Grand Slam am Donnerstag 15/2018

Verblüfft reibe ich mir die Augen, denn nach zwei Wochen Baseball sind das heißeste Team der Liga – die New York Mets. Mit zehn Siegen und nur einer Niederlage haben die Mets den besten Saisonstart ihrer Teamgeschichte hingelegt und sind rein rechnerisch auf Kurs für 147 Siege. Die werden sie nicht bekommen, aber sie haben jedenfalls reichlich Anlass, den Moment zu genießen. Derweil liegen anderswo bereits die Nerven blank, was sich gestern in gleich mehreren Rangeleien entlud. Darüber und über alles, was sonst noch wichtig war in dieser Woche, informiert euch heute der Grand Slam am Donnerstag.

National League
Die New York Mets (10-1) als derzeit bestes Team der National League East sowie der gesamten MLB habe ich ja bereits in der Einleitung ausreichend gepriesen. Ein interessanter Fakt am Rande: Zum ersten Mal überhaupt starteten in den letzten fünf Partien die sogenannten Fab Five – Syndergaard, deGrom, Matz, Harvey, Wheeler – in einer kompletten gemeinsamen Rotationsrunde. Darauf hatten Metsfans seit 2015 gewartet und es eigentlich schon fast nicht mehr für möglich gehalten. Da war es dem Anlass nur angemessen, dass alle fünf Spiele gewonnen wurden. Angesichts der Strahlkraft der Mets übersieht man leicht, dass auch die Atlanta Braves (7-5) und die Philadelphia Phillies (6-5) einen sehr guten Start hatten. Die Chancen scheinen also gut zu stehen, dass die Division in diesem Jahr erstmals seit Langem kein Selbstläufer für die Washington Nationals (6-6) wird. Bereits etwas abgeschlagen sind (und bleiben vermutlich) nur die Miami Marlins (3-9). Ein Hoffnungsschimmer für die Marlins war gestern Abend Jarlin Garcia, der bei seinem ersten MLB-Start überhaupt sechs Innings absolvierte, ohne einen Hit zuzulassen. Die Marlins nahmen ihn dennoch nach 77 Pitches aus dem Spiel und ließen ihn nicht beenden, was er angefangen hatte. Relliever Drew Steckenrider gab dann direkt den ersten Hit ab und der Rest des Bullpens gab das Spiel mit 1:4 gegen die Mets aus der Hand.

Auch die NL Central hat mit den Pittsburgh Pirates (8-3) einen eher überraschenden Tabellenführer. Sechs der Siege wurden allerdings gegen die Cincinnti Reds (2-9) und die Detroit Tigers eingefahren, also ebenfalls als schwach einzuschätzende Teams. Daher ist die Euphorie in Pittsburgh bislang auch etwas verhalten. Mit den Chicago Cubs (6-5) und den Milwaukee Brewers (7-6) stehen auch die beiden Favoriten der Division knapp positiv, während die St. Louis Cardinals (5-7) ihre Hoffnungen darauf setzen, etwas Boden gut zu machen, wennn sie nun in sieben der nächsten zehn Spiele gegen die Reds antreten.

In der NL West knüpfen die Arizona Diamondbacks (9-3) an das starke Finnish aus dem Vorjahr nahtlos an, während die favorisierten Los Angeles Dodgers (4-7) bislang nicht in Tritt gekommen sind und noch keine ihrer Serien gewinnen konnten. Das ist eine interessante Konstellation im Vorfeld der am Wochenende anstehenden Drei-Spiele-Serie zwischen den beiden Teams. „Interessant“ war auch, was die Colorado Rockies (6-7) und die San Diego Padres (4-9) die letzten Tage über veranstaltet haben – weniger von den Ergebnissen her (es steht diese Saison bislang 3:3 zwischen den beiden) als vielmehr wegen der offenbar bestehenden Antipathien zwischen den Spielern. Deutlich sichtbar wurden diese erstmals im Spiel am Dienstag, als Padres-Outfielder Manuel Margot von Rockies-Reliever Scott Oberg so hart abgeworfen wurde, dass er mit geprellten Rippen auf die Verletztenliste musste. Am Tag darauf folgte im ersten Inning die Vergeltung in Form eines Hit-by-Pitches von Luis Perdomo gegen Trevor Story, woraufhin German Marquez im zweiten Inning in erneuter Retourkutsche Hunter Renfroe abwarf. Als der erste Pitch des dritten Innings knapp hinter Rockies-3B Nolan Arenado vorbei flog, gab es kein Halten mehr. Arenado stürmte auf den Mound zu, Perdomo, warf ihm seinen Handschuh entgegen und aus beiden Benches und Bullpens eilten Mitspieler herbei, um bei der Keilerei mitzumischen, zu schlichten oder von beidem ein bisschen. Es dauerte eine Weile, bis die Umpires die Situation beruhigt hatten. Schließlich wurden Perdomo und A. J. Ellis von den Padres sowie Arenado, Marquez und Gerardo Parra von den Rockies des Feldes verwiesen und müssen mit Sperren rechnen.

American League
Irgendwas scheint die Leute gestern aggressiv gemacht zu haben, denn auch in der American League East zwischen den Boston Red Sox (9-2) und den New York Yankees (6-6) ging es rund, entzündet an einem übertrieben harten Slide von Tyler Austin und der späteren Vergeltungsaktion in Form eines Hit-by-Pitches. So gern ich eigentlich mehr über Baseball schreiben würde, kann ich mich doch nicht der Faszination der körperlichen Auseinandersetzungen entziehen. Ich glaube, diese Faszination hat ganz viel damit zu tun, dass man als Fan auf diese Art etwas Gewissheit bekommt, dass die Akteure trotz der Millionen, die sie verdienen, das Spiel dennoch mit viel Emotion und Herzblut leben. Trotzdem ist das natürlich der falsche Kanal für das Herzblut und ich bin sehr dafür, dass Schlägereien von der Liga mit Sperren geahndet werden. Zurück zum Sport: Die Toronto Blue Jays (8-5) gehören zu den positiven Erscheinungen der bisherigen Saison, hatten bislang aber ein relativ einfaches Programm, das in den kommenden zwei Wochen (dreimal Indians, dreimal Red Sox, viermal Yankees) deutlich schwerer wird. Die Baltimore Orioles (5-8) bräuchten bei der kommenden Serie in Boston ein Erfolgserlebnis, damit es ihnen nicht so geht wie den Tampa Bay Rays (3-9), die trotz der kurzen Zeit schon ziemlich abgeschlagen sind.

Die Minnesota Twins (7-5) hatten gerade ihr Erfolgserlebnis in Form einer gewonnenen Serie gegen die Houston Astros (siehe „Spiel der Woche“) und führen die AL Central an, mehr oder weniger gleichauf mit den Cleveland Indians (6-4). Mit diesen beiden vorne und den Chicago White Sox (4-7), den Detroit Tigers (4-7) und den Kansas City Royals (3-7) hinten sieht diese Division als einzige schon nach zwei Wochen ziemlich exakt so aus, wie man es vor der Saison erwartet hätte. Das klingt ein bisschen langweilig, aber erstens kann noch viel passieren und zweitens sieht es ja immerhin nach einem spannenden Zweikampf um die Spitze aus.

Auch an der Spitze der AL West gibt es zurzeit einen Zweikampf, beteiligt daran sind World Champion Houston Astros (9-4) und der nicht ganz so geheime Geheimfavorit Los Angeles Angels (10-3). Die Story bei den Angels ist natürlich Shohei Ohtani, der bislang sämtlichen Vorschusslorbeeren gerecht wird. Ohtani hat in zwei Starts als Pitcher 13 Innings absolviert und bringt es auf einen ERA von 2.08, im zweiten Spiel trug er sogar einen No-Hitter bis ins siebte Inning und ließ insgesamt nur einen Hit und keinen Run zu. Auch als Batter brilliert er mit einer Slashline von .364/.417/.773 und 3 Homeruns. Für Ohtani hat man den Rhythmus etabliert, dass er einmal pro Woche startet, am Tag davor und danach pausiert und ansonsten meistens als Designated Hitter antritt. Neben den beiden genannten Teams halten sich auch die Seattle Mariners (6-4) wacker, obwohl ihnen das bizarre Verletzungspech treu bleibt: Vor zwei Wochen zog sich Mike Zunino eine Zerrung beim Batting Practice zu, vor einer Woche verstauchte Nelson Cruz sich den Knöchel, als er nach einem Homerun auf dem Weg ins Dugout ausrutschte, diese Woche kam Ryon Healy dazu, der sich beim Workout nach dem Spiel am Samstag ebenfalls den Knöchel verstauchte. Auch die Oakland Athletics (5-8) und die Texas Rangers (4-10) produzieren derzeit vor allem mit Verletzungen Schlagzeilen: Bei den A’s musste Pitching-Prospect A. J. Puk wie erwartet eine Tommy-John-Surgery über sich ergehen lassen, bei den Rangers wurde SS Elvis Andrus so hart von einem Pitch von Angels-Reliever Keynan Middleton getroffen, dass er sich den Ellenbogen brach.

Szene der Woche
Für einen patriotischen Amerikaner gäbe es in dieser Kategorie keine andere Wahl als den Adler, der auf der Schulter von Mariners-Pitcher James Paxton gelandet ist. Das war durchaus eine coole Szene, die man sich mal anschauen sollte. Ich fand aber eine andere Szene noch sehenswerter: Nachdem sich am Samstag die Houston Astros und die San Diego Padres neun Innings lang nichts geschenkt und auch im zehnten Inning den Stand bis zum finalen Out bei 0:0 gehalten hatten, endete das Spiel mit einem spektakulären Walkoff. Es war kein Monster-Homerun und auch kein Steal der Homeplate, das haben wir alles schon gesehen. Aber einen Walkoff wie diesen, bei dem Derek Fisher scort, weil Eric Hosmer einen lockeren Infield-Popup von Alex Bregman hinter sich plumpsen lässt, hatte ich bisher noch nicht erlebt.

Statistik der Woche 
100. So viele Saves hat Roberto Osuna in seiner Karriere bislang erzielt. Das sind verdammt viele für einen 23-Jährigen, genauer gesagt ist er damit der jüngste Spieler aller Zeiten, der die 100-Saves-Marke erreicht hat. Natürlich ist es noch viel zu früh, über „richtige“ Rekorde zu sprechen. Aber es sei doch angemerkt, dass Osuna unter Berücksichtigung seines Alters derzeit einen Vorsprung von 100 Saves auf Mariano Rivera hält. Rivera, der mit 652 Karriere-Saves die Allzeit-Liste der MLB anführt, verdiente sich den ersten Save erst mit 26 Jahren.

Spiel der Woche
An dieser Stelle ist es mal wieder Zeit, „unserem“ MLB-Star Max Kepler die Ehre zu erweisen: Mit zwei Homeruns drückte er der gestrigen Partie der Minnesota Twins gegen die Houston Astros mehr als nur seinen Stempel auf. Im dritten Inning war er mit einem 2-Run-Homer daran beteiligt, dass die Twins einen frühen 0:1-Rückstand drehten und mit acht Runs gegen Astros-Starter Lance McCullers scheinbar uneinholbar in Führung gingen. Doch der World Champion aus Houston brachte sich mit vier Runs im fünften Inning wieder in Schlagweite, legte im sechsten einen nach und kam so auf 6:8 heran. Im neunten Durchgang ließ Twins-Closer Fernando Rodney mit zwei Hits und einem Walk zu, dass die Bases sich luden, bevor ein durch 2B Brian Dozier verkorkstes Double Play die zwei nötigen Runs über die Platte brachte, um das Spiel auszugleichen und Rodney einen blown Save zu bescheren. Dass Rodney für seine Nicht-Leistung am Ende ein „W“ zugeschrieben bekam, zeigt mal wieder, was für eine dämliche Statistik Pitcher-Wins sind. Gewonnen hat das Spiel natürlich nicht Rodney, sondern Max Kepler. Mit zwei Outs und einem 3-2-Count nutzte Kepler die allerletzte Chance des Spiels und drosch den Slider von Brad Peacock über das Rightfield – es war der zweite Walkoff-Homerun seiner Karriere.

Mein Einschalttipp
Das alte Feuer ist zurück zwischen den Boston Red Sox und den New York Yankees – weil dieses Jahr beide die Favoritenrolle in der AL East für sich reklamieren, weil trotz des gestrigen Yankees-Sieges der Stachel der 1:14-Niederlage im Spiel zuvor tief sitzen dürfte und natürlich auch weil man nach den oben erwähnten Aktionen rund um Tyler Austin alles andere als friedlich auseinander gegangen ist. Ich werde daher auf jeden Fall verfolgen, wie es heute Nacht um 1:10 Uhr mitteleuropäischer Zeit weiter geht zwischen den beiden Traditionsklubs. Mit Rick Porcello (2.84 ERA, 1.55 FIP) und Sonnny Gray (3.60 ERA, 2.15 FIP) verspricht das Pitcherduell auch sportlich eine hochklassige Begegnung.

April 12th, 2018 by