht hat, wechselt nach einem festen Rhythmus zwischen den beiden Ligen – in geraden Jahren ist das Team der Central League zuerst dran, in ungeraden das der Pacific League.

Obwohl die Regeln der NPB weitgehend identisch sind mit jenen der MLB, gibt es neben der anderen Playoffstruktur noch ein paar weitere Unterschiede. Der wichtigste davon dürfte sein, dass in der NPB regelmäßig Unentschieden vorkommen: Ein Spiel, das in der regulären Saison nach zwölf Innings oder in der Postseason nach fünfzehn Innings keinen Sieger gefunden hat, endet ohne Entscheidung. Ein weiterer Unterschied besteht in der Rostergröße: Während der aktive Kader eines MLB-Teams üblicherweise 25 Spieler umfasst, sind es in der NPB 28. Allerdings sind vor jedem Spiel drei Spieler als inaktiv zu kennzeichnen, sodass es dann doch auch auf 25 hinausläuft. Die meisten japanischen Teams verwenden eine Rotation aus sechs Pitchern statt der in der MLB üblichen fünf. Da montags üblicherweise nicht gespielt wird, ist man als Starter in der NPB im Normalfall einmal pro Woche an der Reihe. Der Ball ist in der NPB etwas kleiner und härter, die Strikezone und die Mindestmaße des Spielfelds sind ebenfalls ein wenig kleiner als in der MLB.

Vom Spielniveau her wird die NPB oft als „AAAA“-Liga bezeichnet. Das soll heißen, dass sie unter der MLB angesiedelt ist, aber oberhalb des höchsten amerikanischen Minor-League-Levels AAA. Die NPB hat selbst zwei Minor Leagues, die Eastern League und die Western League, in denen jedes NPB-Team ein direkt assoziiiertes Farmteam unterhält. Jede der Ligen spielt eine 80-Spiele-Saison aus.

Baseball außerhalb der Profiliga
Auch als Schul- und Universitätssportart erfreut sich Baseball in Japan sehr großer Beliebtheit. Der wichtigste Wettbewerb im Hochschulbereich ist die traditionsreiche Big6-Liga: Seit ihrer Gründung im Jahr 1925 nehmen immer die gleichen sechs Universitäten aus dem Großraum Tokio teil und spielen an acht Wochenenden eine Meisterschaft aus. Alle Spiele der Big6 finden im Meiji Jingu Stadium in Tokio statt.

Von der nationalen Aufmerksamkeit her noch wichtiger sind die japanischen Meisterschaften im High-School-Baseball. Zweimal jährlich werden im Hanshin-Kōshien-Stadion in Nishinomiya nach einer Reihe von Qualifikationsturnieren die Finalturniere ausgespielt: im Frühling mit 32 und im Sommer mit 49 teilnehmenden Teams. Diese Turniere erzielen hohe Einschaltquoten im Fernsehen und werden sowohl von den Zuschauern als auch von den Spielern mit großer Leidenschaft und Emotionalität begangen.

Koshien-Stadion2

Berühmte Spieler aus Japan
Heutzutage kann man damit rechnen, dass die besten Spieler der NPB irgendwann in der MLB landen. Doch das ist noch nicht lange so, denn die MLB hat die Japaner erst seit Mitte der 90er-Jahre für sich entdeckt. Vor dieser Zeit blieben die Stars in der Regel auf der Insel und ihre Berühmtheit entsprechend regional begrenzt. Die japanische Baseball-Legende schlechthin ist Sadaharu Oh. Der First Baseman war von 1959 bis 1980 für die Yomiuri Giants aktiv und hält mit 868 Homeruns bis heute den Karriere-Rekord unter allen Baseball-Profis weltweit. Nach seiner Zeit als Spieler war Oh noch lange als Manager tätig, unter anderem für das japanische Nationalteam bei dessen Gewinn des ersten WBC im Jahr 2006. Andere legendäre japanische Baseballer, die nie mit der MLB in Berührung kamen, waren Catcher Katsuya Nomura (1954-1980), Third Baseman Shigeo Nagashima (1958-1974), Outfielder Isao Harimoto (1959-1981) und Pitcher Masaichi Kaneda (1950-1969).

Sadaharu Oh als Team-Manager während des WBC 20063

Der erste japanische Spieler in der MLB war Masanori Murakami; er spielte 1964 bis 1965 ein Jahr lang durchaus erfolgreich als Reliever für die San Francisco Giants, kehrte dann aber doch in die Heimat zurück und führte seine Karriere dort fort. Der erste dauerhafte MLB-Spieler aus Japan wurde 1995 Starting Pitcher Hideo Nomo. Nomo wurde in seinem ersten Jahr bei den Dodgers zum All-Star und zum Rookie of the Year gewählt und warf in seiner 13-jährigen MLB-Karriere zwei No-Hitter. Nomo gilt als der Türöffner für japanische Spieler in der MLB. Ihm folgten bislang 53 weitere Landsleute in die MLB. Die deutliche Mehrheit von ihnen sind bzw. waren Pitcher. Als erster Positionsspieler schaffte 2001 ein Outfielder den Sprung, der noch heute aktiv ist, inzwischen eine ganze Reihe von Hitting-Rekorden aufgestellt und seinen zukünftigen Platz in der Hall of Fame längst gesichert hat: Ichiro Suzuki. Der 44-Jährige hat übrigens kürzlich bekannt gegeben, dass er noch nicht ans Aufhören denkt und nach Auslaufen des Vertrags in Miami nach einem neuen Team sucht. Neben Ichiro sind derzeit SP Masahiro Tanaka (Yankees), SP Kenta Maeda (Dodgers), RP Junichi Tazawa (Marlins), SP Yu Darvish, RP Koji Uehara, SP Hisashi Iwakuma und OF Nori Aoki (alle Free Agents) in der MLB aktiv. In Kürze wird vermutlich der als sensationelles Talent geltende SP/OF Shohei Otani hinzukommen.

1Quelle: Wikimedia, Urheber: Immanuel Giel (Public Domain)

2Quelle: Wikimedia, Urheber: 百楽兎 (CC BY-SA 3.0)

3Quelle: Wikimedia, Urheber: Mori Chan (CC BY-SA 2.0)

November 14th, 2017 by