Pitcher-Wins – eine Statistik für die Tonne

Ich liebe Statistiken. Es gibt unzählige ausgefeilte, interessante, informative, lehrreiche, erhellende, sinnvolle Statistiken über Baseball. Pitcher-Wins und -Losses gehören für mich aber nicht dazu und ich möchte heute erklären, warum das so ist.

Wins und Losses bedeutet Siege und Niederlagen, so viel Englisch verstehen wir wohl alle. Und es dürfte auch unmittelbar einleuchten, dass Siege und Niederlagen im Baseball wie in fast jedem Sport die wichtigste Statistik von allen sind – bezogen auf das ganze Team, versteht sich. Im Baseball werden aber nicht nur Teams Siege und Niederlagen als offizielle Statistik zugeschrieben, sondern auch einzelnen Spielern und zwar ohne Ausnahme jeweils genau einem Spieler im gewinnenden bzw. im verlierenden Team. Laut Regelbuch der MLB ist der Win demjenigen Pitcher zuzuschreiben, der im Spiel war, während seine Mannschaft zum letzten (also endgültigen) Mal in Führung gegangen ist. Die einzige Einschränkung ist, dass ein Starting Pitcher mindestens fünf Innings absolviert haben muss, um „gewinnen“ zu können, andernfalls fällt der Win einem Relief Pitcher zu. Umgekehrt wird der Loss dem Pitcher zugerechnet, der den Run für die Gegenseite verursacht hat, durch welchen sein Team endgültig in Rückstand geriet. Wobei der Verursacher zu dem Zeitpunkt durchaus schon ausgewechselt sein konnte, nachdem er den entscheidenden Runner auf Base gelassen hatte.

Die Bilanz der auf diese Art festgelegten Wins und Losses ist meistens der erste Wert, der in der Berichterstattung hinter dem Namen des Pitchers steht, allenfalls noch ergänzt durch den Earned Run Average (ERA), mit dem wir uns ein andermal beschäftigen werden. Aber sind Wins wirklich eine sinnvolle Information darüber, wer für die Gewinnermannschaft den Sieg verdient hat? Ich habe in der Überschrift ja schon subtil angedeutet, dass ich es nicht so sehe…

Schauen wir uns zum Beispiel das Spiel der New York Mets gegen die Los Angeles Dodgers vom 27. Mai dieses Jahres an: Jacob deGrom startet für die Mets und lässt nur einen Run gegen sein Team zu, das mit einer 5:1-Führung ins neunte Inning geht. In diesem übernimmt Jeurys Familia den Mound und scheitert kolossal, indem er vier Hits, einen Walk und vier Runs zulässt, bevor er beim Stand von 5:5 das dritte Aus schafft und mit hängendem Kopf nach seinem schlechtesten Auftritt des Jahres vom Platz schleicht. In der unteren Hälfte des neunten Innings rettet Curtis Granderson den Tag, indem er für die Mets den Walk-Off-Homerun zum 6:5 schlägt. Welcher Spieler hat dieses Spiel gewonnen? Eigentlich keiner, denn als Team gewinnt und verliert man zusammen. Aber wenn man einen herausgreifen muss, dann vielleicht Granderson, weil er den entscheidenden Punkt erzielt hat. Oder Juan Lagares, der mit drei Hits und drei RBI für die meisten Punkte gesorgt hat. Oder wenn es ein Pitcher sein muss, dann doch sicher deGrom, der in sieben starken Innings nur drei Hits und einen Run erlaubt hat, oder? Alles Quatsch, wenn man den Regeln folgt, denn diesen zufolge gehört der Win Jeurys Familia, weil die Mets zum letzten Mal in Führung gegangen sind, während er noch offiziell als Pitcher aufgestellt war.

Das ist kein abstruses Beispiel, nach dem ich lange graben musste, sondern ganz normaler Alltag in der Vergabe von Pitcher-Wins. Auf der Suche nach einem weiteren Beispiel für die Sinnlosigkeit dieser Statistik reicht es, zwei Tage zurück zu blättern: Letzten Sonntag trafen die Baltimore Orioles auf die Toronto Blue Jays. Das Spiel wurde „gewonnen“ von Aaron Sanchez, der für Toronto startete und in fünf Innings sechs Runs zuließ, darunter vier Homeruns. Sanchez war in diesem Spiel der erfolgloseste Pitcher seines Teams, sowohl nach Gesamtzahl der zugelassenen Runs als auch nach zugelassenen Runs pro Inning. Aber er hatte das Glück, dass die Schlagleute seines Teams noch mehr und noch schneller Runs erzielten als er sie kassierte, sodass er den Mound nach fünf Innings mit einer 7:6-Führung verließ, zu der er selbst wohl am wenigsten konnte. Win für Sanchez.

Noch ein Beispiel, dann lassen wir es für heute gut sein: Am 25. Mai gelangen Junior Guerra als Starter für die Milwaukee Brewers gegen die Atlanta Braves fünf Innings ohne einen zugelassenen Run. Als er ausgewechselt wurde, führte sein Team 1:0, am Ende gewann es 3:2. Einen Win verdiente sich Guerra damit aber nicht, denn Reliever Chris Capuano ließ zu, dass die Führung zwischenzeitlich verloren ging und bestrafte damit nicht sich selbst sondern Guerra. Den Win erhielt übrigens Michael Blazek, der eines von insgesamt zwölf scorelosen Innings der Brewers pitchte und zufällig offiziell im Spiel war, als seine schlagenden Teamkollegen das 3:2 erzielten.

Das sind drei Beispiele aus jüngerer Zeit, keines davon besonders ausgefallen, aber sie alle demonstrieren, was problematisch daran ist, Wins und Losses für die Beurteilung von Pitchern heranzuziehen: Sie messen schlichtweg allzu oft nicht das, was sie sollen, nämlich welcher Pitcher den wichtigsten Beitrag zum Sieg seines Teams beigetragen hat. Die Win-Loss-Bilanz eines Pitchers hängt ab von der Offensivstärke seines Teams, von der Stärke des Bullpens und zu einem guten Teil auch schlichtweg von Glück oder Pech. Und das gilt nicht nur für einzelne Spiele sondern auf ganze Saisons oder gar Karrieren hin. Schauen wir uns zum Beispiel die Statistiken der Saison 2015 an: Shelby Miller von den Atlanta Braves hatte eine sehr gute Saison, mit einem ERA von 3.02 steht er MLB-weit auf Platz 14 aller Pitcher mit mindestens 162 Innings. Aber weil er bei einem schlechten Team spielt, weist er eine Win-Loss-Bilanz von nur 6-17 auf. Colby Lewis von den Texas Rangers hingegen steht mit einem ERA von 4.66 auf Platz 70, hat aber eine Bilanz von 17-9. Wer von den beiden hat wohl besser gepitcht?

Manch einer wird nun denken: Dann soll er die Wins-Statistik eben einfach ignorieren. Das versuche ich unentwegt, aber ständig stößt man auf Sätze wie „er hat hervorragend gepitcht, aber zum Win hat es für ihn nicht gereicht“ oder „er lässt zu viele Runs zu, aber immerhin fährt er regelmäßig Wins ein“ oder „wenn er am Ende des Jahres 20 Wins auf dem Konto hat, war das eine starke Saison“. In meinen Ohren sind das Aussagen, die nicht nur nichts aussagen sondern darüber hinaus von echten Informationen ablenken. Ich wünschte, sie würden aus dem Phrasenschatz der Kommentatoren ein für allemal gestrichen und genauso aus den Standardtabellen der Statistikseiten und aus dem Scoring von Fantasyligen.

Sorry, liebe Leser (habe ich überhaupt welche? ich würde mich riesig über den ersten Kommentar freuen, selbst wenn es nur der Hinweis auf einen Rechtschreibfehler wäre), dass mein erster Statistikartikel ein destruktiver Rant geworden ist. Ich verspreche, dass der nächste konstruktiver wird, d. h. ich werde dann auch den einen oder anderen Indikator nennen, den ich gut finde.

Juni 14th, 2016 by