August 22nd, 2017 by Dominik

Wer regelmäßig Baseball im Fernsehen bzw. über das Internet schaut und dabei Übertragungen von verschiedenen Sendern sieht, wird zwangsläufig auf einen fundamentalen Unterschied stoßen: Bei den einen muss man sich die Strikezone wie im richtigen Leben selbst denken, die anderen blenden sie in Form eines Kastens ein, was dann ein bisschen aussieht wie in einem Videospiel.

Die technische Umsetzung solch einer Box ist nicht einfach, da die Höhe der Strikezone den Regeln nach vom Körperbau des jeweiligen Batters abhängt: Bis 2016 reichte sie vom unteren Ende der Kniescheibe bis zur Mitte zwischen Schultern und Gürtellinie; seit diesem Jahr ist sie etwas kleiner, da die Untergrenze auf das obere Ende der Kniescheibe verschoben wurde. Und nicht nur die unterschiedliche Größe der Batter beeinflusst die Strikezone, sondern auch deren unterschiedliche Körperhaltung. Um die jeweils richtige Strikezone für jeden Batter einzustellen, passt ein Techniker – der sogenannte K-Zone-Technician – die Box jeweils manuell an. Jeder Pitch wird dann von mehreren Kameras erfasst, um in einem Programm seine Flugbahn nachzuzeichnen und ihn mit der eingestellten Strikezone abzugleichen. So erhält der Zuschauer ein dreidimensionales Bild und eine relativ verlässliche Einschätzung von Balls und Strikes. Die elektronische Strikezone weist eine Genauigkeit von +/- 1cm auf – theoretisch jedenfalls, denn in der Praxis variiert die Strikezone bekanntlich auch je nach Umpire.

Die Technik wurde 2001 von der Firma Sportsvision im Auftrag des Senders ESPN und der MLB entwickelt und zunächst nur für die nachträgliche Beurteilung von Pitches in der Übertragung verwendet. Die anderen Sender sind schnell auf den Zug aufgesprungen und nutzen heute fast alle diese interessante Analysemöglichkeit. ESPN blieb allerdings Vorreiter der Entwicklung: Als erster Sender ging ESPN 2015 dazu über, die Strikezone live bei jedem Pitch einzublenden. Ob das ein Fluch oder ein Segen ist, ist seitdem ein Streitpunkt.

Ich muss sagen, dass ich kein Freund der dauerhaft eingeblendeten Strikezone bin. Für mich nimmt dieser virtuelle Kasten sowohl ein Stück der Ästhetik des Sports weg als auch den Spaß, sich selbst ein Bild von den Pitches zu machen. Hinterher lasse ich mir gerne zeigen, wie und wohin der Ball tatsächlich geflogen ist und ob ich zu Recht oder zu Unrecht auf den Umpire geschimpft habe, aber die erste Einschätzung möchte ich ohne Ablenkung selbst vornehmen. Baseball mit eingeblendeter Strikezone ist für mich ein bisschen wie ein englischer Film mit deutschen Untertiteln: Ich kann die Sprache eigentlich gut genug, um das Original zu genießen, aber der Blick wird doch immer wieder abgelenkt. Wobei der Vergleich etwas hinkt, da die Strikezoneeinblendung kein Untertitel sondern mitten im Bild ist, was die Sache nur schlimmer macht.

Was meint ihr zur dauerhaften Einblendung der Strikezone? Angenehm, nerivg oder egal?

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Januar 7th, 2017 by Dominik

Heute beschäftige ich mich mit der Evolution der Regeln unseres schönen Sports. Roman hatte im Offseason-Wunschkonzert gefragt, ob im Laufe der Zeit generell mal Änderungen im Gespräch waren und ob speziell die Abstände zwischen den Bases sowie zwischen Mound und Homeplate irgendwann geändert wurden. Kurz gesagt: Änderungen gab es schon oft und wird es auch immer wieder geben. Wirklich massive Eingriffe, die den Charakter des Spiels verändert haben, waren in den ersten Jahrzehnten der Entwicklung des Baseballsports (d. h. vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) relativ häufig, sind aber seit Beginn der „modernen Ära“ an einer Hand abzuzählen.

Historische Entwicklung der Regeln
Das erste bekannte Regelwerk für Baseball stammt aus dem Jahr 1845. Die sogenannten Knickerbocker Rules unterschieden sich noch recht stark von dem Spiel, das wir heute kennen. Zum Beispiel dauerte ein Spiel damals noch nicht neun Innings sondern so lange, bis eines der Teams 21 Runs erzielt hatte (und das andere Team genauso oft am Schlag gewesen war wie das führende). Der Standort des Pitchers war nicht genau geregelt, eindeutig war aber die Vorschrift, dass ein Pitch „underhand“ zu werfen war, also von unten und mit steifem Handgelenk und Ellenbogen. Homeruns gab es damals nicht: Es wurde in der Regel auf sehr großen Feldern gespielt und falls der Ball tatsächlich über selbiges hinwegsegelte, galt er als Foulball.

Es dauerte rund 50 Jahre, bis sich durch Versuch und Irrtum die Regeln herauskristallisiert hatten, die weitgehend dem heute üblichen Spiel entsprechen. Als Meilensteine können die 1884 erteilte Erlaubnis von Überhandpitches sowie die 1893 erfolgte Festlegung des Abstands zwischen dem Pitcher und der Homeplate auf 60 Fuß und 6 Zoll (18,44 Meter) gelten. Zwischenzeitlich hatte man sich auch auf neun Innings (1856), auf neun Spieler pro Team (1856), auf die Einführung von called Strikes (1858), auf den Walk nach vier Balls (1889) und leider auch auf den rassistischen Ausschluss dunkelhäutiger Spieler aus den Major Leagues (1889) geeinigt. Das Recht des Batters, einen hohen oder niedrigen Pitch zu verlangen, wurde 1867 eingeführt und 1887 wieder abgeschafft. Eine der allerersten Regeln ist bis heute unverändert geblieben: Der Abstand zwischen den Bases betrug schon in den Knickerbocker Rules von 1845 (ungefähr) 90 Fuß (27,423 Meter).

Seit ca. 1900 spricht man von der modernen Ära des Baseballs und meint damit, dass die Grundregeln sich in dieser Zeit kaum noch geändert haben. Dennoch gab es natürlich immer wieder kleinere und größere Eingriffe in das Regelwerk, weswegen man auch sehr vorsichtig dabei sein sollte, Statistiken aus verschiedenen Jahren miteinander zu vergleichen, ohne Anpassungsfaktoren für das jeweilige „Run Environment“ zu berücksichtigen. Letzteres bedeutet, dass es in der Geschichte des Baseballs unterschiedliche Phasen gibt, zwischen denen sich die übliche Anzahl von Runs und anderen zählbaren Elementen stark voneinander unterscheidet – abhängig von sich verändernden Taktiken, Ballparks und Materialien und eben von den jeweils gültigen Regeln. So gibt es zum Beispiel die Dead Ball Era von 1900 bis 1919, in der generell sehr wenige Runs erzielt wurden, oder die Steroid Era von Ende der 80er-Jahre bis in die frühen 2000er, in der sehr viel mehr Homeruns üblich waren als früher, wobei Doping wohl eine starke Rolle spielte. Statistiken wie den ERA eines Pitchers oder den Average eines Batters aus dem Jahr 1909 dem eines Spielers aus dem Jahr 1999 gegenüber zu stellen, würde angesichts der unterschiedlichen Run Environments zu völligen Fehlurteilen über die Qualität der jeweiligen Spieler führen.

Hier die wichtigsten Regeländerungen während der modernen Ära des Baseballs:

  • 1904: Die Höhe des Mounds wird auf 15 Zoll (38,1 cm) festgelegt.
  • 1907: Die Höhe der Strikezone reicht von der Schulter bis zum Knie des Batters.
  • 1920: Es wird nicht mehr für das ganze Spiel der gleiche Ball verwendet und der Pitcher darf den Ball nicht mehr mit Spucke, Schmirgelpapier oder sonstigen Materialien bearbeiten (der mutmaßliche Hauptgrund für das Ende der Dead Ball Era).
  • 1947: Die Rassentrennung in der MLB wird aufgehoben.
  • 1950: Die Höhe der Strikezone reicht von der Achselhöhle bis zum oberen Ende des Knies des Batters.
  • 1959: Neue Ballparks müssen Mindestmaße von 325 Fuß (99 Meter) in den Ecken und 400 Fuß (122 Meter) im Zentrum des Outfields aufweisen.
  • 1963: Die Höhe der Strikezone reicht vom oberen Ende der Schulter bis zum Knies des Batters.
  • 1969: Die Höhe der Strikezone reicht von der Achselhöhle bis zum oberen Ende des Knies des Batters.
  • 1969: Die Höhe des Mounds wird auf 10 Zoll (25,4 cm) reduziert.
  • 1971: Alle Batter werden verpflichtet, Helme zu tragen.
  • 1973: Farben und Größen der Fanghandschuhe werden vereinheitlicht.
  • 1973: Die American League führt den Designated Hitter (DH) ein.
  • 1975: Die Bälle werden künftig aus Rinderhaut gefertigt statt wie bisher aus Pferdehaut.
  • 1988: Die Höhe der Strikezone reicht von der Mitte zwischen dem oberen Ende der Schulter und dem oberen Ende der Uniformhose bis zum oberen Ende des Knies des Batters.
  • 1996: Die Höhe der Strikezone reicht von der Mitte zwischen dem oberen Ende der Schulter und dem oberen Ende der Uniformhose bis unterhalb der Kniescheibe des Batters.
  • 2005: Nach rund 15 Jahren, in denen Doping von der MLB zwar als illegal eingestuft, aber nicht ernsthaft verfolgt wurde, werden erstmals strikte Anti-Doping-Regeln und entsprechende Strafen eingeführt.
  • 2008: Die MLB führt den Videobeweis (instant replay) für bestimmte Situationen ein.
  • 2014: Die Anti-Doping-Regeln werden verschärft: Für den ersten Verstoß erfolgt nun eine Sperre von 80 Spielen, für den zweiten sind es 162 Spiele und für den dritten gilt die Sperre lebenslang.
  • 2014: Catcher dürfen nicht mehr die Homeplate blockieren, um einen Run zu verhindern, wenn sie nicht in Ballbesitz sind.
  • 2016: Slides von Baserunnern bei einem potenziellen Double Play sind illegal, wenn sie kein Bemühen erkennen lassen, die Base zu erreichen und darauf zu bleiben.
  • Aktuelle Regeländerungen
    Die MLB verfolgt momentan zwei Ziele: Zum einen möchte sie die Gesamtdauer der Spiele verkürzen. Zu diesem Zweck ist seit letztem Jahr die Dauer eines Besuchs auf dem Mound auf 30 Sekunden beschränkt und die Pausen zwischen Innings wurden um 20 Sekunden verkürzt auf 2 Minuten und 25 Sekunden für USA-weit übertragene und 2 Minuten und 5 Sekunden für sonstige Spiele. Eine weitere Beschleunigungsmaßnahme ist die ganz neue Regel, über die ich hier schon mal geschrieben habe: Intentional Walks werden künftig nicht mehr gepitcht sondern nur noch gegenüber dem Batter angezeigt. Das andere Ziel der MLB ist mehr Aktion, also mehr ins Spiel kommende Bälle. Dafür wird – wie schon häufig zuvor – an der Strikezone herumgedoktort: Sie verkleinert sich ab diesem Jahr um die Höhe einer Kniescheibe, indem ihr unteres Ende von unter dem Knie auf über das Knie verlegt wird. Auch dazu hatte ich im genannten Artikel schon meine Meinung geäußert.

    Ich habe mich hier auf Änderungen beschränkt, die unmittelbar das Spiel betreffen. Daneben hat sich im Laufe der Zeit eine Menge getan, was die Regeln abseits des Spielfeldes – Draft, Free Agency, Gehaltsgrenzen, Trades, internationale Verpflichtungen, Rostergrößen, Spielpläne etc. – betrifft. Das ist genug Stoff für einen eigenen Artikel, den ich bestimmt auch irgendwann mal schreiben werde. Eines muss ich noch erwähnen: MLB-Spieler dürfen sich ab diesem Jahr bei Rookie-Initiationsriten nicht mehr als Frauen verkleiden. Klingt komisch, ist aber richtig und gut so.

    Wünschenswerte Regeländerungen
    Zu guter Letzt gönne ich mir ein bisschen Träumerei mit einer kleinen Wunschliste von Regeländerungen, die mir gefallen würden:

  • Komplette Abschaffung der DH-Regel. Battende Pitcher sowie die damit verbundenen strategischen Elemente wie Pinch Hitting und Double Switches sind eine Bereicherung des Baseballsports.
  • Wenn ein Baserunner bei einem Ground Rule Double eindeutig scoren würde, dann sollte ihm der Run zugesprochen werden. Es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, dass ein Outfielder dafür belohnt wird, auf das Fielden des Balls zu verzichten.
  • Absichtliche Hit-by-Pitches (meist als Revanche für das Brechen „ungeschriebener Regeln“) sollten stärker sanktioniert werden, ganz besonders wenn sie auf den Kopf abzielen. Keiner braucht diese Spirale der Gewalt.
  • Und natürlich die Abschaffung der Pitcher-Wins als offizielle Statistik.
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    Juni 11th, 2016 by Dominik

    Das Competition Committee der MLB sowie die Ligaleitung haben sich vor ein paar Tagen auf zwei Regeländerungen geeinigt, die 2017 in Kraft treten sollen.

    Die erste Änderung ist, dass die vier Balls für einen Intentional Walk zukünftig nicht mehr gepitcht werden müssen. Es reicht stattdessen aus, wenn der Pitcher dem Home Plate Umpire anzeigt, dass er den Batter walken möchte und damit ist die Sache erledigt. Mir erscheint das vernünftig, denn die bisherige Form des Intentional Walks ist in aller Regel eine langweilige Formalie, auf die man gut und gerne verzichten kann – auch wenn wir nun auf seltene Perlen wie diese oder diese in Zukunft gänzlich verzichten müssen.

    Etwas einschneidender und sicher auch umstrittener ist die andere Regeländerung: Die Strikezone wird ab nächster Saison etwas kleiner sein als bisher. Genauer gesagt geht es um deren untere Grenze: Bislang beginnt die Strikezone laut Regeln mit der Vertiefung unterhalb der Kniescheibe des Batters, in der neuen Fassung verschiebt sich diese Linie auf das obere Ende des Knies. Durch diese Anpassung sollen die Pitcher gezwungen werden, höher zu zielen, damit es weniger Strikeouts gibt und mehr Bälle ins Spiel kommen. Damit möchte man der Entwicklung entgegen wirken, dass die Zahl der Runs und Hits im Laufe der letzten Jahre deutlich abgenommen hat, was wohl zumindest zu einem Teil dadurch verursacht wurde, dass viele Umpires die untere Ausdehnung der Strikezone zunehmend pitcherfreundlich ausgelegt haben.

    Die Frage ist, ob dieser Effekt tatsächlich erreicht wird. Ich bin da eher skeptisch und vermute, dass die meisten Pitcher ihren Stil nicht von heute auf morgen umstellen, vor allem weil niedrige Pitches auch weiterhin für den Batter schwer zu treffen und für den Umpire schwer zu beurteilen sind. Es wird dann zwar weniger Strikeouts geben, dafür aber nicht unbedingt mehr Bälle im Spiel sondern vor allem mehr Walks. Das wäre dann zwar ebenfalls eine Stärkung der Offensive, aber nicht die von der Liga gewünschte Zunahme an Spielaction. Trotz meiner Skepsis halte ich die Änderung für einen sinnvollen Schritt. Mein Interesse besteht ohnehin nicht in mehr Action sondern in einem ausgeglichenen Duell zwischen Pitcher und Batter und in der Hinsicht geht die Verkleinerung der Strikezone in die richtige Richtung.

    Beide Änderungen sind übrigens noch nicht endgültig beschlossen, ihr Inkrafttreten zur nächsten Saison darf aber nach den Signalen der letzten Tage als sehr wahrscheinlich angesehen werden.

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