Baseball in aller Welt: China und Taiwan

In der Serie über Baseball in Ländern rund um den Globus bleiben wir zwar auch diese Woche in Asien, doch nach den Baseball-Nationen Japan und Korea ist heute mit China eher ein Baseball-Entwicklungsland an der Reihe. Ein ganzes Stück weiter als der große Nachbar ist Taiwan, dessen Status als unabhängiger Staat völkerrechtlich umstritten, aber im Prinzip Fakt ist. Das zeigt sich auch im Sport: Taiwan hat eine eigene Baseball-Liga und eine Nationalmannschaft. Im Gegensatz zu Festland-China hat die Insel auch schon MLB-Player hervorgebracht.

Einst verboten, jetzt zunehmend populär
Generell kann man sagen, dass China keine ausgeprägte Sportkultur hat, jedenfalls nicht im Hinblick auf das Ausüben von Mannschaftssportarten und auf Stadionbesuche – besondere Großereignisse wie die Olympischen Spiele mal ausgenommen. Die populärste Zuschauersportart ist Fußball, gefolgt von Basketball. Basketball ist übrigens ein interessantes Beispiel, wie schnell sich das Interesse an einem Sport entwickeln kann: Mit der Karriere von Yao Ming bei den Houston Rockets explodierte die Popularität von Basketball in China, Spielfelder und Teams schossen wie Pilze aus dem Boden und NBA-Übertragungen erzielten traumhafte Einschaltquoten. Man darf gespannt sein, ob der erste erfolgreiche chinesische MLB-Spieler einen ähnlichen Hype auslösen wird.

Das Wukesong Baseball Field während eines Spiels der MLB China Series 2008 zwischen den Padres und den Dodgers1

Aktuell gibt es in dem 1,4 Milliarden Einwohner starken Land jedenfalls nur rund 3.000 Baseball-Spieler, 50 Ballparks und ungefähr 500 Schulen mit Baseball-Mannschaften. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Baseball in China eine Zeitlang verboten war. Zwar wurde schon – angestoßen von amerikanischen Missionaren – im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Baseball in China gespielt, doch im Rahmen der kommunistischen Kulturrevolution verbot die Staatsführung unter Mao Zedong Anfang der 1960er Jahren die Sportart als Ausdruck westlicher Dekadenz. Ab 1975 war es wieder erlaubt, Baseball zu spielen, doch die Basis war erstmal weg. Gut 40 Jahre später scheint Baseball in China auf dem aufsteigenden Ast: Seit 2016 gibt es TV-Verträge über MLB-Übertragungen und es haben in den letzten Jahren einige Spieler den Sprung in die Minor Leagues geschafft.

Ungleich etablierter ist Baseball auf der Insel Taiwan. Ähnlich wie in Korea wurde die Sportart unter der einstigen japanischen Kolonialherrschaft populär und hat heute den Rang eines Nationalsports. Taiwan – oft unter dem Namenskompromiss „Chinese Taipei“ geführt – ist nach Japan und Korea die drittwichtigste Basis für Baseball außerhalb Amerikas.

Auch die taiwanesische Nationalmannschaft ist sehr erfolgreich: In der Weltrangliste der WBSC steht sie auf Platz vier, größte Erfolge waren Silber bei den Olympischen Spielen 1992 und Bronze 1984. Das chinesische Nationalteam steht in der Weltrangliste auf Platz 22. Ihr größter Erfolg war, dass sie beim World Baseball Classic 2009 in der ersten Runde 4:1 gegen Taiwan gewonnen haben.

Die China Baseball League
Chinas höchste Liga ist die China Baseball League, kurz: CBL. Dem eigenen Anspruch nach handelt es sich um eine Profiliga – ob und inwiefern die Spieler tatsächlich vom Baseball leben, konnte ich leider nicht sicher herausfinden. Die Struktur des Spielplans deutet jedenfalls eher auf einen Amateur- oder allenfalls Halbprofibetrieb hin, denn gespielt wird ausschließlich an den Wochenenden. Bislang fanden die Spiele von Ende Mai bis Anfang September statt, dieses Jahr wurde die Saison auf Juli bis Dezember verlegt.

Die Liga wurde 2002 gegründet, stellte 2012 aufgrund finanzieller Probleme den Spielbetrieb ein, nahm ihn aber 2014 wieder auf. Heut umfasst die CBL zehn Teams, davon sechs in Division 1 und vier in Division 2. Die Divisionen sind hierarchisch organisiert mit Auf- und Abstiegsregelung. Rekordmeister der CBL sind die Tianjin Lions mit bislang sechs Titeln. Gerne hätte ich hier eine englischsprachige Seite mit Resultaten und Nachrichten zur CBL verlinkt, doch leider bin ich nicht fündig geworden – aber vielleicht kann ja jemand von meinen Lesern chinesisch?

Chinese Professional Baseball League (Taiwan)
Der Name der Chinese Professional Baseball League (CPBL) birgt Verwechslungsgefahr – es handelt sich um die Liga Taiwans, das sich formal „Republik China“ nennt. Vor immerhin rund 5.500 Zuschauern im Schnitt wird hier seit 1989 professionell Baseball gespielt. Was professionell im dem Fall bedeutet, konnte ich zumindest in Bezug auf die in der CPBL beschäftigten ausländischen Spieler herausfinden: 5.000 bis 12.000 Euro im Monat beträgt das übliche Einkommen der meist aus den japanischen und amerikanischen Minor Leagues stammenden Gastspieler, von denen jedes Team bis zu vier im Kader haben darf.

Die CPBL umfasst derzeit nur vier Klubs, die aber ein recht umfangreiches Programm absolvieren: Die Saison dauert von März bis Oktober und endet in zweiründigen Playoffs. Durch die geringe Größe der Liga qualifizieren sich drei der vier Teams für die Playoffs, was die 120 Spiele je Team umfassende reguläre Saison leider ein bisschen abwertet. Die meisten Meisterschaften haben bislang die Uni-President 7-Eleven Lions mit neun Titeln ergattert, aktueller Champion sind die Lamigo Monkeys – an den Namen sieht man schon, dass ähnlich wie in Korea die Teams in der Regel in Firmenhand sind und dann auch so heißen.

Standorte der CPBL2

Leider wurde der taiwanesische Baseball in den 2000er Jahren mehrfach von Skandalen bezüglich abgesprochener Spielergebnisse erschüttert. Die Folgen davon waren die Schließung von zwei Teams, diverse Gefängsnisstrafen für Spieler und Funktionäre und schwindendes Zuschauerinteresse an der Liga.

Ergänzend zur „normalen“ CPBL-Saison gibt es in Taiwan im November und Dezember noch eine Winterliga mit japanischer, koreanischer und europäisch-amerikanischer Beteiligung.

Berühmte Spieler aus China und Taiwan
Die Geschichte chinesischer MLB-Spieler ist schnell erzählt: Bisher gab es keine. Zwar wurden Harry Kingman (1914 für New York Yankees aktiv) und Austin Brice (Miami Marlins 2016, jetzt Cincinnati Reds) in China geboren, doch beide waren bzw. sind Kinder amerikanischer Eltern und zogen auch schon als Kind in die USA um. Es gibt jedoch inzwischen einige Chinesen in Minor-League-Teams und zumindest einer davon könnte bald den Sprung in die MLB schaffen: Xu Guiyuan, ein 21-jähriger First Baseman und Outfielder in der Organisation der Baltimore Orioles, wurde über eines der drei MLB Development Centers in China entdeckt und als erster Spieler über diesen Weg für die MLB verpflichtet. Das war, als Xu 13 Jahre alt war – nachdem er erst mit elf Jahren zum ersten Mal einen Baseball in der Hand hatte.

Wei-Yin Chen mit Taiwans Präsidentin Tsai Ing-Wen und Marlins-Trikot3

Taiwan hat auch in dieser Hinsicht die Nase vorn: Schon 2002 gab mit Chen Chin-Feng der erste Spieler aus dem Land sein MLB-Debüt. Der Outfielder war dreieinhalb Jahre lang bei den Los Angeles Dodgers aktiv, konnte sich allerdings nie etablieren (Batting Average von .091). Er kehrte schließlich zurück in die Heimat, wo er eine erfolgreiche CPBL-Karriere absolvierte. Inzwischen sind 14 Spieler aus Taiwan in der MLB zum Einsatz gekommen, fünf davon sind aktuell aktiv. Der erfolgreichste und bekannteste von ihnen ist Pitcher Wei-Yin Chen. Chen schaffte zunächst mit 19 Jahren den Sprung in die japanische NPB zu den Chunichi Dragons und wurde 2012 von den Baltimore Orioles verpflichtet. In Baltimore wurde er umgehend zum MLB-Starter und als nach der Saison 2015 sein Vertrag auslief, unterzeichnete er bei den Miami Marlins einen neuen über 80 Millionen Dollar und fünf Jahre. Den größten Teil der Saison 2017 verpasste Chen wegen einer Verletzung, ansonsten hatte er bisher aber eine erfolgreiche MLB-Karriere mit 144 Starts und einem ERA von 3.90.

1Quelle: Wikimedia, Urheber: Micah Sittig (CC BY-SA 2.0)
2Quelle: Wikipedia, Urheber: NordNordWest (CC BY-SA 3.0)
3Quelle: Wikimedia, Urheber: 總統府 (CC BY-SA 2.0)

November 28th, 2017 by