Category: Spiele

Dezember 9th, 2017 by Dominik

Die beiden spannendsten Fragen der Offseason sind geklärt. Trotzdem erlaube ich mir, die Herren Shohei Ohtani und Giancarlo Stanton bis zum Grand Slam am Donnerstag auf meinen Senf warten zu lassen und erst einmal das Versprechen einzulösen, das ich im Artikel über „What About Baseball“ gegeben habe: Rechtzeitig vor Weihnachten stelle ich heute ein weiteres Baseball-Brettspiel vor – und nicht nur irgendeines, sondern meinen bisherigen Favoriten. „Bottom of the 9th“ heißt das gute Stück aus der kleinen, aber feinen Spieleschmiede „Dice Hate Me Games“.

Die Schachtel von „Bottom of the 9th“ macht auf den ersten Blick einen recht mickrigen Eindruck, sie hat eher die Größe eines Reisespiels. Aber das täuscht, denn an Inhalt wird einiges geboten: neben dem Spielfeld drei Batter- und diverse Markierungssteine, allesamt aus Holz, drei Würfel und ein Stapel Karten mit sehr unterschiedlichen Inhalten und Bestimmungen.

So hochwertig die Materialien sind, so durchdacht ist auch das Spielprinzip. Das übliche Szenario eines Duells zwischen zwei Spielern ist ein Unentschieden im unteren neunten Inning, das dem Spiel auch seinen Namen gegeben hat. Ein Spieler pitcht, der andere Spieler schlägt und die spielentscheidende Frage ist, ob das Team am Schlag einen Run und damit den Walk-off erzielen kann. Daneben gibt es noch eine Reihe von Karten mit weiteren Szenarien, die insbesondere – aber nicht nur – für die Einzelspielervariante gedacht sind. Natürlich kann man auch eine Partie über volle neun Innings spielen, was allerdings nicht empfohlen wird, weil es sich doch ziemlich zieht.

Gepitcht und geschlagen wird auch bei diesem Spiel durch Würfeln, doch am Beginn jedes At Bats steht erstmal der Staredown zwischen Pitcher und Batter: Dieser besteht darin, dass der pitchende Spieler verdeckt die Richtung seines Pitches (high/low und inside/outside) festlegt und der schlagende Spieler versucht, diese ebenfalls verdeckt vorherzusagen. Je nachdem, wie gut ihm dies gelingt, hat in der anschließenden Würfelrunde einer der Spieler einen Vorteil, indem er zum Beispiel ein zweites Mal würfeln oder das Würfelergebnis um +/-1 verändern darf. Gewürfelt wird immer zuerst vom Pitcher mit zwei Würfeln. Danach ist der Batter an der Reihe – je nach Pitch versucht er, eine höhere oder eine niedrigere Zahl zu erzielen als der Pitcher und somit einen Treffer zu landen oder einen Ball passieren zu lassen.

Die Komplexität und der Abwechslungsreichtum des Spiels werden zusätzlich dadurch gefördert, dass man sich aus den Spielerkarten ein individuelles Lineup zusammenstellt, in dem jeder Spieler bestimmte Stärken und Schwächen hat. Dasselbe gilt für die Pitcher, die obendrein ermüden können, insbesondere wenn sie zu oft ihren jeweiligen Spezialpitch werfen.

Ihr merkt schon, das Spiel bietet eine Menge Möglichkeiten, den Verlauf durch eigene Entscheidungen und Taktiken zu beeinflussen. Das unterscheidet es deutlich vom letzte Woche vorgestellten „What About Baseball“ und ist äußerst förderlich dafür, oft und lange Spaß daran zu haben.

Ich habe mich letzte Woche schon darüber ausgelassen, dass ich die Altersempfehlung ab 8 Jahren im Fall von „What About Baseball“ für eindeutig zu hoch gegriffen halte. Bei „Bottom of the 9th“ geht es mir ähnlich: Laut Angabe auf der Packung soll es für ein Alter ab 13 geeignet sein. Meiner Einschätzung und Erfahrung nach kann man es einem baseball- und brettspielinteressierten Achtjährigen durchaus schon zutrauen – mit der Einschränkung, dass man ihm die Anweisungen auf den Spielerkarten übersetzen muss, wenn er nicht englischsprachig aufgewachsen ist. Nach oben sehe ich bei diesem Spiel keine Grenze, auch Erwachsene haben damit dauerhaft Spaß.

Von mir gibt es für „Bottom of the 9th“ eine uneingeschränkte Empfehlung. Erfreulicherweise ist das Spiel problemlos in Deutschland erhältlich; man bekommt es zum Beispiel für rund 20 Euro bei Amazon oder für ein paar Euro mehr bei Ebay. Auch zwei Erweiterungen in Form von je 12 zusätzlichen Spielerkarten sind dort verfügbar. Die besitze ich allerdings noch nicht und kann daher nichts dazu sagen.

 

Transparenz-Hinweis: Das vorgestellte Spiel habe ich selbst gekauft und ich erhalte für die Rezension keinerlei Vergünstigungen, Provisionen oder Ähnliches.

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Dezember 3rd, 2017 by Dominik

Da ich sowohl Baseball als auch Brettspiele liebe, bin ich eigentlich ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, diese beiden Vorlieben miteinander zu vereinen. Das ist leider nicht einfach, denn selbst in Amerika sind gute Baseball-Brettspiele rar gesät und sie in Deutschland ohne horrende Versandkosten zu bekommen, ist fast unmöglich. Dennoch konnte ich mittlerweile zwei solche Spiele ergattern und das erste davon möchte ich heute vorstellen.

Das Spiel heißt „What About Baseball“ und stammt von dem relativ kleinen Verlag „Shrout & Co.“. Die Materialien machen einen stabilen und mit Liebe gestalteten Eindruck: Neben einer gedruckten Anleitung und dem Spielplan, der ein Baseballfeld sowie Anzeiger für Balls, Strikes und Outs darstellt, sind Spielfiguren in rot und blau, ein Block mit Scoresheets, zwei Bleistifte, zwei normale Würfel und drei spezielle Würfel dabei. Die Scoresheets sind einfach gehalten, man trägt lediglich ein Batting Lineup sowie die Runs, Hits und Errors in den einzelnen Innings ein. Aber auch für Statistikfans ist gesorgt, denn es gibt noch eine fortgeschrittene Version des Scoresheets, die man sich auf der Homepage des Spiels kostenlos herunterladen kann.

Das Spielprinzip ist schnell erklärt: Man spielt wie im echten Baseball über neun Innings, je drei Outs beenden ein Halbinning. Der Spieler – oder das Team – in der Defense würfelt mit dem Pitcherwürfel das Ergebnis jedes Pitches aus: Ball, Strike, Foul Ball oder Kontakt. Kontakt heißt, der Ball kommt ins Spiel und nun ist der Batter an der Reihe, mit den zwei normalen Würfeln das Resultat des Schlags zu ermitteln: eine 12 ist ein Homerun, eine 11 ein Triple, eine 10 ein Double, eine 9 ein Single und alles darunter ein Out. Um die Sache etwas interessanter zu machen, gibt es noch zwei Sonderwürfel, die zum Einsatz kommen, wenn der Batter einen 1er-, 2er-, 3er- oder 4er-Pasch würfelt. Dadurch kommen ab und zu auch Errors, Wild Pitches, Stealversuche oder Double Plays vor.

Laut den Angaben auf der Packung und in der Beschreibung ist das Spiel geeignet für zwei bis vier Spieler ab 8 Jahren. Beide Angaben kann ich so nicht bestätigen: zum einen weil es problemlos möglich ist, das Spiel sowohl allein als auch in größeren Gruppen zu spielen, zum anderen weil das genannte Mindestalter mir deutlich zu hoch gegriffen erscheint. Ich habe das Spiel mit meinen eigenen Kindern im Alter von fünf und acht Jahren gespielt. Der Fünfjährige hat es sofort verstanden und das würde wohl auch jedes andere fünfjährige Kind, sofern es ein Grundinteresse und – verständnis für Baseball mitbringt, also weiß, was Balls, Strikes, Hits und Walks sind. Für den Achtjährigen wird das Spiel schon relativ schnell langweilig, weil es sich leider um ein reines Glücksspiel handelt.

Damit sind wir auch schon beim zentralen Kritikpunkt an „What About Baseball“. Ich finde es extrem schade, dass ein so schön gestaltetes Spiel sein Potenzial verschenkt, indem es keinerlei Möglichkeiten vorsieht, eigene Entscheidungen zu treffen oder gar Strategien anzuwenden. Der Verlauf und der Ausgang des Spiels hängen von nichts anderem als den Würfeln ab, es spielt sich quasi von selbst und so verfliegt der Spielspaß für Erwachsene oder ältere Kinder leider recht schnell.

„What About Baseball“ hat mich somit leider nicht überzeugt. Zum Glück habe ich noch ein anderes Baseball-Brettspiel auf Lager, das ich demnächst vorstellen werde, und so viel kann ich schon verraten: Es ist in meinen Augen deutlich gelungener.

 

Transparenz-Hinweis: Das vorgestellte Spiel habe ich selbst gekauft und ich erhalte für die Rezension keinerlei Vergünstigungen, Provisionen oder Ähnliches.

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November 19th, 2017 by Dominik

Die Offseason ist noch lang und Weihnachten steht vor der Tür – das klingt für mich nach einem guten Zeitpunkt, um in loser Folge ein paar Baseball-Spiele vorzustellen, mit denen man sich allein oder in trauter Runde lange Winterabende und -nächte vertreiben kann. Den Anfang macht ein Computerspiel, das bei vielen Angehörigen meiner Generation angenehme Erinnerungen wecken wird an Stunden, die man mit Perlen wie dem „Bundesliga-Manager Professional“ oder der „Anstoss“-Reihe verbracht hat. Später gab es den FIFA-Fußball-Manager, aber da war mein Interesse an Fußball schon erkaltet, weswegen ich die weitere Entwicklung dieses Sektors nicht verfolgt habe.

Nun hat mich das Fieber aber wieder voll gepackt, denn ich bin auf die Managersimulation „Out of the Park Baseball 18“ gestoßen – viel zu spät eigentlich, denn die OOTP-Reihe existiert schon seit 1999. Vater des Spiels ist der deutsche Entwickler Markus Heinsohn aus Eimsbüttel, veröffentlicht wird es über dessen eigene Firma „Out of the Park Developments“. Trotz des deutschen Ursprungs von OOTP liegt sein wichtigster Markt naturgemäß in Nordamerika, deshalb gibt es das Spiel auch ausschließlich auf Englisch. Von den Plattformen her hat OOTP eine größere Vielfalt zu bieten: Es läuft auf Windows, Mac und erfreulicherweise auch auf Linux. Erwerben kann man das Spiel ausschließlich als Download, entweder direkt über die Herstellerseite oder über Steam. Getestet wurde von mir die Linux-Version über Steam. Der reguläre Preis für die aktuelle Version beträgt 39,99 Dollar, wobei es gelegentlich auch Sonderangebote gibt. Auch ein Demo-Mode ist verfügbar, wenn man erstmal unverbindlich anspielen möchte.

Der Daten- und Funktionsumfang von OOTP ist schlichtweg gigantisch: Man kann die aktuelle MLB-Saison nachspielen, aber auch jede beliebige Saison seit 1871; die Minor Leagues sind komplett eingebunden, ebenso historische Ligen wie zum Beispiel die Negro Leagues sowie Ligen aus aller Welt (Japan, Korea, Mexiko, Niederlande, Italien etc.) – alles komplett mit vollständigen Rostern, Namen, Logos und Uniformen, da OOTP über die nötigen Lizenzen verfügt. Für realistische Player-Ratings sorgt eine Anbindung zum ZiPS-System von Dan Szymborski. Darüber hinaus gibt es umfangreiche Möglichkeiten, nationale und internationale Ligen und Turniere selbst zusammenzustellen und zu editieren.

Wenn man sich für eine Liga und ein Startjahr entschieden hat, kann man wahlweise als Manager, General Manager oder als beides gleichzeitig agieren – abhängig von dieser Entscheidung ist man entweder für Aufstellungen, Spieltaktiken und dergleichen verantwortlich oder für die Zusammenstellung des Kaders, Trades, Personalentscheidungen etc. oder eben für alles. Man arbeitet auf einer grafischen Oberfläche, die sehr eingängig bedienbar ist. Ähnlich wie in einem Web Browser steuert man das Spiel per Maus mit Drag&Drop-Funktionen, Hyperlinks, durch Rechtsklick öffnende Kontextmenüs usw.

OOTP ist mit sehr viel Liebe zum Detail umgesetzt, was man zum Beispiel beim Verletzungssystem sieht – jeder Spieler hat eine individuelle Verletzungsgeschichte mit unterschiedlichen Langzeiteffekten – oder bei den Trades, die diverse Konstellationen erlauben inklusive Optionen wie dass das abgebende Team einen Teil des Spielergehalts übernimmt. Die Möglichkeiten, was man alles steuern und worauf man alles achten kann, scheinen geradezu unendlich, lassen sich aber gezielt reduzieren, indem man einige Aufgaben automatisiert erledigen lässt. Das ist dann auch die erste Aufgabe, die man beim Spielen an sich selbst stellen sollte: Man muss für sich einen Weg finden, was man tut und was man laufen lässt, sonst erschlägt einen die Komplexität der Handlungsmöglichkeiten.

Dementsprechend ist der Zeitaufwand des Spiels sehr variabel: Wenn man jede Kleinigkeit verfolgen und in der Hand haben möchte, kann man ohne Weiteres mehrere Stunden mit Recherchen, Verhandlungen und sonstigen Managementaufgaben verbringen, ohne im Spielverlauf einen einzigen Tag weiterzuschalten; auch ein Match des eigenen Teams kann man mit vollständigem In-Game-Management locker eine halbe Stunde lang zelebrieren. Genauso gut kann man aber, wenn man viel automatisiert und weiterklickt, in einer halben Stunde eine komplett Saison durchgespielt haben. Ich selbst habe in den vergangenen 14 Tagen gut 20 Stunden mit OOTP verbracht und dabei zweieinhalb Saisons mit einer Franchise absolviert. Angemeldet habe ich mich als General Manager und Manager, allerdings habe ich relativ schnell herausgefunden, dass mir die GM-Aufgaben mehr Spaß machen und dass ich die Lineups und das In-Game-Management gerne vertrauensvoll in die Hände der AI lege.

Wenn es mal irgendwo hakt, findet man in vielfältiger Weise Hilfen: es gibt ein umfangreiches Online-Manual, auf das man innerhalb und außerhalb des Spiels zugreifen kann, zudem eine Knowledge Base, einige Video-Tutorials und das Entwicklerteam um Markus Heinsohn und Andreas Raht leistet schnellen und zuverlässigen Support. Zudem gibt es eine recht aktive Community zu OOTP, die ebenfalls sehr nützlich ist wenn man Probleme hat, aber auch wenn man Mitspieler für eine Online-Liga sucht oder sich einfach so über das Spiel austauschen möchte.

Ich glaube, es spricht schon aus meinen vorangehenden Schilderungen, aber ich möchte es noch mal ausdrücklich sagen: Ich bin von OOTP begeistert!

Ein paar Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge habe ich aber natürlich auch und möchte sie euch nicht vorenthalten – den Entwicklern übrigens auch nicht, deswegen habe ich sie schon darauf angesprochen und lasse ihre Antwort direkt in meine Punkte einfließen:

– Schade finde ich, dass es bei aller Vielfalt von Ligen und Zeiträumen ausgerechnet die deutsche Baseball-Bundesliga in OOTP nicht gibt. Der Grund dafür sind Lizenzprobleme, genauer gesagt das Fehlen einer zentralen Lizenzverwaltung für die Bundesliga. Man müsste jede Verwendung von Namen und Logos mit den betreffenden Teams und Spielern einzeln verhandeln, was ein unverhältnismäßiger Aufwand wäre. Ich hoffe, dass sich irgendwann doch eine pragmatische Lösung findet.

– Eine Synchronisierungsmöglichkeit zwischen OOTP und dem Ableger „MLB Manager“ für Mobilgeräte wird es auf absehbare Zeit leider nicht geben, vor allem wegen der zu großen Datenmengen.

– Was ich – in rührseliger Erinnerung an die „Anstoss“-Reihe – toll fände, wäre eine Möglichkeit, Einzelgespräche mit Spielern zu führen und kurze Ansprachen an das Team zu halten. Bei Anstoss wählte man bei solchen Gelegenheiten unter vorgegebenen Aussagen und in Abhängigkeit davon veränderte sich die Stimmung der Spieler. Laut Heinsohn sind Features dieser Art für zukünftige Versionen bereits in Planung.

– Im Spiel selbst ist mir nur eine einzige Sache aufgefallen, die nach meinem Geschmack noch nicht befriedigend gelöst ist und das ist der Realismus von Trades. Mir wurde zum Beispiel  Ende Juli 2017 über die Funktion „Shop Player around“ von meinem direkten Verfolger im Divisionsrennen, den Nationals, Star-Pitcher Max Scherzer mit Vertrag bis 2021 angeboten im direkten Tausch gegen Lucas Duda, einen mittelmäßigen First Baseman mit auslaufendem Vertrag. Für mich war das der Startschuss zu einem größer angelegten Test der Trade-AI und innerhalb der verbleibenden  zehn Tage bis zur Trade Deadline hatte ich mein Team um Scherzer, Giancarlo Stanton, Freddie Freeman, Dee Gordon, Nolan Arenado, Kyle Schwarber und Aaron Altherr aufgerüstet, ohne viel dafür herzugeben. Zwar kann man über die Einstellungen an der Trading Difficulty drehen, aber wenn man Trades auf andere Weise als über „Shop Player around“ versucht, sind sie bereits schwierig genug und man will ja nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Auch dieses Thema ist den Entwicklern bereits bekannt und OOTP teilt es mit allen anderen Sport-Management-Spielen: Eine rundum realistische Trade-AI existiert bislang leider nicht. Wenn man Wert auf Realismus legt, muss man sich in Selbstdisziplin üben und auch mal einen Trade nicht machen, wenn man den Eindruck hat, der Computergegner übervorteilt sich selbst.

Von dieser einen Einschränkung abgesehen kann ich nur eine klare Kaufempfehlung aussprechen. Ich freue mich schon riesig auf das Erscheinen des nächsten Teils zum Beginn der neuen MLB-Saison. Mein Plan ist, dass ich dann mal ein komplettes Jahr spiele, bei dem ich mich im Team um wirklich alles kümmere und an jedem echten Tag genau einen Tag im Spiel laufen lasse.

 

Transparenz-Hinweis: Das vorgestellte Spiel wurde mir auf meine Anfrage hin als kostenloses Rezensionsexemplar von den Entwicklern zur Verfügung gestellt. Diese freundliche Geste hat keine Auswirkung auf meine Beurteilung des Produkts – ihr lest wie gewohnt meine ehrliche und ungeschminkte Meinung.

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Februar 25th, 2017 by Dominik

Das Spring Training ist für den Baseballfan nicht nur die Zeit der Prognosen und großen Erwartungen; es ist auch die Zeit, in der man aktiv werden muss, wenn man in der bald beginnenden Saison Fantasy Baseball spielen möchte. Da ich selbst seit Jahren begeisterter Fantasy-Spieler bin und auch im Rahmen des Wunschkonzerts die Frage aufkam, gibt es von mir heute eine kleine Einführung in diesen spannenden Zeitvertreib.

Das Grundprinzip
Beim Fantasy Baseball geht es darum, erfundene Teams mit echten Statistiken gegeneinander antreten zu lassen. Das funktioniert so, dass mehrere Mitspieler (ideal sind 10-20) sich vor Saisonbeginn zu einer Liga zusammenfinden, sich jeweils einen Teamnamen aussuchen und ihre Teams mit echten Spielern der MLB bestücken. Während der Saison aktualisiert man täglich oder wöchentlich seine Aufstellung und erhält dann Punkte in Abhängigkeit von den Leistungen, die die aufgestellten Spieler in ihren echten Spielen erzielen. Habe ich zum Beispiel Mike Trout in meinem Team und er schlägt in der realen Welt einen Homerun für die Angels, dann wird dieser Homerun gleichzeitig auch meinem Team gutgeschrieben.

In den Anfängen des Fantasy-Sports bedeutete das alles viel Papierkram und Rechnerei und war deshalb auch eher ein Nischenhobby für Statistiknerds. Mit der Verbreitung des Internets entstanden zahlreiche Onlineanbieter von Fantasyspielen, die dadurch einen bis heute anhaltenden Boom erlebten.

Die Verteilung der Spieler
Damit alle ihren Spaß haben, soll die Verteilung der Spieler auf die Teams natürlich möglichst gerecht ablaufen. Die üblichsten Verfahren dafür sind eine Draft oder eine Auktion. Eine Draft läuft üblicherweise so ab, dass eine Reihenfolge der Teams ausgelost wird und in dieser Reihenfolge wählen die Teams dann Runde um Runde abwechselnd ihre Spieler aus, bis jedes Team die vorher festgelegte Spieleranzahl aufweist. Um es etwas fairer zu gestalten, wird meist der Modus einer Snake-Draft gewählt; das bedeutet, die Draftreihenfolge dreht sich in jeder Runde um – wer in Runde 1 als Erster wählt, wählt in Runde 2 als Letzter, in Runde 3 wieder als Erster usw.

Beim Auktionsverfahren gibt es in der Regel ebenfalls eine Reihenfolge, jedoch wählt das Team, das an der Reihe ist, nicht einfach einen Spieler und behält ihn; es wählt nur aus, welcher Spieler als nächstes versteigert wird. Dann können alle Teams um diesen Spieler mitbieten und das meistbietende Team bekommt ihn. Natürlich geht es dabei nicht um echtes Geld sondern um ein für alle einheitlich festgelegtes virtuelles Budget.

Für die Zeit nach der Draft oder Auktion erlauben die meisten Ligen, dass die Teams sich untereinander auf Trades in Form von Tauschgeschäften einigen. Zudem können Spieler entlassen und andere, noch nicht vergebene Spieler neu verpflichtet werden. Das kann nach dem Prinzip „wer zuerst kommt, malt zuerst“ laufen, aber auch nach gerechteren Verfahren wie einer Rangliste, die z. B. dem schlechtesten Team den ersten Zugriff sichert, oder mit einer Mini-Auktion um jeden Spieler, den mehrere Teams verpflichten wollen.

Die Wahl der Kategorien und Positionen
Zu den Modalitäten, auf die man sich vor dem Start einigen muss, gehört neben der Regelung, wie man Spieler in sein Team bekommt, auch die, wie viele und welche Spieler überhaupt auszuwählen sind. In manchen Ligen nimmt man es ganz genau und legt jede Position exakt fest, also zum Beispiel auch, dass das Outfield aus RF, CF und LF zu bestehen hat. Andere Ligen sind da etwas lockerer und verlangen nur drei OF und ermöglichen zusätzlich zu den festen Positionen noch einen flexiblen Platz, auf dem quasi als DH ein beliebiger Batter aufgestellt werden darf. Üblicherweise sind in einem Fantasy-Roster alle Positionen in irgendeiner Weise vertreten, einschließlich Starting Pitchern und Relief Pitchern. Neben den Plätzen in der Aufstellung gibt es meist noch ein paar Benchplätze, auf denen man Spieler parken kann, die an dem Tag nicht spielen oder die man nur als Reserve für den Ausfall eines besseren Spielers an Bord hat.

Ebenfalls einigen muss man sich, welche Kategorien zu bewerten sind. Der Klassiker ist das sogenannte 5×5-Scoring. Es enthält fünf Kategorien für Batter (Runs Scored, Homeruns, Runs Batted In, Stolen Bases, Average) und fünf für Pitcher (Wins, Saves, Strikeouts, Earned Run Average, Walks plus Hits Per Innings Pitched); Defensivleistungen bleiben (leider) meistens unberücksichtigt. Die zunehmende Kritik an bestimmten statistischen Kategorien, die weniger einer Individualleistung zuzurechnen sind als der des umgebenden Teams – zum Beispiel RBI oder Pitcher-Wins – führt dazu, dass sich immer mehr Ligen von dem 5×5-Standard lösen und einzelne Kategorien gegen sinnvollere tauschen – beispielsweise Slugging oder Innings Pitched.

Der Spielmodus
Wir haben Teams, wir haben Regeln für das Lineup und die zu wertenden Kategorien – jetzt müssen wir noch festlegen, wie man gewinnt. Es gibt im Wesentlichen zwei Verfahren, zwischen denen man wählen kann: Head-to-Head oder Rotisserie.

Bei einer Rotisserie- oder kurz Roto-Liga werden die gewählten statistischen Kategorien über das gesamte Jahr hinweg kumuliert. Je nachdem, welchen Rang man in den einzelnen Kategorien belegt, erhält man Punkte und die Punkte von allen Kategorien zusammen bestimmen den Tabellenrang.

Head-to-Head oder kurz: H2H bedeutet, dass die Fantasy-Liga einen Spielplan hat, der jedem Team für jede Woche ein anderes Team als Gegner zuordnet. In dem Fall erzielt man Punkte nicht im Vergleich mit der gesamten Liga sondern im Vergleich mit dem jeweiligen Gegner. Wenn ich in einer 5×5-Liga in einer Woche in sieben Kategorien besser war als der Gegner und in drei Kategorien schlechter, dann erhalte ich für diese Woche sieben Punkte und er drei. H2H-Ligen sehen zudem oft ein Playoff-System am Ende der Saison vor.

Während beim H2H immer ein gewisser Glücksfaktor mitspielt, welches Team man in welcher Woche zum Gegner hat, ist die Roto-Liga in dieser Hinsicht gerechter. Andererseits kann es beim Roto passieren, dass eine Saison schon nach ein, zwei Monaten nur noch so dahinplätschert, weil das eigene Team irgendwo in der Mitte gefangen ist und sich kaum etwas bewegt; beim H2H hat man hingegen auch in einem schlechten Jahr zumindest die Möglichkeit, hin und wieder als Underdog ein Top-Team zu ärgern, zudem bringt ein Playoff-System zusätzliche Spannung ins Spiel. Mir macht das H2H-System deshalb mehr Spaß als Roto.

Langfristig oder immer wieder neu?
Wenn man in den Fantasy-Sport einsteigt, tut man das meistens durch Teilnahme an einer Re-Draft-Liga. Das bedeutet, die Mannschaft besteht am Anfang der Saison nur aus einem Namen und während der Draft oder der Auktion stehen sämtliche Spieler der MLB zur Wahl. Das ist auf jeden Fall sinnvoll, wenn man das Spiel erst mal ausprobieren möchte, wenn die Mitspieler von Jahr zu Jahr stark wechseln oder wenn man großen Wert auf jährlich wiederhergestellte Chancengleichheit legt.

Für einen stabilen Mitspielerkreis kann es seinen Reiz haben, eine bestimmte Anzahl von Keepern festzulegen, das heißt von Spielern, die man sich aus dem eigenen Team des Vorjahres auch für das nächste Jahr sichern kann. Üblich sind in dem Fall zwei oder drei Keeper, es gibt aber auch sogenannte Dynasty-Ligen, bei denen zehn oder noch mehr Spieler über die Saison hinaus im Team bleiben. Das Interessante an solchen Ligen ist, dass man in längeren Zeiträumen denken und Strategien ähnlich wie im echten Baseball entwickeln muss – strebt man beispielsweise ein langfristig erfolgreiches Team an und ist bereit, dafür auch ein paar Prospects ein, zwei Jahre durchzuziehen? Oder setzt man alles darauf, jetzt zu gewinnen und sichert sich statt Talenten lieber solide ältere Spieler, die sofort weiterhelfen, auch wenn sie in ein, zwei Jahren wahrscheinlich deutlich an Wert verlieren oder gar die Karriere beenden?

Ein paar grundlegende Strategien
Ich bin gern bereit, ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern und meine Strategien zu teilen, allerdings hängt Vieles sehr stark von den Rahmenbedingungen der jeweiligen Liga ab. Hier ein paar Grundprinzipien, die für jede oder fast jede Liga gelten:

  • In die Draft oder Auktion sollte man stets gut vorbereitet gehen, sie ist definitiv der wichtigste Teil einer erfolgreichen Fantasy-Saison. Gute Vorbereitung bedeutet, dass man sich erstens genau über die Regeln und Abläufe der jeweiligen Liga informiert und das man zweitens ein Ranking aller infrage kommenden Spieler zur Hand hat. Das muss man natürlich nicht komplett selbst verfassen – als Grundlage bedient man sich in der Regel einer der unzähligen Listen aus dem Internet, die man dann an die eigenen Vorlieben und Einschätzungen sowie an die Schwerpunkte der Liga anpasst.
  • In den ersten Draft- oder Auktionsrunden muss die Basis für konstante Punkteproduktion gelegt werden, daher sollte man auf sichere Performer setzen. Risikospieler, die hohes Potenzial versprechen, aber z. B. bekannte Sperrungs- oder Verletzungsgeschichten mitbringen, solltet ihr Anderen überlassen oder zumindest erst in späteren Runden zugreifen, falls sie so tief fallen.
  • Rankings bieten eine wichtige Orientierung, aber ebenso wichtig ist eine gewisse Flexibilität. Manchmal ergibt sich eine Gruppendynamik (ein sogenannter „Run“), in der eine bestimmte Position viel früher abgegrast wird als man gedacht hätte. Manchmal kann es sinnvoll sein, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, aber meistens ist es erfolgversprechender zu schauen, welche Position im Gegenzug vernachlässigt wurde und dort zuzuschlagen. Im Idealfall startet ihr damit selbst einen Run und steuert so Tempo und Richtung der Draft.
  • Die Spieler, die ihr in späten Runden bzw. für wenig Geld bekommt, sind meist relativ austauschbar. Greift bevorzugt zu Spielern, die mehrere Positionen ausfüllen können, und traut euch in dieser Phase ruhig, auch Spieler mit hohem Risiko zu holen – zur Not tauscht ihr sie später auf dem Free-Agent-Markt um.
  • Achtet nicht allein auf die Statistiken der einzelnen Spieler sondern auch auf die Dichte der jeweiligen Position – es gibt zum Beispiel viel mehr gute Batting-Statistiken produzierende Outfielder als Shortstops. Das macht einen guten Shortstop wertvoller und es ist meist ratsam, das Middle Infield relativ früh anzugehen. Für die einzelnen Kategorien gilt Dasselbe wie für die Positionen: Stolen Bases beispielsweise sind seltener als Homeruns; wenn man einen Top-Performer will, der Bases stiehlt und gleichzeitig keine Katastrophe in den anderen Kategorien ist, muss man früh zugreifen.
  • Während der Saison lohnt es sich, bei der Aufstellung im Blick zu haben, wo und gegen wen die eigenen Spieler antreten. Einen sonst soliden Pitcher lasse ich vielleicht mal auf der Bank, wenn er bei einem besonders offensivstarken Gegner antreten muss. Auf der anderen Seite lasse ich einen sonst nur mittelmäßigen Batter gerne mal ran, wenn er in einem hitterfreundlichen Ballpark gegen den fünften Pitcher des Gegners antritt.
  • Wo finde ich Mitspieler?
    Wer einen großen baseball-affinen Freundeskreis hat, kann natürlich jederzeit selbst die Initiative ergreifen und eine Liga gründen. Einfacher ist es, nach einer bestehenden Liga zu suchen und sich dieser anzuschließen. Zum einen gibt es bei allen großen Fantasy-Anbietern – z. B. CBS, ESPN und Yahoo – öffentliche Ligen, denen man mit einem Klick beitreten kann. Das Problem dabei ist, dass man nicht weiß, mit wem man es in so einer Liga zu tun hat und es deshalb oft vorkommt, dass Teams wegen Lust- und Erfolglosigkeit während der Saison aufgegeben werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist geringer, wenn man sich seine Mitspieler in einem Forum sucht. In quasi jedem amerikanischen Baseballforum finden sich regelmäßig Mitglieder zu Fantasy-Ligen zusammen und freuen sich über Neulinge. Dasselbe gilt für die wenigen deutschsprachigen Foren mit Bezug zu US-Sport – auf nfl-talk.net und auf baseball-forum.de werden beispielsweise noch Mitspieler für neue oder bestehende Ligen gesucht.

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