Bobby-Bonilla-Day – typisch Mets?

Es ist mal wieder soweit: Wie an jedem 1. Juli erhält Bobby Bonilla heute von den New York Mets eine Überweisung von 1,19 Millionen Dollar. Wie an jedem 1. Juli werden die Mets kübelweise Hohn und Spott über sich ergehen lassen und die ganze Baseballwelt wird kollektiv darüber schmunzeln, was für eine verrückte und ungeschickte Franchise sie doch sind. Natürlich sind sie das, völlig unbestreitbar. Trotzdem muss ich sie vor einer verbreiteten und heute sicher wieder vielfach zu lesenden Behauptung in Schutz nehmen; nämlich vor der Behauptung, der Fall Bonilla sei einzigartig und so etwas könne nur bei den Mets passieren.

Für den Fall, dass jemand die berühmte Geschichte um Bonilla noch nicht kennt, erzähle ich sie kurz noch mal: Roberto Martin Antonio – genannt Bobby – Bonilla war ein Third Baseman und Right Fielder, der von 1986 bis 2001 für acht verschiedene MLB-Teams spielte. Von 1992 bis 1995 und dann noch einmal 1999 trat er für die Mets an, die ihn beim ersten der beiden Engagements mit einem 5-Jahres-Vertrag über 29 Millionen Dollar zum höchstbezahlten Baseballprofi seiner Zeit machten. Das war vielleicht übertrieben großzügig, aber zumindest bekamen die Mets von Bonilla in dieser Zeit solide Leistungen mit einem Batting Average von .278 und 91 Homeruns in dreieinhalb Jahren.

Ganz anders lief Bonillas zweiter Anlauf bei den Mets im Jahr 1999. Er absolvierte nur 60 Spiele, in denen er unterirdische .160/.277/.303 mit 4 Homeruns schlug und sich trotzdem immer wieder bei Manager Bobby Valentine über zu wenig Einsatzzeit beschwerte. Negativer Höhepunkt: Während des entscheidenden Playoffspiels, Game 6 der NLCS gegen die Braves, saß Bonilla im Clubhaus und spielte mit seinem Teamkameraden Rickey Henderson Karten statt die Kollegen zu unterstützen. Nach dieser desolaten Saison wurde Bonilla entlassen. Jedoch schuldeten die Mets ihm aus dem bestehenden Vertrag für das Jahr 2000 noch 5,9 Millionen Dollar, die sie nicht bezahlen konnten oder wollten. Es folgten Verhandlungen zwischen Mets-Owner Fred Wilpon und Bonilla sowie seinem Agenten Dennis Gilbert, die mit einer gütlichen Einigung endeten: Die Zahlung sollte bis zum Jahr 2011 gestundet und dann mit Zins und Zinseszins über 25 Jahre hinweg abgestottert werden. So geschah es und deshalb erhält der heute 54-jährige Bonilla noch bis 2035 jedes Jahr pünktlich am 1. Juli seine 1.193.248,20 Dollar. Alles in allem wird er anstelle der 5,9 Millionen letztlich 29,8 Millionen Dollar von den Mets erhalten haben – als nachträgliche Vergütung für ein Jahr, in dem er kein einziges Spiel für die Mets absolvierte.

Der Grund, dass die Mets diesen Deal überhaupt eingegangen sind, macht die Sache noch lächerlicher als sie ohnehin schon wäre: Teambesitzer Wilpon hatte sich damals den Geschäften des windigen Investors Bernie Madoff verschrieben. Madoff versprach zweistellige Gewinnraten und so sah es für Wilpon nach einer guten Idee aus, Bonilla 8 Prozent Zinsen auf die verzögerte Auszahlung seines Gehalts zu versprechen, während man selbst das Geld jährlich um 12 bis 15 Prozent zu vermehren glaubte. Das Madoff-Modell erwies sich bekanntlich als große Mogelpackung und Wilpon als ihr prominentestes Opfer. Bernie Madoff wurde übrigens 2009 zu einer 150-jährigen Haftstrafe verurteilt.

Dass die Vereinsführung der Mets sich für den Bonilla-Vertrag bis heute verspotten lassen muss, hat sie sich redlich verdient. Aber wie eingangs schon angedeutet: So einzigartig, wie es oft dargestellt wird, ist dieser Fall in der MLB gar nicht. Es ist auch nicht der erste und bei weitem nicht der schlimmste. Zur partiellen Ehrenrettung der Mets stelle ich ohne Anspruch auf Vollständigkeit ein paar andere haarsträubende Deals mit weit geringerem Bekanntheitsgrad vor:

Der 2008 von den Boston Red Sox entlassene Manny Ramirez erhält seit dem 1. Juli 2011 und noch bis 2026 jedes Jahr 1,968 Millionen Dollar.

Chris Davis – ja genau, der mit der historisch schlechten Saison – wird noch bis zum Alter von 52 Jahren Zahlungen aus seinem aktuellen Siebenjahresvertrag mit den Baltimore Orioles erhalten. Von 2023 bis 2032 bekommt er jährlich 3,5 Millionen Dollar, anschließend noch 1,4 Millionen Dollar bis 2037.

Matt Holliday hat dieses Jahr bislang kein neues Team gefunden, aber finanzielle Sorgen muss er sich nicht machen; von 2020 bis 2029 erhält er jedes Jahr 1,4 bis 1,6 Millionen Dollar aus einem 2010 geschlossenen Vertrag mit den St. Louis Cardinals.

Max Scherzer steht bei den Washington Nationals noch bis 2021 unter Vertrag, die schönsten Zahltage fangen dann aber erst an: Von 2022 bis 2028 wird Scherzer jährlich eine fürstliche „Rente“ von 15 Millionen Dollar kassieren, weil die Nationals ihr Ass 2015 unbedingt langfristig halten wollten, auch wenn sie es sich eigentlich nicht leisten konnten.

Der älteste mir bekannte Fall – und gleichzeitig einer der verrücktesten – ist der von Reliever Bruce Sutter.  Dieser erhielt 1985 bei den Atlanta Braves einen Sechsjahresvertrag über 9,1 Millionen Dollar. Ausgezahlt wurden ihm damals „nur“ rund 750.000 Dollar pro Jahr, wobei er in drei von sechs Jahren noch nicht mal spielte. Seit 1991 und noch bis 2021 erhält Sutter jährlich 1,12 Millionen Dollar. Sowohl die 750.000 als auch die 1,12 Millionen sind wohlgemerkt nur Zinszahlungen. Die Braves schulden ihm also 2022 immer noch das eigentliche Gehalt von 9,1 Millionen Dollar für den bis dahin 37 Jahre alten Vertrag. Sutter wird dann 69 Jahre alt sein und insgesamt über 47 Millionen Dollar für drei nicht besonders gute Jahre in Atlanta erhalten haben. Vor allem als Fan der Braves sollte man also nicht allzu laut über den Bonilla-Day der Mets lachen – sonst stößt man womöglich auf Gegenspott von jemandem, der weiß, dass es auch einen Sutter-Day gibt.

Juli 1st, 2018 by