Wer ist der beste Batter im Land?

Hier ist der versprochene zweite Teil meiner Erklärartikel über Batting-Statistiken. Im ersten Teil habe ich mit der klassischen Slashline sowie mit dem direkt daraus ableitbaren Indikator OPS beschäftigt. Heute stelle ich ein paar weitere Möglichkeiten vor, die Fähigkeiten eines Batters oder besser gesagt bestimmte Teilaspekte davon zu messen und seinen Beitrag zum Erfolg des Teams zu beurteilen. Demnächst folgt ein Artikel über Statistiken, die sich dem großen Ganzen über lineare Gewichtung nähern. Weitere bereits veröffentlichte Statistikartikel findet man am einfachsten über die Kategorien-Navigation dieser Seite (oder durch Klick hier).

Walk-to-Strikeout-Ratio (BB/K)
Der Name dieser Kennzahl sagt eigentlich schon alles: Sie misst, in welchem Verhältnis bei dem jeweiligen Batter Walks und Strikeouts zueinander stehen. Ihr Nutzen besteht darin, die Plate Discipline eines Batters und seinen Blick für die Strikezone zu beurteilen. Für diese begrenzte Fragestellung ist BB/K ein sehr nützliches Maß.

In den letzten Jahren sind Walks in der MLB etwas seltener geworden, während die Häufigkeit von Strikeouts deutlich gestiegen ist. Entsprechend sind die Spitzen- und Durchschnittswerte für BB/K gesunken und nur wenige Batter schaffen es heutzutage, mehr Walks als Strikeouts zu erzielen. In diesem Jahr gibt es nur zwei qualifizierte Spieler, denen das für die aktuelle Saison bisher gelungen ist: Ben Zobrist führt die Liste an mit 1.13 B/SO, gefolgt von Bryce Harper. In früheren Zeiträumen wurden weit höhere Werte erzielt. Der unbestrittene historische Meister dieses Faches ist Joe Sewell, der 1932 den Rekord von 18.67 BB/K in einer Saison aufstellte und auch den zweiten und dritten Platz in dieser Liste belegt. Sewell führt auch die Karriere-Rangliste an, mit 7.39 BB/K und großem Abstand auf den zweitplatzierten Monk Cline (6.33). Angesichts dieser Dimensionen nimmt sich die Karriereleistung des besten noch aktiven Spielers geradezu bescheiden aus: Albert Pujols steht bei 1.17 BB/K. In heutigen Relationen betrachtet ist das übrigens alles andere als bescheiden, denn kein anderer aktiver Spieler erreicht derzeit einen Wert von 1 oder höher.

Runners In Scoring Position (RISP)
Der Kürze wegen redet man oft von RISP, gemeint ist eigentlich der Indikator BA/RISP, also Batting Average With Runners In Scoring Position – der Schlagdurchschnitt eines Batters, wenn sich mindestens ein Baserunner bereits auf der zweiten oder dritten Base befindet. Ziel dieser Statistik ist zu beurteilen, wie gut der Batter in Situationen ist, in denen es besonders wichtig oder hilfreich ist, einen Hit zu erzielen (sog. Clutch-Situations). Die Aussagekraft und der Nutzen von RISP-Statistiken sind umstritten und das mit einigem Recht. Tatsächlich hat sich immer wieder, wenn man das Phänomen RISP unter die Lupe genommen hat, zweierlei gezeigt: 1. Die Fähigkeit von Teams und Spielern, Hits mit Runnern in Scoringposition zu erzielen, trägt weit weniger zu Sieg und Niederlage bei als die generelle Fähigkeit, Hits zu erzielen. 2. Ob ein Spieler mehr oder weniger erfolgreich mit RISP ist, hängt eher mit Zufall und Umgebungsfaktoren zusammen als mit einer bestimmten dem Spieler zuzuschreibenden Fähigkeit. Das zeigt sich vor allem daran, dass der Unterschied zwischen RISP- und Nicht-RISP-Werten einzelner Spieler von Saison zu Saison sehr stark schwankt. Gäbe es den sogenannten Clutch-Hitter, so müsste man diesen daran erkennen, dass er einigermaßen konstant höhere RISP-Werte erzielt. Das Thema (oder besser das Nicht-Thema) RISP wäre mal einen eigenen Artikel wert. Einstweilen kann man sich, wenn man es genauer wissen möchte, hier, hier oder hier ein bisschen einlesen.

Runs scored (R), Runs Batted In (RBI), Runs Created (RC)
Im Endeffekt geht es beim Batting immer nur um das Eine, nämlich um das Produzieren von Runs. Deswegen ist die dritte und wichtigste Fragestellung, der ich mich in diesem Artikel widmen möchte: Wie viele Runs trägt ein Batter zum Erfolg seines Teams bei?

Natürlich kann man Runs als einfache Zählstatistik erfassen, also einfach messen, wie oft Batter X die Bases umrundet und somit für sein Team gescort hat. Man stellt dann fest, dass sowohl 2015 als auch bisher in diesem Jahr Josh Donaldson die meisten Runs gescort hat und dass die Allzeit-Rangliste von Rickey Henderson angeführt wird, der in seiner langen Karriere von 1979 bis 2003 insgesamt 2295 Runs gescort hat. Solche Zahlen sind ja irgendwie beeindruckend, vor allem wenn bestimmte Meilensteine erreicht werden (es gibt zum Beispiel nur acht Spieler mit über 2000 Runs, darunter mit Alex Rodriguez nur einen noch aktiven). Wirklich viel sagt uns das aber nicht über den jeweiligen Spieler, denn das Scoren von Runs liegt lediglich beim Homerun in seiner eigenen Hand. Jeder andere Score ist neben der Notwendigkeit, selbst auf Base zu kommen, abhängig von den Fähigkeiten der Mitspieler und/oder Fehlern der Gegenspieler sowie von zusätzlichen Faktoren wie beispielsweise dem eigenen Platz in der Batting Order. Ist man regelmäßig vor dem stärksten Hitter des eigenen Teams an der Reihe, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst viele Runs erzielt, deutlich höher als wenn man als Achter schlägt und danach der schlechteste Batter (in der NL meistens der Pitcher) des Teams kommt.

Mehr Beachtung als die Runs scored finden meistens die Runs Batted In, eine weitere einfache Zählstatistik. Ein RBI liegt dann vor, wenn durch den Schlag eines Batters ein Run erzielt wird (unabhängig davon, ob der Batter selbst dabei auf Base kommt). Auch Runs, die bei vollen Bases durch einen Walk, Hit by Pitch oder Interference Call ausgelöst werden, werden als RBI gezählt. Bei einem Homerun wird für das Umrunden der Bases durch den Batter diesem sowohl ein Run als auch ein RBI angerechnet; im Höchstfall kann man mit einem Homerun bei voll besetzten Bases vier RBI durch einen Schlag – einen Grand Slam – erzielen. RBIs bilden eine der drei Säulen der Triple Crown, das heißt der besonderen Leistung, als Batter die Liga gleichzeitig in Homeruns, Batting Average und RBI anzuführen. In den letzten knapp 50 Jahren ist das nur einem einzigen Spieler gelungen, nämlich Miguel Cabrera im Jahr 2012.

Mit 2297 RBI hat Hank Aaron die meisten Runs in einer Karriere verursacht. Er ist einer von nur vier Spielern mit über 2000 RBI und auch in dieser Statistik ist Alex Rodriguez der einzige Aktive, der jene Grenze geknackt hat. In der aktuellen Saison führt Edwin Encarnacion die MLB an. Obwohl RBI in aller Munde sind, muss man sich auch bei dieser Statistik die Frage nach der Aussagekraft stellen. Im Prinzip trifft die Kritik, dass gescorte Runs kein gutes Maß für die Qualität eines einzelnen Spielers sind, genauso auch auf RBI zu. Denn ob ein ordentlicher Hit drei Runner nach Hause bringt oder gar keinen, ist wieder ein Umstand, den der Batter überhaupt nicht in der Hand hat. Zwei exakt gleich gute Batter werden sehr verschiedene RBI-Zahlen sammeln, wenn der eine in einem insgesamt offensivstarken Team spielt und der andere in einem schwachen oder wenn der eine im Lineup an ungünstigerer Stelle schlägt als der andere. Als Leadoff-Hitter hat man zum Beispiel schlechte Chancen auf viele RBI, weil man beim ersten At-Bat nie jemanden vor sich auf Base hat und bei den weiteren At-Bats in der Regel nach schwachen Hittern an die Reihe kommt; viel besser ist man dran als Cleanup-Hitter, also auf Position vier, weil man dann normalerweise direkt nach den drei Battern dran ist, die am häufigsten auf Base kommen.

Wenn man einerseits der Philosophie folgen möchte, dass Batting-Leistungen am besten in Form von Runs gezählt werden sollten, man andererseits aber die genannten Probleme bei der Aussagekraft von Runs scored und RBI vermeiden will, so gibt es dafür hervorragende Alternativen. Eine solche ist der Indikator Runs Created (RC), erfunden von Sabermetrics-Gott Bill James. Die Grundformel von RC lautet: Situationen, in denen man auf Base kommt, werden multipliziert mit den erzielten Total Bases und das Ergebnis wird geteilt durch die Zahl der Gelegenheiten, also der Plate Appearances. Hier kann man das in ordentlicher Formelschreibweise und in verschiedenen Entwicklungsstufen nachlesen. Runs kommen in dieser Formel überhaupt nicht vor und doch führt sie zu einer verblüffend genauen Aussage über den individuellen Beitrag eines Batters zum Erfolg des Teams in Form von Runs: Dass sie den individuellen Beitrag misst, ist logisch, weil alle Komponenten der Formel auf den Einzelleistungen des Spielers beruhen; dass sie verblüffend genau ist, zeigt sich dadurch, dass sie mit einer Genauigkeit von 99,5% vorhersagt, wie viele Runs ein Team erzielt, wenn man die RC-Werte aller Batter zusammenzählt. RC ist in meinen Augen eine der besten Baseballstatistiken überhaupt und es ist ein Jammer, dass sie nicht halb so bekannt ist wie z. B. RBI. Hier noch eine Leseempfehlung, die die Aussagekraft von RC untermauert.

Die meisten RC in einer Karriere hat Barry Bonds gesammelt, der beste aktive Spieler ist auch in dieser Statistik Alex Rodriguez. Auch die beste Einzelsaison aller Zeiten geht mit 230 RC an Barry Bonds. Und wer ist momentan der wertvollste Batter der MLB? Trommelwirbel, Tusch, es ist: Jose Altuve. Mit 107 RC führt er aktuell (sortieren muss man bei baseball-reference selbst durch Klick auf die Spaltenüberschrift RC) die Liga an, mit etwas Abstand gefolgt von Josh Donaldson und Mike Trout.

August 7th, 2016 by