Wer ist eigentlich Tommy John?

Ich bin sicher, kein Name eines früheren MLB-Spielers begegnet einem heutzutage häufiger – nicht Babe Ruth, nicht Willie Mays, nicht Ted Williams oder Hank Aaron und auch nicht Barry Bonds. Tommy John stellt sie mit seiner Präsenz alle in den Schatten – und manch einem läuft es immer, wenn sein Name fällt, kalt den Rücken runter. Das ist nicht deshalb so, weil er ein besonders unangenehmer Zeitgenosse wäre und auch nicht, weil er mit seiner Spielweise die Gegner in Angst und Schrecken versetzt hätte. Mit einem Karriere-ERA von 3.34 und vier Berufungen ins All-Star-Team war John ein sehr guter, aber kein alles überragender Pitcher. Doch ihm ist gelungen, was vor ihm noch niemandem gelungen war: Nach der irreparablen Schädigung des wichtigsten Stabilisierungsbandes in seinem Wurfellenbogen – des ligamentum collaterale ulnare (englisch: ulnar collateral ligament) – pitchte er dreizehn weitere Jahre lang in der MLB. Verantwortlich dafür ist eine Operationsmethode, die an Tommy John erstmals durchgeführt wurde und die seither nach ihm benannt ist: die berühmt-berüchtigte Tommy-John-Surgery.

Tommy John begann seine MLB-Karriere 1963 im Alter von 20 Jahren in Cleveland. Elf Jahre lang trat der linkshändige Starter für die Indians, die White Sox und die Dodgers an, dann schien seine aktive Zeit beendet: Der Ellenbogen spielte nicht mehr mit und John konnte nicht an der World Series teilnehmen, die die Dodgers in diesem Jahr erreichten. Johns letzte Hoffnung bestand in einer Methode, deren Erfolgschancen der Orthopäde und Teamarzt Dr. Frank Jobe mit 1:100 bezifferte: Das beschädigte Band wird entfernt und durch ein anderes Band ersetzt. Dieses Ersatzteil wird entweder dem Körper des Patienten selbst (meist aus dem Unterarm oder dem Bein) oder als Organspende einer Leiche entnommen.

Am 25. September 1974 führte Dr. Jobe die OP an Tommy John durch. Sie verlief ohne Komplikationen, zog aber eine langwierige Reha-Phase nach sich: Die komplette Saison 1975 verbrachte John damit, seinen Körper wieder an die Belastung des Pitchens heranzuführen und dabei seine Bewegungsabläufe so zu korrigieren, dass diese Belastung minimiert wird. Eine große Unterstützung war dabei sein Teamkamerad Mike Marshall, erfolgreicher Relief-Pitcher bei den Dodgers und promovierter Kinesiologe, der bereits bei Johns Entscheidung für die OP eine wichtige Rolle gespielt hatte.

1976, mit 33 inzwischen in einem Alter, in dem viele Profisportler in Rente gehen, begann Tommy John seine zweite Karriere, die länger und erfolgreicher war als die erste: Drei der vier All-Star-Berufungen und alle drei World Series, in denen er spielte, erreichte er in der Phase nach der Operation. Bis zu seinem endgültigen Karriereende im stolzen Sportleralter von 46 Jahren verpasste Tommy John kein einziges Spiel mehr aufgrund von Ellenbogenproblemen. Die drei größten Auszeichnungen blieben ihm jedoch versagt: Bei seinen drei Teilnahmen an den World Series zwischen den Dodgers und den Yankees (1977, 1978 und 1981) stand er jeweils auf der Verliererseite, beim Cy-Young-Arward landete er zweimal (1977 und 1979) auf Platz zwei und bei seiner letzten Chance, über das Wahlverfahren in die Hall of Fame zu gelangen, brachte er es 2009 nur auf 31,7% statt der benötigten 75%.

Die Tommy-John-Surgery war eine Revolution für die Sportmedizin, wenngleich eine von der schleichenden Sorte: Nach der ersten OP führte Dr. Jobe den Eingriff zwei Jahre lang nicht mehr durch, um zunächst den Erfolg bei John abzuwarten. Nachdem dieser gesichert war, nahm die Zahl der Tommy-John-OPs beständig zu und ist heute gängige Praxis insbesondere im Baseball, aber auch für andere Sportler wie Football-Quarterbacks und Speerwerfer, bei denen die Beanspruchung des Ellenbogengelenks durch häufige Wurfbewegungen ähnlich hoch ist. Die Erfolgsaussichten, nach der Operation wieder zu voller Einsatzfähigkeit zurückzukehren, werden heutzutage auf 85 bis 90 Prozent beziffert. Was sich seit der ersten Tommy-John-OP bis heute so gut wie gar nicht geändert hat, ist die nötige Erholungszeit: Ein Jahr für Pitcher und ein halbes Jahr für Feldspieler gelten nach wie vor als Mindestmaße für eine vollständige Erholung von dem Eingriff.

Ins Reich der Mythen und Märchen wird von den meisten Experten übrigens die Annahme verwiesen, man könne nach einer Tommy-John-Surgery härter und ausdauernder werfen als vorher – die bei zahlreichen Eltern den Wunsch entstehen ließ, ihre Kinder „vorsorglich“ der Operation zu unterziehen. Dass in einigen Fällen nach der OP tatsächlich bessere Leistungen erzielt werden als vorher sah (nicht nur) ihr Erfinder Dr. Jobe darin begründet, dass die Patienten nach der OP ein größeres Augenmerk auf das Training und die angemessene Beanspruchung des Gelenkes legen als vorher.

 

Juni 26th, 2017 by