Stell dir vor, es ist Draft…

…und niemand schaut hin. O. K., ganz so unbeachtet ist die Draft der MLB, die heute Nacht (1 Uhr mitteleuropäischer Zeit) beginnt, dann auch wieder nicht. Aber im Vergleich mit den anderen großen US-Sportarten erfährt die Spielerauswahl der MLB recht wenig Aufmerksamkeit. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • College Baseball ist nicht so populär wie College Football oder College Basketball, daher haben die meisten Kandidaten für eine Profikarriere zum Zeitpunkt der Draft einen geringeren Bekanntheitsgrad als die Kollegen in den anderen Sportarten.
  • Der Weg von der Draft bis ins MLB-Team ist in aller Regel ein Prozess von einigen Jahren, in denen mehrere Stufen der Minor Leagues durchlaufen werden. Das ist in der NFL, der NBA und der NHL anders; dort erwartet man von den Top-Draftpicks, dass sie vom ersten oder spätestens vom zweiten Jahr an das Team verstärken.
  • Durch das breite Farmsystem und den meist langen Aufenthalt in selbigem, dauert es nicht nur seine Zeit, bis man die Prospects im MLB-Team sieht, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt dazu kommt, ist auch deutlich geringer. Die meisten gewählten Spieler, auch viele Erstrundenpicks, schaffen es entweder gar nicht bis in die MLB und/oder sie wechseln während der Minor-League-Karriere (durch Trades oder die Rule-5-Draft) in eine andere Franchise. Durch diese Unwägbarkeiten entsteht seitens der Fans meist relativ wenig Identifikation mit den von ihrem Klub gedrafteten Spielern.
  • Auch der Zeitpunkt der MLB-Draft spielt eine Rolle für die relativ geringe Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird: In der NFL beispielsweise findet die Draft in der Mitte der Offseason statt und ist deren unumstrittenes Highlight, weil Ende April ansonsten absolute Saure-Gurken-Zeit für Football-News wäre. In der MLB hingegen findet die Draft mitten in der Saison statt, es wird dafür noch nicht mal eine Pause eingelegt. So tritt die MLB mit der TV-Übertragung der Draft in direkte Konkurrenz zum zeitgleich laufenden eigenen Spielbetrieb.
  • Schließlich kommt noch hinzu, dass für die MLB-Draft ausschließlich Spieler aus den USA, Kanada und US-Territorien (vor allem Puerto Rico) gewählt werden können. Damit betrifft die Draft nur einen Teil des Talentpools, während die Verpflichtung internationaler Prospects einem gesonderten Verfahren unterliegt. Auch das ist in den anderen US-Sportarten anders geregelt, in ihnen läuft auch die Verteilung internationaler Nachwuchsspieler vorrangig über die Draft.

Entsprechend wenig überraschend ist es, dass viele Baseballfans kaum einen der vor der Draft kursierenden Namen der Prospects kennen, während nahezu jeder Footballfan schon Wochen vor der NFL-Draft seine persönliche Mockdraft (also eine Prognose, welcher Spieler wann von welchem Team gewählt wird) mindestens für die erste Runde pflegt. Mir geht es selbst auch nicht anders, aber ein paar Namen habe ich dann doch aufgeschnappt:

Die mit Abstand größte Aufmerksamkeit bekommt im Vorfeld dieser Draft Hunter Greene. Greene überzeugte in der Notre Dame California High School sowohl als rechtshändiger Pitcher als auch als Hitter und Infielder; für seine Zukunft als Profi wird er aber klar als Pitcher vorgesehen. Mit seinen 17 Jahren wirft er bereits regelmäßig über 100 mph schnelle Fastballs, hat zudem einen soliden Slider und einen ordentlichen Changeup im Repertoire und übt trotz seiner hohen Pitchgeschwindigkeit so viel Kontrolle aus, dass er nur wenige Walks verursacht.

Obwohl Greene in aller Munde ist und überwiegend als das größte Talent dieser Draft angesehen wird, gilt es als längst nicht gesichert, dass die Minnesota Twins ihn heute Nacht als ersten Pick der MLB-Draft 2017 aufrufen. Greene wird angesichts seiner Jugend und fehlenden College-Erfahrung einige Jahre brauchen, bis er zum fertigen Spieler gereift ist, und in diesen Jahren kann viel passieren. Daher ist durchaus denkbar, dass die Twins sich für eine risikoärmere Variante in Form eines College-Spielers entscheiden.

Wenn das der Weg ist, den die Twins gehen, dann sind wohl Linkshänder Brendan McKay (Louisville) und Rechtshänder Kyle Wright (Vanderbilt) die Favoriten auf den #1-Pick. McKay ist insofern ein interessanter Fall, als er sowohl als First Baseman als auch als Pitcher als Top-Talent eingestuft wird und es wahrscheinlich vom jeweiligen Team abhängt, in welche Richtung man ihn entwickeln wird. Die Prognose ist, dass die Twins, die Reds (#2) oder die Padres (#3) ihn eher als Pitcher draften würden, die Braves (#4) oder die Rays (#5) eher als Hitter. Wright hingegen gilt unter den Top-Prospect dieses Jahres als die verlässlichste Größe – das Team, das ihn draftet, erhält einen Pitcher, der vom Potenzial vielleicht nicht ganz mit McKay oder Greene mithalten kann, jedoch in Vanderbilt in der SEC bereits auf einem Niveau entwickelt wurde, das bestmöglich auf den zügigen Übergang zur MLB vorbereitet. Aus Vanderbilt kommt auch Jeren Kendall, der gute Chancen hat, als erster Outfielder der diesjährigen Draft gewählt zu werden.

Weitere hoch gehandelte Kandidaten aus der High School sind LHP Mackenzie Gore (Whiteville High School) und SS/OF Royce Lewis (JSerra Catholic High School). Wie bei Greene ist auch bei ihnen die Frage, auf wieviel Risiko und Wartezeit sich das draftende Team einlassen möchte, um sich dafür mit der Sicherung von Top-Talenten ohne Umweg über ein College zu belohnen.

Die Draft findet von heute Nacht bis Mittwoch statt, die 75 Picks des ersten Tages werden einschließlich Vorbericht ab Mitternacht auf mlb.com gestreamt. Auch die Runden 3 bis 10 an Tag 2 werden Dienstag ab 13 Uhr übertragen, die Runden 11 bis 40 an Tag 3 gibt es am Mittwoch ab 18 Uhr unserer Zeit als Radiostream.

Juni 12th, 2017 by