Ungeschriebene Regeln – einfach mal aufgeschrieben

In den beiden Serien zwischen den Red Sox und den Orioles waren sie kürzlich mal wieder ganz großes Thema: die sogenannten „unwritten rules“, die ungeschriebenen Regeln im Baseball. In meinen Augen schwanken die meisten dieser Verbote, Gebote und Rituale entweder zwischen Kindergarten und Folklore oder aber es handelt sich um Selbstverständlichkeiten des menschlichen Miteinanders. Jedenfalls nehmen viele Spieler und auch einige Coaches und Manager die althergebrachten Anweisungen, das Spiel „auf die richtige Art“ zu spielen, nach wie vor sehr ernst. Ich habe mal ein bisschen recherchiert und die wichtigsten ungeschriebenen Regeln zusammengetragen. Übrigens breche ich mit diesem Artikel die ungeschriebene Regel Nummer eins: Schreibe keine ungeschriebenen Regeln auf!

Versuche nichts Besonderes in einem einseitigen Spiel
Egal ob das eigene Team deutlich führt oder deutlich zurück liegt: Es gilt als unhöflich, in solche einer Situation irgendetwas zu tun, was das Spiel unnötig in die Länge zieht, unnötigen Aufwand für eines der Teams verursacht und/oder nur dem Verschönern der eigenen Statistiken dient: das Stehlen von Bases, das Schwingen nach einem 3-0-Pitch, überraschende Bunts, durch zahlreiche Foulballs in die Länge gezogene At-Bats usw. sind zu unterlassen. Insbesondere in der MLB hat diese Regel einen gewisse Daseinsberechtigung, denn im Gegensatz zu den meisten Amateur- und Jugendligen gibt es keine Gnadenregel, nach der einseitige Spiele an einem bestimmten Punkt abgebrochen werden.

Lass deine Teamkameraden nicht schlecht aussehen
Wie die vorherige Regel ist auch diese eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Kopfschütteln, abfällige Gesten oder Bemerkungen nach einer ungeschickten Aktion eines Mitspielers sind tabu.

Schau deinem Homerun nicht hinterher, lass deinen Schläger nicht wirbeln, umrunde zügig die Bases
Diese Regel fällt für mich eher in die Kategorie albern. Tatsächlich fühlen sich einige Pitcher bloßgestellt oder verhöhnt, wenn der Batter nach einem eindeutigen Homerun nicht sofort losläuft oder die Runde um die Bases zu lange genießt. Sehr umstritten ist der sogenannte Batflip, also das Wegwerfen des Schlägers auf die Weise, dass er sich in der Luft um sich selbst dreht. Für die einen ist das ein normaler Ausdruck der Freude, für andere ein Zeichen mangelnden Respekts vor dem Gegner, wieder andere akzeptieren den Batflip, aber nur zu besonderen Anlässen oder von bestimmten Spielern. Meine Meinung: Soll doch jeder machen wie er will und der Pitcher sollte sich besser damit beschäftigen, wie er den nächsten Homerun verhindert statt mit der Flugbahn des Schlägers oder der Trabgeschwindigkeit des Batters.

Sprich nicht über einen laufenden No-Hitter
Diese Regel ist natürlich purer Aberglaube, aber es ist immer wieder beeindruckend, wie zwanghaft und konsequent sie eingehalten wird. In erster Linie gilt das natürlich für die Spieler des betreffenden Teams – oft sieht man den Pitcher im siebten oder achten Inning einsam in einer und die restlichen Spieler in der anderen Ecke des Dugouts sitzen, weil keiner den Fehler machen möchte, irgendein falsches Wort mit ihm zu wechseln und dadurch den No-Hitter zu gefährden. Aber auch die Spieler des anderen Teams, die Zuschauer im Stadion und sogar viele Reporter halten sich meist an das Schweigegebot.

Trickse nicht, um einen No-Hitter oder ein Perfect Game zu verhindern
Deutlich wirkungsvoller als durch Worte kann man einen No-Hitter beeinflussen, indem man einen Hit erzielt (oder ein Perfect Game, indem man auf Base kommt). Das kann man den echten Baseballregeln zufolge auf verschiedene Arten tun, nach den ungeschriebenen Regeln ist im Falle eines solchen Spieles aber Einiges davon verpönt: Generell sollte man den ersten Hit des Spiels nicht durch einen Bunt erzielen, insbesondere wenn man auch sonst kein regelmäßiger Bunter ist. Und bei einem möglichen Perfect Game macht man sich extrem unbeliebt, wenn man sich durch Eindrehen oder weites Vorbeugen einen unnötigen Hit by Pitch einfängt. Klar, ein No-Hitter oder gar ein Perfect Game ist etwas ganz Besonderes für einen Pitcher und das lässt er sich ungern verderben – aber wer etwas so Besonderes erreichen will, der muss meiner Ansicht nach auch willens und in der Lage sein, saubere Pitches zu werfen und seine Defense gegen einen Bunt in Stellung zu bringen.

Tritt nie auf den Mound oder zwischen Pitcher und Catcher
Generell sind Pitcher oft recht empfindliche Wesen. Gestört oder beleidigt fühlen sie sich nicht nur von unangemessener Freude nach einem Homerun oder vom Aussprechen des Wortes „No-Hitter“, sondern auch davon, dass auf dem Feld in irgendeiner Weise ihre Kreise gestört werden. Vor allem sollte niemand außer dem Pitcher, weder Freund noch Feind, den Mound betreten. Es soll aber auch niemand zwischen ihn und den Catcher treten, insbesondere nicht der Batter beim Betreten der Batters Box. Zur anderen Seite der Box muss der Batter immer hinten um den Catcher und den Umpire herum gehen, wenn er keinen Unmut auf sich ziehen möchte.

Renn immer zur ersten Base, auch bei einem Routine-Aus
Wenn man den Lauf zur ersten Base zu gemächlich angeht oder gar abbricht, weil das Groundout oder der Popout vorhersehbar sind, wird man mitunter des mangelnden Respekts gegenüber dem eigenen Team bezichtigt. Auch das finde ich eher albern, aber der Kern dieser Regel ist dennoch sinnvoll: Schließlich kann dem Gegner auch beim scheinbar einfachsten Play ein Fehler unterlaufen und es wäre ärgerlich, wenn man die Chance verpasst, diesen Fehler zum Erreichen der Base zu nutzen.

Schau dem Catcher nicht auf die Finger
Der Catcher schlägt dem Pitcher durch Handzeichen die Art und die Richtung des nächsten Pitches vor. Wenn der gegnerische Batter oder ein Runner (beispielsweise von der zweiten Base aus) versucht, die Zeichen zu sehen und zu deuten, ist das natürlich eine unfaire Aktion. Beweisen und „offiziell“ sanktionieren lässt sich so etwas schlecht. Von daher ist das mal eine ungeschriebene Regel, die ich sinnvoll finde und zu der ich auch kaum eine Alternative sehe.

Verstöße werden mit Abwerfen vergolten
Das übliche Verfahren, wenn ein gegnerischer Spieler eine ungeschriebene Regel gebrochen hat, aber auch wenn er auf andere Art (zum Beispiel durch einen ungestümen Slide) Ärger auf sich gezogen hat, besteht darin, dass er bei nächster Gelegenheit vom Pitcher abgeworfen wird; das heißt, der Pitcher wirft einen Ball absichtlich so, dass er den Batter zu treffen versucht. Ich habe für solche Art der Vergeltung nicht viel übrig, zumal man dem Gegner, den man eigentlich bestrafen möchte, damit eine Base schenkt. Aber solange der Ball in Hüft- bis Armhöhe fliegt, verursacht er zumindest im Normalfall selten mehr als einen blauen Fleck. Übrigens gilt es als wehleidig, über die schmerzende Stelle zu reiben, wenn man von einem Pitch getroffen wurde, deswegen macht das fast keiner.

Wirf niemals in Richtung Kopf
Wirklich gefährlich wird es, wenn ein Pitch in Richtung des Kopfes des Batters geworfen wird. Eigentlich ist es auch eine ungeschriebene Regel, dass man genau das auf keinen Fall tut und das ist auch sinnvoll, denn Pitches zum Kopf des Batters können trotz Helmpflicht zu schwersten Verletzungen führen. Leider gibt es wie bei fast allen ungeschriebenen Regeln verschiedene Auffassungen und Auslegungen, unter anderem diejenige, dass ein als besonders schwer empfundener Verstoß eben doch mit einem Pitch Richtung Kopf, einem sogenannten Bean Ball, zu bestrafen ist. Das ist in meinen Augen dann nicht mehr nur albern, sondern kriminell.

Abwerfen wird mit Abwerfen vergolten
Gewalt erzeugt Gegengewalt, das ist eine Binsenweisheit und doch führt diese Auge-um-Auge-Logik uns Menschen immer wieder in Kriege und andere dämliche Auseinandersetzungen. Leider ist das im Baseball nicht anders: Wirft ein Pitcher einen Batter ab und es gibt dafür keinen vom Gegner anerkannten Grund oder der Grund wird als zu nichtig empfunden, dann folgt meist eine Vergeltungsaktion auf die Vergeltungsaktion: Entweder der Pitcher selbst oder auch stellvertretend ein anderer Batter aus dessen Team wird im Gegenzug seinerseits abgeworfen. So schaukelt sich die Sache hoch und endet oft erst damit, dass die Umpires beide Seiten verwarnen und/oder einzelne Spieler des Feldes verweisen. Und weil man sich im Baseball meistens öfter sieht, setzen sich Konflikte oft über mehrere Spiele hinweg fort, manchmal sogar über Jahre.

Bleib nicht zurück, wenn deine Teamkameraden das Feld stürmen
Ein weiteres Ritual bei größeren Unstimmigkeiten besteht darin, dass beide Teams die Dugouts verlassen und das Feld stürmen. Das ist an sich nichts Schlimmes, solange es dabei nicht zu echten Schlägereien kommt, was heutzutage zum Glück selten der Fall ist. Sehr negativ wird einem aber vom eigenen Team ausgelegt, wenn man sich an dem Ritual nicht beteiligt, also im Dugout zurück bleibt. Man hat dann schnell den Ruf weg, sich nicht mit dem Team zu identifizieren und nicht zur Verteidigung seiner Kameraden bereit zu sein.

Fass Adrian Beltre nicht an den Kopf
Adrian Beltre, 3B der Texas Rangers, ist ein sehr guter und oft zu Späßen aufgelegter Spieler, der es aber auf den Tod nicht ausstehen kann, wenn ihn jemand am Kopf berührt. Tut es jemand wie sein befreundeter Teamkamerad Elvis Andrus, so geht das noch als Spaß durch; tut es ein beliebiger Gegner oder gar ein Rookie, so wird derjenige sich damit keine Freunde schaffen. Zugegeben, diese Regel passt nicht so recht in die Reihe, da sie nicht verallgemeinerbar sondern sehr speziell auf eine bestimmte Person zugeschnitten ist. Sie steht hier stellvertretend für die vielen individuellen Macken und Eigenheiten von Spielern, die man als Gegner oder auch als Mitspieler ebenfalls kennen und beachten sollte, wenn man sich in der MLB nicht unbeliebt machen möchte.

Mai 9th, 2017 by