Baseball in aller Welt: Die Niederlande

Nach einer kleinen Reise um die Welt sind wir zurück in Europa. Hier gibt es genau zwei Länder, die in Sachen Baseball eine klare Vorreiterrolle übernehmen und Ligen mit professionellem Anspruch betreiben. Eines davon sind die Niederlande, die ich mir heute genauer anschaue.

Honkbal-Pionier Grasé
Unser Nachbarland hat eine vergleichsweise lange Baseball-Historie aufzuweisen, deren Beginn sich auf eine konkrete Person zurückführen lässt: Der Amsterdamer Englischlehrer J.C.G Grasé lernte den Sport auf einer USA-Reise kennen und war davon so begeistert, dass er 1911 die Regeln ins Niederländische übersetzte und erste „Honkbal“-Spiele organisierte. Grasé gründete 1912 einen Baseballverband, den Koninklijke Nederlandsche Honkbalbond, und 1913 den ersten Baseballverein Europas: Quick Amsterdam. Quick sowie drei weitere Mannschaften aus Amsterdam – Ajax, Blue White und Hercules – bildeten 1922 die erste niederländische Baseball-Liga. Bis in die 1960er Jahre hinein war Baseball in den Niederlanden ein regional eng begrenztes Phänomen und wurde klar von Teams aus Amsterdam und der Nachbarstadt Haarlem beherrscht. Der Aufstieg von Sparta Rotterdam, das von 1963 bis 1974 neunmal Meister wurde, beendete diese regionale Dominanz.

1969 war Baseball in den Niederlanden noch so populär, dass Prinz Claus das Nationalteam per Handschlag begrüßte.1

Im europäischen Vergleich waren die Niederlande schon immer und sind bis heute das führende Baseball-Land. Im Vergleich mit Fußball, Feldhockey, Radsport, Tennis und einigen anderen ist der Baseball dennoch eine klare Randsportart und seine Popularität ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eher gesunken. 2015 umfasste der Koninklijke Nederlands Baseball en Softball Bond (KNBSB) 167 Vereine mit 21.257 Spielerinnen und Spielern – Tendenz leider leicht abnehmend.

Die Hoofdklasse
Die heutige Honkbal Hoofdklasse besteht seit 1958 und in direkter Nachfolge der 1922 gegründeten Liga. Sie umfasst inzwischen regulär acht Teams (wobei 2017 nur sieben antraten, weil das Team Kinheim zurückgezogen wurde). Es gibt ein Auf- und Abstiegssystem mit der zweiten Liga, der Honkbal Overgangsklasse.

Die Hoofdklasse wird gemeinhin als professionelle Liga bezeichnet. Semi-professionell trifft es wahrscheinlich besser, denn tatsächlich erhält nur ein Teil der Spieler ein Gehalt, von dem man zumindest während der Saison leben kann. Üblich sind wohl für die besseren Spieler ein paar hundert bis wenige tausend Euro pro Monat zuzüglich Flüge und Unterbringung für die ausländischen Importspieler.

Gespielt wird im üblichen Zeitraum von April bis September, die reguläre Saison umfasst – bei vollzähliger Liga mit acht Teams – 42 Spiele pro Mannschaft. Jeder spielt gegen jeden je eine Dreierserie zu Hause und auswärts. Die Spiele finden in der Regel am Wochenende statt. Nach der regulären Saison wird in zwei Playoff-Runden, jeweils im Modus Best-of-Five, unter den besten vier Teams der Meister ausgespielt. Die letzten fünf Meisterschaften gingen allesamt an Neptunus Rotterdam, den Rekordmeister mit insgesamt 18 Titeln.

Das Stadion von Rekordmeister Neptunus Rotterdam2

Die Zuschauerzahlen der Hoofdklasse-Spiele sind leider recht ernüchternd: 2011 besuchten im Schnitt nur 178 Leute die Spiele. Neuere Zahlen habe ich nicht gefunden, aber nichts was ich gelesen habe deutet darauf hin, dass die Zahlen seitdem spürbar gestiegen wären. Auch in den niederländischen Medien erhält Baseball wenig Aufmerksamkeit, was angesichts der Besucherzahlen durchaus verständlich ist. Hinsichtlich selbst organisierter Radio- oder Videostreams ist die Lage ähnlich uneinheitlich wie in Deutschland: Zum einen müssen sich dazu engagierte Leute finden, die es machen wollen und können, zum anderen scheiden sich die Geister darüber, ob man mit Liveübertragungen eher mehr oder eher weniger Zuschauer ins Stadion lockt als ohne.

Die Niederlande in internationalen Wettbewerben
In der Weltrangliste der WBSC sind die Niederlande mit Platz acht die am höchsten eingestufte Nationalmannschaft Europas. Diese Einstufung haben sie sich auch redlich verdient, indem sie zum Beispiel in den beiden letzten Weltmeisterschaften, dem World Baseball Classic 2013 und 2017 jeweils Vierter geworden sind und einige Favoriten, unter anderem mehrfach Südkorea und Kuba, besiegt haben. Dazu muss man sagen, dass das niederländische Team von der Kolonialgeschichte des Landes profitiert, denn für die Nationalmannschaft sind auch Spieler aus den früheren niederländischen Überseegebieten wie Aruba und Curaçao spielberechtigt. Auf diese Weise hatte man beim WBC 2017 ein Überangebot an Weltklasse-Shortstops mit Xander Bogaerts (Red Sox), Didi Gregorius (Yankees) und Andrelton Simmons (Angels), zudem Top-Closer Kenley Jansen (Dodgers) und einige weitere MLB-Spieler an Bord.

Auf europäischer Ebene sind die Niederlande eine Klasse für sich: Bei 31 Teilnahmen an der Baseball-Europameisterschaft holten sie 22-mal den Titel, darunter die beiden letzten Meisterschaften: 2014 in Tschechien und Deutschland sowie 2016 zu Hause in Hoofddorp.

Ähnlich dominant sind die niederländischen Teams in den europäischen Klubwettbewerben. Der European Champions Cup geht Jahr für Jahr mit ganz wenigen Ausnahmen entweder nach Italien oder in die Niederlande. Die drei jüngsten Wettbewerbe gewannen 2015 Neptunus Rotterdam, 2016 die Amsterdam Pirates und 2017 erneut Neptunus Rotterdam.

Berühmte Spieler aus den Niederlanden
Die erfolgreichsten „niederländischen“ Baseballer sind sicher die oben genannten Stars aus Aruba und Curaçao, aber auch einige auf dem niederländischen Festland Geborene haben es bereits zu MLB-Karrieren gebracht. Der erste in der modernen Ära des Baseballs war Pitcher Bert Blyleven, der 1970 für die Minnesota Twins debütierte, in seiner 21 Jahre währenden Karriere für vier weitere Teams antrat und 2011 in die Hall of Fame gewählt wurde. Blyleven war ab dem Alter von zwei Jahren in Kalifornien aufgewachsen, erlebte seine sportliche Sozialisation also im Mutterland des Baseballs. Der erste in den Niederlanden geborene und aufgewachsene Major Leaguer war Wim Remmerswaal, der 1979 und 1980 als Reliever für die Red Sox im Einsatz war.

Der meines Wissens einzige zurzeit aktive MLB-Spieler vom niederländischen Festland ist der schon erwähnte Yankees-Shortstop Didi Gregorius. Gregorius wurde 1990 in Amsterdam geboren und sammelte dort seine ersten T-Ball-Erfahrungen, bevor er im Alter von fünf Jahren in die Heimat seiner Familie nach Curaçao zog. Von dort schaffte er 2007 den Sprung zu den Cincinnati Reds, für die er 2012 sein erstes MLB-Spiel absolvierte.

Didi Gregorius3

Ein interessanter Fakt am Rande: Die niederländische Fußball-Legende Johan Cruyff war ursprünglich Baseballer. Mit zehn Jahren begann er in der Baseball-Abteilung von Ajax Amsterdam und erwies sich als talentierter Catcher und Pitcher. Erst mit 15 wurde sein Fußballtalent entdeckt und gefördert, was gleichzeitig das Ende seiner Baseballkarriere bedeutete.

1Quelle: Wikimedia, Urheber: Bert Verhoeff (CC BY-SA 3.0)
2Quelle: Wikimedia, Quelle: Magalhães (Public Domain)
3Quelle: Wikimedia, Urheber: Keith Allison (CC BY-SA 2.0)

Dezember 19th, 2017 by