Category: Rezensionen

April 15th, 2017 by Dominik

Heute vor 70 Jahren, am 15. April 1947, endete eines der der beschämendsten Kapitel in der Geschichte der MLB. Mit dem Einsatz von Jackie Robinson zogen die Brooklyn Dodgers den Schlussstrich unter jahrzehntelange Rassentrennung im professionellen Baseball.

Jackie Robinson war nicht der erste schwarze Spieler in den Major Leagues und es gab auch nie eine schriftliche Regel, die den Einsatz farbiger Akteure verbot. Aber es gab solche Regeln ab den 1880er Jahren in den Minor Leagues und es gab Spieler und Teams, die mit Streik drohten, wenn sie gegen Mannschaften antreten sollten, die dunkelhäutige Spieler einsetzten. Nach einem einzigen Spiel von William Edward White für die Providence Grays 1979 und Einsätzen der Brüder Fleet und Weldy Walker für die Toledo Blue Stockings 1884 war die Rassentrennung im Baseball über 70 Jahre lang Fakt. Schwarze Baseballer konnten ihr Können in dieser Zeit lediglich in den in puncto Infrastruktur und Verdienstmöglichkeiten klar benachteiligten Negro Leagues zeigen.

Der Wendepunkt kam 1945 und ging vor allem auf zwei Personen zurück: zum einen auf den damaligen General Manager der Brooklyn Dodgers, Branch Rickey, zum anderen auf den MLB-Commissioner Happy Chandler. Chandler war der deutlich offener eingestellte Nachfolger des 1944 verstorbenen Kenesaw Landis, welcher früheren Integrationsbestrebungen klare Absagen erteilt hatte. Rickey ließ mit der Unterstützung seines Vereins und Chandlers schwarze Talente sichten, zunächst unter dem Vorwand, die Dodgers wollten ein neues Negro-Team gründen. Seine Absicht war aber von vornherein, die Rassenbarriere im Baseball aufzuheben. Zu diesem Zweck suchte er nach einem Spieler mit sowohl dem sportlichen Talent als auch der mentalen Stärke für die ihm zugedachte Pionierrolle.

Im Oktober 1945 machte Rickey Ernst mit seinem Vorhaben, indem er Jackie Robinson vom Negro-Team Kansas City Monarchs unter Vertrag nahm und ihn zunächst für die Montreal Royals, den Minor-League-Partner der Dodgers, einsetzte. Nach einer Saison für die Royals wurde Robinson in das MLB-Team befördert und am Opening Day 1947, jenem legendären 15. April, bestritt er sein erstes Spiel für die Brooklyn Dodgers. Vor gut 25.000 Zuschauern, mehr als die Hälfte davon schwarz, blieb Robinson zwar ohne Hit, steuerte aber einen Walk, einen Run und eine tadellose Leistung an der ersten Base zum 5:3-Erfolg gegen die Boston Braves bei.

Trotz zahlreicher Anfeindungen und Drohungen von innerhalb und außerhalb des eigenen Clubs etablierte Robinson sich in der Liga und bereitete damit den Weg dafür, dass das Zusammenspiel schwarzer und weißer Sportler bald zu einer Selbstverständlichkeit wurde. Robinson wurde 1947 zum Rookie des Jahres und 1949 zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt und erlebte trotz seines mit 28 Jahren späten Einstiegs eine zehn Jahre lange produktive Karriere in der MLB. 1962, im ersten Jahr seiner Wählbarkeit, wurde er in die Baseball Hall of Fame in Cooperstown aufgenommen. Jackie Robinson starb 1972 im Alter von 53 Jahren an einem Herzinfarkt.

Der Jahrestag von Jackie Robinsons erstem MLB-Einsatz hat sich seit 2004 ligaweit als besonderer Feier- und Gedenktag etabliert. Alle Spieler, Schiedsrichter, Coaches und Manager tragen an diesem Tag die Rückennummer 42, die ansonsten als einzige überhaupt in der gesamten Liga überhaupt nicht mehr vergeben wird.

Jackie Robinsons Geschichte wurde mehrfach aufgeschrieben und verfilmt. Der jüngste und sehr empfehlenswerte Film trägt den Titel „42“ mit Chadwick Boseman in der Hauptrolle und Harrison Ford als Branch Rickey. Obwohl sich der Film gewisse künstlerische Freiheiten in historischen Details nimmt, gibt er die Ereignisse der Jahre 1946 und 1947 sehr authentisch und sensibel wieder, was auch die bei der Produktion eingebundene Witwe von Jackie Robinson, Rachel Robinson, bezeugte.

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Februar 25th, 2017 by Dominik

Das Spring Training ist für den Baseballfan nicht nur die Zeit der Prognosen und großen Erwartungen; es ist auch die Zeit, in der man aktiv werden muss, wenn man in der bald beginnenden Saison Fantasy Baseball spielen möchte. Da ich selbst seit Jahren begeisterter Fantasy-Spieler bin und auch im Rahmen des Wunschkonzerts die Frage aufkam, gibt es von mir heute eine kleine Einführung in diesen spannenden Zeitvertreib.

Das Grundprinzip
Beim Fantasy Baseball geht es darum, erfundene Teams mit echten Statistiken gegeneinander antreten zu lassen. Das funktioniert so, dass mehrere Mitspieler (ideal sind 10-20) sich vor Saisonbeginn zu einer Liga zusammenfinden, sich jeweils einen Teamnamen aussuchen und ihre Teams mit echten Spielern der MLB bestücken. Während der Saison aktualisiert man täglich oder wöchentlich seine Aufstellung und erhält dann Punkte in Abhängigkeit von den Leistungen, die die aufgestellten Spieler in ihren echten Spielen erzielen. Habe ich zum Beispiel Mike Trout in meinem Team und er schlägt in der realen Welt einen Homerun für die Angels, dann wird dieser Homerun gleichzeitig auch meinem Team gutgeschrieben.

In den Anfängen des Fantasy-Sports bedeutete das alles viel Papierkram und Rechnerei und war deshalb auch eher ein Nischenhobby für Statistiknerds. Mit der Verbreitung des Internets entstanden zahlreiche Onlineanbieter von Fantasyspielen, die dadurch einen bis heute anhaltenden Boom erlebten.

Die Verteilung der Spieler
Damit alle ihren Spaß haben, soll die Verteilung der Spieler auf die Teams natürlich möglichst gerecht ablaufen. Die üblichsten Verfahren dafür sind eine Draft oder eine Auktion. Eine Draft läuft üblicherweise so ab, dass eine Reihenfolge der Teams ausgelost wird und in dieser Reihenfolge wählen die Teams dann Runde um Runde abwechselnd ihre Spieler aus, bis jedes Team die vorher festgelegte Spieleranzahl aufweist. Um es etwas fairer zu gestalten, wird meist der Modus einer Snake-Draft gewählt; das bedeutet, die Draftreihenfolge dreht sich in jeder Runde um – wer in Runde 1 als Erster wählt, wählt in Runde 2 als Letzter, in Runde 3 wieder als Erster usw.

Beim Auktionsverfahren gibt es in der Regel ebenfalls eine Reihenfolge, jedoch wählt das Team, das an der Reihe ist, nicht einfach einen Spieler und behält ihn; es wählt nur aus, welcher Spieler als nächstes versteigert wird. Dann können alle Teams um diesen Spieler mitbieten und das meistbietende Team bekommt ihn. Natürlich geht es dabei nicht um echtes Geld sondern um ein für alle einheitlich festgelegtes virtuelles Budget.

Für die Zeit nach der Draft oder Auktion erlauben die meisten Ligen, dass die Teams sich untereinander auf Trades in Form von Tauschgeschäften einigen. Zudem können Spieler entlassen und andere, noch nicht vergebene Spieler neu verpflichtet werden. Das kann nach dem Prinzip „wer zuerst kommt, malt zuerst“ laufen, aber auch nach gerechteren Verfahren wie einer Rangliste, die z. B. dem schlechtesten Team den ersten Zugriff sichert, oder mit einer Mini-Auktion um jeden Spieler, den mehrere Teams verpflichten wollen.

Die Wahl der Kategorien und Positionen
Zu den Modalitäten, auf die man sich vor dem Start einigen muss, gehört neben der Regelung, wie man Spieler in sein Team bekommt, auch die, wie viele und welche Spieler überhaupt auszuwählen sind. In manchen Ligen nimmt man es ganz genau und legt jede Position exakt fest, also zum Beispiel auch, dass das Outfield aus RF, CF und LF zu bestehen hat. Andere Ligen sind da etwas lockerer und verlangen nur drei OF und ermöglichen zusätzlich zu den festen Positionen noch einen flexiblen Platz, auf dem quasi als DH ein beliebiger Batter aufgestellt werden darf. Üblicherweise sind in einem Fantasy-Roster alle Positionen in irgendeiner Weise vertreten, einschließlich Starting Pitchern und Relief Pitchern. Neben den Plätzen in der Aufstellung gibt es meist noch ein paar Benchplätze, auf denen man Spieler parken kann, die an dem Tag nicht spielen oder die man nur als Reserve für den Ausfall eines besseren Spielers an Bord hat.

Ebenfalls einigen muss man sich, welche Kategorien zu bewerten sind. Der Klassiker ist das sogenannte 5×5-Scoring. Es enthält fünf Kategorien für Batter (Runs Scored, Homeruns, Runs Batted In, Stolen Bases, Average) und fünf für Pitcher (Wins, Saves, Strikeouts, Earned Run Average, Walks plus Hits Per Innings Pitched); Defensivleistungen bleiben (leider) meistens unberücksichtigt. Die zunehmende Kritik an bestimmten statistischen Kategorien, die weniger einer Individualleistung zuzurechnen sind als der des umgebenden Teams – zum Beispiel RBI oder Pitcher-Wins – führt dazu, dass sich immer mehr Ligen von dem 5×5-Standard lösen und einzelne Kategorien gegen sinnvollere tauschen – beispielsweise Slugging oder Innings Pitched.

Der Spielmodus
Wir haben Teams, wir haben Regeln für das Lineup und die zu wertenden Kategorien – jetzt müssen wir noch festlegen, wie man gewinnt. Es gibt im Wesentlichen zwei Verfahren, zwischen denen man wählen kann: Head-to-Head oder Rotisserie.

Bei einer Rotisserie- oder kurz Roto-Liga werden die gewählten statistischen Kategorien über das gesamte Jahr hinweg kumuliert. Je nachdem, welchen Rang man in den einzelnen Kategorien belegt, erhält man Punkte und die Punkte von allen Kategorien zusammen bestimmen den Tabellenrang.

Head-to-Head oder kurz: H2H bedeutet, dass die Fantasy-Liga einen Spielplan hat, der jedem Team für jede Woche ein anderes Team als Gegner zuordnet. In dem Fall erzielt man Punkte nicht im Vergleich mit der gesamten Liga sondern im Vergleich mit dem jeweiligen Gegner. Wenn ich in einer 5×5-Liga in einer Woche in sieben Kategorien besser war als der Gegner und in drei Kategorien schlechter, dann erhalte ich für diese Woche sieben Punkte und er drei. H2H-Ligen sehen zudem oft ein Playoff-System am Ende der Saison vor.

Während beim H2H immer ein gewisser Glücksfaktor mitspielt, welches Team man in welcher Woche zum Gegner hat, ist die Roto-Liga in dieser Hinsicht gerechter. Andererseits kann es beim Roto passieren, dass eine Saison schon nach ein, zwei Monaten nur noch so dahinplätschert, weil das eigene Team irgendwo in der Mitte gefangen ist und sich kaum etwas bewegt; beim H2H hat man hingegen auch in einem schlechten Jahr zumindest die Möglichkeit, hin und wieder als Underdog ein Top-Team zu ärgern, zudem bringt ein Playoff-System zusätzliche Spannung ins Spiel. Mir macht das H2H-System deshalb mehr Spaß als Roto.

Langfristig oder immer wieder neu?
Wenn man in den Fantasy-Sport einsteigt, tut man das meistens durch Teilnahme an einer Re-Draft-Liga. Das bedeutet, die Mannschaft besteht am Anfang der Saison nur aus einem Namen und während der Draft oder der Auktion stehen sämtliche Spieler der MLB zur Wahl. Das ist auf jeden Fall sinnvoll, wenn man das Spiel erst mal ausprobieren möchte, wenn die Mitspieler von Jahr zu Jahr stark wechseln oder wenn man großen Wert auf jährlich wiederhergestellte Chancengleichheit legt.

Für einen stabilen Mitspielerkreis kann es seinen Reiz haben, eine bestimmte Anzahl von Keepern festzulegen, das heißt von Spielern, die man sich aus dem eigenen Team des Vorjahres auch für das nächste Jahr sichern kann. Üblich sind in dem Fall zwei oder drei Keeper, es gibt aber auch sogenannte Dynasty-Ligen, bei denen zehn oder noch mehr Spieler über die Saison hinaus im Team bleiben. Das Interessante an solchen Ligen ist, dass man in längeren Zeiträumen denken und Strategien ähnlich wie im echten Baseball entwickeln muss – strebt man beispielsweise ein langfristig erfolgreiches Team an und ist bereit, dafür auch ein paar Prospects ein, zwei Jahre durchzuziehen? Oder setzt man alles darauf, jetzt zu gewinnen und sichert sich statt Talenten lieber solide ältere Spieler, die sofort weiterhelfen, auch wenn sie in ein, zwei Jahren wahrscheinlich deutlich an Wert verlieren oder gar die Karriere beenden?

Ein paar grundlegende Strategien
Ich bin gern bereit, ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern und meine Strategien zu teilen, allerdings hängt Vieles sehr stark von den Rahmenbedingungen der jeweiligen Liga ab. Hier ein paar Grundprinzipien, die für jede oder fast jede Liga gelten:

  • In die Draft oder Auktion sollte man stets gut vorbereitet gehen, sie ist definitiv der wichtigste Teil einer erfolgreichen Fantasy-Saison. Gute Vorbereitung bedeutet, dass man sich erstens genau über die Regeln und Abläufe der jeweiligen Liga informiert und das man zweitens ein Ranking aller infrage kommenden Spieler zur Hand hat. Das muss man natürlich nicht komplett selbst verfassen – als Grundlage bedient man sich in der Regel einer der unzähligen Listen aus dem Internet, die man dann an die eigenen Vorlieben und Einschätzungen sowie an die Schwerpunkte der Liga anpasst.
  • In den ersten Draft- oder Auktionsrunden muss die Basis für konstante Punkteproduktion gelegt werden, daher sollte man auf sichere Performer setzen. Risikospieler, die hohes Potenzial versprechen, aber z. B. bekannte Sperrungs- oder Verletzungsgeschichten mitbringen, solltet ihr Anderen überlassen oder zumindest erst in späteren Runden zugreifen, falls sie so tief fallen.
  • Rankings bieten eine wichtige Orientierung, aber ebenso wichtig ist eine gewisse Flexibilität. Manchmal ergibt sich eine Gruppendynamik (ein sogenannter „Run“), in der eine bestimmte Position viel früher abgegrast wird als man gedacht hätte. Manchmal kann es sinnvoll sein, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, aber meistens ist es erfolgversprechender zu schauen, welche Position im Gegenzug vernachlässigt wurde und dort zuzuschlagen. Im Idealfall startet ihr damit selbst einen Run und steuert so Tempo und Richtung der Draft.
  • Die Spieler, die ihr in späten Runden bzw. für wenig Geld bekommt, sind meist relativ austauschbar. Greift bevorzugt zu Spielern, die mehrere Positionen ausfüllen können, und traut euch in dieser Phase ruhig, auch Spieler mit hohem Risiko zu holen – zur Not tauscht ihr sie später auf dem Free-Agent-Markt um.
  • Achtet nicht allein auf die Statistiken der einzelnen Spieler sondern auch auf die Dichte der jeweiligen Position – es gibt zum Beispiel viel mehr gute Batting-Statistiken produzierende Outfielder als Shortstops. Das macht einen guten Shortstop wertvoller und es ist meist ratsam, das Middle Infield relativ früh anzugehen. Für die einzelnen Kategorien gilt Dasselbe wie für die Positionen: Stolen Bases beispielsweise sind seltener als Homeruns; wenn man einen Top-Performer will, der Bases stiehlt und gleichzeitig keine Katastrophe in den anderen Kategorien ist, muss man früh zugreifen.
  • Während der Saison lohnt es sich, bei der Aufstellung im Blick zu haben, wo und gegen wen die eigenen Spieler antreten. Einen sonst soliden Pitcher lasse ich vielleicht mal auf der Bank, wenn er bei einem besonders offensivstarken Gegner antreten muss. Auf der anderen Seite lasse ich einen sonst nur mittelmäßigen Batter gerne mal ran, wenn er in einem hitterfreundlichen Ballpark gegen den fünften Pitcher des Gegners antritt.
  • Wo finde ich Mitspieler?
    Wer einen großen baseball-affinen Freundeskreis hat, kann natürlich jederzeit selbst die Initiative ergreifen und eine Liga gründen. Einfacher ist es, nach einer bestehenden Liga zu suchen und sich dieser anzuschließen. Zum einen gibt es bei allen großen Fantasy-Anbietern – z. B. CBS, ESPN und Yahoo – öffentliche Ligen, denen man mit einem Klick beitreten kann. Das Problem dabei ist, dass man nicht weiß, mit wem man es in so einer Liga zu tun hat und es deshalb oft vorkommt, dass Teams wegen Lust- und Erfolglosigkeit während der Saison aufgegeben werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist geringer, wenn man sich seine Mitspieler in einem Forum sucht. In quasi jedem amerikanischen Baseballforum finden sich regelmäßig Mitglieder zu Fantasy-Ligen zusammen und freuen sich über Neulinge. Dasselbe gilt für die wenigen deutschsprachigen Foren mit Bezug zu US-Sport – auf nfl-talk.net und auf baseball-forum.de werden beispielsweise noch Mitspieler für neue oder bestehende Ligen gesucht.

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    Februar 10th, 2017 by Dominik

    Beim Stöbern in der Auslage eines großen Online-Buchhändlers stieß ich kürzlich auf das Buch „Baseball: Kulturgeschichte eines amerikanischen Sports“ von Claus Melchior. Ein deutschsprachiges Buch über Baseball, das sich nicht als reine Einführungsliteratur versteht sondern schon im Titel eine kulturgeschichtliche Aufarbeitung dieser wunderbaren Sportart verspricht? Das klang fast zu gut, um wahr zu sein. Doch es ist gut und es ist wahr, davon konnte ich mich inzwischen überzeugen. Aber der Reihe nach:

    Melchior steigt natürlich mit ein paar Seiten Erklärung ein, worum es beim Baseball überhaupt geht. Diese Einleitung darf von Lesern, die den Sport schon eine Weile kennen und verfolgen, getrost übersprungen werden, während sie für echte Einsteiger zu verdichtet sein dürfte, um wirklich durchzublicken. Aber sie ist vom Niveau her genau richtig für all jene, die schon eine grobe Idee vom Spiel haben und ihr Wissen etwas vertiefen oder auffrischen möchten. Insofern erfüllt dieses Kapitel wohl seinen Zweck.

    Der Hauptteil des Buches besteht in einer chronologischen Schilderung der Geschichte des Baseballs von seinen Anfängen in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Melchior arbeitet dabei gekonnt die Wechselwirkungen zwischen der Entwicklung des Sports und jenen der amerikanischen Gesellschaft heraus. Dankenswerterweise beschränkt er sich dabei nicht auf die MLB und deren Vorläufer, sondern berücksichtigt beispielsweise auch den afroamerikanischen Baseball während der Rassentrennung und die Versuche der Etablierung von Frauen-Profiligen. Nur sehr selten – und wenn dann vornehmlich bei der Behandlung der jüngeren Geschichte – verliert der Autor sich kurzzeitig im Kleinklein der Aneinanderreihung von Playoffteilnehmern und Spielergebnissen; ansonsten ist sein Stil sehr lebendig und kurzweilig.

    Nach jedem Kapitel folgt ein als Extra-Inning bezeichneter Exkurs, der quer zum sonst chronologischen Aufbau einzelne Aspekte behandelt wie zum Beispiel Baseballstatistiken oder den Einfluss des Baseballs auf Sprache, Literatur, Film und Musik. Darüber hinaus ist jedes Kapitel durchsetzt mit je eine bis drei Seiten ausfüllenden Porträts von Spielern, Stadien und Institutionen wie der Hall of Fame. Auch diese sind allesamt sehr lesenswert, wenngleich mich die Platzierung mitten in den Kapiteln nicht überzeugt, weil sie den Lesefluss hemmt. Ich lese ein Buch gern von vorne nach hinten durch, was durch die eingestreuten Porträts nicht ohne Weiteres möglich ist.

    Am Ende gibt es noch ein Kapitel über Baseball international und in Deutschland, das auf mich leider ein bisschen wirkt wie das Anhängsel, das es ist. Anders formuliert: Mein Eindruck ist, dass die Entscheidung darüber, dieses Thema mitzubehandeln oder nicht, mit einem letztlich halbherzigen Kompromiss beantwortet wurde.

    Die wenigen Schwachstellen des Buches habe ich beim Namen genannt, aber hoffentlich ist dabei deutlich geworden, dass das Jammern auf sehr hohem Niveau ist. Alles in allem ist Melchior das seltene Kunststück gelungen, ein hoch informatives Sachbuch zu einem für deutsche Verhältnisse exotischen Thema zu verfassen, das beim Lesen so fesselnd ist wie ein guter Roman. Toll, dass es so ein Buch über Baseball gibt und das nicht etwa als Übersetzung sondern als Original in deutscher Sprache. Fazit: klare Kaufempfehlung!

    „Baseball: Kulturgeschichte eines amerikanischen Sports“ ist 2014 als 256 Seiten starkes Taschenbuch im Verlag Die Werkstatt erschienen und für 14,90 Euro beim Buchhändler eures Vertrauens erhältlich.

    Transparenz-Hinweis: Das vorgestellte Buch wurde mir auf meine Anfrage hin als kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt. Diese freundliche Geste hat keine Auswirkung auf meine Beurteilung des Produkts – ihr lest wie gewohnt meine ehrliche und ungeschminkte Meinung.

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    Dezember 18th, 2016 by Dominik

    Die Offseason ist noch lang und wer mit dem letzten Buchtipp schon durch ist oder noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, dem lege ich „Die Kunst des Feldspiels“ (Original: „The Art of Fielding“) ans Herz.

    Es geht in Chad Harbachs Debütroman um Baseball, das legen schon der Name sowie die Behandlung in diesem Blog nahe, aber es geht noch um so viel mehr. Es geht um das Erwachsenwerden, um Freundschaft und Liebe, um Sehnsüchte, Leidenschaften, Verluste und neue Ziele, kurz gesagt: um das Leben an sich, für das der Sport als Metapher herhält.

    Die Hauptperson des Romans ist Henry Skrimshander, ein eher schmächtiger Teenager vom Lande, in dem ein riesiges Talent schlummert – eben die Kunst des Feldspiels. Als Shortstop der fiktiven Westish College Harpooners schickt er sich an, in die Fußstapfen seines großen Vorbilds, des ebenfalls fiktiven MLB-Stars und Buchautors Aparicio Rodriguez, zu treten. Gemeinsam mit seinem Freund und Mentor Mike Schwartz arbeitet Henry hart an sich, um neben seinem in die Wiege gelegten Ausnahmetalent für das Defensivspiel auch die körperlichen Voraussetzungen und Instinkte zu entwickeln, um als Batter zu überzeugen. Dank Henry sind die Harpooners so erfolgreich wie nie zuvor und er selbst gerät schnell ins Blickfeld der MLB-Scouts. Henry gewinnt die Anerkennung des Collegedirektors Guert Affenlight und findet in seinem schwulen Mitbewohner Owen Dunne einen Freund fürs Leben.

    Natürlich kann die Geschichte nicht so idyllisch weitergehen, ein Bruch muss kommen. Er kommt in Form von Henrys tragischem erstem Fehlwurf direkt ins Gesicht seines Freundes Owen. Henry verliert durch dieses Erlebnis das Vertrauen in seinen bis dato unfehlbaren Wurfarm, die Scouts wenden sich von ihm ab und die von der Situation ohnehin belastete Freundschaft zu seinem Mentor Mike wird zusätzlich erschüttert, als eine Frau zwischen die beiden tritt. Bei Letzterer handelt es sich ausgerechnet um die Tochter von Direktor Affenlight, der seinerseits in völlig unerwarteter Art und Weise seine große Liebe findet.

    Harbach erzählt seine Geschichte in einem gleichermaßen mitreißenden wie feinsinnigen, sowohl gefühl- als auch humorvollen Stil, gespickt von Anspielungen auf literarische Vorbilder wie Hermann Melville. Selten hat ein 600 Seiten langes Buch in mir so sehr den Wunsch geweckt, es möge immer weiter und weiter gehen und nicht aufhören. Ich bin mir keinerlei Übertreibung bewusst, wenn ich diesen Roman als Geniestreich bezeichne. Jeder, der sich für Baseball und gute Literatur interessiert, sollte ihn gelesen haben. Jeder andere auch.

    „Die Kunst des Feldspiels“ ist 2012 als sehr ordentliche Übersetzung von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maas im Verlag Dumont erschienen, als gebundene Ausgabe für 22,99 Euro und als Taschenbuch für 9,99 Euro.

    Der Transparenz halber: Ich habe das hier vorgestellte Buch selbst gekauft und für die Rezension keinerlei Vergütung oder Vergünstigung erhalten.

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    Dezember 3rd, 2016 by Dominik

    Es ist Dezember und damit höchste Zeit zu überlegen, welche Kalender man sich für nächstes Jahr an die Wand hängen möchte. Beim Calvendo-Verlag bin ich auf zwei recht ansehnliche Exemplare mit Baseballmotiven gestoßen, die ich kurz vorstellen möchte.

    Der Kalender „Ich liebe Baseball 2017“ wartet mit Fotos von Peter Roder auf, die in Wasserfarben-Technik bearbeitet wurden. Die Ergebnisse dieser Bearbeitung können sich sehen lassen, die Ästhetik und die Dynamik dieses wunderbaren Sports werden durch das kräftige Farbenspiel wirkungsvoll unterstrichen. Ein bisschen schade finde ich, dass es sich bei den Motiven durchweg um namenlose Spieler aus namenlosen Mannschaften handelt. So kann der Kalender zwar für sich in Anspruch nehmen, den Baseballsport an sich zu zelebrieren, ohne sich bestimmten Ligen oder Teams zu verhaften (und muss sich nicht lizenzrechtlich mit der MLB auseinandersetzen), aber mir persönlich hätte es besser gefallen, wenn die Szenen einen gewissen Wiedererkennungswert hätten.

    Künstlerisch weniger verspielt ist der Kalender „Kultsport Baseball 2017“ mit Fotos von Renate Bleicher. Er besteht aus 12 „normalen“ Fotos aus Collegespielen. Die meisten davon sind ebenfalls sehr schön und ästhetisch, in meinen Augen aber ohne das gewisse Etwas, das sie vom Gewöhnlichen abhebt. Und was die Künstlerin mir damit sagen will, dass den beiden Spielern des Dezemberbilds zwei Drittel des Kopfes abgeschnitten wurden, erschließt sich mir als Laie leider nicht.

    Im direkten Vergleich gefällt mir der zweite Kalender nicht so gut wie der erste, aber beide werden bei mir ihren Platz an der Wand finden und mich durch das Jahr begleiten. Einen Kritikpunkt an beiden Kalendern muss ich allerdings noch anbringen: Das Kalendarium könnte und müsste für meinen Geschmack aussagekräftiger sein. Dieses beschränkt sich auf eine schmale Leiste am unteren Rand des Kalenderblattes mit den Nummern und Kurznamen der Tage. Samstage und Sonntage sind farbig hervorgehoben, die bundesweiten Feiertage größtenteils auch, aber leider nicht alle und außerdem ohne jede Information, um welchen Feiertag es sich handelt. Auch Wochennummern oder einen Ferienkalender sucht man vergeblich.

    Beide Kalender sind über den Online- und stationären Buchhandel in verschiedenen Formaten erhältlich, zum Beispiel in DIN A3 zum Preis von 29,90 Euro und in DIN A4 für 19,90 Euro.

    Transparenz-Hinweis: Die beiden hier vorgestellten Kalender wurden mir als kostenlose Rezensionsexemplare vom Verlag zur Verfügung gestellt. Diese freundliche Geste hat keine Auswirkung auf meine Beurteilung der Produkte – ihr lest hier wie gewohnt meine ehrliche und ungeschminkte Meinung.

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    November 27th, 2016 by Dominik

    Das Buch, das ich heute vorstellen und für die Überbrückung der Offseason empfehlen möchte, ist nicht neu und es ist auch nicht unbedingt ein Höhepunkt der Weltliteratur. Dennoch hat der 2012 erschienene Roman „Home Run“ (Original: „Calico Joe“) von John Grisham bei mir persönlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er war es nämlich, der mich damals dazu anregte, mich erstmals intensiv mit diesem wunderbaren Sport zu beschäftigen – wohin das führte, ist den Lesern dieses Blogs mehr oder weniger bekannt.

    John Grisham ist wohl jedem, der hin und wieder ein Buch in die Hand nimmt, ein Begriff. „Home Run“ dürfte allerdings eines seiner zumindest in Deutschland weniger bekannten Werke sein – zum einen, weil es sich nicht um einen der Justizthriller handelt, für die Grisham in erster Linie berühmt ist, zum anderen weil es ein gewisses Grundverständnis von Baseball und dessen Begrifflichkeiten voraussetzt. Bei mir war dieses Verständnis damals nur in Ansätzen vorhanden, aber zum Glück motivierte die Geschichte mich dazu, mich tiefer und tiefer in diese Sportart einzuarbeiten.

    Grishams Ich-Erzähler ist Paul Tracey, der Sohn des jähzornigen, von sich selbst eingenommenen MLB-Pitchers Warren Tracey. Paul schildert seine Erinnerungen an Ereignisse im Jahr 1973, in dem sein Vater im Herbst seiner eher unspektakuären Karriere für die New York Mets spielt. Gleichzeitig sorgt bei den Chicago Cubs der ebenfalls fiktive Rookie-First-Baseman Joe Castle für Furore. Castle bricht in seinen ersten Spielen einen Rekord nach dem anderen und wird zu Pauls Lieblingsspieler. Als Warren Tracey und Joe Castle aufeinander treffen, kommt es vor Pauls Augen zu einem tragischen Ereignis, das das Leben aller drei Personen nachhaltig verändert. Jahrzehnte später, sein Vater liegt mittlerweile im Sterben, begibt Paul Tracey sich auf eine Reise, um das prägende Erlebnis aus seiner Kindheit zu verarbeiten, nach Vergebung und Versöhnung zu suchen.

    Grisham erzählt gewohnt flüssig und mitreißend und die knapp 300 Seiten vergehen wie im Flug. Wenn man unbedingt noch etwas Kritisches finden will, dann kann man sich über die etwas holzschnittartigen Charaktere von Warren Tracey und Joe Castle auslassen, die jeweils recht einseitig alles Böse und alles Gute der Baseballwelt verkörpern. Auch ist der Plot vom zerrütteten Vater-Sohn-Verhältnis und dessen später Aufarbeitung nicht allzu originell. Aber die Einbettung in das Baseballthema und die dichte Erzählatmosphäre lassen darüber schnell hinwegsehen und machen den Roman zu einem wahren Lesevergnügen.

    „Home Run“ ist auf Deutsch (Übersetzung: Bea Reiter) im Heyne-Verlag erschienen, als gebundene Ausgabe für 17,99 Euro und als Taschenbuch für 8,99 Euro. Ich selbst habe es als Hörbuch gehört und kann die von Charles Brauer vorgelesene Fassung sehr empfehlen.

    Der Transparenz halber: Ich habe das hier vorgestellte Buch bzw. Hörbuch selbst gekauft und für die Rezension keinerlei Vergütung oder Vergünstigung erhalten.

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    August 20th, 2016 by Dominik

    Um gleich mal mit der Tür ins Haus zu fallen: Mich hat es ernsthaft überrascht, wie klein der Heimvorteil im Baseball im Vergleich mit den meisten anderen Sportarten ist. Ich habe zu dem Thema einen kleinen Vergleich durchgeführt und stelle die Frage nach möglichen Gründen.

    Meine naive Erwartung war eigentlich, dass der Heimvorteil im Baseball größer sein müsste als in anderen Sportarten. Dafür spricht mindestens zweierlei: erstens dass bei den Ballparks weder die Ausmaße noch die Form des Feldes (genauer gesagt des Outfields) exakt festgelegt sind. Nicht umsonst spricht man bei der Beschäftigung mit Baseball-Statistiken von Ballpark-Effekten, also der Eigenschaft eines Stadions, bestimmte Spielertypen – z. B. Hitter oder Pitcher, Linkshänder oder Rechtshänder – zu bevorteilen. Man sollte meinen, dass das zu einem deutlichen Heimvorteil führt, weil die Vereine ihre Teams natürlich so zusammenstellen, dass deren Stärken möglichst perfekt auf den Ballpark abgestimmt sind, in dem sie die Hälfte ihrer Spiele absolvieren, und weil die Spieler die eigene Spielweise an dem Park ausrichten, in dem ihnen jede Ecke und jede Kurve in Fleisch und Blut übergegangen ist. Zweitens spricht für den Heimvorteil, dass sogar die Regeln des Spiels ausdrücklich die Heimmannschaft bevorzugen. Diese darf immer als zweites schlagen und hat somit als einzige die Chance auf einen Walk-Off-Sieg; sie muss sich nie darum sorgen, eine im neunten oder späteren Inning erzielte Führung noch zu verspielen, während sie ihrerseits bei jedem späten Rückstand noch die Chance erhält, zurückzuschlagen. Bei Interleague-Spielen kommt noch hinzu, dass diese nach den Regeln (mit oder ohne Designated Hitter) der Liga des Heimteams ausgetragen werden.

    So schön kann man erklären, warum der Heimvorteil im Baseball besonders groß ist. Das einzige Problem dabei ist, dass das nicht der Realität entspricht. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, den Anteil von Heimsiegen in mehreren Sportarten und Ligen auszuwerten. Um auch in Sportarten mit wenigen Spielen auf brauchbare Fallzahlen zu kommen, beziehen sich alle Daten auf einen Fünf-Jahres-Zeitraum (2011-2015 bzw. 2011/12-2015/16), Unentschieden wurden aus der Betrachtung ausgeschlossen.

    Liga Heimsiege
    Major League Baseball 53,32%
    National Hockey League 54,49%
    Nippon Professional League 54,52%
    Baseball-Bundesliga 55,06%
    National Football League 56,93%
    National Basketball Association 58,84%
    Fußball-Bundesliga 60,03%
    Major League Soccer 67,54%

    Ich war wie gesagt überrascht, als ich diese Ergebnisse gesehen habe. Die betrachteten Baseball-Ligen belegen drei der vordersten vier Plätze, während beim Football, Basketball und ganz besonders beim Fußball der Heimvorteil eine größere Rolle spielt. Wie kommt das? Ein möglicher Faktor könnte die von den Fans übertragene Stimmung sein. Es ist kein Geheimnis, dass beim Fußball im Allgemeinen mehr und lauter angefeuert wird als beim Baseball; auch beim Basketball ist davon auszugehen, dass sich aufgrund des kleineren Feldes und der geschlossenen Hallen die Atmosphäre leichter auf die Spieler überträgt als in den weitläufigen Baseballparks. Vielleicht spielen auch die Reisestrapazen eine Rolle. Beim Fußball trifft man sich zu einzelnen Spielen, auf welche sich die Heimmannschaft eine Woche lang zu Hause vorbereitet, während das Auswärtsteam am Spieltag oder einen Tag davor anreist. Beim Baseball hingegen spielt man mehrtägige Serien und oft kommt die Heimmannschaft selbst erst einen Tag vorher zurück in die Stadt. Die Unterschiede könnten ein Stückweit auch am Wetter liegen, denn während Baseball weitgehend in der Jahreszeit stattfindet, in der es überall warm ist, gibt es beim Football und beim Fußball (vor allem in Amerika) Mannschaften, die zu Hause häufiger mit frostigen Temperaturen zu tun haben und das im Gegensatz zu manchen ihrer Gegner gewohnt sind.

    Was ich aufgezählt habe, sind nichts als ungeprüfte Ideen, aber ich habe natürlich auch nach wissenschaftlichen/statistischen Untersuchungen zu dem Thema gesucht. Gefunden habe ich nicht allzu viel, aber immerhin das sehr interessante Buch „Scorecasting – The Hidden Influences Behind How Sports Are Played and Games Are Won“ (hier eine Leseprobe). Die Autoren Tobias J. Moskowitz und L. John Wertheim gehen darin unter anderem der Frage nach, wie der in allen Sportarten zu beobachtende Heimvorteil zustande kommt. Ihre mit reichlich Zahlen und Erklärungen untermauerte Antwort ist eine Aussage, der kaum ein Sportfan widersprechen wird: Die Schiedsrichter sind schuld!

    Tatsächlich zeigen mehrere in dem Buch zitierte Untersuchungen, dass die Offiziellen dazu neigen, die Heimmannschaften zu bevorzugen: Strafen werden häufiger zum Vorteil des Heimteams ausgesprochen, Nachspielzeiten im Fußball sind deutlicher länger bei knappem Rückstand des Heimteams als bei knapper Führung, im Baseball wird deutlich seltener auf called Strike und entsprechend häufiger auf Ball für die heimischen Batter entschieden. Zu allem Überfluss treten diese Eigenheiten umso stärker zu Tage, je knapper und somit wichtiger die konkreten Spielsituationen sind. Moskowitz und Wertheim betonten, dass nicht von bewussten Ungleichbehandlungen durch die Schiedsrichter auszugehen ist, sondern eher von unbewussten gedanklichen Mechanismen, die Emotion des Heimpublikums aufzunehmen, den Stress unliebsamer Entscheidungen zu vermeiden und somit im Zweifelsfall für die Heimmannschaft zu urteilen.

    Im Zusammenhang damit, dass das Publikum beim Fußball in der Regel lauter und emotionaler ist als beim Baseball und dass der Einfluss von Schiedsrichterentscheidungen auf den Spielausgang im Fußball möglicherweise ebenfalls größer ist, scheinen mir die Erkenntnisse von Moskowitz und Wertheim einen brauchbaren Erklärungsansatz für die beobachteten Unterschiede beim Heimvorteil zu liefern. Als abgeschlossen würde ich den Fall deswegen aber nicht betrachten, dazu sind für mich noch zu viele Fragen offen. Beispielsweise fügt sich der ermittelte Wert für Eishockey meiner Ansicht nach nicht so richtig in das Bild ein, denn diesen Sport hätte ich in Sachen Emotionen und Schiedsrichtereinfluss eher in der Nähe von Basketball oder Fußball gesehen als in der von Baseball. Warum der Heimvorteil in der MLS noch deutlich größer ist als in der Fußball-Bundesliga, scheint mir ebenfalls klärungsbedürftig. Ich schließe daher mit dem klassischen Satz: Further research is needed.

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