Statistiken über Relief Pitcher

Wenn ich in früheren Artikeln über mehr oder weniger brauchbare Pitcher-Statistiken geschrieben habe, dann ging es in erster Linie um Starting Pitcher. Heute möchte ich meinen Blick stärker Richtung Bullpen richten und ein paar Gedanken festhalten, welche Stats man heranziehen kann, um die Leistung von Relief Pitchern sinnvoll zu beurteilen.

Wins und Losses

Mein „ceterum censeo“ setze ich gleich an den Anfang: Das Zählen von Pitcher-Wins und -Losses ist für Reliever noch blödsinniger als für Starter, aber über das Thema habe ich hier eigentlich schon alles gesagt.

IP, ERA, FIP

Die wichtigsten Aufgaben eines Pitchers – in dem Punkt unterscheiden sich Reliever nicht von Startern – sind das Produzieren von Outs und das Verhindern von Runs. Das führt direkt zu Indikatoren wie Innings Pitched (IP), ERA und FIP, die ich allesamt hier erklärt habe. Einige Fallstricke machen die Interpretation dieser Zahlen jedoch für Relief Pitcher etwas schwieriger als für Starter. Zum Beispiel sind für Reliever, dadurch dass sie im Laufe einer Saison in der Regel deutlich weniger Innings pitchen als die Starter, Durchschnitts- und Anteilswerte wie ERA, FIP, HR/9% oder SO/BB% deutlich unzuverlässiger und anfälliger für Ausreißer, wenn man die Betrachtung nicht auf einen großen Zeitraum (am besten mindestens eine ganze Saison) bezieht.

Hinzu kommt, dass man erst mal identifizieren muss, wer überhaupt als Reliever gelten soll. Wählt man die Relief-Pitcher-Tabelle auf Baseball-Reference und sortiert sie nach IP, so stellt man fest, dass auf den ersten vierzig Plätzen ausnahmslos Pitcher stehen, die auch Spiele gestartet haben. Da steht Tanner Roark ganz oben mit 124.2 IP, was im Zusammenhang mit Relief Pitching völlig in die Irre führt, weil er in seinen zwanzig Spielen dieses Jahr nur ein einziges mal als Reliever auftrat. Fangraphs hingegen bezieht in die Standardtabelle ausschließlich die Relief-Einsätze ein, was für unsere Zwecke informativer ist. Hier sieht man auf den ersten Blick, dass Brad Hand (Padres) diese Saison bisher von allen Relief Pitchern die meisten Outs produziert hat und dass Brad Brach (Orioles) ein ganz fantastisches Jahr hat, in dem er nicht nur die zweitmeisten Relief-Innings gepitcht hat, sondern in diesen mit 0.88 ERA auch extrem dominant war.

Eine interessante Möglichkeit, um Spezialistenpitcher wie LOOGYs (Lefty One-Out GuYs) zu identifizieren und zu beurteilen, sind Split-Statistiken, also Statistiken, die die üblichen Werte wie ERA, FIP etc. getrennt nach bestimmten At-Bats – in dem Fall solche gegen linkshändige Batter – darstellen. Leider gibt es Übersichtstabellen mit Linkshänder-/Rechtshändersplits auf den mir bekannten Statistikseiten nicht gesondert für Relief Pitcher. Das ist sehr schade, denn gerade dafür wären sie besonders brauchbar. So bleibt einstweilen nichts anderes übrig, als erstens weiter Ausschau zu halten, ob es nicht doch eine Seite gibt, die diese Aufgliederung anbietet (wenn ihr eine kennt, sagt mit bitte Bescheid!), und zweitens für die Zwischenzeit die verfügbaren Split-Tabellen entweder manuell durchzublättern oder gezielt nach Spielern zu durchsuchen, die man auf andere Weise als potenzielle LOOGYs identifiziert hat. Sehr verdächtig sind in diesem Sinne all jene Spieler, bei denen eine große Anzahl von Spielen mit einer vergleichsweise kleinen Anzahl von Outs bzw. Innings einhergeht: Vergleicht man hier Spalte G mit Spalte IP, so stößt man schnell auf Kandidaten wie Josh Osich (Giants), Zach Duke (White Sox), Jerry Blevins (Mets) oder Marc Rzepczynski (Athletics) und beim Betrachten ihrer Split-Statistiken zeigt sich, dass diese Reliever bei ihren meist kurzen Einsätzen tatsächlich überproportional häufig gegen Linkshänder antreten dürfen.

Saves

Ausschließlich für Relief Pitcher und zwar in erster Linie für Closer gibt es die statistische Kategorie des Saves. Einen Save kann pro Spiel nie mehr als ein Pitcher verdienen. Das tut er, indem er für sein Team das letzte Aus im Spiel produziert, ohne selbst den Win zugerechnet zu bekommen, sofern er eine von drei weiteren Bedingungen erfüllt: entweder er kommt ins Spiel mit einer Führung seines Teams von höchstens drei Runs und pitcht selbst mindestens ein Inning lang; oder er kommt ins Spiel mit dem potenziell ausgleichenden Run auf Base, am Schlag oder on Deck; oder er pitcht mindestens drei Innings lang.

Der Save ist ein Indikator für die Erfüllung einer sehr wichtigen Aufgabe, weist aber auch einige Schwächen und Tücken auf. Die erste Tücke ist, dass Saves oft missverstanden werden als das Qualitätskriterium für Relief Pitcher, was natürlich insofern Unsinn ist, als Saves eben nur in Save-Situationen verdient werden können, in welche viele Relief Pitcher im Rahmen der Aufgabenverteilung selten oder nie kommen. Eine weitere Tücke ist, dass beim Zählen von Saves unberücksichtigt bleibt, dass die Häufigkeit und Schwierigkeit der Save-Situationen vom Team abhängen. Das verzerrt die Wahrnehmung vor allem dann, wenn nur auf die Absolutzahl der Saves geschaut wird und nicht auf den Anteil erfolgreicher Saves an allen Save-Möglichkeiten. Ein brauchbares Bild von der Leistung eines Closers ergibt nur beides zusammen.

Die beiden erfolgreichsten Closer der laufenden Saison haben bislang perfekte Arbeit bei jeder ihrer Save-Gelegenheiten geleistet: Jeurys Familia (Mets) hat 32 Saves aus ebenso vielen Chancen gemacht, Zach Britton (Orioles) 29 aus 29. Auch A. J. Ramos (Marlins) bringt es auf 29 Saves, er hatte jedoch bereits eine verpatzte Save-Gelegenheit, einen Blown Save. Den Rekord für die meisten Saves in einer Saison (62 im Jahr 2008) hält Francisco Rodriguez (damals Angels, heute Tigers), die meisten Saves insgesamt gehen auf das Konto von Mariano Rivera (Yankees) mit 652.

Holds

Da Saves in erster Linie für Closer erreichbar und damit auch nur für sie sinnvoll interpretierbar sind, gibt es als Ergänzung die (im Gegensatz zum Save nicht offizielle) Statistik über Holds. Ein Hold ist prinzipiell das gleiche wie ein Save mit dem einzigen Unterschied, dass der betreffende Pitcher nicht das Spiel beendet, sondern bei fortbestehender Führung seines Teams ausgewechselt wird. Einen Hold können sich in einem Spiel mehrere Pitcher verdienen. Durch den Einbezug von Holds wird der Blick auf die Relief Pitcher etwas breiter, wobei auch hier durch die Anwendung größtenteils identischer Kriterien wie beim Save der Schwerpunkt auf den späteren Innings liegt. Holds verdienen sich somit in erster Linie Setup-Pitcher, also die Pitcher, die direkt vor dem Closer – typischerweise im achten Inning – zum Einsatz kommen.

Die meisten Holds in der MLB-Geschichte hat Matt Thornton (White Sox u. a., heute Padres) erzielt, die meisten Holds in einer Saison verzeichneten Joel Peralta (Rays) 2013 und Tony Watson (Pirates) 2015 mit jeweils 41. In der aktuellen Saison wird die Statistik von Dellin Betances (Yankees) mit 22 Holds angeführt.

Fazit

Für die Reliever gilt noch stärker als für die Starter, dass nur ein Bündel von verschiedenen Indikatoren ein einigermaßen umfassendes und ausgeglichenes Bild ergibt, vor allem weil die Reliever sich in diverse Spezialaufgaben aufgliedern. So lohnt sich für Closer der Blick auf Saves, für Setup-Pitcher der Blick auf Holds, für linkshändige Spezialisten sind vor allem die entsprechenden Splits gegen linkshändige Batter interessant, für Long Reliever hingegen vor allem die IP usw. Hinzu kommen übergreifende Maße wie ERA und FIP, die für alle Pitcher relevant sind – vorausgesetzt, die Fallzahlen bzw. Zeiträume sind groß genug, um verlässliche Zahlen zu erhalten.

Juli 18th, 2016 by