Category: Grundwissen

Juni 26th, 2017 by Dominik

Ich bin sicher, kein Name eines früheren MLB-Spielers begegnet einem heutzutage häufiger – nicht Babe Ruth, nicht Willie Mays, nicht Ted Williams oder Hank Aaron und auch nicht Barry Bonds. Tommy John stellt sie mit seiner Präsenz alle in den Schatten – und manch einem läuft es immer, wenn sein Name fällt, kalt den Rücken runter. Das ist nicht deshalb so, weil er ein besonders unangenehmer Zeitgenosse wäre und auch nicht, weil er mit seiner Spielweise die Gegner in Angst und Schrecken versetzt hätte. Mit einem Karriere-ERA von 3.34 und vier Berufungen ins All-Star-Team war John ein sehr guter, aber kein alles überragender Pitcher. Doch ihm ist gelungen, was vor ihm noch niemandem gelungen war: Nach der irreparablen Schädigung des wichtigsten Stabilisierungsbandes in seinem Wurfellenbogen – des ligamentum collaterale ulnare (englisch: ulnar collateral ligament) – pitchte er dreizehn weitere Jahre lang in der MLB. Verantwortlich dafür ist eine Operationsmethode, die an Tommy John erstmals durchgeführt wurde und die seither nach ihm benannt ist: die berühmt-berüchtigte Tommy-John-Surgery.

Tommy John begann seine MLB-Karriere 1963 im Alter von 20 Jahren in Cleveland. Elf Jahre lang trat der linkshändige Starter für die Indians, die White Sox und die Dodgers an, dann schien seine aktive Zeit beendet: Der Ellenbogen spielte nicht mehr mit und John konnte nicht an der World Series teilnehmen, die die Dodgers in diesem Jahr erreichten. Johns letzte Hoffnung bestand in einer Methode, deren Erfolgschancen der Orthopäde und Teamarzt Dr. Frank Jobe mit 1:100 bezifferte: Das beschädigte Band wird entfernt und durch ein anderes Band ersetzt. Dieses Ersatzteil wird entweder dem Körper des Patienten selbst (meist aus dem Unterarm oder dem Bein) oder als Organspende einer Leiche entnommen.

Am 25. September 1974 führte Dr. Jobe die OP an Tommy John durch. Sie verlief ohne Komplikationen, zog aber eine langwierige Reha-Phase nach sich: Die komplette Saison 1975 verbrachte John damit, seinen Körper wieder an die Belastung des Pitchens heranzuführen und dabei seine Bewegungsabläufe so zu korrigieren, dass diese Belastung minimiert wird. Eine große Unterstützung war dabei sein Teamkamerad Mike Marshall, erfolgreicher Relief-Pitcher bei den Dodgers und promovierter Kinesiologe, der bereits bei Johns Entscheidung für die OP eine wichtige Rolle gespielt hatte.

1976, mit 33 inzwischen in einem Alter, in dem viele Profisportler in Rente gehen, begann Tommy John seine zweite Karriere, die länger und erfolgreicher war als die erste: Drei der vier All-Star-Berufungen und alle drei World Series, in denen er spielte, erreichte er in der Phase nach der Operation. Bis zu seinem endgültigen Karriereende im stolzen Sportleralter von 46 Jahren verpasste Tommy John kein einziges Spiel mehr aufgrund von Ellenbogenproblemen. Die drei größten Auszeichnungen blieben ihm jedoch versagt: Bei seinen drei Teilnahmen an den World Series zwischen den Dodgers und den Yankees (1977, 1978 und 1981) stand er jeweils auf der Verliererseite, beim Cy-Young-Arward landete er zweimal (1977 und 1979) auf Platz zwei und bei seiner letzten Chance, über das Wahlverfahren in die Hall of Fame zu gelangen, brachte er es 2009 nur auf 31,7% statt der benötigten 75%.

Die Tommy-John-Surgery war eine Revolution für die Sportmedizin, wenngleich eine von der schleichenden Sorte: Nach der ersten OP führte Dr. Jobe den Eingriff zwei Jahre lang nicht mehr durch, um zunächst den Erfolg bei John abzuwarten. Nachdem dieser gesichert war, nahm die Zahl der Tommy-John-OPs beständig zu und ist heute gängige Praxis insbesondere im Baseball, aber auch für andere Sportler wie Football-Quarterbacks und Speerwerfer, bei denen die Beanspruchung des Ellenbogengelenks durch häufige Wurfbewegungen ähnlich hoch ist. Die Erfolgsaussichten, nach der Operation wieder zu voller Einsatzfähigkeit zurückzukehren, werden heutzutage auf 85 bis 90 Prozent beziffert. Was sich seit der ersten Tommy-John-OP bis heute so gut wie gar nicht geändert hat, ist die nötige Erholungszeit: Ein Jahr für Pitcher und ein halbes Jahr für Feldspieler gelten nach wie vor als Mindestmaße für eine vollständige Erholung von dem Eingriff.

Ins Reich der Mythen und Märchen wird von den meisten Experten übrigens die Annahme verwiesen, man könne nach einer Tommy-John-Surgery härter und ausdauernder werfen als vorher – die bei zahlreichen Eltern den Wunsch entstehen ließ, ihre Kinder „vorsorglich“ der Operation zu unterziehen. Dass in einigen Fällen nach der OP tatsächlich bessere Leistungen erzielt werden als vorher sah (nicht nur) ihr Erfinder Dr. Jobe darin begründet, dass die Patienten nach der OP ein größeres Augenmerk auf das Training und die angemessene Beanspruchung des Gelenkes legen als vorher.

 

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Mai 17th, 2017 by Dominik

Das Fielding ist ein wichtiger Teil des Baseballsports. Spiele werden nicht nur durch Batting und Pitching sondern auch durch die Abwehrarbeit im Feld gewonnen oder verloren, auch wenn dieser Aspekt des Spiels gegenüber den anderen oft ein wenig im Schatten der Aufmerksamkeit zu stehen scheint – gerade was die Statistiken angeht. An die Prominenz der Batting-Slashline oder des Earned Run Averages kommen die Fielding-Stats nicht heran, aber das macht sie nicht weniger interessant und ich möchte heute ein paar von ihnen vorstellen.

Putouts, Assists
Putouts und Assists sind klar definiert und sehr einfach zu zählen. Für jedes Out des schlagenden Teams wird einem Spieler des verteidigenden Teams der Putout gutgeschrieben. Ihn erhält der Spieler, der den Ball aus der Luft fängt (Flyout), mit ihm den Gegner zum Tagout berührt, die Base zum Forceout betritt oder als Catcher den dritten Strike beim Strikeout fängt. Ein Assist wird dem Spieler zugerechnet, der den Ball vor dem Putout berührt hat. Wenn also zum Beispiel der Shortstop einen Ball aufnimmt und ihn zum Forceout dem First Baseman zuwirft, dann hat der SS den Assist und der 1B den Putout. Ist kein zweiter Spieler involviert, dann ist der Putout „unassisted“. Der Pitcher erhält übrigens keinen Assist dafür, dem Catcher den dritten Strike zuzuwerfen.
Man könnte nun einfach schauen, wer die meisten Putouts und wer die meisten Assists sammelt und diese Spieler dann zu den besten Fieldern erklären. Dieses Vorgehen hinkt aber an mindestens zwei Stellen: Erstens ist die Anzahl der Putouts und Assists stark abhängig von der gespielten Position: Die meisten Putouts gehen üblicherweise auf das Konto des First Basemans, auch wenn dies sicher nicht die anspruchsvollste Defensivposition ist. Man läge somit höchstwahrscheinlich daneben, wenn man einen 1B zum besten Verteidiger des Teams erklärte, nur weil er die meisten Putouts hat. Zweitens hängt die Zahl der Putouts und Assists, die ein Spieler ansammelt, auch ganz wesentlich davon ab, wie viele Gelegenheiten dazu der Stil des jeweiligen Pitchers bietet – produziert er eher Groundballs (mehr Putouts für Infielder), Flyballs (mehr Putouts für Outfielder) oder Strikeouts (mehr Putouts für Catcher)?
Die meisten Putouts in der Saison 2016 erzielte – ebenso wie schon 2015 und 2013 – Paul Goldschmidt von den Arizona Diamondbacks mit 1.378. 2017 führt bislang Wil Myers von den San Diego Padres mit 362 die Rangliste an. Der Rekord für die meisten Putouts in einem Jahr ist schon 110 Jahre alt: Jiggs Donahue stellte ihn 1907 mit 1.846 Putouts auf. Im gleichen Jahr erreichte Jake Beckley die bis heute einzigartige Marke von 23.767 Putouts in seiner Karriere. Die beste Leistung eines noch aktiven Spielers vollbrachte Albert Pujols mit 1.597 Putouts im Jahr 2005 und mit bislang 15.626 in seiner Karriere. Alle genannten Spieler sind oder waren (natürlich) First Basemen.

Errors
Errors sind die wichtigste Defensivstatistik – jedenfalls wichtig in dem Sinne, dass sie standardmäßig in jedem Boxscore und auf jedem Scoreboard dargestellt werden. Ein Error wird einem Spieler zugerechnet, wenn er ein mit „normalem Aufwand“ (ordinary effort) erreichbares Aus verhindert – zum Beispiel, indem er den Ball fallen lässt, beim Fangen oder Aufnehmen daneben greift oder ihn so ungenau wirft, dass der Teamkamerad ihn nicht bekommen kann. Jeder Spieler möchte vermeiden, in der Error-Spalte des Boxscores aufzutauchen und viele Errors sind in der Regel ein Zeichen für schlechtes Defensivspiel. Allerdings sind auch die Errors stark von der Position abhängig: Shortstops und Second Basemen produzieren üblicherweise deutlich mehr Errors als Outfielder. Etwa weil sie schlechtere Abwehrspieler sind? Meistens ist eher das Gegenteil der Fall: Auf diese Posten stellt man gute Abwehrspieler, weil die Bälle im Infield schneller, härter und häufiger ankommen als im Outfield. Deshalb gibt es im Infield viel mehr Gelegenheiten, etwas falsch zu machen, also Errors zu sammeln.
2016 hatte Jonathan Villar von den Milwaukee Brewers die zweifelhafte Ehre, mit 29 Erros die Liste der meisten Abwehrfehler anzuführen, 2017 liegen bislang acht Spieler mit jeweils 7 gleichauf. Die meisten Errors in einer Saison unterliefen 1889 Herman Long und 1890 Billy Shindle mit jeweils 122. Long führt mit 1.096 Errors auch die Karriererangliste an. Nach aktuellen Spielern muss man in diesen Listen recht lange suchen: Auf Platz 259 findet man Adrian Beltre mit 296 Errors in seiner Karriere. In einer einzelnen Saison hatte kein aktiver Spieler je mehr als 35 Errors (welche Marcus Semien 2015 und Mark Reynolds 2008 verursachten).

Fielding Percentage
Betrachtet man die Errors nicht als absolute Zahlen sondern als Anteil erfolgreicher Plays an allen möglichen Plays, dann ist das Problem der unterschiedlichen Anzahl von Möglichkeiten weitgehend ausgeschaltet. Beispiel: Nehmen wir an, während eines Spiels werden zwölf Bälle in Richtung des Third Basemans geschlagen. Zwei davon sausen ihm so schnell um die Ohren, dass man ihm daraus keinen Vorwurf machen kann. Diese beiden fließen nicht in die Berechnung ein. Von den anderen zehn setzt er neun in ein Aus um, indem er sie entweder aus der Luft fängt oder nach Bodenkontakt aufnimmt und zur ersten Base wirft. Den zehnten könnte er locker fangen, aber weil ihn die Sonne blendet greift er daneben, muss sich nach dem Ball bücken und bis er ihn zur ersten Base werfen kann, ist der Batter/Runner dort schon angekommen. Das war ein Error und seine Fielding Percentage (FP) steht damit bei .900 (in Deutschland würden wir sagen: 90%).
Die FP ist bei angemessen großem Stichprobenumfang schon ein recht brauchbares Maß für die Fähigkeit eines Fielders, aber auch sie ist nicht ohne Probleme: Zum einen sind Errors subjektiv, denn es muss ein Mensch – der Scorer – entscheiden, welcher Ball mit „normalem Aufwand“ spielbar ist und welcher nicht. Darüber hinaus berücksichtigt die FP nicht die Reichweite eines Spielers. Das kann zu der paradoxen Situation führen, dass ein besonders guter Spieler mehr Errors und damit eine schlechtere FP hat als ein schlechterer. Denn der bessere Spieler deckt einen größeren Bereich des Feldes ab und übernimmt häufig die schwierigeren Plays im Grenzgebiet der Zuständigkeiten. Bei diesen Plays unterlaufen naturgemäß die meisten Fehler und diese Fehler werden dem guten Fielder zugerechnet, weil er im Gegensatz zum schlechten Fielder eine Chance gehabt hätte, an den Ball heranzukommen.
Auch hierzu ein paar Statistiken: 2016 hatten drei qualifizierte Spieler eine perfekte FP von 1.000: die Outfielder Curtis Granderson (Mets), Hunter Pence (Giants) und Randal Grichuk (Cardinals). Die schlechteste FP hatte 3B Yunel Escobar (Angels) mit .937. 2017 haben bislang noch zahlreiche Spieler eine FP von 1.000, ganz hinten liegt derzeit 3B Nick Castellanos (Tigers) mit .920 und Yunel Escobar ist mit .930 nicht wirklich besser geworden. Die schlechteste FP aller Zeiten hatte übrigens Joe Doyle 1872 als SS der Nationals mit .667.

Neben den bisher geschilderten „klassischen“ Fielding-Statistiken gibt es natürlich auch zu diesem Bereich des Baseballspiels fortgeschrittene Statistiken, sogenannte Sabermetrics. Über jede davon könnte man ohne Weiteres einen eigenen Artikel schreiben, aber ich stelle mal beispielhaft drei davon in aller Kürze vor:

Ultimate Zone Rating
Großer Beliebtheit erfreuen sich Statistiken, die direkt in der „Währung“ des Spiels ausgedrückt werden, also in Runs. In Runs dargestellte Defensivstatistiken sind besonders gut mit Offensivstatistiken vergleich- und kombinierbar, die auf dem gleichen Prinzip basieren, beispielsweise Runs Created oder wRAA. Eine solche Statistik ist das Ultimate Zone Rating (UZR). UZR setzt sich zusammen aus zahlreichen Komponenten des Defensivspiels, die jeweils mit einem Wert von Runs bzw. Anteilen davon versehen werden. Diese Werte werden ermittelt, indem der zu beurteilende Spielzug mit dem durchschnittlichen Ausgang ähnlicher Situationen aus der Vergangenheit verglichen wird. Nehmen wir beispielsweise an, in Richtung des Left Fielders wird ein Ball mit einer bestimmten Geschwindigkeit zu einer bestimmten Stelle geschlagen, aus dem ein durchschnittlicher Fielder in 40% der Fälle ein Aus produziert und der ansonsten üblicherweise zu 0,8 Runs für das gegnerische Teams führt. Wenn der Left Fielder das Play macht, dann hat er 0,48 Runs verhindert (die durchschnittliche Schadenshöhe 0,8 multipliziert mit der Eintrittswahrscheinlichkeit von 0,6) und sein UZR steigt entsprechend an. Die Übersetzung von Plays in Runs geschieht über lineare Gewichte. Wer sich in die Details der UZR-Berechnung einlesen will, dem sei ein sehr guter Artikel von Fangraphs ans Herz gelegt.
UZR kann Werte über oder unter Null annehmen – je nachdem, ob der betreffende Spieler seinem Team mehr oder weniger gegnerische Runs beschert als ein durchschnittlicher Fielder. Überdurchschnittliches Defensivspiel ergibt Werte über Null, die besten Fielder erreichen pro Saison üblicherweise UZR-Werte von über 15.
Der beste Fielder im Jahr 2016 laut UZR war Outfielder Adam Eaton (White Sox) mit 23,1. 2017 liegt bislang OF Odubel Herrera (Phillies) mit 7,7 vorne. Das höchste Karriere-UZR seit Beginn der Messung (2002) hat bislang Adrian Beltre mit 180,8 inne. Die beste defensive Einzelsaison spielte Alfonso Siriano 2007 für die Cubs mit einem UZR von 32.0.

Defensive Runs Saved
UZR und ein anderes verbreitetes Maß für Defensivstärke, Defensive Runs Saved (DRS), sind sich äußerlich betrachtet sehr ähnlich: Auch DRS wird in Form von Runs angegeben, auch DRS bewertet Einzelaktionen des Fielders anhand des Vergleichs mit dem Durchschnitt auf der jeweiligen Position und auch hier stehen Werte über Null für eine überdurchschnittliche Leistung und Werte unter Null für eine unterdurchschnittliche. In den Details der Berechnung weisen die beiden Statistiken ein paar Unterschiede auf. Zum Beispiel verwendet DRS für den Vergleich mit dem Durchschnitt die jeweils letzten zwölf Monate, während UZR immer auf mehreren Jahren basiert. DRS enthält zudem Anpassungen, die sogenannte Videoscouts bei einer Sichtung der Plays festlegen, indem sie Spielzüge als besonders gut oder schlecht einstufen. Diese und andere feine Unterschiede können dazu führen, dass die beiden Statistiken über manche Spieler zu gegensätzlichen Aussagen kommen. Das ist aber eher der Ausnahmefall, in den meisten Fällen kommen UZR und DRS zu sehr ähnlichen Ergebnissen und es ist letztlich Geschmackssache, welches der beiden Maße man bevorzugt. Beide liefern in jedem Fall deutlich bessere und belastbarere Aussagen als die reine Fielding Percentage. Auch zu DRS empfehle ich einen ausführlichen Artikel, der die Berechnungsmethode näher erläutert.
Die meisten DRS der MLB-Saison 2016 hatte Red-Sox-Outfielder Mookie Betts mit 32, 2017 haben bisher 3B Nolan Arenado (Rockies) und SS Addison Russell (Cubs) mit je 8 DRS die Nase vorn. Die Karriererangliste seit Beginn der Darstellung 2002 führt wie bei UZR auch hier Adrian Beltre an mit 206 DRS. Die beste Einzelsaison hatte OF Kevin Kiermaier (Rays) mit 42 DRS im Jahr 2015.

Defensive Wins Above Replacement
Das bekannteste Maß, die Qualität eines Baseballspielers vollständig in einem einzigen Wert auszudrücken, sind Wins Above Replacement (WAR), deren Grundprinzip ich hier mal erklärt habe. WAR berücksichtigt sowohl die defensiven als auch die offensiven Leistungen eines Spielers, bietet aber auch die Möglichkeit, die beiden Komponenten getrennt voneinander zu betrachten. Der defensive Teil von WAR (dWAR) basiert dabei im Wesentlichen auf den beiden gerade vorgestellen Werten. Von den beiden wichtigsten Statistikseiten verwendet Fangraphs UZR für seine Version von WAR, während Baseball Prospectus auf DRS setzt.
Die besten Feldspieler einer MLB-Saison bringen es in der Regel auf 3 bis 5 dWAR. Im Vergleich dazu landen die besten Batter eines Jahres meist bei 7 bis 10 oWAR.
Rays-OF Kevin Kiermaier führte zuletzt zwei Jahre in Folge, 2015 und 2016, mit 5,0 und 2,9 die dWAR-Rangliste der MLB an. 2017 führt bislang SS Addison Russell (Cubs) mit 1,0 dWAR. Die meisten dWAR in einer Karriere gelangen dem legendären Shortstop Ozzie Smith mit 43,4. Bester Aktiver in dieser Liste ist einmal mehr Adrian Beltre mit 27,1 dWAR. Die besten Einzelsaisons hatten mit jeweils 5,4 dWAR in zwei sehr unterschiedlichen Ären Terry Turner im Jahr 1906 und Andrelton Simmons 2013.

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Mai 9th, 2017 by Dominik

In den beiden Serien zwischen den Red Sox und den Orioles waren sie kürzlich mal wieder ganz großes Thema: die sogenannten „unwritten rules“, die ungeschriebenen Regeln im Baseball. In meinen Augen schwanken die meisten dieser Verbote, Gebote und Rituale entweder zwischen Kindergarten und Folklore oder aber es handelt sich um Selbstverständlichkeiten des menschlichen Miteinanders. Jedenfalls nehmen viele Spieler und auch einige Coaches und Manager die althergebrachten Anweisungen, das Spiel „auf die richtige Art“ zu spielen, nach wie vor sehr ernst. Ich habe mal ein bisschen recherchiert und die wichtigsten ungeschriebenen Regeln zusammengetragen. Übrigens breche ich mit diesem Artikel die ungeschriebene Regel Nummer eins: Schreibe keine ungeschriebenen Regeln auf!

Versuche nichts Besonderes in einem einseitigen Spiel
Egal ob das eigene Team deutlich führt oder deutlich zurück liegt: Es gilt als unhöflich, in solche einer Situation irgendetwas zu tun, was das Spiel unnötig in die Länge zieht, unnötigen Aufwand für eines der Teams verursacht und/oder nur dem Verschönern der eigenen Statistiken dient: das Stehlen von Bases, das Schwingen nach einem 3-0-Pitch, überraschende Bunts, durch zahlreiche Foulballs in die Länge gezogene At-Bats usw. sind zu unterlassen. Insbesondere in der MLB hat diese Regel einen gewisse Daseinsberechtigung, denn im Gegensatz zu den meisten Amateur- und Jugendligen gibt es keine Gnadenregel, nach der einseitige Spiele an einem bestimmten Punkt abgebrochen werden.

Lass deine Teamkameraden nicht schlecht aussehen
Wie die vorherige Regel ist auch diese eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Kopfschütteln, abfällige Gesten oder Bemerkungen nach einer ungeschickten Aktion eines Mitspielers sind tabu.

Schau deinem Homerun nicht hinterher, lass deinen Schläger nicht wirbeln, umrunde zügig die Bases
Diese Regel fällt für mich eher in die Kategorie albern. Tatsächlich fühlen sich einige Pitcher bloßgestellt oder verhöhnt, wenn der Batter nach einem eindeutigen Homerun nicht sofort losläuft oder die Runde um die Bases zu lange genießt. Sehr umstritten ist der sogenannte Batflip, also das Wegwerfen des Schlägers auf die Weise, dass er sich in der Luft um sich selbst dreht. Für die einen ist das ein normaler Ausdruck der Freude, für andere ein Zeichen mangelnden Respekts vor dem Gegner, wieder andere akzeptieren den Batflip, aber nur zu besonderen Anlässen oder von bestimmten Spielern. Meine Meinung: Soll doch jeder machen wie er will und der Pitcher sollte sich besser damit beschäftigen, wie er den nächsten Homerun verhindert statt mit der Flugbahn des Schlägers oder der Trabgeschwindigkeit des Batters.

Sprich nicht über einen laufenden No-Hitter
Diese Regel ist natürlich purer Aberglaube, aber es ist immer wieder beeindruckend, wie zwanghaft und konsequent sie eingehalten wird. In erster Linie gilt das natürlich für die Spieler des betreffenden Teams – oft sieht man den Pitcher im siebten oder achten Inning einsam in einer und die restlichen Spieler in der anderen Ecke des Dugouts sitzen, weil keiner den Fehler machen möchte, irgendein falsches Wort mit ihm zu wechseln und dadurch den No-Hitter zu gefährden. Aber auch die Spieler des anderen Teams, die Zuschauer im Stadion und sogar viele Reporter halten sich meist an das Schweigegebot.

Trickse nicht, um einen No-Hitter oder ein Perfect Game zu verhindern
Deutlich wirkungsvoller als durch Worte kann man einen No-Hitter beeinflussen, indem man einen Hit erzielt (oder ein Perfect Game, indem man auf Base kommt). Das kann man den echten Baseballregeln zufolge auf verschiedene Arten tun, nach den ungeschriebenen Regeln ist im Falle eines solchen Spieles aber Einiges davon verpönt: Generell sollte man den ersten Hit des Spiels nicht durch einen Bunt erzielen, insbesondere wenn man auch sonst kein regelmäßiger Bunter ist. Und bei einem möglichen Perfect Game macht man sich extrem unbeliebt, wenn man sich durch Eindrehen oder weites Vorbeugen einen unnötigen Hit by Pitch einfängt. Klar, ein No-Hitter oder gar ein Perfect Game ist etwas ganz Besonderes für einen Pitcher und das lässt er sich ungern verderben – aber wer etwas so Besonderes erreichen will, der muss meiner Ansicht nach auch willens und in der Lage sein, saubere Pitches zu werfen und seine Defense gegen einen Bunt in Stellung zu bringen.

Tritt nie auf den Mound oder zwischen Pitcher und Catcher
Generell sind Pitcher oft recht empfindliche Wesen. Gestört oder beleidigt fühlen sie sich nicht nur von unangemessener Freude nach einem Homerun oder vom Aussprechen des Wortes „No-Hitter“, sondern auch davon, dass auf dem Feld in irgendeiner Weise ihre Kreise gestört werden. Vor allem sollte niemand außer dem Pitcher, weder Freund noch Feind, den Mound betreten. Es soll aber auch niemand zwischen ihn und den Catcher treten, insbesondere nicht der Batter beim Betreten der Batters Box. Zur anderen Seite der Box muss der Batter immer hinten um den Catcher und den Umpire herum gehen, wenn er keinen Unmut auf sich ziehen möchte.

Renn immer zur ersten Base, auch bei einem Routine-Aus
Wenn man den Lauf zur ersten Base zu gemächlich angeht oder gar abbricht, weil das Groundout oder der Popout vorhersehbar sind, wird man mitunter des mangelnden Respekts gegenüber dem eigenen Team bezichtigt. Auch das finde ich eher albern, aber der Kern dieser Regel ist dennoch sinnvoll: Schließlich kann dem Gegner auch beim scheinbar einfachsten Play ein Fehler unterlaufen und es wäre ärgerlich, wenn man die Chance verpasst, diesen Fehler zum Erreichen der Base zu nutzen.

Schau dem Catcher nicht auf die Finger
Der Catcher schlägt dem Pitcher durch Handzeichen die Art und die Richtung des nächsten Pitches vor. Wenn der gegnerische Batter oder ein Runner (beispielsweise von der zweiten Base aus) versucht, die Zeichen zu sehen und zu deuten, ist das natürlich eine unfaire Aktion. Beweisen und „offiziell“ sanktionieren lässt sich so etwas schlecht. Von daher ist das mal eine ungeschriebene Regel, die ich sinnvoll finde und zu der ich auch kaum eine Alternative sehe.

Verstöße werden mit Abwerfen vergolten
Das übliche Verfahren, wenn ein gegnerischer Spieler eine ungeschriebene Regel gebrochen hat, aber auch wenn er auf andere Art (zum Beispiel durch einen ungestümen Slide) Ärger auf sich gezogen hat, besteht darin, dass er bei nächster Gelegenheit vom Pitcher abgeworfen wird; das heißt, der Pitcher wirft einen Ball absichtlich so, dass er den Batter zu treffen versucht. Ich habe für solche Art der Vergeltung nicht viel übrig, zumal man dem Gegner, den man eigentlich bestrafen möchte, damit eine Base schenkt. Aber solange der Ball in Hüft- bis Armhöhe fliegt, verursacht er zumindest im Normalfall selten mehr als einen blauen Fleck. Übrigens gilt es als wehleidig, über die schmerzende Stelle zu reiben, wenn man von einem Pitch getroffen wurde, deswegen macht das fast keiner.

Wirf niemals in Richtung Kopf
Wirklich gefährlich wird es, wenn ein Pitch in Richtung des Kopfes des Batters geworfen wird. Eigentlich ist es auch eine ungeschriebene Regel, dass man genau das auf keinen Fall tut und das ist auch sinnvoll, denn Pitches zum Kopf des Batters können trotz Helmpflicht zu schwersten Verletzungen führen. Leider gibt es wie bei fast allen ungeschriebenen Regeln verschiedene Auffassungen und Auslegungen, unter anderem diejenige, dass ein als besonders schwer empfundener Verstoß eben doch mit einem Pitch Richtung Kopf, einem sogenannten Bean Ball, zu bestrafen ist. Das ist in meinen Augen dann nicht mehr nur albern, sondern kriminell.

Abwerfen wird mit Abwerfen vergolten
Gewalt erzeugt Gegengewalt, das ist eine Binsenweisheit und doch führt diese Auge-um-Auge-Logik uns Menschen immer wieder in Kriege und andere dämliche Auseinandersetzungen. Leider ist das im Baseball nicht anders: Wirft ein Pitcher einen Batter ab und es gibt dafür keinen vom Gegner anerkannten Grund oder der Grund wird als zu nichtig empfunden, dann folgt meist eine Vergeltungsaktion auf die Vergeltungsaktion: Entweder der Pitcher selbst oder auch stellvertretend ein anderer Batter aus dessen Team wird im Gegenzug seinerseits abgeworfen. So schaukelt sich die Sache hoch und endet oft erst damit, dass die Umpires beide Seiten verwarnen und/oder einzelne Spieler des Feldes verweisen. Und weil man sich im Baseball meistens öfter sieht, setzen sich Konflikte oft über mehrere Spiele hinweg fort, manchmal sogar über Jahre.

Bleib nicht zurück, wenn deine Teamkameraden das Feld stürmen
Ein weiteres Ritual bei größeren Unstimmigkeiten besteht darin, dass beide Teams die Dugouts verlassen und das Feld stürmen. Das ist an sich nichts Schlimmes, solange es dabei nicht zu echten Schlägereien kommt, was heutzutage zum Glück selten der Fall ist. Sehr negativ wird einem aber vom eigenen Team ausgelegt, wenn man sich an dem Ritual nicht beteiligt, also im Dugout zurück bleibt. Man hat dann schnell den Ruf weg, sich nicht mit dem Team zu identifizieren und nicht zur Verteidigung seiner Kameraden bereit zu sein.

Fass Adrian Beltre nicht an den Kopf
Adrian Beltre, 3B der Texas Rangers, ist ein sehr guter und oft zu Späßen aufgelegter Spieler, der es aber auf den Tod nicht ausstehen kann, wenn ihn jemand am Kopf berührt. Tut es jemand wie sein befreundeter Teamkamerad Elvis Andrus, so geht das noch als Spaß durch; tut es ein beliebiger Gegner oder gar ein Rookie, so wird derjenige sich damit keine Freunde schaffen. Zugegeben, diese Regel passt nicht so recht in die Reihe, da sie nicht verallgemeinerbar sondern sehr speziell auf eine bestimmte Person zugeschnitten ist. Sie steht hier stellvertretend für die vielen individuellen Macken und Eigenheiten von Spielern, die man als Gegner oder auch als Mitspieler ebenfalls kennen und beachten sollte, wenn man sich in der MLB nicht unbeliebt machen möchte.

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Februar 28th, 2017 by Dominik

Heute geht es um den Knuckleball. Dieser besondere Pitch wird von den meisten Pitchern fast nie, von wenigen Spezialisten hingegen fast ausschließlich geworfen.

Im Gegensatz zu allen bisher vorgestellten Pitches, die sich im Fluge rückwärts (Fastball), vorwärts (Curveball) oder seitwärts (Slider) drehen, weist ein korrekt geworfener Knuckleball minimale bis gar keine Rotation auf. Das macht ihn zum einen recht langsam, sogar langsamer als alle anderen Pitches: Ein durchschnittlicher Knuckleball in der MLB-Saison 2016 wies eine Geschwindigkeit von 74,5 mph (120 km/h) auf; das waren 18 mph weniger als ein Fastball und immer noch gut 3 mph weniger als ein Curveball. Zum anderen setzt die Abwesenheit von Rotation den Ball einer kaum vorhersagbaren Luftströmung aus; es entsteht das, was man auf Deutsch (zum Beispiel im Fußball) als „Flatterball“ bezeichnet. Der Ball bewegt sich nicht unbedingt mehr als ein „normaler“ Pitch, aber eben in unberechenbarer Art und Richtung. Das macht ihn zu einer schwierigen Angelegenheit für alle Beteiligten: natürlich für den Batter, aber auch für den Pitcher beim Treffen der Strikezone, den Catcher beim Fangen und den Umpire bei der Beurteilung von Balls und Strikes.

Der Griff des Knuckleballs mag für den einen oder anderen etwas überraschend sein, denn anders als der Name nahelegt, wird der Ball meistens nicht mit dem Knöchel (knuckle) gehalten sondern mit den Fingerspitzen. Tatsächlich war es früher üblich, den Knuckleball tatsächlich mit den Knöcheln zu werfen, doch der Fingerspitzengriff hat sich schon lange durchgesetzt. Die häufigste Form des Knuckleballs wird mit den Spitzen von Zeige- und Mittelfinger oben auf der Naht und dem stabilisierenden Daumen von unten gegriffen (two-knuckle grip). Eine Alternative ist der three-knuckle grip, bei dem zusätzlich die Spitze des Ringfingers verwendet wird. Die Armbewegung ist vergleichbar mit der beim Werfen eines Fastballs, aber beim Release bleibt das Handgelenk oben und der Ball wird mit den Fingerspitzen nach vorne geschnippt.

Hall of Famer Hoyt Wilhelm demonstriert seinen Knuckleball-Griff1

Wie eingangs erwähnt ist der Knuckleball ein sehr seltener Pitch. Nur 0,6% aller 2016 in der MLB geworfenen Pitches waren Knuckleballs und die verteilten sich auf lediglich acht von 742 in der Saison eingesetzten Pitchern. Selbst diese Zahl ist noch eine Übertreibung, denn fünf dieser acht waren Positionsspieler, die nur einmalig als Notnagel auf den Mound stiegen. Bleiben nur drei: Karriere-Minor-Leaguer Eddie Gamboa, der für die Rays 13.1 Innings lang MLB-Luft schnuppern durfte, sowie die beiden momentan einzigen etablierten Knuckleballer der Liga, R. A. Dickey (Toronto Blue Jays, jetzt Atlanta Braves) und Steven Wright (Boston Red Sox).

Knuckleballer waren im modernen Baseball immer eine Ausnahmeerscheinung. Das liegt zum einen daran, dass der Knuckleball sehr schwer zu kontrollieren ist und es nur wenige Pitcher schaffen, ihn so sehr zu meistern, dass sie nicht ständig Walks und Hit-by-Pitches provozieren. Zum anderen benötigt ein Knuckleballer auch das richtige Umfeld, um seine Kunst zeigen und weiterentwickeln zu können – die meisten Coaches, Scouts und Catcher sind schlichtweg nicht eingestellt auf diesen Pitch, der so ganz anders ist als alle anderen. Knuckleballer, die es in die Hall of Fame geschafft haben, waren Jesse Haines, Phil Niekro sowie der oben abgebildete Hoyt Wilhelm.

Dies war der vorerst letzte Teil der Serie über Pitcharten. Wenn sie euch gefallen hat, sagt es weiter; wenn euch etwas gestört hat oder ihr etwas vermisst habt, sagt es mir. Ich für meinen Teil habe durch die Recherche eine Menge gelernt und mir ist schon bei den ersten Partien des Spring Trainings aufgefallen, dass das erweiterte Wissen über die verschiedenen Pitches meine Wahrnehmung des Spiels verändert hat.

1Quelle: Wikimedia, Urheber: unbekannt

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Februar 25th, 2017 by Dominik

Das Spring Training ist für den Baseballfan nicht nur die Zeit der Prognosen und großen Erwartungen; es ist auch die Zeit, in der man aktiv werden muss, wenn man in der bald beginnenden Saison Fantasy Baseball spielen möchte. Da ich selbst seit Jahren begeisterter Fantasy-Spieler bin und auch im Rahmen des Wunschkonzerts die Frage aufkam, gibt es von mir heute eine kleine Einführung in diesen spannenden Zeitvertreib.

Das Grundprinzip
Beim Fantasy Baseball geht es darum, erfundene Teams mit echten Statistiken gegeneinander antreten zu lassen. Das funktioniert so, dass mehrere Mitspieler (ideal sind 10-20) sich vor Saisonbeginn zu einer Liga zusammenfinden, sich jeweils einen Teamnamen aussuchen und ihre Teams mit echten Spielern der MLB bestücken. Während der Saison aktualisiert man täglich oder wöchentlich seine Aufstellung und erhält dann Punkte in Abhängigkeit von den Leistungen, die die aufgestellten Spieler in ihren echten Spielen erzielen. Habe ich zum Beispiel Mike Trout in meinem Team und er schlägt in der realen Welt einen Homerun für die Angels, dann wird dieser Homerun gleichzeitig auch meinem Team gutgeschrieben.

In den Anfängen des Fantasy-Sports bedeutete das alles viel Papierkram und Rechnerei und war deshalb auch eher ein Nischenhobby für Statistiknerds. Mit der Verbreitung des Internets entstanden zahlreiche Onlineanbieter von Fantasyspielen, die dadurch einen bis heute anhaltenden Boom erlebten.

Die Verteilung der Spieler
Damit alle ihren Spaß haben, soll die Verteilung der Spieler auf die Teams natürlich möglichst gerecht ablaufen. Die üblichsten Verfahren dafür sind eine Draft oder eine Auktion. Eine Draft läuft üblicherweise so ab, dass eine Reihenfolge der Teams ausgelost wird und in dieser Reihenfolge wählen die Teams dann Runde um Runde abwechselnd ihre Spieler aus, bis jedes Team die vorher festgelegte Spieleranzahl aufweist. Um es etwas fairer zu gestalten, wird meist der Modus einer Snake-Draft gewählt; das bedeutet, die Draftreihenfolge dreht sich in jeder Runde um – wer in Runde 1 als Erster wählt, wählt in Runde 2 als Letzter, in Runde 3 wieder als Erster usw.

Beim Auktionsverfahren gibt es in der Regel ebenfalls eine Reihenfolge, jedoch wählt das Team, das an der Reihe ist, nicht einfach einen Spieler und behält ihn; es wählt nur aus, welcher Spieler als nächstes versteigert wird. Dann können alle Teams um diesen Spieler mitbieten und das meistbietende Team bekommt ihn. Natürlich geht es dabei nicht um echtes Geld sondern um ein für alle einheitlich festgelegtes virtuelles Budget.

Für die Zeit nach der Draft oder Auktion erlauben die meisten Ligen, dass die Teams sich untereinander auf Trades in Form von Tauschgeschäften einigen. Zudem können Spieler entlassen und andere, noch nicht vergebene Spieler neu verpflichtet werden. Das kann nach dem Prinzip „wer zuerst kommt, malt zuerst“ laufen, aber auch nach gerechteren Verfahren wie einer Rangliste, die z. B. dem schlechtesten Team den ersten Zugriff sichert, oder mit einer Mini-Auktion um jeden Spieler, den mehrere Teams verpflichten wollen.

Die Wahl der Kategorien und Positionen
Zu den Modalitäten, auf die man sich vor dem Start einigen muss, gehört neben der Regelung, wie man Spieler in sein Team bekommt, auch die, wie viele und welche Spieler überhaupt auszuwählen sind. In manchen Ligen nimmt man es ganz genau und legt jede Position exakt fest, also zum Beispiel auch, dass das Outfield aus RF, CF und LF zu bestehen hat. Andere Ligen sind da etwas lockerer und verlangen nur drei OF und ermöglichen zusätzlich zu den festen Positionen noch einen flexiblen Platz, auf dem quasi als DH ein beliebiger Batter aufgestellt werden darf. Üblicherweise sind in einem Fantasy-Roster alle Positionen in irgendeiner Weise vertreten, einschließlich Starting Pitchern und Relief Pitchern. Neben den Plätzen in der Aufstellung gibt es meist noch ein paar Benchplätze, auf denen man Spieler parken kann, die an dem Tag nicht spielen oder die man nur als Reserve für den Ausfall eines besseren Spielers an Bord hat.

Ebenfalls einigen muss man sich, welche Kategorien zu bewerten sind. Der Klassiker ist das sogenannte 5×5-Scoring. Es enthält fünf Kategorien für Batter (Runs Scored, Homeruns, Runs Batted In, Stolen Bases, Average) und fünf für Pitcher (Wins, Saves, Strikeouts, Earned Run Average, Walks plus Hits Per Innings Pitched); Defensivleistungen bleiben (leider) meistens unberücksichtigt. Die zunehmende Kritik an bestimmten statistischen Kategorien, die weniger einer Individualleistung zuzurechnen sind als der des umgebenden Teams – zum Beispiel RBI oder Pitcher-Wins – führt dazu, dass sich immer mehr Ligen von dem 5×5-Standard lösen und einzelne Kategorien gegen sinnvollere tauschen – beispielsweise Slugging oder Innings Pitched.

Der Spielmodus
Wir haben Teams, wir haben Regeln für das Lineup und die zu wertenden Kategorien – jetzt müssen wir noch festlegen, wie man gewinnt. Es gibt im Wesentlichen zwei Verfahren, zwischen denen man wählen kann: Head-to-Head oder Rotisserie.

Bei einer Rotisserie- oder kurz Roto-Liga werden die gewählten statistischen Kategorien über das gesamte Jahr hinweg kumuliert. Je nachdem, welchen Rang man in den einzelnen Kategorien belegt, erhält man Punkte und die Punkte von allen Kategorien zusammen bestimmen den Tabellenrang.

Head-to-Head oder kurz: H2H bedeutet, dass die Fantasy-Liga einen Spielplan hat, der jedem Team für jede Woche ein anderes Team als Gegner zuordnet. In dem Fall erzielt man Punkte nicht im Vergleich mit der gesamten Liga sondern im Vergleich mit dem jeweiligen Gegner. Wenn ich in einer 5×5-Liga in einer Woche in sieben Kategorien besser war als der Gegner und in drei Kategorien schlechter, dann erhalte ich für diese Woche sieben Punkte und er drei. H2H-Ligen sehen zudem oft ein Playoff-System am Ende der Saison vor.

Während beim H2H immer ein gewisser Glücksfaktor mitspielt, welches Team man in welcher Woche zum Gegner hat, ist die Roto-Liga in dieser Hinsicht gerechter. Andererseits kann es beim Roto passieren, dass eine Saison schon nach ein, zwei Monaten nur noch so dahinplätschert, weil das eigene Team irgendwo in der Mitte gefangen ist und sich kaum etwas bewegt; beim H2H hat man hingegen auch in einem schlechten Jahr zumindest die Möglichkeit, hin und wieder als Underdog ein Top-Team zu ärgern, zudem bringt ein Playoff-System zusätzliche Spannung ins Spiel. Mir macht das H2H-System deshalb mehr Spaß als Roto.

Langfristig oder immer wieder neu?
Wenn man in den Fantasy-Sport einsteigt, tut man das meistens durch Teilnahme an einer Re-Draft-Liga. Das bedeutet, die Mannschaft besteht am Anfang der Saison nur aus einem Namen und während der Draft oder der Auktion stehen sämtliche Spieler der MLB zur Wahl. Das ist auf jeden Fall sinnvoll, wenn man das Spiel erst mal ausprobieren möchte, wenn die Mitspieler von Jahr zu Jahr stark wechseln oder wenn man großen Wert auf jährlich wiederhergestellte Chancengleichheit legt.

Für einen stabilen Mitspielerkreis kann es seinen Reiz haben, eine bestimmte Anzahl von Keepern festzulegen, das heißt von Spielern, die man sich aus dem eigenen Team des Vorjahres auch für das nächste Jahr sichern kann. Üblich sind in dem Fall zwei oder drei Keeper, es gibt aber auch sogenannte Dynasty-Ligen, bei denen zehn oder noch mehr Spieler über die Saison hinaus im Team bleiben. Das Interessante an solchen Ligen ist, dass man in längeren Zeiträumen denken und Strategien ähnlich wie im echten Baseball entwickeln muss – strebt man beispielsweise ein langfristig erfolgreiches Team an und ist bereit, dafür auch ein paar Prospects ein, zwei Jahre durchzuziehen? Oder setzt man alles darauf, jetzt zu gewinnen und sichert sich statt Talenten lieber solide ältere Spieler, die sofort weiterhelfen, auch wenn sie in ein, zwei Jahren wahrscheinlich deutlich an Wert verlieren oder gar die Karriere beenden?

Ein paar grundlegende Strategien
Ich bin gern bereit, ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern und meine Strategien zu teilen, allerdings hängt Vieles sehr stark von den Rahmenbedingungen der jeweiligen Liga ab. Hier ein paar Grundprinzipien, die für jede oder fast jede Liga gelten:

  • In die Draft oder Auktion sollte man stets gut vorbereitet gehen, sie ist definitiv der wichtigste Teil einer erfolgreichen Fantasy-Saison. Gute Vorbereitung bedeutet, dass man sich erstens genau über die Regeln und Abläufe der jeweiligen Liga informiert und das man zweitens ein Ranking aller infrage kommenden Spieler zur Hand hat. Das muss man natürlich nicht komplett selbst verfassen – als Grundlage bedient man sich in der Regel einer der unzähligen Listen aus dem Internet, die man dann an die eigenen Vorlieben und Einschätzungen sowie an die Schwerpunkte der Liga anpasst.
  • In den ersten Draft- oder Auktionsrunden muss die Basis für konstante Punkteproduktion gelegt werden, daher sollte man auf sichere Performer setzen. Risikospieler, die hohes Potenzial versprechen, aber z. B. bekannte Sperrungs- oder Verletzungsgeschichten mitbringen, solltet ihr Anderen überlassen oder zumindest erst in späteren Runden zugreifen, falls sie so tief fallen.
  • Rankings bieten eine wichtige Orientierung, aber ebenso wichtig ist eine gewisse Flexibilität. Manchmal ergibt sich eine Gruppendynamik (ein sogenannter „Run“), in der eine bestimmte Position viel früher abgegrast wird als man gedacht hätte. Manchmal kann es sinnvoll sein, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, aber meistens ist es erfolgversprechender zu schauen, welche Position im Gegenzug vernachlässigt wurde und dort zuzuschlagen. Im Idealfall startet ihr damit selbst einen Run und steuert so Tempo und Richtung der Draft.
  • Die Spieler, die ihr in späten Runden bzw. für wenig Geld bekommt, sind meist relativ austauschbar. Greift bevorzugt zu Spielern, die mehrere Positionen ausfüllen können, und traut euch in dieser Phase ruhig, auch Spieler mit hohem Risiko zu holen – zur Not tauscht ihr sie später auf dem Free-Agent-Markt um.
  • Achtet nicht allein auf die Statistiken der einzelnen Spieler sondern auch auf die Dichte der jeweiligen Position – es gibt zum Beispiel viel mehr gute Batting-Statistiken produzierende Outfielder als Shortstops. Das macht einen guten Shortstop wertvoller und es ist meist ratsam, das Middle Infield relativ früh anzugehen. Für die einzelnen Kategorien gilt Dasselbe wie für die Positionen: Stolen Bases beispielsweise sind seltener als Homeruns; wenn man einen Top-Performer will, der Bases stiehlt und gleichzeitig keine Katastrophe in den anderen Kategorien ist, muss man früh zugreifen.
  • Während der Saison lohnt es sich, bei der Aufstellung im Blick zu haben, wo und gegen wen die eigenen Spieler antreten. Einen sonst soliden Pitcher lasse ich vielleicht mal auf der Bank, wenn er bei einem besonders offensivstarken Gegner antreten muss. Auf der anderen Seite lasse ich einen sonst nur mittelmäßigen Batter gerne mal ran, wenn er in einem hitterfreundlichen Ballpark gegen den fünften Pitcher des Gegners antritt.
  • Wo finde ich Mitspieler?
    Wer einen großen baseball-affinen Freundeskreis hat, kann natürlich jederzeit selbst die Initiative ergreifen und eine Liga gründen. Einfacher ist es, nach einer bestehenden Liga zu suchen und sich dieser anzuschließen. Zum einen gibt es bei allen großen Fantasy-Anbietern – z. B. CBS, ESPN und Yahoo – öffentliche Ligen, denen man mit einem Klick beitreten kann. Das Problem dabei ist, dass man nicht weiß, mit wem man es in so einer Liga zu tun hat und es deshalb oft vorkommt, dass Teams wegen Lust- und Erfolglosigkeit während der Saison aufgegeben werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist geringer, wenn man sich seine Mitspieler in einem Forum sucht. In quasi jedem amerikanischen Baseballforum finden sich regelmäßig Mitglieder zu Fantasy-Ligen zusammen und freuen sich über Neulinge. Dasselbe gilt für die wenigen deutschsprachigen Foren mit Bezug zu US-Sport – auf nfl-talk.net und auf baseball-forum.de werden beispielsweise noch Mitspieler für neue oder bestehende Ligen gesucht.

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    Februar 21st, 2017 by Dominik

    Im vorletzten Teil der Serie über Pitcharten geht es um den Changeup – manchmal auch mit Bindestrich als „Change-Up“ geschrieben oder der Kürze halber nur als „Change“.

    Der Changeup sieht aus wie ein Fastball, ist aber keiner. Mit durchschnittlich 83,6 mph (134,5 km/h) in der vergangenen Saison ist der Changeup zwar schneller als ein Curveball oder ein Knuckleball, aber auch deutlich langsamer als ein Fastball und genau darauf kommt es an. Der Batter soll denken, dass er einen Fastball bekommt und bis er merkt, dass der Ball viel langsamer fliegt, ist sein Timing bereits ruiniert. „Viel langsamer“ heißt in dem Fall, dass der Ball ungefähr eine Zwanzigstelsekunde schneller auf Höhe der Homeplate ist als der erwartete Fastball – klingt wenig, ist im Ergebnis aber oft der Unterschied zwischen Homerun und Foulball.

    Der Changeup kommt fast immer im Zusammenhang mit einem oder mehreren Fastballs zum Einsatz. Eine typische Situation ist zum Beispiel, dass der Batter gerade bei einem Fastball etwas zu spät am Ball war und ihn verfehlte oder foulte. Nun nimmt er sich ganz fest vor, beim nächsten Pitch schneller zu sein. Der Pitcher ahnt das und serviert ihm einen Changeup, woraufhin der Batter viel zu früh schwingt oder die Bewegung gleich ganz abbricht.

    Entscheidend für einen erfolgreichen Changeup ist, dass die Illusion eines Fastballs möglichst lange aufrecht erhalten wird. Die Armbewegung des Pitchers und die Flugbahn des Balles sollten daher identisch zum Fastball sein. Der Pitcher sollte dabei niemanden sehen lassen, wie er den Ball greift, denn im Griff liegt der deutliche Unterschied zum Fastball. Der üblichste Griff ist der hier abgebildete mit allen fünf Fingern und relativ tief in der Hand, wodurch der Pitch automatisch langsamer wird.

    Griff eines Changeups1

    Eine Variante stellt der sogenannte Circle Changeup dar. Der Griff unterscheidet sich vom normalen Changeup dadurch, dass Daumen und Zeigefinger sich berühren und an der Seite des Balls einen Kreis formen. Dadurch bricht die Flugbahn des Pitches mehr oder weniger deutlich zur Handseite des Pitchers aus, also bei einem Rechtshänder nach rechts.

    Griff eines Circle-Changeups2

    Da der Changeup typischerweise davon lebt, als überraschende Abwechslung eingesetzt zu werden, wird dieser Pitch von den meisten Pitchern nicht allzu häufig benutzt. Kein qualifizierter MLB-Pitcher verwendete den Changeup 2016 öfter als 45%, unter den Startern war Marco Estrada mit 28,6% bereits Spitzenreiter. Insgesamt waren in dieser Saison 11,5% aller Pitches Changeups.

    Über die historische Entwicklung des Changeups kann man nicht viel sagen, jedenfalls nicht in der Art, dass sich ein Erfinder oder eine bestimmter Zeitpunkt benennen ließe. Gebräuchlich wurde der Begriff wohl ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, aber es wurden auch früher schon Pitches geworfen, die weder Fastball noch Breaking Ball waren. Man nannte solche Pitches „Slow Ball“ und es dürfte sich bei ihnen in aller Regel um das gehandelt haben, was wir heute als Changeup bezeichnen. Pitcher, die mit einem sehr guten Changeup berühmt wurden, sind beispielsweise Pedro Martinez und Trevor Hoffman.

    1Quelle: Wikimedia, Urheber: Toto-artist (CC BY-SA 3.0)
    2Quelle: Wikimedia, Urheber: Toto-artist (CC BY-SA 3.0)

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    Februar 18th, 2017 by Dominik

    Die meisten Statistiken, mit denen man sich im Baseball beschäftigt, beziehen sich auf die Vergangenheit. Über die Aussagekraft der jeweiligen Maße – seien es Pitcher-Wins, Earned Runs, Runs created oder was auch immer – kann man trefflich streiten. Aber zumindest beruhen all diese Werte auf Fakten, auf nachprüfbar erfolgten Ereignissen. Schwieriger wird es, wenn man etwas über Ereignisse wissen will, die noch nicht passiert sind. Dann braucht man Vorhersagen und wie sagt man so schön? Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen…

    Wofür braucht man überhaupt Vorhersagen?
    Vorhersagen braucht man zum Beispiel, um sich eine fundierte Meinung zu bilden, welchen Spieler man gerne mit einem langen Vertrag ausgestattet bzw. überhaupt im eigenen Team sehen möchte. Natürlich hilft da schon der Blick auf die in der Vergangenheit produzierten Zahlen; aber meistens verändern die sich von einem Jahr zum anderen und selbst wenn man davon ausgeht, dass ein Spieler seine Leistungen von einem Jahr aufs andere nahtlos fortsetzt, dann hat man damit bereits eine Vorhersage getroffen. Prognosen helfen auch ungemein beim Fantasy Baseball und anderen Spielen, in denen man auf Ergebnisse wettet.

    Vorhersagen beruhen in erster Linie auf Vergleichen: auf Vergleichen mit ähnlichen Spielern und auf Vergleichen mit der eigenen Vergangenheit. Eine gute Vorhersage sollte daher möglichst viele Informationen über die Vergangenheit des betreffenden Spielers sammeln und berücksichtigen: angefangen beim Alter über seine Leistungen im College und den Minors bis hin zu denen in der MLB, über Neigungen zu Stabilität oder Schwankung, über Verletzungsgeschichten und Vieles mehr. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ich einen .250-Karriere-Batter vor mir habe, dann kann ich daraus ableiten, dass eine einzelne .320-Saison wahrscheinlich ein statistischer Ausreißer ist und der Spieler sich im nächsten Jahr vermutlich wieder in Richtung der .250 bewegen wird. Zudem sollte die Vorhersage möglichst viele Informationen über die Karriereverläufe anderer Spieler berücksichtigen. Wenn ich weiß, dass die meisten Shortstops mit 35 Jahren nicht mehr die gleiche Leistung bringen wie mit 28, dann kann ich dies als Annahme in meine Prognose darüber einfließen lassen, in welche Richtung sich die Leistung des 30-jährigen Shortstops X in den kommenden fünf Jahren entwickeln wird.

    Welche Vorhersagesysteme gibt es?
    Für die MLB gibt es unzählige Vorhersagesysteme. Jede Statistikseite, jede Fantasy-Baseball-Engine, jeder Wettanbieter hat ein eigenes System und arbeitet ständig daran, dieses in Konkurrenz mit den anderen zu verbessern. Ich greife vier dieser Systeme aus dem Informationsdschungel heraus, um sie als Beispiele vorzustellen: PECOTA, ZiPS, Steamer und Marcel. Ich wähle diese vier, weil ich zu ihnen auf eine gute Vergleichsanalyse gestoßen bin – und auch, weil zumindest die drei erstgenannten Systeme die bekanntesten und verbreitetesten sein dürften.

    Marcel oder ausführlich: „Marcel The Monkey Forecasting System“ ist ein sehr simples, aufs Wesentliche beschränktes Vorhersagesystem, das von Tom Tango entwickelt wurde. Im Gegensatz zu den anderen hier vorgestellten Systemen liegen die verwendeten Formeln komplett offen und werden nicht weiterentwickelt. Das Ziel von Marcel ist ausdrücklich nicht, besser als andere Vorhersagen zu sein; sein Sinn besteht vielmehr darin, eine Vergleichsgröße für andere Systeme zu bieten. Nach dem Motto: Wenn das andere System irgendetwas taugt, dann muss es zumindest bessere Ergebnisse erzielen als dieses hier, welches so einfach ist, dass Marcel der Affe (aus der Fernsehserie „Friends“) es durchführen könnte.
    Marcel prognostiziert eine beliebige Statistikkategorie auf Basis der vom jeweiligen Spieler in den letzten drei Jahren erzielten Werte. Dabei werden die neueren Jahre etwas stärker gewichtet als die älteren Jahre. Als zusätzlicher Faktor wird der Ligadurchschnitt der letzten drei Jahre herangezogen unter der Annahme, dass die Leistung des betrachteten Spielers sich in Richtung dieses Durchschnitts bewegt. Der dritte Schritt ist eine Anpassung an das Alter des Spielers in der Annahme, dass die Leistungen bis zum Alter von 29 Jahren ansteigen und danach nachlassen. Da Marcel nur Werte einbezieht, die in den letzten drei Jahren in der MLB erzeugt wurden, entspricht seine Prognose für Rookies und andere Spieler, die keine MLB-Ergebnisse vorzuweisen haben, automatisch dem Ligadurchschnitt.

    PECOTA ist das Vorhersagesystem von Baseball Prospectus und wurde ursprünglich von Nate Silver entwickelt. Der Name steht für „Player Empirical Comparison and Optimization Test Algorithm“ und ist gleichzeitig eine Anspielung auf den ehemaligen Infielder Bill Pecota. PECOTA geht vom selben Ausgangspunkt aus wie Marcel, also einer Prognose aufgrund der gewichteten Leistungen aus den letzten Jahren. Das Besondere an diesem System sind die anschließenden Anpassungen, die nicht vom Ligadurchschnitt ausgehen sondern von konkreten Vergleichsspielern. Anhand von Daten wie Spielstatistiken, Alter, Körperbau und Feldposition werden aktuelle oder frühere Spieler identifiziert, die dem betrachteten Spieler ähneln. Je größer die ermittelte Ähnlichkeit, umso stärker fließt der Karriereverlauf des Vergleichsspielers in die Prognose für die Entwicklung des betrachteten Spielers ein. Das Ergebnis der Analyse sind nicht nur prognostizierte Werte für die Leistung in der kommenden Saison, sondern auch Wahrscheinlichkeitsaussagen wie „Spieler X wird mit 12% Wahrscheinlichkeit ein Breakout-Jahr haben und zu 45% eine leichte Verbesserung aufweisen“.

    ZiPS nennt sich das Vorhersagesystem von Dan Szymborski, nach dem es – in etwas eigenwilliger Weise – auch benannt ist: sZymborski Projection System. ZiPs wird (neben anderen Systemen) von Fangraphs verwendet. Ähnlich wie die beiden vorgenannten Systeme beginnt auch ZiPS mit den Leistungen des betreffenden Spielers aus den (drei bis vier) Vorjahren, gewichtet nach Aktualität. Und ähnlich wie PECOTA wird bei der Zukunftsprognose die Entwicklung vergleichbarer Spieler berücksichtigt, wobei die Ähnlichkeitskriterien deutlich weiter gefasst sind als bei PECOTA. Auf die Art entsteht ein größerer Pool von Vergleichsspielern und das Gewicht der einzelnen Vergleichsspieler fällt entsprechend geringer aus. Für Pitcher weist ZiPS die Besonderheit auf, dass es stark zwischen defense-unabhängigen und defense-abhängigen Statistiken unterscheidet; dadurch schlägt es stärker als bei anderen System auf die Prognose eines Pitchers durch, wenn dieser das Team wechselt und künftig von einer besseren oder schlechteren Defense oder einem anderen Ballpark umgeben ist.

    Steamer ist aus einem High-School-Projekt hervor gegangen und wird hauptsächlich von Fangraphs und Razzball verwendet. Seinen Namen hat es vom Baseballteam der High School, den Saint Ann’s Steamers. Steamer ist methodisch relativ nah an Marcel in dem Sinne, dass es von der Leistung in vorangegangenen Spielzeiten ausgeht und diese nach typischen Altersentwicklungen und nach angenommener Regression zum Ligadurchschnitt anpasst. Diese Anpassungen werden jedoch in ausgefeilterer Weise vorgenommen, indem zum Beispiel die Gewichtung der einzelnen Jahre sowie das Ausmaß der Regression zum Durchschnitt sich an vorhandenen Entwicklungsdaten früherer Spieler ausrichten.

    Und welche Vorhersage ist die beste?
    Die ehrlichste Antwort auf die Frage nach dem besten Vorhersagesystem ist: Kommt drauf an. Jedes der vorgestellten Systeme hat seine Eigenheiten und damit auch seine Stärken und Schwächen. Aber natürlich hat es auch einen Reiz, einfach mal eine handvoll Statistiken zu nehmen, für die jedes der vorgestellten Systeme eine Prognose erzeugt hat, und diese Prognosen nach Abschluss der Saison nebeneinander zu legen. Henry Druschel hat dies für einen Artikel auf Bexond The Box Score getan und ist zu interessanten Resultaten gekommen. Ich gebe sie hier nur in aller Kürze wieder, für tiefergehende Infos schaut einfach direkt in Druschels lesenswerten Artikel rein.

    Druschel hat die Merkmale Walk Rate (BB%), Strikeout Rate (K%), weighted On-Base-Average (wOBA), On-Base Percentage (OBP) und Slugging (SLG) ausgewählt und für alle Spieler, die in jedem der Systeme berücksichtigt wurden, die Abweichungen zwischen den von jedem einzelnen System prognostizierten Werten für 2016 und den tatsächlichen Leistungen des Jahres 2016 ermittelt. Diese Werte hat er verglichen, um zu sehen, welche Vorhersage der Wirklichkeit im Durchschnitt am nächsten kam.

    Die kompliziertesten Verfahren sind offensichtlich nicht immer die besten, denn der Realität am nächsten kam mit Steamer das einfachste der drei etablierten Systeme. PECOTA landete knapp dahinter, während ZiPS nicht nur durchweg schlechtere Ergebnisse als die beiden anderen lieferte sondern in vier von fünf Kategorien noch hinter Marcel dem Affen landete. OBP sagte Marcel sogar von allen System am besten voraus. Interessant finde ich auch die Erkenntnis, dass wenn man von allen vier Systemen den Durchschnitt bildet, dieser fast durchweg eine bessere Prognose darstellt als jedes System für sich.

    Neben der Betrachtung der Liga insgesamt hat Druschel seine Analyse auch speziell für Rookies sowie für Elite-Spieler (defniert als Top-20 in OPS in mindestens einem der Vorhersagesyteme) durchgeführt. Das überraschendste Ergebnis war für mich, dass Marcel bei den Rookies die besten Ergebnisse in den Kategorien OBP und SLG erzielt. (Zur Erinnerung: Die Methode von Marcel besteht für Rookies darin, dass schlichtweg der Ligadurchschnitt der Vorjahre angenommen wird!) Auch für die Top-Spieler stellt Marcel in diesen beiden Kategorien und zusätzlich noch in wOBA die beste Prognose dar. Während Gesamtsieger Steamer bei der Prognose für junge Spieler deutliche Schwächen zeigt, bringt ZiPS hier deutlich bessere Resultate hervor als bei der Betrachtung der Top-Spieler und der Liga insgesamt.

    Als Fazit lässt sich festhalten, dass die aufwändigen Prognosesysteme sich im Vergleich mit der nach Marcel dem Affen benannten simplen Metohode erstaunlich schwach schlagen. Dies gilt insbesondere für ZiPS. Natürlich sollte man eine solche Analyse nicht überbewerten. Zum einen ist der betrachtete Zeitraum recht kurz, selbst wenn man berücksichtigt, dass die Ergebnisse für 2016 eine ähnliche Analyse für 2015 weitgehend bestätigen. Zum anderen zeigt zum Beispiel die unterschiedliche Performance bei der Prognose für Rookies, dass keines der betrachteten Systeme durchweg besser oder schlechter ist als die anderen.

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    Februar 14th, 2017 by Dominik

    In der Serie über Pitcharten stelle ich heute einen weiteren Breaking Ball vor, den sogenannten Slider. Der Slider ist in mehrerlei Hinsicht zwischen dem Curveball und dem Cutter angesiedelt. Er wird von vielen Pitchern als sekundärer Pitch neben dem Fastball verwendet und dient häufig als Strikeout-Pitch.

    Die Flugbahn des Sliders vereinigt die beiden Hauptmerkmale des Cutters und des Curveballs: Der Ball bricht sowohl zur Handschuhseite des Pitchers als auch nach unten hin aus, also bei einem rechtshändigen Pitcher nach unten links und bei einem linkshändigen Pitcher nach unten rechts. Während der Cutter als Unterart des Fastballs während des Fluges rückwärts rotiert (Backspin) und der Curveball vorwärts (Topspin), ist die entscheidende Drehrichtung des Sliders seitwärts (Sidespin). Ein effektiver Slider bricht spät aber deutlich aus der geraden Flugbahn aus und bringt damit den Batter dazu, daneben zu schwingen oder schlecht zu treffen. Bricht der Ball zu früh aus der Bahn, kann der Batter seinen Schlagansatz anpassen bzw. den Ball passieren lassen. Bricht er hingegen zu schwach aus und kommt in der Mitte der Strikezone an, wird der Ball zur leichten Beute des Batters.

    Der Griff beim Werfen eines Sliders ist dem des Curveballs sehr ähnlich: Mittel- und Zeigefinger platzieren sich oben an einer Naht des Balles, der Daumen unten an der schräg gegenüber liegenden Naht. Der Druck sollte auf dem äußeren Drittel des Balles liegen, das heißt primär von Zeigefinger und Daumen ausgehen. Das Handgelenk wird dabei meist leicht zur Daumenseite hin gebeugt, aber nicht gedreht. Auch beim Release sollte das Handgelenk keine (seitliche) Drehung aufweisen sondern nur ein Schnappen von oben nach unten, während die Rotation des Pitches vom Druck des Zeigefingers verursacht wird.

    Griff eines Sliders1

    Auch hinsichtlich der Geschwindigkeit ordnet sich der Slider zwischen Curveball und Fastball bzw. Cutter ein. Im Durchschnitt war ein Slider in der MLB-Saison 2016 84,1 mph (135 km/h) schnell. Mit 15,2% war der Slider der am häufigsten verwendete Nicht-Fastball. Ein Großteil der MLB-Pitcher hat ihn im Repertoire, aber nur sehr wenige benutzen ihn als ihren Hauptpitch. Routinier Chris Young war 2016 der einzige Starter, der mehr Slider (50,6%) warf als andere Pitches. Unter den Relievern gab es ein paar mehr Slider-Spezialisten, zum Beispiel Sergio Romo (63,5%), Andrew Miller (60,6%) und Dellin Betances (56,6%).

    Wann und von wem der Slider erfunden wurde ist umstritten, aber der erste Pitcher, der es mit diesem Pitch oder zumindest dessen Vorläufer (man nannte ihn damals Nickel Curve) zu Erfolg und Berühmtheit brachte, war Chief Bender in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Später wurden Steve Carlton, Larry Andersen und Randy Johnson zu Namen, die man mit erfolgreichen Slidern verbindet. Heute gelten die Slider von Jake Arrieta, Noah Syndergaard und Clayton Kershaw als besonders gefürchtet – wobei es sicher kein Zufall ist, dass es sich dabei durchweg um Pitcher handelt, die auch einen berüchtigten Fastball werfen.

    1Quelle: Wikimedia, Urheber: Toto-artist (CC BY-SA 3.0)

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    Februar 10th, 2017 by Dominik

    Beim Stöbern in der Auslage eines großen Online-Buchhändlers stieß ich kürzlich auf das Buch „Baseball: Kulturgeschichte eines amerikanischen Sports“ von Claus Melchior. Ein deutschsprachiges Buch über Baseball, das sich nicht als reine Einführungsliteratur versteht sondern schon im Titel eine kulturgeschichtliche Aufarbeitung dieser wunderbaren Sportart verspricht? Das klang fast zu gut, um wahr zu sein. Doch es ist gut und es ist wahr, davon konnte ich mich inzwischen überzeugen. Aber der Reihe nach:

    Melchior steigt natürlich mit ein paar Seiten Erklärung ein, worum es beim Baseball überhaupt geht. Diese Einleitung darf von Lesern, die den Sport schon eine Weile kennen und verfolgen, getrost übersprungen werden, während sie für echte Einsteiger zu verdichtet sein dürfte, um wirklich durchzublicken. Aber sie ist vom Niveau her genau richtig für all jene, die schon eine grobe Idee vom Spiel haben und ihr Wissen etwas vertiefen oder auffrischen möchten. Insofern erfüllt dieses Kapitel wohl seinen Zweck.

    Der Hauptteil des Buches besteht in einer chronologischen Schilderung der Geschichte des Baseballs von seinen Anfängen in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Melchior arbeitet dabei gekonnt die Wechselwirkungen zwischen der Entwicklung des Sports und jenen der amerikanischen Gesellschaft heraus. Dankenswerterweise beschränkt er sich dabei nicht auf die MLB und deren Vorläufer, sondern berücksichtigt beispielsweise auch den afroamerikanischen Baseball während der Rassentrennung und die Versuche der Etablierung von Frauen-Profiligen. Nur sehr selten – und wenn dann vornehmlich bei der Behandlung der jüngeren Geschichte – verliert der Autor sich kurzzeitig im Kleinklein der Aneinanderreihung von Playoffteilnehmern und Spielergebnissen; ansonsten ist sein Stil sehr lebendig und kurzweilig.

    Nach jedem Kapitel folgt ein als Extra-Inning bezeichneter Exkurs, der quer zum sonst chronologischen Aufbau einzelne Aspekte behandelt wie zum Beispiel Baseballstatistiken oder den Einfluss des Baseballs auf Sprache, Literatur, Film und Musik. Darüber hinaus ist jedes Kapitel durchsetzt mit je eine bis drei Seiten ausfüllenden Porträts von Spielern, Stadien und Institutionen wie der Hall of Fame. Auch diese sind allesamt sehr lesenswert, wenngleich mich die Platzierung mitten in den Kapiteln nicht überzeugt, weil sie den Lesefluss hemmt. Ich lese ein Buch gern von vorne nach hinten durch, was durch die eingestreuten Porträts nicht ohne Weiteres möglich ist.

    Am Ende gibt es noch ein Kapitel über Baseball international und in Deutschland, das auf mich leider ein bisschen wirkt wie das Anhängsel, das es ist. Anders formuliert: Mein Eindruck ist, dass die Entscheidung darüber, dieses Thema mitzubehandeln oder nicht, mit einem letztlich halbherzigen Kompromiss beantwortet wurde.

    Die wenigen Schwachstellen des Buches habe ich beim Namen genannt, aber hoffentlich ist dabei deutlich geworden, dass das Jammern auf sehr hohem Niveau ist. Alles in allem ist Melchior das seltene Kunststück gelungen, ein hoch informatives Sachbuch zu einem für deutsche Verhältnisse exotischen Thema zu verfassen, das beim Lesen so fesselnd ist wie ein guter Roman. Toll, dass es so ein Buch über Baseball gibt und das nicht etwa als Übersetzung sondern als Original in deutscher Sprache. Fazit: klare Kaufempfehlung!

    „Baseball: Kulturgeschichte eines amerikanischen Sports“ ist 2014 als 256 Seiten starkes Taschenbuch im Verlag Die Werkstatt erschienen und für 14,90 Euro beim Buchhändler eures Vertrauens erhältlich.

    Transparenz-Hinweis: Das vorgestellte Buch wurde mir auf meine Anfrage hin als kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt. Diese freundliche Geste hat keine Auswirkung auf meine Beurteilung des Produkts – ihr lest wie gewohnt meine ehrliche und ungeschminkte Meinung.

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    Februar 7th, 2017 by Dominik

    Nachdem es in den ersten vier Folgen dieser Serie ausschließlich um Pitches ging, die sich mehr oder weniger dem Oberbegriff „Fastball“ unterordnen lassen, kommen nun die anderen Pitches zum Zuge und zwar als erstes der Curveball.

    Ein Curveball hält genau das, was der Name verspricht: Seine Flugbahn weist einen ausgeprägten Bogen nach unten auf; je nach Technik des jeweiligen Pitchers kann auch eine horizontale Bewegung in Richtung von dessen Handschuhseite hinzukommen. Einen Curveball, dessen Bahn ohne horizontales Element gerade von oben nach unten bricht, nennt man in Anlehnung an die Zeiger einer Uhr auch 12-6-Curveball. Dieser ist in der Regel schwerer zu schlagen als ein Curveball mit horizontaler Bewegung (der, um beim Uhrzeigervergleich zu bleiben, manchmal 11-5-Curveball oder 2-8-Curveball genannt wird).

    Im Gegensatz zum mit Backspin geworfenen Fastball weist ein Curveball typischerweise Topspin auf, das heißt der Ball dreht sich während des Fluges vorwärts statt rückwärts. Zu diesem Zweck wird er deutlich anders geworfen als alle Pitches, die ich bisher beschrieben habe: Der übliche Griff besteht darin, den Mittelfinger oben auf eine Naht des Balls zu legen, den Zeigefinger direkt daneben und den Daumen von unten auf die dem Mittelfinger schräg gegenüber liegende Naht. Beim Release vollzieht der Pitcher eine abwärts schnappende Bewegung mit dem Arm und dem Handgelenk, lässt den Ball zuerst mit dem nach oben ziehenden Daumen los und unterstützt mit dem nach unten schiebenden Zeige- oder Mittelfinger den Topspin.

    Griff eines Curveballs1

    Ein durchschnittlicher Curveball hatte in der MLB-Saison 2016 eine Geschwindigkeit von 77,9 mph (125 km/h), was ihn (abgesehen vom Spezialistenpitch Knuckleball) zum langsamsten in der MLB üblichen Pitch macht. Für den Batter bedeutet das, dass er gegenüber einem 4-Seam-Fastball eine Zehntelsekunde mehr Zeit hat, zu reagieren. Das ist eine ganze Menge und stellt einen dementsprechend hohen Anspruch an den Pitch, die zusätzlich eingeräumte Zeit durch schlechtere Vorhersagbarkeit der Flugbahn auszugleichen. Das Ziel ist, dass der Pitch stärker nach unten ausbricht als es für den Batter zunächst aussieht. Auf diese Weise sieht der Ball entweder so aus, als ob er in der Strikezone ankommt, landet aber tiefer und verführt zu einem swinging Strike; oder er sieht so aus, als käme er zu hoch, bevor er dann doch zum called Strike in die Zone fällt. Mit diesen Charakteristika eignet sich der Curveball besonders als Strikeout-Pitch.

    Den Curveball kennt man schon seit den 1870er Jahren – er wurde damals von Vielen als zwar nicht regelwidrige, aber unehrenhafte Aktion betrachtet. Diese Zeiten sind natürlich lange vorbei und heute haben die meisten MLB-Pitcher einen Curveball im Repertoire. Für fast alle von ihnen ist er ein sekundärer Pitch, der als Abwechslung zum deutlich häufiger verwendeten Fastball genutzt wird. 10,2% aller 2016 in der MLB geworfenen Pitches waren Curveballs. Die Reliever Justin Grimm, J. P. Howell und Brett Cecil sowie Starter Lance McCullers gehören zu den wenigen Ausnahmen, deren Pitchauswahl in rund 50% der Fälle auf einen Curveball fällt. Als besonders herausragend gelten unter den aktiven Pitchern die Curveballs von Dodgers-Star Clayton Kershaw und die der Youngster Aaron Nola von den Phillies und Seth Lugo von den Mets. Letzterer führt seit dem 30. August 2016 mit 3498 Umdrehungen pro Minute die Rangliste der höchsten Drehzahlen eines Curveballs an. Historische Pitcher, die für ihren Curveball gerühmt wurden, sind Bob Feller, Sandy Koufax und Dwight Gooden.

    Flugbahn eines Curveballs2

    1Quelle: Wikimedia, Urheber: Toto-artist (CC BY-SA 3.0)
    2Quelle: Wikimedia, Urheber: AtomicRED (CC BY-SA 3.0)

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