Sinnvolle Pitcher-Statistiken

Wie am Ende meines Rants gegen Pitcher-Wins versprochen, werde ich heute auf ein paar Pitcher-Statistiken eingehen, die ich sinnvoll finde – manche mehr, manche weniger, aber auf jeden Fall alle deutlich mehr als die Win-Loss-Bilanz. Ich konzentriere mich auf Aussagen über starting Pitcher. Einiges davon lässt sich auch auf Reliefer übertragen, aber mit denen beschäftige ich mich ein andermal gründlicher.

Es gibt haufenweise Zahlen, die uns etwas über Pitcher sagen – zum Beispiel die Anzahl von Strikeouts, von erlaubten Walks, Hits und Homeruns sowie diverse Verhältnisse dieser Zahlen zueinander, die Auswahl und Geschwindigkeit der Pitches und so weiter. Das alles sind interessante Informationen, aber im Endeffekt bemisst sich die Leistung eines Pitchers an genau zwei Fakten. Erstens: Wie viele Outs produziert er? Zweitens: Wie viele Runs lässt er dabei zu?

Innings Pitched

Outs werden üblicherweise in Form von Innings Pitched (IP) gezählt. IP sind nichts anderes als die produzierten Outs multipliziert mit drei. Dabei werden alle Outs mitgerechnet, die auftreten während der betreffende Pitcher auf dem Mound steht, unabhängig von dessen konkreter Beteiligung. Insbesondere für Starter sind IP eine sehr aussagekräftige Zahl, schließlich ist es deren Hauptaufgabe, ihr Team möglichst lange im Spiel zu halten. Derzeit gilt es als sehr guter Wert, wenn man es pro Saison auf über 200 IP bringt. 2015 gelang dies 28 MLB-Pitchern, angeführt von Clayton Kershaw mit 232.2 IP (.2 bedeutet in dem Fall, dass er zwei Outs mehr als 232 Innings verantwortet hat). Auch für 2016 führt Kershaw in dieser Statistik mit bislang 121.0 IP.

In der Karriere-Rangliste führt, wahrscheinlich für alle Zeiten uneinholbar, der legendäre Cy Young mit 7.356 IP. Dazu muss man sagen, dass zu seiner Zeit um das Jahr 1900 die Pitches mit deutlich geringerer Belastung für den Ellenbogen geworfen wurden, dass Complete Games und kürzere Starterrotationen üblich waren und dass bis 1892 nur 50 Fuß weit gepitcht wurde anstelle der seitdem bis heute üblichen 60 Fuß und 6 Zoll. Angesichts der Entwicklung des Spiels hin zu weniger Innings und längeren Erholungsphasen für die Starter ist es nicht überraschend, dass sich in den historischen Top-200 nur zwei noch aktive Pitcher finden. Es handelt sich um Bartolo Colon mit 3068.2 IP auf Platz 126 und um C. C. Sabathia mit 3058.1 IP auf Platz 128. Die meisten IP in einer Saison gelangen 1879 Will White mit 680.0. Man muss sehr lange blättern, um in der Liste einen Wert aus der „modernen Ära“ des Baseballs zu finden und schließlich bei Wilbur Wood im Jahr 1972 mit 376.2 IP zu landen. Steve Carlton (304.0) war 1980 der bislang letzte Pitcher mit über 300 IP.

(Earned) Runs Allowed

Zugelassene Runs kann man natürlich einfach so zählen, allerdings sind sie für sich genommen wenig aussagekräftig. Das dürfte unmittelbar einleuchten, denn natürlich hat man lieber einen Clayton Kershaw auf dem Mound, der in 121 Innings 25 Runs zugelassen hat, als zum Beispiel seinen Teamkollegen Ross Stripling mit 24 Runs in 45.2 Innings. Man sollte also beide Zahlen, die Runs und die Innings, zueinander ins Verhältnis setzen, um eine gute Aussage über die Qualität eines Pitchers zu erhalten. In der einfachsten Form landet man damit beim Run Average (RA), also der Anzahl von Runs, die der betreffende Pitcher durchschnittlich in 9 Innings zulässt.

Um die Leistung des Pitchers etwas unabhängiger von der Qualität seiner Mitspieler beurteilen zu können, wird üblicherweise eine korrigierte Variante dieses Indikators verwendet, der sogenannte Earned Run Average (ERA). Dieser errechnet sich wie der RA, indem man die erlaubten Runs durch die IP teilt und das ganze mal neun nimmt. Der Unterschied besteht darin, dass in der Berechnung von ERA die Runs nicht mitgezählt werden, die durch Errors oder vom Catcher verpasste Bälle (passed Balls) erzielt werden. Das klingt einerseits sinnvoll, ist andererseits aber mit Recht umstritten, denn die vorgenommene Korrektur unterstellt zwei Dinge: erstens dass der Einfluss der Mitspieler „nur“ in Errors und passed Balls besteht – was nicht stimmt, denn zum Beispiel die Reichweite der Fielder, deren Fähigkeit, Double Plays auszuspielen und Base-Stealer auszuwerfen, spielen ebenfalls eine große Rolle; zweitens dass der Pitcher für Runs nach Errors und passed Balls keine Verantwortung trägt – was ebenfalls oft nicht der Fall ist, denn meistens trägt der Pitcher zu dem Run bei, indem er entweder den scorenden Spieler zuvor per Walk oder Hit auf Base gelassen hat oder indem er zum Beispiel den Hit zulässt, der einen durch Error im Spiel befindlichen Spieler nach Hause bringt. Als drittes Defizit kommt noch hinzu, dass Errors auf einer subjektiven, durchaus unterschiedlich gehandhabten Einstufung der Scorer beruhen. Man kann also mit einigem Recht sagen, dass ERA kaum mehr als eine Scheinkorrektur von RA darstellt. Das ist keine neue Erkenntnis, aber die Baseballwelt ist bekanntlich recht konservativ und so wird ERA trotz bekannter Defizite auf absehbare Zeit der dominierende Indikator für die Leistung von Pitchern bleiben. Das ist für mich O. K., denn alles in allem ist ERA den Nachteilen zum Trotz ein brauchbares Maß.

Auch hier ein kurzer Blick auf aktuelle und historische Resultate: Einen ERA unter 3.0, was im heutigen Baseball als hervorragender Wert gilt, wiesen 2015 lediglich zwölf qualifizierte Pitcher auf (als qualifziert gelten in dem Fall Pitcher mit mindestens so vielen IPs wie Spiele stattgefunden haben, also 162 in einer Saison), angeführt von Zack Greinke (1.66) und Jake Arrieta (1.77), die als einzige unter 2.0 blieben. In der laufenden Saison stehen noch drei qualifizierte Pitcher unter einem ERA von 2.0: Jake Arrieta (1.74), Clayton Kershaw (1.79) und Madison Bumgarner (1.99).

Wie bei den IP ist auch beim ERA in der Karriere-Rangliste zu beobachten, dass die erzielten Werte von der jeweiligen Ära des Spiels abhängen und man deshalb auf den hohen Plätzen nahezu ausschließlich Spieler aus der Dead Ball Era zu Beginn des letzten Jahrhunderts findet. Umso beachtlicher sind die Leistungen von Mariano Rivera (Platz 13 mit 2.209 Karriere-ERA) und Clayton Kershaw (Platz 27 mit 2.385) einzuschätzen, die es als „moderne“ Pitcher so weit nach oben geschafft haben. Kershaw ist der einzige noch aktive Spieler, der in die Top-150 dieser Liste vorgedrungen ist. Betrachtet man hingegen die Einzelsaison-Rekorde, so sticht ein anderer aktiver Pitcher hervor: Die 1.66-ERA-Saison 2015 von Zack Greinke brachte ihn auf Platz 75 dieser Liste und war damit die beste Jahresleistung seit 20 Jahren.

Fielding Independent Pitching

Gehen wir noch mal zurück zu dem Anspruch, der ERA zugrunde liegt, nämlich die Messung der Pitcherleistung ohne den Einfluss der restlichen Defense. ERA erfüllt diesen Anspruch, wie oben aufgezeigt, nicht. Generell scheint es ein aussichtsloses Unterfangen, das Verschulden von Runs trennscharf einem Pitcher zu- oder abzuerkennen. Eines geht aber: Man kann einen Indikator basteln, der nur aus Komponenten zusammen gesetzt ist, die der Pitcher nahezu alleine verantwortet. Das trifft zu für Strikeouts, für Walks und Hit by Pitches sowie für Homeruns – also alle Situationen, bei denen der Ball nicht „in play“ kommt. Aus diesen Einzelteilen besteht der von Tom Tango entwickelte Indikator Fielding Independent Pitching (FIP). Als geschickter kleiner Kniff wird der Formel noch eine Konstante hinzugefügt, mit der FIP auf das gleiche Niveau gehoben wird wie der ERA des betrachteten Zeitraums. Der Ligadurchschnitt für FIP und ERA ist dann also genau gleich und somit hat man es als ERA-gewohnter Beobachter sehr leicht, die Werte zu interpretieren. Geht man nach FIP, so zeigt sich in aktuellen Ranglisten ein leicht anderes Bild als bei der Betrachtung von ERA: Ganz vorne steht aktuell Clayton Kershaw mit 1.65, gefolgt von Noah Syndergaard mit 1.86 und Jose Fernandez mit 1.95. Auch 2015 führte Clayton Kershaw (1.99) als einziger Pitcher mit einem FIP unter 2.0 die Liga an. Zack Greinke mit seinem sensationellen 1.66 ERA brachte es „nur“ auf ein FIP von 2.76 und damit auf Platz 6.

ERA+, ERA-, FIP+, FIP-

Sowohl zu ERA als auch zu FIP gibt es übrigens abgeleitete Indikatoren, die sich am Ligadurchschnitt orientieren. Inhaltlich steckt das gleiche drin wie in den Grundzahlen; diese werden so umgerechnet, dass der Ligadurchschnitt auf 100 gesetzt wird und führen zu neuen Kennzahlen, die sich ERA+, ERA-, FIP+ oder FIP- nennen. ERA+ und FIP+ bedeuten, dass man umso besser ist, je weiter man über 100 liegt, oder umso schlechter, je weiter man darunter landet. Bei ERA- und FIP- ist es genau umgekehrt, hier bedeutet niedrig gut und hoch schlecht. Jake Arrieta steht beispielsweise 2016 bisher bei einem ERA+ von 231, genau in der Mitte liegt Jaime Garcia mit 100 und das Schlusslicht der qualifizierten Pitcher bildet James Shields mit 64. Das Gute an diesen Werten ist, dass sie den Vergleich von Zahlen aus verschiedenen Jahren erleichtern, d. h. jede Pitcherleistung wird ins Verhältnis zu dem zeitlichen Umfeld gesetzt, in dem sie erbracht wurde.

Quality Starts

Zu guter Letzt möchte ich noch eine recht einfache Statistik vorstellen, für die man nicht rechnen muss und die trotzdem ein Maß zur zumindest oberflächlichen Beurteilung von startenden Pitchern liefert: Der Quality Start (QS) wurde 1985 von dem Journalisten John Lowe als Qualitätsmerkmal für einzelne Starts vorgeschlagen. Ein QS liegt dann vor, wenn der startende Pitcher mindestens für sechs Innings auf dem Mound bleibt und dabei höchstens drei earned Runs zulässt.

Auch der QS hat Kritikpunkte, beispielsweise weil er im Extremfall (6 IP und 3 ER) mit einem relativ hohen ERA von 4.5 einhergeht und weil er nicht berücksichtigt, dass beispielsweise ein 9-Inning-Start mit 4 ER objektiv betrachtet die bessere Leistung wäre als ein 6-Inning-Start mit 3 ER, Ersterer aber nicht als QS gezählt wird. Aber der QS ist durch seine Einfachheit eine manchmal hilfreiche „quick and dirty“-Statistik, die jeder schnell versteht. Außerdem sind QS als Instrument zur Schwarz-Weiß-Einstufung jedes einzelnen Starts eine gute Ergänzung zu Indikatoren wie ERA oder FIP, die eher langfristig angelegt sind und wenig Auskunft darüber geben, wie gleichmäßig die Leistungen erbracht werden. Interessanterweise liegt der Anteil von QS ligaweit in den letzten Jahren immer bei ungefähr 50%.

Wenn in der Berichterstattung auf Dauer die übliche Kurzdarstellung „W-L und ERA“ ersetzt würde durch eine Darstellung „QS-GS und ERA“ (GS = Anzahl der gestarteten Spiele), dann wäre das in meinen Augen ein deutliches Upgrade gegenüber dem Status quo. Beispielsweise würde man dann auf einen Blick erfahren, dass dieses Jahr Marco Estrada mit 12 QS in 15 Starts (80%) seinem Team deutlich häufiger die Gelegenheit verschafft hat, mit überschaubarem Offensivaufwand zu gewinnen, als Chris Tillman mit 9 QS in 15 Spielen (56%) – was eine deutlich informativere Aussage über die Pitcherleistung wäre als die 5 Wins von Estrada gegenüber den 10 von Tillman.

Juni 28th, 2016 by