Warum ich Fan der Mets bin

Als Fan einer Sportart, die auf höchstem Niveau nicht im eigenen Land sondern in einer weit entfernten Gegend der Welt ausgeübt wird, wird man oft gefragt, wie man dazu kommt, einem bestimmten Team die Daumen zu drücken. Mir geht es jedenfalls so und es liegt ja tatsächlich nicht gerade auf der Hand, warum man als Hesse zum eingefleischten Metsfan wird. Um die Frage ein für allemal zu beantworten, rede ich hier heute ausnahmsweise mal von mir selbst und erkläre, wie ich zu den Mets gekommen bin.

Anders als bei meinem Lieblingsteam in der Baseball-Bundesliga, den Mainz Athletics, spielten geographische Nähe oder direkte persönliche Bezüge bei der Auswahl meines MLB-Teams keine Rolle. Ich war zwar ein paarmal in den USA, aber nie für längere Zeit an einem Ort und ich habe auch keine Verwandten dort. Ich musste mir also andere Kriterien überlegen und als ordnungliebender Mensch bin ich die Sache systematisch und Schritt für Schritt angegangen. Nennt es unromantisch oder wie ihr wollt, aber das ist mein Weg und dass ich am Ende bei den Mets gelandet und mit dieser Entscheidung überglücklich bin, beweist, dass es für mich der richtige war.

Ich fing an mit einer Liste von allen 30 Teams und dann begann ich zu streichen: Als erstes flogen alle Teams von der Liste, bei denen mich die Stadt oder Gegend nicht so sehr interessiert, dass ich da auch ohne Baseball mehrmals Urlaub machen würde. Das war das Aus für die Cleveland Indians, Kansas City Royals, Houston Astros, Texas Rangers, Cincinnati Reds, Milwaukee Brewers, Pittsburgh Pirates, St. Louis Cardinals und die Colorado Rockies. Die Chicago White Sox, Chicago Cubs und Minnesota Twins schieden ebenfalls aus, weil ich in der NFL langjähriger Fan der Detroit Lions bin und deshalb die Städte von deren Divisionsrivalen nicht in Frage kamen. Aus dem gleichen Grund haben die Tigers den Cut an dieser Stelle geschafft, denn Detroit ist als Stadt nicht attraktiv, aber wegen der Lions allemal eine Reise wert.

Im zweiten Schritt meiner Auswahl wollte ich sicherstellen, dass ich mich auch außerhalb der Heimatstadt des Clubs mit Fan-Klamotten auf die Straße traue, ich beschäftigte mich also mit Teamnamen und Logos. Das in meinen Augen schlimmste, weil vor rassistischen Stereotypen triefende Logo haben die Indians, die aber sowieso schon nicht mehr auf der Liste waren. Die Atlanta Braves sind in Bezug auf diese Stereotype wohl etwas milder einzustufen, aber trotzdem brauche ich sowas nicht. Eine weitere, dieses Mal unpolitische, Logosünde tragen die Washington Nationals auf ihren Kappen. Ich muss immer zweimal hinschauen, ob der Träger einer solchen Kappe für ein Baseballteam oder für eine Drogeriekette wirbt. Da ich nicht religiös bin, wirken Heiligenscheine und Mönche auf mich nicht sonderlich anziehend, also schieden an dieser Stelle auch die Los Angeles Angels und die San Diego Padres aus. Zu guter Letzt verabschiedete ich mich noch von den Philadelphia Phillies. Den Namen finde ich irgendwie dämlich und ich bin froh, dass er nicht scharenweise Nachahmer gefunden hat. Auf eine Liga, in der die Bosties gegen die Washies spielen, die Balties gegen die Tampies und die Detties gegen die Minnies hätte ich jedenfalls keine Lust.

Wenn ich mal ein Heimspiel meines Teams besuche, dann soll da bitteschön auch was los sein. Ich wollte also kein Team, das regelmäßig in einem halbleeren Ballpark spielt. Während ich in den ersten beiden Ausscheidungsrunden weitgehend subjektiv entschieden hatte, hielt ich mich beim dritten Schritt an die harten Fakten und strich alle Teams, die ihr Stadion in der (damals gerade beendeten) Saison 2013 zu weniger als 60% ausgelastet hatten; außerdem auch alle, deren Zuschauerschnitt bei weniger als 75% von dem der MLB insgesamt (30.514) lag. Das 60%-Kriterium traf auf acht Teams zu; von den noch auf meiner Liste befindlichen waren das die Tampa Bay Rays, die Seattle Mariners, die Arizona Diamondbacks und die Miami Marlins. Die Oakland Athletics hätten sich dem Cut fast entzogen, indem sie geschickterweise ihre wenigen Zuschauer in ein kleines Stadion gepackt und so die 60% überschritten hatten trotz im Schnitt 4.000 Zuschauern weniger als beispielsweise die Diamondbacks. In ihrem Fall griff dann allerdings das zweite Kriterium.

Im vierten Schritt strich ich die Teams einer Art, die für mich überhaupt nicht in Frage kommt. Ich meine großspurige Teams, nach deren Ansprüchen jede Saison ohne Meisterschaft eine verlorene Saison ist, meistens einhergehend mit der Einstellung, dass man sich Erfolge durch exorbitanten finanziellen Einsatz erkaufen kann und sollte. Ich interessiere mich schon lange kaum noch für Fußball, aber immer noch ist die erste Assoziation, die ich zu solchen Clubs habe, der FC Bayern. Dass der FC Bayern der MLB die New York Yankees sind, ist wohl unstrittig und somit waren sie für mich auch von Anfang an das absolute No-Go-Team. Um die übrigen „Großkopferten“ herauszufiltern, habe ich mir noch angeschaut, wer in den letzten Jahren regelmäßig Luxury Tax für das Überschreiten des Gehälterrahmens abführen musste. Neben den Yankees waren das die Boston Red Sox und die Los Angeles Dodgers, die somit ebenfalls von der Liste gestrichen wurden.

Was wäre der Sport ohne die eine oder andere jahrelang gepflegte besondere Hass-Liebe zwischen einzelnen Teams? Für mich ist das jedenfalls das Salz in der Suppe und deshalb wollte ich kein Team ohne echte Erzrivalen. Von den bis hierhin im Rennen verbliebenen Clubs sind die Toronto Blue Jays als einziges kanadisches Team der Liga zwar irgendwie speziell und interessant, aber offenbar so weit draußen und auf lange Sicht so erfolglos, dass sie sich keine nennenswerten Rivalitäten zugelegt haben. Bei den Mets und den Giants sieht es zum Glück anders aus, beide pflegen eine ganze Reihe historischer Feindschaften, die es immerhin zu eigenen Wikipedia-Artikeln gebracht haben, und qualifizierten sich damit eindeutig für die nächste Runde. Ganz so traditionsreich scheinen die Lokalrivalitäten der Orioles mit den Yankees und den Nationals nicht zu sein, aber ich ließ sie gerade noch gelten. Nicht gelten ließ ich hingegen die wechselhaften und dadurch nie so richtig intensiven Rivalitäten der Detroit Tigers.

Die Regeln der MLB für die eine Hälfte der Teams unterscheiden sich bekanntlich etwas von denen für die andere Hälfte. Mir persönlich gefällt das Spiel ohne Designated Hitter besser. Es hat einfach einen besonderen Charme, wenn wirklich jeder Spieler seinen Teil auf beiden Seiten, Offensive und Defensive, beitragen muss. Zwar kann man mit Hilfe von Pinch Hittern und Double Switches auch ohne DH-Regel von diesem Grundprinzip abweichen, aber weil es diese strategischen Elemente nicht umsonst, sondern nur um den Preis unwiederbringlich ausgewechselter Spieler gibt, liegt in ihnen ein zusätzlicher Reiz. Ich habe etwas gezögert, ob ich meine Haltung zur DH-Regel als Kriterium für die Teamauswahl nehmen soll, denn so wichtig, dass ich deswegen gleich der halben MLB die Chance auf meine Zuneigung entziehen wollte, ist sie mir dann doch wieder nicht. Da aber inzwischen nur noch ein einziges AL-Team auf der Liste verblieben war und die Baltimore Orioles auf mich rein vom Bauchgefühl eher eine mittelmäßige Ausstrahlung ausübten, nahm ich die Regeldifferenz nun zum Anlass, im mittlerweile sechsten Schritt der Teamauswahl nur die beiden NL-Teams stehen zu lassen.

Bis hierhin war mir das Filtern leicht gefallen, aber zwischen den New York Mets und den San Francisco Giants zu entscheiden war schwer. Beide Städte hatte ich schon besucht und sie hatten mir gefallen. Die Giants punkteten durch das Stadion (inkl. der Aussicht von dort) und durch die längere Tradition. Für die Mets sprachen die günstigere Zeitzone (=mehr Spiele am mitteleuropäischen Abend), das interessantere AAA-Affiliate (ich liebe Las Vegas), das coolere Maskottchen und dass sie in den Jahren vor meiner Auswahl nicht so erfolgreich waren (Entwicklungsspielraum finde ich interessanter als direkt bei einem Contender einzusteigen). Am Ende entschied das Bauchgefühl, das mich zum Glück nicht im Stich gelassen hat. Ich wurde ein Met und aus heutiger Sicht kann ich mir kaum noch vorstellen, dass das noch nicht mal drei Jahre her ist und dass je ein anderes Team für mich infrage kam.

Mit meinen Ausschlusskriterien habe ich mir jetzt sicher einen Haufen Feinde gemacht; natürlich sind die meisten davon mit einem gewissen Augenzwinkern zu sehen, aber irgendwie muss man ja 29 Teams von der Liste bekommen, wenn am Ende nur noch eines draufstehen soll. Vielleicht nützt meine Beschreibung ja dem einen oder anderen, der für sich noch auf der Suche nach einem Team ist – was nicht heißen soll, dass jetzt alle Metsfans werden müssen, obwohl das natürlich die beste Wahl wäre.

August 9th, 2016 by