Baseball in aller Welt: Korea

Nach dem Serienauftakt mit Japan bleibe ich bei meiner virtuellen Weltreise in der unmittelbaren Nachbarschaft und beschäftige mich mit der Rolle von Baseball in Korea. Der Schwerpunkt liegt dabei klar auf Südkorea, wo eine professionelle Liga existiert, die vom Niveau her nicht weit von der japanischen NPB entfernt ist.

Sportart Nummer 1
Baseball ist in Südkorea die beliebteste Sportart, jedenfalls wenn man nach den Zuschauerzahlen geht: Mit 8,4 Millionen Besuchen insgesamt und einem Zuschauerschnitt von 11.667 pro Spiel stellt die KBO-League die höchste Fußball-Liga K-League Classic mit 1,8 Millionen und einem Schnitt von 7.873 klar in den Schatten.

Es waren wahrscheinlich amerikanische Missionare, die ab 1905 nicht nur das Christentum sondern auch den Baseball in Korea verbreiteten. Durch die ab 1910 bestehende Kolonialherrschaft Japans wurde die Popularität des Sports noch gesteigert und als 1927 das jährliche japanische „Intercity Baseball Tournament“ startete, waren von Anfang an bis 1942 regelmäßig auch koreanische Städte dabei. 1940 und 1942 gewann Seoul sogar das Turnier. Professionelle Strukturen entstanden im südkoreanischen Baseball erst deutlich später als im japanischen oder amerikansichen: 1982 wurde die „Korea Baseball Championship“ gegründet, die erste und unter neuem Namen bis heute bestehende Profi-Liga des Landes.

Das südkoreanische Nationalteam ist eine etablierte Größe im internationalen Baseball. In der Weltrangliste der WBSC hält sich Südkorea sehr stabil auf dem dritten Platz hinter Japan und USA. Bei der Baseball-Weltmeisterschaft World Baseball Classic brachte das Team es 2006 auf den dritten und 2009 auf den zweiten Platz. Der größte Erfolg für den südkoreanischen Baseball war die Goldmedaille beim bislang letzten olympischen Baseball-Turnier 2008 in Peking.

Die KBO-League
Die Liga der Korean Baseball Organization – kurz: KBO-League – nahm 1982 mit sechs Teams den Spielbetrieb auf, nach mehreren Erweiterungen umfasst sie heute zehn Mannschaften. Die Namen der Klubs sind (außer für euch, liebe Fans der Buchbinder Legionäre) etwas gewöhnungsbedürftig, denn aus keinem davon geht hervor, in welcher Stadt das jeweilige Team beheimatet ist. Stattdessen benennen sich die Mannschaften nach den Konzernen, denen sie gehören oder denen sie die Namensrechte verkauft haben. Aktueller Champion sowie Rekordmeister mit bislang 11 Titeln sind die Kia Tigers aus Gwangju, jüngstes Team die 2015 eingestiegenen KT Wiz aus Suwon.

Standorte der KBO-League1

Angesichts der Größe der Liga kann die Struktur recht einfach gehalten werden: Es gibt keine Teilligen oder Divisionen, jede Mannschaft spielt 16 Spiele gegen jedes andere Team. So ergeben sich 144 Spiele pro Klub innerhalb der regulären Saison, welche genau wie in Japan und den USA von Ende März oder Anfang April bis Anfang Oktober dauert. Im Anschluss daran werden die Playoffs in einer Art Leitersystem ausgetragen: In der ersten Runde tritt der Tabellenfünfte gegen den Tabellenvierten an (Best of 3 mit einem Spiel Vorsprung für den Vierten); der Sieger trifft in der zweiten Runde auf den Tabellendritten (Best of 5); der Sieger dieser Serie spielt gegen den Tabellenzweiten (Best of 5); und schließlich spielt der Sieger dieser Runde im Modus Best of 7 die Korea Series gegen den Erstplatzierten der regulären Saison. Ich finde das System ganz interessant, nur dass der Tabellenerste drei Wochen lang spielfrei auf den Finalgegner warten muss, gefällt mir nicht.

Die Regeln der KBO-League entsprechen weitgehend denen der japanischen NPB. Der Hauptunterschied zur MLB besteht darin, dass in Südkorea wie in Japan ein Spiel unentschieden endet, wenn nach dem zwölften Inning (reguläre Saison) oder nach dem fünfzehnten Inning (Playoffs) kein Sieger ermittelt ist. Unentschiedene Playoffspiele werden wiederholt. Alle Spiele der KBO-League werden mit Designated Hitter durchgeführt. Die Teamroster bestehen aus 26 Spielern, darunter höchstens drei Ausländer, von denen wiederum nur zwei Pitcher sein dürfen. Kein Regelunterschied, aber ein fundamentaler Kulturunterschied zeigt sich bei der Art, wie ein Baseballspiel in Südkorea von den Zuschauern begleitet wird. Während wir aus USA und Deutschland eine eher entspannte Atmosphäre gewohnt sind, ist die Stimmung unter den koreanischen Baseballfans geprägt von durch Cheerleader angeleiteten Gesängen und Choreografien – und leider manchmal auch durch gewalttätige Auseinandersetzungen.

Baseball in Südkorea ist ein Zuschauer- und Stimmungsmagnet (hier: Stadion der Lotte Giants in Busan)2

Auffällig beim Blick auf die Statistiken ist, dass der südkoreanische Baseball etwas hitter-freundlicher zu sein scheint als der amerikanische. So lag zum Beispiel der durchschnittliche Batting Average der Liga 2017 bei .286, während er in der MLB nur .255 betrug. Auf der anderen Seite wiesen die Pitcher in der KBO-League einen durchschnittlichen ERA von 4.98 auf, die der MLB hingegen einen von 4.36.

Das Farmsystem der KBO-League besteht aus einer einzelnen Minor League, der KBO Futures League mit zwölf Teams.

Baseball außerhalb der Profiliga
Baseball ist auch in den Colleges und High Schools in Südkorea sehr populär. Die High Schools spielen diverse Turniere mit teilweise großem Zuschauerzuspruch aus. Das wichtigste dieser Turniere ist das Cheongryonggi, bei dem jährlich im Frühsommer in der Hauptstadt Seoul 27 Vertreter aus allen Regionen des Landes einen Champion ausspielen. Im Collegebereich zieht neben den regulären Meisterschaften vor allem die Rivalität der beiden Universitäten Yonsei und Korea hohe Aufmerksamkeit auf sich. Im sogenannten Ko-Yon-Turnier messen sich die beiden Hochschulen seit 1965 jährlich in fünf Disziplinen: Fußball, Eishockey, Basketball, Rugby und Baseball. Der enorm prestigeträchtige Sieg in dem Duell geht an die Universität, die die Mehrzahl der Wettkämpfe für sich entscheidet.

Berühmte Spieler aus Südkorea
Der erste Spieler, der 1994 den Sprung aus Korea in die MLB schaffte, ist bis heute der bekannteste: Der Pitcher Chan Ho Park überzeugte die Scouts der Los Angeles Dodgers so sehr, dass sie ihn im Alter von 20 Jahren direkt aus dem College in Seoul verpflichteten. Park hatte eine 17 Jahre dauernde, überwiegend erfolgreiche MLB-Karriere, deren sportliches Highlight eine Berufung ins All-Star-Team des Jahres 2001 war. Ihr finanzielles Highlight war ein für damalige Verhältnisse äußerst lukrativer Fünfjahresvertrag über 65 Millionen Dollar, den Park 2002 bei den Rangers unterschrieb – und den er mit seinen Leistungen in Texas leider nie rechtfertigen konnte.

Insgesamt haben es inzwischen 21 Südkoreaner in die MLB geschafft, sieben davon sind noch aktiv. Am längsten dabei ist Outfielder Shin-Soo Choo, der 2005 sein Debüt für die Mariners gab. Nach einem langen Aufenthalt in Cleveland und einem kurzen in Cincinnati spielt Choo seit 2014 bei den Texas Rangers. Für sie schlug er als erster Asiate überhaupt am 21. Juli 2015 gegen die Rockies einen Cycle. Choo hat mit Park gemeinsam, dass auch er den Vertragsabschluss seines Lebens – 130 Millionen Dollar für 7 Jahre – bei den Rangers erzielte.

Rob Refsnyder wurde bei den 21 südkoreanischen MLB-Spielern nicht mitgerechnet – ob er als Koreaner zu zählen ist, muss jeder für sich selbst definieren: Er wurde als Kind koreanischer Eltern in Seoul geboren, aber im Alter von fünf Jahren von einem Paar aus Kalifornien adoptiert. Refsnyder wuchs im amerikanischen Schul- und Collegesystem auf und wurde 2012 in der fünften Runde von den Yankees gedraftet. Der Second Baseman hatte sein MLB-Debüt 2015, wartet aber – zwischenzeitlich bei den Blue Jays und seit Neuestem bei den Indians – noch auf seinen Durchbruch.

Rob Refsnyder in Yankees-Uniform3

Definitiv kein Koreaner ist Eric Thames, den ich hier dennoch erwähnen möchte, weil es sich bei ihm um den wohl bekanntesten Re-Import aus Korea handelt. Der First Baseman konnte beim ersten Anlauf mit den Blue Jays und den Mariners 2011/2012 nicht in der MLB Fuß fassen und suchte schließlich 2014 sein Glück im fernen Osten. In Korea wurde er zum Starspieler, schlug in den drei Jahren dort 124 Homeruns sowie einen Average von .349 und erhielt 2015 sowohl den MVP-Award der KBO-League als auch einen Gold Glove. Zur Saison 2017 holten ihn die Milwaukee Brewers zurück in die MLB, wo er ein starkes Jahr (.247/.359/.518) als unumstrittener Starter auf 1B hatte und mit elf Homeruns im April gleich einen Teamrekord aufstellte.

Baseball in Nordkorea
Der Vollständigkeit halber möchte ich auch einen kurzen Blick in das „andere“ Korea werfen. Das kommunistische Nordkorea schottet sich auch in Sachen Sport recht konsequent von weiten Teilen der restlichen Welt ab und so ist über die Relevanz und die Organisation des Baseballs in diesem Land nicht viel herauszufinden. Sicher ist zumindest, dass Baseball in Nordkorea gespielt wird: Sporadisch hat schon mal ein nordkoreanisches Nationalteam an asiatischen Meisterschaften teilgenommen und Peter C. Bjarkman listet in seinem Buch „Diamonds Around the Globe“ von 2005 die nordkoreanischen Baseball-Meister der Jahre 1985 bis 2001 auf – es war übrigens in jedem dieser Jahre der Kigwancha Sports Club. Als Basketballstar Dennis Rodman 2013 zu Besuch bei Kim Jong Un war, haben sie gemeinsam ein Baseball-Spiel gesehen. Generell spielt Baseball aber wohl eine untergeordnete Rolle in dem Land. Das größte Stadion in Pyöngyang, das Kim-Il-Sung-Stadion, wurde einst als Baseballstadion angelegt. Das war aber 1926 unter japanischer Herrschaft und inzwischen wird das Bauwerk vor allem für Fußball und für den Einlauf des Pyöngyang-Marathons benutzt.

1Quelle: Wikipedia, Urheber: NordNordWest (CC BY-SA 3.0)

2Quelle: Wikimedia, Urheber: 히히히 (CC BY-SA 3.0)

3Quelle: Wikimedia, Urheber: Editosaurus (Public Domain)

November 21st, 2017 by