Category: Ballparks

Februar 18th, 2020 by Silversurger

Als vor zwei Wochen die Footballer der Kansas City Chiefs den Superbowl gewannen, ließen die Glückwünsche des twitterfreudigen US-Präsidenten nicht lange auf sich warten: Donald Trump gratulierte den Chiefs, dass sie den „Great State of Kansas“ hervorragend repräsentiert hätten. Das war nett gemeint, sorgte aber für reichlich Spott. Im Gegensatz zum Präsidenten ist den meisten Sportfans bekannt, dass die Chiefs nicht aus Kansas City (Kansas) kommen, sondern aus der gleichnamigen und deutlich größeren Nachbarstadt im Staat Missouri. Dort steht ihr Arrowhead Stadium als Teil des Truman Sports Complex direkt neben Kauffman Stadium, dem Ballpark der Kansas City Royals, welchem ich heute eine Folge der Baseblog-Ballparks-Serie widme. Es wird übrigens die letzte der laufenden Offseason, denn ab nächster Woche werde ich wieder vollauf beschäftigt sein mit den Vorschau-Artikeln zur neuen Saison für alle 30 Teams.

Kauffman Stadium in Kansas City (1)

Geschichte
Der 1973 eröffnete Ballpark ist heute einer der ältesten der Liga. Geplant wurde er für ein Team, das nie dort eingezogen ist: die Kansas City Athletics. Deren damaliger Owner, Charles O. Finley, entschied 1968 kurzfristig, seinen Klub nach Oakland zu verlegen. So stand Kansas City plötzlich mit einer Großbaustelle für ein Baseballstadion, aber ohne MLB-Team da. Auf politischen Druck hin entschied die Liga, der Stadt ein neues Team zuzugestehen. Die Kansas City Royals nahmen 1969 den Spielbetrieb auf, zunächst im Municipal Stadium, das sie sich – wie zuvor die Athletics – mit den Chiefs teilten.

Zur Saison 1973 war der neue Ballpark fertig und wurde eingeweiht als Royals Stadium. Erst 20 Jahre später erfolgte kurz vor dem Tod von Ewing Kauffman, dem Gründer und ersten Eigentümer der Royals, die Umbenennung des Stadions auf seinen Namen. Es handelte sich um eine reine Ehrbezeugung, nicht um einen Verkauf oder eine Vermietung der Namensrechte. Oft wird das Stadion kurz „The K“ genannt.

Schon am 15. Mai 1973, nur einen Monat nach dem Eröffnungsspiel der Royals gegen die Texas Rangers (12:1), sah der Ballpark bereits seinen ersten No-Hitter: Nolan Ryan gelang mit den California Angels beim 3:0 gegen die Royals das erste von sieben hitlosen Spielen seiner Karriere. Ebenfalls schon im ersten Jahr war das All-Star-Spiel der MLB zu Gast, welches 2012 noch ein weiteres Mal in The K stattfand.

Von 2007 bis 2009 wurde Kauffman Stadium einer umfassenden Renovierung unterzogen. Es erhielt unter anderem ein modernes Scoreboard, aufgewertete Sitzplätze und Restaurants, einen neuen Kinderbereich und ein interaktives Hall-of-Fame-Museum.

Die bisherigen sportlichen Highlights der Royals in The K waren vier World-Series-Teilnahmen. Zweimal gewannen die Royals den höchsten Titel im Baseball. 1985 feierten sie nach Spiel 7 gegen die St. Louis Cardinals den Triumph im eigenen Stadion. 2015 legten sie gegen die New York Mets zwei Heimsiege vor, bevor sie mit Auswärtssiegen in den Spiel 4 und 5 die Championship klar machten.

Außenansicht von Kauffman Stadium (2)

Architektonische Auffälligkeiten
Kauffman Stadium wurde als reines Baseballstadion erbaut. Das war gerade in seiner Entstehungszeit, als Multifunktionsarenen groß in Mode waren, etwas Besonderes.

Von außen bietet das von Kivett and Myers designte und 2009 von Populous renovierte Stadion eine recht nüchterne Fassade aus Beton und Glas. Von innen macht es deutlich mehr her mit dem elegant geschwungenen Tribünenverlauf von sehr hoch hinter der Homeplate bis ganz niedrig im Outfield. Sehr auffällig thront in der Mitte zwischen den flachen Outfieldtribünen das Scoreboard von Kauffman Stadium – nicht zuletzt, weil es passend zum Teamnamen eine gewaltige Krone trägt.

Ein weiteres charakteristisches Merkmal von The K ist der Springbrunnen hinter dem Rightfield. Er galt lange Zeit als größer privat betriebener Springbrunnen der Welt und dient als Anspielung darauf, dass Kansas City als die „City of Fountains“ bekannt ist. Die Fontänen sind vor und nach dem Spiel sowie zwischen den Innings im Betrieb. Während des Spiels sind sie bis auf den konstant fließenden Wasserfall ausgeschaltet.

Die Wasserspiele im Outfield (3)

Spielbezogene Eigenheiten
The K hat den Ruf, ein Pitcher’s Park zu sein, also eine vorteilhafte Umgebung für Pitcher. Das ist nicht ganz falsch, aber doch nur die halbe Wahrheit.

Das symmetrische Outfield mit Rightfield- und Leftfield-Lines von 220 Fuß (101m) und einem steilen Verlauf der Feldbegrenzung bis ins 410 Fuß (125m) tiefe Centerfield macht das Spielfeld von Kauffman Stadium zum flächenmäßigen größten der ganzen Liga. Spätestens nachdem 2004 und 2009 die Zäune jeweils ein Stück nach hinten verlegt wurden, ist das Schlagen von Homeruns in Kansas City deutlich schwerer als anderswo.

Die andere Seite der Medaille ist allerdings, dass durch das weitläufige Feld überdurchschnittlich viele Doubles sowie besondere viele Triples geschlagen werden. Somit ist Kauffman Stadium eine gute Umgebung für andere Hits als Homeruns, was sich in der Analyse von Parkfaktoren gut nachweisen lässt.

Wo sitzt man am besten?
Ein Ticket für Kauffman Stadium kostete 2019 im Durchschnitt 65 Dollar, was ungefähr dem Durchschnitt der MLB entspricht. Am Portemonnaie wird ein Stadionbesuch jedenfalls nicht scheitern, denn die günstigsten Tickets – Outfield, oberste Etage – gibt es schon für 7 bis 10 Dollar je nach Zeit und Gegner. Zu beachten ist, dass man an potenziell sonnigen Tagen besser Sitze auf der Seite des Leftfields wählen sollte.

Wenn man das Spiel aus der Premium-Perspektive hinter der Homeplate verfolgen möchte, so wird man für 80 bis 100 Dollar fündig – im Vergleich dazu, was solche Plätze in manch anderen Stadien kosten, ist das ein ziemliches Schnäppchen. Einen guten Kompromiss aus nicht allzu weit entfernt, nicht zu teuer und vor allem schattig stellen die Plätze des Loge Levels auf der Third-Base-Seite (Sections 305-311) dar.

Ein bestimmter Sitz in The K ist so speziell, dass man ihn nicht mit Geld kaufen kann. Man erkennt ihn daran, dass es der einzige rote unter lauter blauen Sitzen hinter der Homeplate ist. Das ist der Buck O’Neil Legacy Seat, der einstige Stammplatz von einem der populärsten Spieler aus der Zeit der Negro Leagues. O’Neil war von 1937 bis 1955 für die Kansas City Monarchs aktiv und besuchte später regelmäßig die Spiele der Royals. Der Platz wird zu jedem Heimspiel an eine Person vergeben, die durch soziales Engagement oder auf andere Weise dem Geist von Buck O’Neil gerecht wird.

Der Sitz von Buck O’Neil (4)

(1) Quelle: Flickr, Urheber: Chris Murphy (CC BY-NC-ND 2.0)
(2) Quelle: Flickr, Urheber: mtfrazier (CC BY-NC-ND 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Jim Ellwanger (CC BY-NC 2.0)
(4) Quelle: Wikimedia, Urheber: Badlydrawnjeff (CC BY-SA 3.0)

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Februar 11th, 2020 by Silversurger

Die Baseblog-Ballparks-Serie macht heute noch einmal Station im hohen Norden der USA, genauer gesagt in Wisconsin. Auf Wunsch des Baseblog-Lesers Munich habe ich mich mit Miller Park beschäftigt, Heimat der Milwaukee Brewers und des wohl berühmtesten Wurstrennens der Welt, das an jedem Spieltag in der Mitte des sechsten Innings stattfindet:

Geschichte
Die Milwaukee Brewers gibt es seit 1970. Das Team übernahm damals das Milwaukee County Stadium, in welchem von 1953 bis 1965 schon die Milwaukee Braves gespielt hatten. Spätestens seit Anfang der 90er-Jahre war klar, dass das alte Stadion nicht mehr wettbewerbsfähig war. Es fehlte an einträglichen Plätzen der Premiumklasse, an einer Videoleinwand und an einem Schutz gegen die Wetterkapriolen, für die die Region berühmt ist.

Wie die meisten Stadionbauprojekte, so sorgte auch Miller Park für langwierige Kontroversen um die Finanzierung, insbesondere um den öffentlichen Anteil daran. 290 der insgesamt 400 Millionen Dollar Baukosten wurden letzten Endes aus öffentlichen Mitteln bezahlt. Zu diesem Zweck wurde eine zusätzliche Mehrwertsteuer von 0,1% eingeführt, die in Milwaukee und den umliegenden Counties seit 1996 und noch bis August 2020 erhoben wird. Der damalige Senator von Wisconsin wurde wegen der Einführung dieser Steuer vorzeitig abgewählt.

Leider ist das Schicksal des Senators nicht die traurigste Geschichte im Zusammenhang mit dem Bau von Miller Park: Am 14. Juli 1999 stürzte „Big Blue“, einer der größten Baukräne der Welt, in sich zusammen und erschlug drei Arbeiter. Die durch den Unfall verursachten Schäden am Dach sowie die Untersuchung der Ereignisse verzögerten die Inbetriebnahme des Stadions um ein Jahr.

Miller Park im Juli 2018 (1)

Zur Eröffnung am 6. April 2001 war reichlich Prominenz vor Ort, deshalb gab es gleich zwei „erste“ Pitches: einen von US-Präsident George W. Bush und einen von MLB-Commissioner Bud Selig. Selig war vor Übernahme des Spitzenpostens der Liga Eigentümer der Brewers gewesen, Miller Park war daher zu einem guten Teil sein Projekt. Die Brewers gewannen das Eröffnungsspiel 5:4 gegen die Cincinnati Reds.

2002 war Milwaukee Gastgeber des All-Star-Spiels. Eine World Series hat Miller Park bisher noch nicht erlebt. Die bislang größten Erfolge der Brewers im aktuellen Stadion sind die erreichten NL Championship Series 2011 (2-4 gegen die Cardinals) und 2018 (3-4 gegen die Dodgers).

Ein weiteres Highlight der Stadiongeschichte war der bisher einzige No-Hitter in Miller Park – interessanterweise weder durch einen Pitcher der Brewers noch durch einen ihrer Gegner. Wegen eines Sturms in Texas wurde am 14. September 2008 die Partie zwischen den Houston Astros und den Chicago Cubs nach Milwaukee verlegt, und Cubs-Pitcher Carlos Zambrano erlaubte den Astros keinen Hit. Es war der erste No-Hitter der MLB-Geschichte, der auf neutralem Grund erzielt wurde.

Miller Park geht dieses Jahr in seine letzte Saison unter dem aktuellen Namen. Der Vertrag mit der Brauerei über die Namensrechte läuft nach 20 Jahren aus und wird abgelöst durch ein Engagement der American Family Insurance. Ab 2021 heißt das Stadion American Family Field.

Außenansicht von Miller Park (2)

Architektonische Auffälligkeiten
Architektur und Design von Miller Park gehen auf die Firmen NBBJ und Arup zurück; damit ist es eines von ganz wenigen modernen MLB-Stadien, die nicht von Populous/HOK geplant wurden. Vom inneren und äußeren Erscheinungsbild her fügt sich das Bauwerk dennoch recht nahtlos ein in den Trend der „Retro-Moderne“, den Populous 1992 mit Oriole Park startete und an dem sich nahezu alle seitdem erbauten Stadien orientieren.

Das eine Merkmal, anhand dessen Miller Park optisch unter anderen Ballparks hervorsticht, ist seine Dachkonstruktion. Das verschließbare Dach ist dem vor allem im Frühjahr und Herbst oft unberechenbaren Wetter in Wisconsin geschuldet. Es ermöglicht, Sonne, Wind, Regen und Schnee auszuschließen und den Innenraum auf bis zu 17 Grad über Außentemperatur zu heizen.

Eine weitere Besonderheit befindet sich im Inneren des Ballparks über den Tribünen des Leftfields. Dort hat das Maskottchen Bernie Brewer ein eigenes Häuschen, genannt Bernie’s Dugout. Bei jedem Homerun für die Bewers rutscht Bernie auf einer gelben Rutsche zu einer Plattform in Form einer Homeplate.

Bernie’s Dugout and Slide (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Miller Park weist mit 344 Fuß (105m) Leftfield-Line, 400 Fuß (122m) Centerfield und 345 Fuß (105m) relativ große Felddimensionen auf. Allerdings verlaufen die Linien zwischen den genannten Punkten recht flach und die Begrenzung des Outfields ist an keiner Stelle höher als 9 Fuß (2,74m). Diese beiden Faktoren dürften die Hauptursachen dafür sein, dass das Stadion überdurchschnittlich viele Homeruns erlaubt und bei Hittern entsprechend beliebt ist.

Während der ersten Betriebsjahre von Miller Park mochten die Hitter das Stadion noch nicht so sehr, jedenfalls nicht bei Nachmittagsspielen: Durch die Dachkonstruktion lagen oft die Homeplate und beide Batter’s Boxes im Schatten, der Mound hingegen in vollem Sonnenlicht. Das machte den Battern wegen der schlechten Sicht auf den Ball das Leben schwer und stellte für sie auch ein Sicherheitsrisiko dar. Seit 2010 werden solche Spiele deshalb bei halb geschlossenem Dach ausgetragen, sodass der Bereich um Homeplate und Mound einheitlich beschattet ist.

Wo sitzt man am besten?
Miller Park gehört von den Ticketpreisen her zur Mittelklasse der MLB. 2019 kostete eine Eintrittskarte im Durchschnitt 71 Dollar Das Grundprinzip ist dasselbe wie in allen Stadien: Je näher man an der Homeplate sitzen will, umso teurer wird es. Je weiter man sich seitlich in Richtung Outfield und/oder in die oberen Ränge begibt, umso eher kann man ein Schnäppchen machen. Auf den Bleachers ganz im Left- oder Rightfield kann man Tickets ab 15 Dollar bekommen. Die Sicht von dort ist wie von den meisten Plätzen in Miller Park einwandfrei, nur eben weit weg vom Geschehen im Infield.

Vorsicht: Es gibt in Miller Park, verteilt über nahezu alle Bereiche, auch ein paar Plätze, von denen die Sicht durch Säulen, Geländer oder Ähnliches beeinträchtigt wird. Am besten macht man sich vor dem Kauf eine Seite wie Aviewfrommyseat zunutze.

Ein außergewöhnlicher Ort, um ein Spiel zu verfolgen, ist das Restaurant direkt am Zaun des Leftfields. Vor und nach der Partie kann man dort ohne Zusatzkosten essen gehen, während des Spiels kostete ein Platz je nach Lage 45 bis 60 Dollar – mit gutem Blick aufs Feld, Bedienung am Platz und der Chance, einen Homerunball zu ergattern. Ich schreibe bewusst „kostete“, denn das bisherige „TGI Friday’s“ erhält ab diesem Jahr einen neuen Betreiber, über dessen Preise ich noch nichts herausgefunden habe. Immerhin weiß ich nach einiger Recherche, dass das Lokal zukünftig „Restaurant To Be Named Later“ heißen wird. Ich hielt das zunächst für eine Platzhalterbezeichnung, aber es ist der tatsächliche Name.

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Brewersfan 1061 (CC BY-SA 4.0)
(2) Quelle: Wikimedia, Urheber: Greg Hume (CC BY-SA 3.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: daveynin (CC BY 2.0)

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Februar 4th, 2020 by Silversurger

Auf Anregung des Lesers Firstdown macht die Ballparks-Serie heute Station in St. Louis. Busch Stadium steht regelmäßig in der Spitzengruppe der bestbesuchten Stadien der MLB – was in erster Linie an dem fast immer konkurrenzfähigen Heimteam liegen dürfte, aber sicher auch daran, dass es ein schöner, moderner Ballpark mit obendrein herrlicher Aussicht ist.

Busch Stadium, St. Louis (1)

Geschichte
Als eine der ältesten und erfolgreichsten MLB-Franchises blicken die Cardinals auf eine umfangreiche Stadiengeschichte in St. Louis zurück. Busch Stadium ist seit der Teamgründung 1892 der siebte Ballpark, in dem sie ihre Heimspiele austragen. Da die letzten beiden Stadien ebenfalls Busch Stadium heißen, spricht man auch von Busch Stadium III, wenn man betonen möchte, dass es um den aktuellen Ballpark geht.

Man könnte auf die Idee kommen, Busch Stadium sei nach einer Biermarke benannt. Stimmt aber nicht ganz, denn der Stadionname war zuerst da: Eigentlich wollte 1953 der damals neue Teambesitzer August Busch Jr. die Spielstätte „Budweiser Stadium“ taufen. Doch die Regeln der Liga verboten es, ein Stadion nach einem alkoholischen Getränk zu benennen. Daher gab ihm Busch seinen eigenen Namen – und brachte etwas später die neue Marke Busch Beer auf den Markt. Die Familie Busch bzw. der Konzern Anheuser-Busch verkauften die Franchise 1996 an eine Investorengruppe, sind den Cardinals aber immer noch so eng verbunden, dass sie auch für das 2006 eröffnete Stadion die Namensrechte erwarben.

Der Bau von Busch Stadium III wurde seit 1995 angestrebt, doch wie so oft scheiterteten die frühen Pläne an Finanzierungs- und Standortfragen. So gab man sich nach dem Auszug des NFL-Teams St. Louis Rams zunächst mit einer Renovierung von Busch Stadium II zufrieden. Erst 2003 stand der Mix aus Krediten, öffentlichen Zuschüssen und privaten Beteiligungen, der einen Baustart im Januar 2004 ermöglichte. Da der Standort des neuen und der des alten Stadions sich überschneiden, mussten die zeitlichen Abläufe des Baus und des Abrisses präzise aufeinander abgestimmt werden: 2004 und 2005 wurde in Busch Stadium II noch gespielt, während direkt nebenan ein Großteil von Busch Stadium III errichtet wurde. Nach Saisonende 2005 musste der alte Ballpark zügig abgerissen werden, damit der neue soweit fertig gestellt werden konnte, um im April 2006 vor reduzierter Kulisse die ersten Spiele zu ermöglichen. Erst im Laufe der Saison wurden nach und nach alle Bereiche des Stadions fertig gestellt und frei gegeben.

Territorrialschlacht: Busch Stadium III (rechts) vs. Busch Stadium II (links) (2)

Das Team der Cardinals schloss das neue Stadion offensichtlich schnell ins Herz: Das Eröffnungsspiel gegen die Milwaukee Brewers am 10. April 2006 wurde 6:4 gewonnen, sowohl der erste Hit durch David Eckstein als auch der erste Homerun durch Albert Pujols gingen auf das Konto des Heimteams. Am Ende der Saison, in der sämtliche Spiele in St. Louis ausverkauftes Haus meldeten, schafften es die Cardinals in die World Series und gewannen diese 4:1 gegen die Detroit Tigers. Die Cardinals sind damit das einzige Team seit den Yankees von 1923, das im Eröffnungsjahr eines neuen Stadions den Titel holte.

Busch Stadium III hat inzwischen noch zwei weitere World Series beherbergt: 2011 feierten die Cards eine weitere Championship, als sie einen 2:3-Rückstand gegen die Texas Rangers mit zwei Siegen in Busch Stadium zum 4:3-Erfolg drehten. 2013 unterlagen sie den Boston Red Sox in 2:4 Spielen.

Architektonische Auffälligkeiten
In vielerlei Hinsicht ist Busch Stadium III ein typisches Exemplar des retro-klassischen Stils, in dem das Architekturbüro Populous in den 90er- und Nuller-Jahren zahlreiche Ballparks designte. Kennzeichnend für diese Stadien sind die Konstruktion als reine Baseballstadien, die in Stufen übereinander geschichteten Tribünen und die offene Bauweise mit einem Einschnitt im Outfield, der eine attraktive Aussicht ermöglicht – im konkreten Fall auf die Skyline der Stadt St. Louis mit ihrem Wahrzeichen Arch Gateway.

Die Außenfassade des Stadions wird dominiert von rotem Ziegelstein und Metall und spiegelt somit den industriellen Charakter der Region wider. Ihr ikonischster Teil ist der Westeingang durch Tor 3 mit der Bronzestatue der Cardinals-Legende Stan Musial und der symbolischen Nachbildung der Eads Bridge.

Stan Musial wacht vor Gate 3 (3)

Ein wunder Punkt des schönen und beliebten Stadions war lange Zeit die Umgebung: Trotz der Lage mitten in St. Louis war rings um das Bauwerk wenig los, was für die Zuschauer vor und nach dem Spiel attraktiv hätte sein können. Als Abhilfe sollte direkt nach dem Stadionbau auf dem frei gewordenen Platz von Busch Stadium II unter dem namen Ballpark Village ein Komplex mit Restaurants, Hotels und Unterhaltungsangeboten entstehen. Das Projekt verzögerte sich immer wieder, doch 2014 konnte schließlich der erste Abschnitt von Ballpark Village eröffnet werden. Die endgültige Fertigstellung wird für dieses Jahr erwartet.

Spielbezogene Eigenheiten
Mit Felddimensionen von 336 Fuß (102m) Leftfield-Line, 400 Fuß (122m) Centerfield und 335 Fuß (102m) Rightfield-Line liegt Busch Stadium leicht über dem MLB-Durchschnitt. Es überrascht daher nicht, dass die Parkfaktoren sowohl für die letzte Saison als auch über mehrere Jahre hinweg gesehen den Ballpark der Cardinals als pitcherfreundlich ausweisen. Insbesondere für rechtshändige Slugger ist Busch Stadium ein ungünstiges Pflaster, denn sie schlagen hier signifikant weniger Homeruns als in den meisten anderen MLB-Stadien.

Wo sitzt man am besten?
Tradition hat offenbar ihren Preis: Gemeinsam mit anderen altehrwürdigen Franchises wie den Cubs, Yankees, Dodgers und Red Sox finden sich die Cardinals in den Top-5 der teuersten Ticketpreise der Liga. 96 Dollar kostete eine Eintrittskarte für Busch Stadium 2019 im Durchschnitt. Es ist zudem nicht einfach, überhaupt an Tickets heranzukommen, denn die Auslastung des Stadions liegt regelmäßig bei über 95%.

Wenn Geld keine Rolle spielt, sind die grünen Sitze des Cardinals Club direkt hinter der Homeplate die Premium-Erfahrung in Busch Stadium. Man ist dort nicht nur mit perfekter Sicht ganz nah am Geschehen, sondern hat vor dem Spiel Zugang zu einem Büffet und wird während des Spiels am Platz bedient. Ergattert man einen solchen Platz für unter 300 Dollar – was für weniger gefragte Spiele über Reseller-Plattformen möglich ist –, dann hat man ein echtes Schnäppchen gemacht, denn oft gehen die Preise hier in den vierstelligen Bereich.

Möchte man kein Vermögen ausgeben, so empfehlen sich eher Plätze auf den oberen Levels (300 und 400). An heißen, sonnigen Tagen sitzt man dabei deutlich besser auf der Third-Base-Seite (z. B. 352-357 und 452-454) als auf der anderen. Die Rightfield-Seite sollte man, unabhängig vom Level, an solchen Tagen vor allem für Nachmittagsspiele eher meiden.

(1) Quelle: Flickr, Urheber: Joe Penniston (CC BY-NC-ND 2.0)
(2) Quelle: Flickr, Urheber: deliriant (CC BY–NC-SA 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Matthew D. Britt (CC BY-SA 2.0)

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Januar 28th, 2020 by Silversurger

Zum fünzehnten Mal stelle ich heute ein MLB-Stadion vor, die Hälfte aller aktuellen Ballparks findet sich also mittlerweile in meiner Serie wieder. Auf Anregung das Baseblog-Lesers Sielk ist dieses Mal der Arbeitsplatz „unseres“ deutschen MLB-Stars Max Kepler an der Reihe: Target Field in Minneapolis, Minnesota.

Geschichte
Target Field ist der dritte Ballpark der Minnesota Twins seit dem Umzug und der Umbenennung der ehemaligen Washington Senators. Ihre ersten 21 Saisons in Minneapolis hatten die Twins im Metropolitan Stadium gespielt, die nächsten 28 im Hubert H. Humphrey Metrodome. Beide Stadien teilten sie sich mit den NFL-Footballern der Minnesota Vikings, den Metrodome zudem mit dem College-Football-Team der University of Minnesota.

Das Streben nach einem neuen, primär auf Baseball ausgerichteten Ballpark in Minneapolis war eine lange und hindernisreiche Geschichte: 16 Jahre vergingen von ersten entsprechenden Bemühungen des Teambesitzers im Jahr 1994 bis zur Eröffnung von Target Field 2010. In der Zwischenzeit kamen und gingen diverse Finanzierungspläne, potenzielle Standorte, Pro- und Kontraentscheidungen verschiedener kommunaler und regionaler Parlamente und Regierungen, Drohungen mit Wegzug oder Einstellung der Franchise und einiges mehr. 2006 kamen endlich fast alle nötigen Planungs- und Finanzierungsentscheidungen zusammen, doch dann legte ein Disput um den inzwischen gestiegenen Preis des zu kaufenden Landes das Projekt noch einmal ein volles Jahr lang auf Eis. Erst im Mai 2007 konnten die ersten Bauarbeiten beginnen, knapp drei Jahre später war das Stadion fertig. Die Namensrechte wurden an das in Minneapolis ansässige Einzelhandelsunternehmen Target Corporation verkauft.

Target Field und die Skyline von Minneapolis (1)

Das erste Spiel in Target Field trugen am 27. März 2010 die College-Teams der University of Minnesota und Louisiana Tech aus. Nach zwei Preseason-Partien der Twins gegen die St. Louis Cardinals stand am 12. April das offizielle Eröffnungsspiel gegen die Boston Red Sox an, das die Twins 5:2 gewannen. Das Fassungsvermögen des Stadions wurde zur Eröffnung mit 39.504 Zuschauern angegeben, nach kleineren Anpassungen liegt es derzeit offiziell bei 38.544.

2014 beherbergte Target Field das All-Star-Spiel der MLB. Die Twins durften in ihrem Ballpark bislang keine ganz großen Momente feiern. Zwar gewannen sie sowohl im Jahr der Stadioneröffnung 2010 als auch in der gerade vergangenen Saison 2019 ihre Division, die AL Central, und erreichten zudem 2017 die Playoffs per Wild Card. Leider verloren die Twins aber jedes einzelne Playoff-Spiel in diesem Zeitraum – und zwar immer gegen die New York Yankees.

Architektonische Auffälligkeiten
Wie ein Großteil der modernen MLB-Stadien wurde Target Field vom Architekturbüro Populous, bis 2009 unter Namen HOK Sport Venue Event bekannt, entworfen. Trotz der „Massenproduktion“ gelingt es Populous immer wieder, keine Ballparks-Klone von der Stange entstehen zu lassen, sondern jedem Stadion ein eigenes, unverwechselbares Flair zu geben. Kennzeichnend für Target Field sind die Fassadengestaltung mit für die Gegend typischem Kalkstein sowie die Dekoration mit Blumen, Bäumen und Büschen aus der Region.

Außenansicht von Target Field (2)

Target Field wurde so gestaltet und platziert, dass man von fast allen Plätzen eine hervorragende Aussicht genießt – nicht nur auf das Feld, sondern auch auf die Umgebung mit der Skyline von Minneapolis. Eine weitere angenehme Eigenheit ist, dass die Sitzplätze in Target Field durchschnittlich näher am Feld sind als in den meisten anderen Ballparks. Rund die Hälfte der knapp 40.000 Sitze befindet sich auf den unteren Ebenen der Tribünen, ca. 18.500 Plätze sind um das Infield herum angelegt.

Abgesehen von einer Teilüberdachung des Oberdecks hat der Ballpark kein Dach. In früheren Entwürfen war ein ausfahrbares Dach vorgesehen, das man dann aber aus Kostengründen wegließ. Angesichts des Klimas im Norden der USA wird die Planung von Spielbesuchen dadurch insbesondere im Frühjahr und im Herbst ein bisschen zum Glücksspiel. Um die Wettereinflüsse wenn schon nicht von oben, dann wenigstens von unten etwas zu reduzieren, sind sowohl die Zuschauerplätze als auch das Spielfeld beheizt.

Außergewöhnlich ist die Lage der Bullpens in Target Field: Diese sind im linken Centerfield hintereinander angeordnet – der für die Gäste näher am Feld, der für die Twins direkt dahinter.

Schräg hinter den Bullpens, über dem Centerfield thront eine Installation, die das alte Twins-Logo mit „Minnie und Paul“ darstellt. Es zeigt zwei Spieler in den Uniformen der Minor-League-Teams der Twin-Cities, die der Ankunft der Twins vorausgingen: der Minneapolis Millers und der St. Paul Saints. Das Logo besteht aus diversen blinkenden Elementen und ist von einem Lichterkranz umgeben. Je nach Ereignis – Home Run, sonstiger Run, Strikeout etc. für die Twins – zeigt das Logo unterschiedliche Lichtzeichen und Animationen.

Minnie and Paul (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Die vorherigen Stadien der Twins, Metropolitan Stadium und der Metrodome, waren als hitterfreundlich bekannt. Beim Neubau war es ein erklärtes Ziel des Teams, das zu ändern und Target Field als neutralen Ballpark zu gestalten, der weder Pitcher noch Batter bevorteilt. Obwohl die Felddimensionen mit 339 Fuß (103m) Leftfield-Line, 404 Fuß (123m) Centerfield und 328 Fuß (100m) Rightfield-Line fast identisch mit denen des Metrodomes sind, wurde dieses Ziel erreicht. Tatsächlich beschwerten sich während und nach der ersten Saison sogar Batter wie der damalige Twins-Star Justin Morneau, dass der neue Ballpark zu pitcherfreundlich sei. Statistiken aus jenem ersten Jahr untermauerten diesen Eindruck, der sich aber hinterher als Ausreißer herausstellte. Wäre Target Field ein Pitcher-Stadion, wären die Twins wohl kaum in der vergangenen Saison in der Lage gewesen, einen neuen Rekord mit 307 Homeruns in einer Saison aufzustellen – auch wenn davon „nur“ 137 im eigenen Ballpark gelangen.

Wo sitzt man am besten?
Auch in Target Field gilt grundsätzlich, dass für jeden Geldbeutel etwas dabei ist und dass die Preise sich nicht nur nach Lage der Plätze, sondern auch nach Tageszeit, Wochentag und der Attraktivität des jeweiligen Gegners unterscheiden. Im Durchschnitt kostete 2019 ein Ticket in Target Field 57 Dollar, was leicht unter dem MLB-Mittel lag.

Besonders komfortable Plätze hat man auf den Club Seats des Champions Clubs direkt hinter der Homeplate oder auf denen des Legends Clubs ein bisschen höher. Tickets für den Champions Club sind schwer zu bekommen und kosten in der Regel mehrere hundert Dollar; im Legends Club findet man mitunter auch welche für unter hundert. Beide Club-Bereiche enthalten Zugang zu besonderen Lounge-Bereichen, von denen aus man das Spiel bei Bedarf in klimatisierter Umgebung verfolgen kann.

Wenn man nicht so viel ausgeben, aber trotzdem vor Sonne und Regen geschützt sein will, so empfehlen sich Plätze auf der oberen Ebene unter dem Dach. Ein Ticket kostet dort meistens nicht über 20 Dollar, dafür sitzt man aber auch relativ weit weg vom Spielgeschehen.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Ballparks hat Target Field noch eine echte Organistin. Wer Sue Nelson in den Spielpausen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit zuschauen, vielleicht auch ein paar Worte mit ihr wechseln und für ein Foto posieren will, der sollte sich Plätze in den Blöcken 217 oder 218 sichern. Für rund 30 Dollar pro Ticket sitzt man dort leicht links von der Homeplate auf mittlerer Höhe, gleich über den Legends-Club-Sitzen – und direkt neben dem „2 Gingers“-Pub, in dem Nelson an ihrem Instrument sitzt.

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Schwerdf (CC BY 4.0)
(2) Quelle: Flickr, Urheber: Jimmy Emerson (CC BY-NC-ND 2.0)
(3) Quelle: Wikimedia, Urheber: Terry Foote (CC BY-SA 4.0)

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Januar 21st, 2020 by Silversurger

Ihr wollt sie, ihr bekommt sie: Ich wurde mehrfach gefragt, ob es eine Fortsetzung der Serie über MLB-Stadien aus den letzten beiden Offseasons geben wird, und deshalb gibt es sie jetzt. Den Anfang für dieses Jahr macht der Ballpark des amtierenden World-Series-Champions Washington Nationals. Er trägt den nicht allzu phantasievollen Namen Nationals Park.

Geschichte
Die Entscheidung, die Montreal Expos nach Washington zu verlegen und die Franchise dort unter dem Namen Nationals fortzuführen, fiel Ende 2004, ein halbes Jahr vor dem Beginn der ersten Saison am neuen Standort. Zur gleichen Zeit begann auch die Planung für ein eigenes Stadion, das natürlich nicht innerhalb weniger Monate aus dem Boden zu stampfen war. Als Übergangslösung diente von 2005 bis 2007 das Robert-F.-Kennedy-Stadion, das in den 60er-Jahren schon Heimat der Washington Senators gewesen war.

Ein Bauplatz für den neuen Ballpark im Süden der Stadt am Fluss Anacostia wurde 2004 sehr schnell gefunden. Baubeginn war dennoch erst im Mai 2006, weil sich die Verhandlungen um die Finanzierung zwischen der Stadt, der Liga und der Deutschen Bank als wichtigstem Kreditgeber lange hinzogen. Der eigentliche Bau ging dann wiederum recht zügig vonstatten. Nach nicht mal zwei Jahren konnten die Nationals wie geplant in die neue Heimstatt einziehen.

Nationals Park während eines Spiels gegen die Giants 2011 (1)

Die Ehre des ersten Spiels im neuen Ballpark hatten am 22. März 2008 nicht die Nationals, sondern die College-Teams der George Washington University und der Saint Joseph’s University. Eine Woche später testeten die Nationals bei einem Freundschaftsspiel gegen die Baltimore Orioles zum ersten Mal ihr neues Feld, bevor am Tag danach, dem 30. März, das offizielle Eröffnungsspiel gegen die Atlanta Braves stattfand. Der damalige Präsident George W. Bush warf vor 39.389 Zuschauern den ersten Pitch. Den letzten Pitch des Spiels schlug Ryan Zimmerman im neunten Inning zum Walkoff-Homerun, durch den die Nationals 3:2 gewannen.

Kurz nach der Eröffnung, am 17. April 2008, besuchte der damalige Papst Benedikt XVI. den Ballpark. Er gönnte sich allerdings kein Spiel der Nationals, sondern hielt vor 47.000 Gläubigen seine eigene Veranstaltung ab. Sportliche Highlights der Stadiongeschichte waren das All-Star-Spiel 2018 und natürlich die drei Spiele der World Series 2019.

Architektonische Auffälligkeiten
Das Design des Stadions verantwortet Joe Spear, einer der Gründer des auf Ballparks spezialisierten Architekturbüros Populous. Spears erste Amtshandlung bestand darin, dem geplanten Bau eine komplett andere Richtung zu geben: Statt wie zunächst vorgesehen zum Fluss ließ er Nationals Park zur Stadt hin ausrichten, sodass man von den Zuschauerrängen in Richtung Kapitol schaute. Diese Aussicht ist mittlerweile allerdings weitgehend verbaut, nur aus einigen Ecken erheischt man noch einen Blick auf das Kapitol sowie auf das Washington Monument und die National Cathedral.

Nationals Park von oben (2)

Das Gebäude selbst ist ein modernes, relativ schnörkelloses Baseballstadion, dessen Außenfront an den Ostflügel der National Gallery of Art erinnern soll – ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, diese Ähnlichkeit zu erkennen. Weitere Anspielungen auf die Region und auf Washingtons Baseballgeschichte wurden dezent im Design untergebracht. Zum Beispiel ist der Backstop, also die Wand hinter der Homeplate, aus Blaustein gefertigt, einem für die Gegend typischen Baumaterial. Eine rechtwinklinge Zacke im rechten Teil des Centerfields erinnert an Griffith Field, das einstige Stadion der Washington Senators, welches damals um fünf Häuser und einen Baum herum gebaut werden musste.

Das Stadion wurde außergewöhnlich tief eingegraben, sodass das Spielfeld rund acht Meter unterhalb der Straßenebene der Umgebung liegt. Dadurch ist es möglich, dass mehr als die Hälfte der Zuschauer ihre Sitze erreichen kann, ohne Treppen, Aufzüge oder Rampen benutzen zu müssen.

Eine weitere Besonderheit von Nationals Park ist das 2011 angebrachte Schiffshorn – genauer gesagt handelt es sich um das Tauchhorn eines U-Boots –, das bei jedem Homerun und jedem Sieg der Nationals ertönt und an die Nachbarschaft des Stadions zur Marinewerft erinnert.

Spielbezogene Eigenheiten
Nationals Park ist hinsichtlich der Freundlichkeit gegenüber Pitchern oder Battern ein eher neutrales Stadion mit allenfalls leichter Tendenz zur Benachteiligung rechtshändiger Schlagmänner. Dass diese in Washington etwas seltener Homeruns schlagen als in durchschnittlichen MLB-Ballparks ist die einzige kleine Auffälligkeit in der Analyse der Parkfaktoren der Jahre 2014 bis 2018.

Eine Kuriosität stellt eine vermeintliche zweite Foullinie an der Wand links vom linken Foulpost des Stadions dar. Diese Linie markiert eine Stelle, an der zwischen dem Spielfeld und der Tribüne eine Lücke besteht. Die damit verbundene Groundrule besagt, dass ein Ball, der zuerst im Spielfeld und von dort zwischen der Foullinie und der zweiten Linie aufprallt, als „out of play“ und somit automatisches Double gewertet wird. Ein Ball, der aus dem Fair Territory auf die Linie oder links davon prallt, bleibt hingegen im Spiel.

Rechts im Bild die ungewöhnliche „zweite Foullinie“ links neben dem Foulpost. (3)

Wo sitzt man am besten?
Wie in jedem MLB-Stadion gibt es in Nationals Park zahlreiche verschiedene Preiskategorien sowie variierende Ticketpreise in Abhängigkeit von Tageszeit, Wochentag und natürlich der Attraktivität des Gegners.

Das Premium-Erlebnis bieten die Club-Seats in den Bereichen A bis D. Für je nach Spiel 300 bis weit über 1000 Dollar je Ticket bekommt man eine hervorragende Sicht von hinter der Homeplate inklusive Zugang zu einem opulenten Büffet sowie Getränken mit und ohne Alkohol.

Eine familienfreundliche Alternative sind die Blöcke 140 bis 143. Es handelt sich um Plätze ab ca. 30 Dollar im unteren Bereich der Tribüne des Rightfields, nah an der Family-Fun-Area und vielen Verpflegungsständen.

Ein wichtiges Kriterium beim Besuch von Nachmittagsspielen im Sommer ist die Frage, wo man am ehesten vor der prallen Sonne geschützt ist. Auf der Third-Base-Seite hat man am frühesten Schatten und muss nicht in die Sonne schauen. Es empfehlen sich hier insbesondere die günstigeren Plätze auf Ebene 400 oder die besseren auf Ebene 200 Höhe Infield.

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Something Original (CC BY 3.0)
(2) Quelle: Wikimedia, Urheber: Carol M. Highsmith (Public Domain)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: baseballoogie (CC BY NC 2.0)

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Dezember 18th, 2018 by Silversurger

Zum Abschluss der Ballparks-Serie für dieses Jahr stelle ich ein Stadion vor, das ein bisschen aus der Reihe fällt: Marlins Park in Miami ist der einzige MLB-Ballpark der letzten knapp 30 Jahre, der architktonisch nicht dem verbreiteten Retro-Stil folgt. Der Park wurde an der Stelle des alten Orange-Bowl-Stadions gebaut, in dem die College-Footballer der Miami Hurricanes und früher auch die Miami Dolphins aus der NFL spielten. Seit 2012 ist der Park Heimat der Miami Marlins.

Geschichte
Die Hurricanes und die Dolphins spielen heute in einem anderen Football-Stadion, das nach mehreren Namenswechseln inzwischen Hard Rock Stadium heißt. Ab ihrer Gründung im Jahr 1993 bis 2011 trugen dort auch die Marlins ihre Heimspiele aus, aber ganz glücklich war man mit der Situation nie. Die Form, die Farbgebung, die auf dem Feld sichtbaren Markierungen – alles signalisierte, dass dieses Stadion primär einer anderen Sportart gewidmet war.

Spätestens ab Ende der 90er Jahre wurde in Miami der Neubau eines reinen Baseballstadions diskutiert, doch wie an vielen anderen Orten gab es politische Kontroversen insbesondere um den Standort und die Finanzierung. Erst als 2007 die Hurricanes ankündigten, aus dem Orange Bowl auszuziehen, stand ein Ort für den neuen Ballpark zur Verfügung, auf den man sich einigen konnte. Dass die Baukosten von 634 Millionen Dollar zu gut 80% durch County und Stadt öffentlich finanziert wurden – mit Geld, das die klammen Kommunen gar nicht hatten –, führte bis zuletzt zu Protesten. Es änderte aber nichts mehr daran, dass im Juli 2009 mit dem Bau begonnen wurde.

Der erste Pitch in Marlins Park am 4. April 2012 (1)

Am 5. März 2012 hatten die Schülermannschaften der Christoph Columbus Highschool und der Belen Jesuit Preparatory School die besondere Ehre, das erste Spiel im neu erbauten Ballpark austragen zu dürfen. Das offizielle Eröffnungsspiel fand am 4. April statt. Nach dem zeremoniellen Pitch von Muhammad Ali spielten die Marlins vor 36.601 Zuschauern im ausverkauften Haus gegen die St. Louis Cardinals. Die Cardinals stahlen ein bisschen die Show, in dem sie in Person von Carlos Beltran den ersten Hit und den ersten Run erzielten und schließlich 4:1 gewannen.

Das bisherige Highlight in der Geschichte von Marlins Park war, 2017 Austragungsort des All-Star-Spiels der MLB sein zu dürfen. Ein Playoffspiel fand in dem Stadion bisher nicht statt, denn die Marlins haben sich seit ihrem World-Series-Sieg von 2003 noch nicht wieder für die Postseason qualifiziert.

Architektonische Auffälligkeiten
Das auf Stadien spezialisierte Architektenbüro Populous, das für die meisten der in den letzten Jahrzehnten errichteten Retro-Ballparks verantwortlich zeichnet, durfte in Miami beweisen, dass es stilistisch auch ganz anders kann: Hinter viel Stahl, Aluminium, Glas und modernem Stuck verbindet Marlins Park Elemente abstrakter zeitgenössischer Kunst mit Anspielungen auf den multikulturellen Charakter der Region, auf das tropische Klima und auf die beiden Footballstadien, die die Geschichte des Teams und des Standorts geprägt haben. 

Die Fassade von Marlins Park (2)

Das Gebäude ist voll klimatisiert und sowohl mit einem einfahrbaren Dach als auch mit einfahrbaren Glaswänden hinter dem Outfield ausgestattet. Auf diese Weise bleibt der Blick auf die Stadt erhalten, man ist aber gleichzeitig geschützt gegen die feuchte Hitze, den häufigen Regen und sogar gegen Hurricanes (die Wirbelstürme, nicht die College-Footballer).

Hinter dem Leftfield wird dem Strandleben gehuldigt in Form einer Beachbar mit Swimmingpool. Hinter der Homeplate sind zwei tropische Aquarien ins Gebäude integriert, durch Spezialglas geschützt vor Foulballs und verfehlten Pitches.

Ein sehr kontrovers diskutiertes Feature ist die von Red Grooms entworfene Homerun-Skulptur. Der damalige Teambesitzer Jeffrey Loria ließ das 2,5 Millionen Dollar teure Kunstwerk zur Eröffnung des Ballparks aufstellen, der heutige (Mit-)Besitzer Derek Jeter möchte es gerne loswerden. Das ist verständlich, denn zum einen gilt die Installation als Erinnerungsstück an Loria, der unter den Fans sehr unbeliebt war. Zum anderen kann man es kaum durch die Blume sagen: Das Ding ist furchtbar kitschung und schlichtweg potthässlich. Trotz Widerspruch von Grooms hat Jeter kürzlich die nötige Zustimmung der County-Verwaltung erhalten, dass die Skulptur aus dem Stadion entfernt und in den Außenbereich verlegt werden darf.

Geschmackssache (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Marlins Park gehört eindeutig zu den pitcherfreundlichen Stadien der MLB. Das macht sich in den Ballpark-Faktoren vor allem in der Form bemerkbar, dass die Wahrscheinlichkeit für Homeruns geringer ist als in den meisten anderen Ballparks – 2018 sogar geringer als in jedem anderen Ballpark.

Vielleicht hat sich manch ein Batter von der Hässlichkeit der Homerun-Skulptur davon abhalten lassen, mehr Bälle über den Zaun zu schlagen. Der wichtigere Grund für die niedrige Homerunzahl dürften allerdings die Ausmaße des Spielfelds sein. Diese wurden vor zwei Jahren etwas korrigiert, insbesondere durch Verkürzung des Centerfields von 418 Fuß (127 Meter) auf 407 Fuß (124 Meter), gehören aber immer noch zu den größten der Liga.

Wo sitzt man am besten?
Um es positiv zu formulieren: Die Verfügbarkeit von Tickets ist in Miami in aller Regel kein Problem. Eine Auslastung über 60% hatte das gut 36.000 Zuschauer fassende Stadion bislang nur in seiner Eröffnungssaison aufzuweisen. 2018 gingen die schon vorher niedrigen Besucherzahlen noch einmal dramatisch zurück: Nur noch 10.000 Menschen wollten sich im Durchschnitt die Spiele des radikal entkernten und nicht konkurrenzfähigen Teams ansehen. Am Stadion dürfte es am wenigsten gelegen haben, denn dieses bietet diverse Annehmlichkeiten und gute Sicht auf das Spielfeld auch von den günstigen Plätzen. Dadurch, dass es bei heißem Wetter in der Regel geschlossen ist, wird man auch nirgends von der Sonne gebraten oder geblendet.

Wer sich die besten Plätze ganz nah am Feld gönnen möchte, sollte ein Auge auf die ungewöhnliche Nummerierung der Sitze haben: Die vordersten Reihen sind mit Buchstaben bezeichnet, unten beginnend mit A. Je nach Bereich kann es sein, dass die mit der Zahl 1 versehene Reihe tatsächlich erst ungefähr die zehnte Reihe von unten ist. Die Buchstabenreihen in den Bereichen Home Plate Box 11-18 sind sehr nah am Geschehen und lassen sich regulär ab 60 Dollar bekommen, bei unattraktiven Zeiten und Gegnern aber auch sehr viel günstiger über die gängigen Weiterverkaufsplattformen.

Als preiswerte Alternative bieten sich die Bereiche Bullpen Reserved 28-32 und 38-40 an. Für die größere Entfernung zum Infield wird man neben niedrigen Preisen ab 10 Dollar dadurch entschädigt, dass man direkt in die Bullpens schauen und mit etwas Glück auch den einen oder anderen Ball abstauben kann.

Panorama aus dem Outfield bei geschlossenem Dach (3)

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Roberto Coquis (CC BY 2.0)
(2) Quelle: Flickr, Urheber: Dan Lundberg (CC BY SA 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Dan Lundberg (CC BY SA 2.0)
(4) Quelle: Flickr, Urheber: Jared (CC BY 2.0)

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Dezember 11th, 2018 by Silversurger

In Baltimore sind die Orioles, das momentan wohl uninteressanteste Team der MLB, zu Hause. Weder der mitleiderregende Zustand der Franchise, die dieses Jahr 115 Spiele verloren hat, noch der etwas sperrige Name „Oriole Park at Camden Yards“ können aber verbergen, dass die Heimstätte der Orioles eines der schönsten Stadien der Liga ist. Tatsächlich hat der 1992 eröffnete Ballpark so viel Zuspruch und Begeisterung ausgelöst, dass er fast allen seitdem eröffneten MLB-Stadien mehr oder weniger stark als Vorbild in Struktur und Design diente.

Geschichte
Die Orioles hatten seit ihrer Ansiedlung in Baltimore im Jahr 1954 im Memorial Stadium gespielt. Es handelte sich um ein Multisport-Stadion, das sie sich mit dem NFL-Team Baltimore Colts teilten. Die Colts zogen 1984 nach Indianapolis um, unter anderem weil die Stadt nicht bereit war, Geld für ein neues Stadion auszugeben. Das Risiko, auch die Orioles – und damit den Status als Profisport-Stadt – zu verlieren, bewirkte ein Umdenken der politisch Verantwortlichen. Die Finanzierung eines neuen Ballparks wurde genehmigt und das Architektenbüro HOK Sport (heute Populous) erhielt den Auftrag zur Planung.

1989 begann die 33-monatige Bauphase. Währenddessen wurde über den Namen des neuen Stadions diskutiert. Der damalige Teambesitzer Eli Jacobs sprach sich für „Oriole Park“ aus. Diesen Namen hatten schon fünf frühere Ballparks getragen, von denen der letzte 1944 abgebrannt war. Der Gouverneur des Staates Maryland bevorzugte „Camden Yards“ und nach langer Diskussion einigte man sich auf den zusammengesetzten Namen, den der Ballpark bis heute trägt.

Panorama aus Sicht der Third-Base-Seite (1)

Mit Baukosten von 110 Millionen Dollar war das in der Innenstadt gelegene Stadion vergleichsweise günstig. Oriole Park at Camden Yards wurde am 6. April 1992 mit dem Spiel der Orioles gegen die Cleveland Indians eröffnet. Den zeremoniellen ersten Pitch warf der damalige US-Präsident George Bush. Rick Sutcliffe pitchte einen Complete Game Shutout und die Orioles gewannenen 2:0. 1993 war Oriole Park Gastgeber des All-Star-Spiels der MLB.

2008 und 2009 wurden neue Sound- und Videoanlagen nachgerüstet. 2011 bis 2012 erfolgte eine größere Renovierung, bei der vor allem Premium-Sitze und Logen sowie das gastronomische Angebot aufgewertet wurden.

Eine unschöne Premiere erlebte Oriole Park am 29. April 2015 mit der Partie der Orioles gegen die Chicago White Sox: Zum ersten Mal in der Geschichte der MLB fand ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Grund waren Sicherheitsbedenken angesichts von gewaltsamen Unruhen in der Stadt, die auf den Tod des dunkelhäutigen Freddie Gray in Polizeigewahrsam zurück gingen.

Architektonische Auffälligkeiten
Oriole Park at Camden Yards war das erste Objekt, das von Populous in dem inzwischen sehr verbreiteten Retro-Stil umgesetzt wurde. Es setzte einen Trend, der weg ging von futuristischen Multifunktionsarenen, hin zu reinen Baseballstadien mit klassisch übereinander gestuften Tribünen, von Ziegelsteinen dominierten Außenfronten und bewusst asymmetrischen Außenfeldmaßen.

Frontansicht von Oriole Park (2)

Das Vorbild aus Baltimore war so einflussreich, dass 20 Jahre später (und bis heute) nur noch zwei Teams – Oakland und Toronto – übrig blieben, die nicht in einem reinen Baseballstadion spielen. Seit der Eröffnung von Oriole Park wurden 22 MLB-Stadien entweder neu gebaut oder umfassend renoviert. 21 davon werden den von Oriole Park geprägten Kategorien „retro-klassisch“ oder „retro-modern“ zugerechnet, mit Marlins Park in Miami als einzige Ausnahme.

Eine Besonderheit stellen zwei orangefarbene inmitten der ansonsten allesamt grünen Sitze dar. Einer befindet sich auf der Tribüne im rechten Außenfeld und markiert die Stelle, an die Orioles-Legende Eddie Murray 1996 seinen 500. Homerun schlug. Der andere im linken Außenfeld erinnert an den 278. Homerun von Cal Ripken Jr. als Shortstop, der damit 1993 einen Rekord aufstellte.

Spielbezogene Eigenheiten
Oriole Park at Camden Yards ist ein relativ vorteilhafter Ballpark für Power-Hitter, das heißt es gibt dort mehr Homeruns als im Durchschnitt. Das gilt für Batter mit beiden Händigkeiten, für linkshändige allerdings etwas mehr. Das liegt vor allem am kurzen Rightfield mit der nur 318 Fuß (97 Meter) langen Foullinie, woran auch der 25 Fuß (7,62 Meter) hohe Zaun nichts ändert. Das 400 Fuß (122 Meter) tiefe Centerfield gehört ebenfalls zu den kleineren der Liga. Das Leftfield mit 333 Fuß (101,5 Meter) Tiefe am Foulpole ist nicht ganz so klein, dafür ist der Zaun dort nur 7 Fuß (2,14 Meter) hoch.

Die Ballpark-Faktoren von ESPN zeigen, dass im Gegensatz zu Homeruns sonstige Extra-Base-Hits, also Doubles und Triples, in Baltimore seltener vorkommen als in anderen Stadien. Das ist eine häufige – und logische – Beobachtung in eher kleinen Ballparks mit entsprechend kürzeren Wegen im Feldspiel.

Wo sitzt man am besten?
Die aktuelle Erfolglosigkeit der Orioles führt dazu, dass der Ballpark oft nur zur Hälfte gefüllt ist. Das ist einerseits schade wegen der Stimmung, andererseits gibt es dadurch keine Probleme, an bezahlbare Tickets zu kommen.

In der Kategorie „Club Box“ (Blöcke 216 bis 254) bekommt man für 40 bis 80 Dollar gute Plätze auf mittlerer Höhe um das Infield herum. Wenn man etwas günstiger fahren möchte, findet man für weniger als die Hälfte des Preises Plätze genau eine Etage darüber in den Blöcken 312 bis 348.

Wer im Ballpark regelmäßig von großem Hunger und Durst heimgesucht wird, dürfte sich über das All-Inclusive-Angebot für die Picknickplätze hinter dem Bullpen im Leftfield freuen. Vom Hauptgeschehen auf dem Feld ist man zwar relativ weit weg, aber die Bistrotische füllen sich bis zum Abwinken (bzw. bis zum siebten Inning) mit Hot Dogs, Nachos, Softdrinks etc. und ab und zu kann man dort auch einen Homerunball fangen. Die Preise für diese Plätze liegen ebenfalls bei rund 40 bis 80 Dollar je nach Attraktivität der Spielpaarung und -zeit.

Homeplate-Perspektive bei Nacht (3)

(1) Quelle: Flickr, Urheber: Keith Allison (CC BY SA 2.0)
(2) Quelle: Wikimedia, Urheber: Jkinsocal (CC BY SA 3.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Brian Moran (CC BY NC 2.0)

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Dezember 4th, 2018 by Silversurger

10 Meilen außerhalb der Innenstadt von Atlanta lockt seit eineinhalb Jahren das neueste Stadion der MLB zu den Heimspielen der Braves. SunTrust Park hat seine ersten beiden Saisons hinter sich und ich finde, es wird Zeit, das schöne Stück im Rahmen meiner Ballparks-Serie vorzustellen.

Geschichte
In den meisten Fällen wird ein neuer Ballpark erst dann gebaut, wenn der alte spürbar in die Jahre gekommen ist. Das war in Atlanta nicht so. Das vorherige Stadion, Turner Field, war gerade erst 20 Jahre alt, als die Braves es schon wieder verließen. Es gab im Umfeld entsprechend viele Stimmen, die sich gegen den Neubau aussprachen. Es sei Verschwendung von Steuergeldern, wenn in so kurzen Abständen öffentliche Mittel in je dreistelliger Millionenhöhe in ein Baseball-Stadion fließen, lautete ein Teil der Kritik. Der andere Teil richtete sich gegen den Standort des neuen Ballparks: Der Umzug aus der Innenstadt in die überwiegend von gut situierten Weißen bewohnte Vorstadt Cobb wurde als „White Flight“ kritisiert, als Flucht aus einer sozial benachteiligten in eine privilegierte Gegend. Hinzu kam, dass der neue Standort mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus Atlanta heraus nicht besonders gut erreichbar ist, da es in mehreren Meilen Umkreis um SunTrust Park keine Bahnstrecke gibt.

Es sprachen aber auch eine Menge guter Argumente für den frühzeitigen Neubau. Turner Field war 1996 für die Olympischen Spiele erbaut und anschließend planmäßig zum reinen Baseballstadion umfunktioniert worden. Unter Termindruck musste das Stadion damals schnell und günstig gebaut werden. 20 Jahre später war es deshalb trotz seines noch recht jungen Alters renovierungsbedürftig und hätte Schätzungen zufolge 350 Millionen Dollar verschlungen, wenn man es für eine längerfristige Nutzung hätte fit machen wollen. Das wären bereits mehr als die Hälfte der Kosten des Neubaus von 622 Millionen gewesen. Auch die laufenden Kosten von Turner Field waren seiner Bauweise wegen sehr viel höher als die eines „normalen“ Stadions. Für die Einwohner von Atlanta selbst war Turner Field zwar gut erreichbar, das galt allerdings nicht für einen Großteil der Fanbasis aus dem Umland. Es fehlte vor allem an Parkplätzen und es waren keinerlei Erweiterungsmöglichkeiten vorhanden.

Nach nur 20 Jahren hatte Turner Field ausgedient (1)

So wurde schließlich von 2014 bis 2017 neu gebaut. Der Standort von SunTrust Park entspricht ungefähr der geografischen Mitte des Einzugsbereichs der Braves. Neben dem Ballpark wurde der Entertainment-Komplex „The Battery Atlanta“ errichtet, um die Umgebung für die Zeiten vor und nach den Spielen aufzuwerten. Es sind ausreichend Parkplätze vorhanden, insbesondere da die Spiele während der Woche erst um 19:30 Uhr Ortszeit beginnen, wenn viele Berufspendler schon weg sind. Das Problem mit der nicht vorhandenen Bahnstrecke konnte allerdings nicht wirklich aus der Welt geschaffen werden. Man behilft sich mit einem System von zahlreichen Shuttle-Bussen.

SunTrust Park wurde am 31. März 2017 mit einem Spring-Training-Spiel zwischen den Braves und den New York Yankees eingeweiht. Das offizielle Eröffnungsspiel fand am 14. April gegen die San Diego Padres statt. Den zeremoniellen ersten Pitch warf die Braves-Legende Hank Aaron zu Bobby Cox, der die Braves von 1990 bis 2010 gemanagt hatte. In dem Spiel, das die Braves mit 5:2 gewannen, zeichnete sich vor allem Ender Inciarte aus: Er erzielte das erste Out, den ersten Hit, den ersten Homerun und den ersten Run des neuen Stadions.

SunTrust Park am Tag seiner Eröffnung (2)

Architektonische Auffälligkeiten
SunTrust Park wurde von Populous geplant, dem Architekturbüro, dessen Feder 19 von 30 Ballparks der MLB entsprungen sind. Das äußere Erscheinungsbild wird – passend zum verbreiteten Stil im Südosten der USA – dominiert von Ziegelsteinen. Innen fällt vor allem auf, wie nah man als Zuschauer am Geschehen ist: Durch steilere und stärker überlappende mittlere und obere Ebenen ist die durchschnittliche Entfernung zwischen den Sitzen und dem Feld geringer als in jedem anderen MLB-Ballpark.

Frontansicht von SunTrust Park (3)

Im Batter’s Eye, also in der Mitte hinter dem Centerfield, wurde eine kleine Landschaft mit Bäumen und einem Wasserfall errichtet. Sie wurde inspiriert von einem ähnlichen Feature in Coors Field in Colorado. Eine rund 15 Meter hohe Wasserfontäne zelebriert Homeruns und Siege der Braves.

Im Inneren des Gebäudes hinter der Homeplate befindet sich der „Monument Garden“, ein integriertes Museum mit Statuen, Plaketten und anderen Ausstellungsstücken, die an die Highlights der Teamgeschichte erinnen.

Spielbezogene Eigenheiten
Mit Feldmaßen von 400 Fuß (122 Meter) im Centerfield sowie Foul-Linien von 335 Fuß (102 Meter) im Leftfield und 325 Fuß (99 Meter) im Rightfield liegt SunTrust Park im Mittelfeld der MLB-Ballparks.

Für eine valide Beurteilung der Tendenzen zu Gunsten oder Ungunsten von Pitchern und Battern, nach Händigkeit und verschiedenen Arten von Hits, liegen nach nur zwei Jahren noch relativ wenige Erfahrungswerte vor. Vor Eröffnung des Stadions hatten mehrere Experten – darunter Braves-Manager Brian Snitker – die Erwartung geäußert, das SunTrust Park vor allem bei Hittern beliebt sein würde. Die Ballpark-Faktoren der ersten zwei Jahre geben dazu jedoch ein eher unklares Bild ab: 2017 landete der Park knapp unter dem Durchschnitt, was das Erzielen von Runs betrifft. 2018 landete er in dieser Hinsicht auf einem hitterfreundlichen Platz sieben von 30; allerdings fielen die Runs eher über Singles und Walks, während Homeruns und sonstige Extra-Basehits unterdurchschnittlich häufig vorkamen.

Wo sitzt man am besten?
Wie ich schon erwähnt habe, sitzt man im SunTrust Park durchschnittlich näher am Feld als in anderen Stadien. Das ist prinzipiell erfreulich. Allerdings hat die dafür ursächliche Bauweise in Verbindung mit der Südost-Ausrichtung des Stadions einen unangenehmen Nebeneffekt: Wenn die Sonne scheint, ist man ihr auf einer Seite des Ballparks gnadenlos ausgeliefert. Von daher ist mein erster und wichtigster Tipp: Wenn ihr ein Nachmittagsspiel besucht, meidet die Third-Base-Seite sowie das Outfield; bei einem Mittagsspiel ist es zudem auch direkt hinter der Homeplate – ausgerechnet auf den teuersten Plätzen – an heißen Tagen kaum auszuhalten. Fast immer schattig ist es hingegen auf den oberen Plätzen (Level 400) um die Homeplate herum, denn dort hat man das Dach direkt über sich. Mit 11 bis 24 Dollar sind diese Sitze zudem sehr erschwinglich.

Für Abendspiele ist die Auswahl geeigneter Sitze deutlich größer. Das Sonnen-Problem entfällt und die Sicht auf das Spielfeld ist von allen Plätzen in SunTrust Park gut bis sehr gut. Die Preisgestaltung ist die übliche, das heißt je näher an der Homeplate und je weiter unten, umso teurer sind die Tickets. Das durchschnittliche Preisniveau von SunTrust Park bewegt sich Mittelfeld der MLB-Ballparks. Je nach Zeit und Gegner kosten die günstigsten Einzeltickets  – ganz oben im Outfield – zwischen 7 und 15 Dollar und die teuersten – direkt am Infield – zwischen 102 und 165. Für Logen und Suites blättert man natürlich mehrere hundert Dollar hin, sofern man überhaupt an solche Tickets kommt.

Blick von der Rightfield-Tribüne (4)

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Ryan W20.01 (CC BY SA 4.0)
(2) Quelle: Wikimedia, Urheber: Thechased (CC BY SA 4.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Peter Ciro (CC BY NC-ND 2.0)
(4) Quelle: Wikimedia, Urheber: Thomson200 (Public Domain)

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November 27th, 2018 by Silversurger

An der 161st Street im New Yorker Stadtteil Bronx steht der Ballpark, der dieses Jahr in der MLB die (nach Dodger Stadium) zweitmeisten Besucher begrüßen durfte. Er beherbergt die erfolgreichste Franchise der Baseball-Geschichte: die New York Yankees.

Geschichte
Yankee Stadium ist einer der neuesten Ballparks der Liga, allerdings wird das vom nur halb interessierten Beobachter schnell übersehen. Es besteht nämlich akute Verwechslungsgefahr mit dem alten Stadion der Yankees, das den gleichen Namen trug, an fast der gleichen Stelle stand und dem neuen architektonisch sehr ähnelte.

Das 1923 eröffnete alte Yankee Stadium war das erste eigene Stadion der Yankees, die sich bis dahin die Polo Grounds mit den New York Giants geteilt hatten. Leisten konnten sich die Yankees den Bau nicht zuletzt deshalb, weil sie in den Jahren zuvor zu New Yorks erfolgreichstem Klub aufgestiegen waren und den Giants auch bei den Zuschauerzahlen den Rang abgelaufen hatten. Für beide Entwicklungen spielte Superstar Babe Ruth eine große Rolle. Man nannte das Stadion deshalb auch gerne „the house that Ruth built“.

Das alte Yankee Stadium (1923-2008) (1)

Eine umfangreiche Renovierung 1974/75 verlängerte die Lebensdauer des Ballparks, doch schon ab Beginn der 1980er Jahre warb Teambesitzer George Steinenbrenner immer wieder für einen Neubau. Das tat er lange ohne Erfolg, weil er weder in New York noch am Alternativstandort in New Jersey die Zustimmung zu der nötigen öffentlichen Finanzierung fand. Doch steter Tropfen höhlt den Stein: 20 Jahre später hatte Steinenbrenner die Verhandlungen mit dem New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani kurz vor dem Ende von dessen Amtszeit so weit getrieben, dass sein Nachfolger Michael Bloomberg aus den Zusagen nicht mehr heraus kam, obwohl er es versuchte. Mit Gesamtkosten von 2,3 Milliarden Dollar, davon 1,2 Millarden öffentliche Gelder, ist das von 2006 bis 2008 erbaute Yankee Stadium bis heute das teuerste Stadion der Welt.

Sportlich war der Neueinzug ins Stadion für die Yankees immer ein Garant für schnelle Erfolge: 1923 gewannen sie im frisch erbauten Yankee Stadium ihre erste World Series, 2009 im neuen Yankee Stadium ihre 27. und bisher letzte. 1976, als sie nach zwei Jahren Umbau zurück in ihr Stadion durften, erreichten sie zumindest die Finalserie und in den beiden Folgejahren holten sie jeweils den Titel. Es mag überraschen, dass das zehn Jahre alte Stadion bisher noch nie Gastgeber des All-Star-Games sein durfte. Das liegt vor allem daran, dass der alte Ballpark diese Ehre 2008 zum Abschied hatte, sodass die Yankees nun eben wieder eine Weile warten müssen, bevor sie das nächste Mal an die Reihe kommen.

Außer Baseball finden im Yankee Stadium auch regelmäßig die Fußballspiele des New York City FC sowie gelegentlich College Football und Konzerte statt.

Das neue Yankee Stadium (2)

Architektonische Auffälligkeiten
Das neue Yankee Stadium ist im Kern selbstverständlich ein hochmoderner Ballpark mit diversen Annehmlichkeiten. Doch bei der äußeren Gestaltung wurde sehr viel Wert darauf gelegt, Vorbilder aus dem alten Stadion aufzugreifen. Die Fassade soll der des Urzustands des ersten Yankee Stadium von 1923 möglichst ähnlich sehen und auch die bordürenartige Verzierung am Dach wurde aus dieser Zeit kopiert.

Im Centerfield steht eine moderne Videowand, doch im linken und rechten Outfield wurden zusätzlich manuell betriebene Anzeigetafeln angebracht, an den selben Stellen wie im alten Stadion. Auch die zwei Einschnitte im Stadionrund, durch die man die vorbeifahrenden Subway-Züge sehen kann, wurden beim Neubau übernommen.

Panorama-Ansicht von Yankee Stadium aus dem Outfield (3)

Das Innenleben des neuen Yankee Stadium ist Geschmackssache, um nicht zu sagen: Mir gefällt es nicht. Die große Halle im südlichen Teil ist schon nicht besonders schön, aber zumindest geräumig. Beim Versuch, das Stadion zu umrunden, gerät man hinter dem Outfield zwangsläufig in sehr düstere Betonkanäle. Zu den höher gelegenen Tribünen führen statt offener Treppen, wie sie in den meisten anderen neueren Stadien üblich sind, endlose rundum geschlossene Betonrampen.

Die große Halle im südlichen Innenbereich des Stadions (4)

Spielbezogene Eigenheiten
Die Feldmaße des neuen Yankee Stadium sind nahezu identisch mit denen des alten: Mit Foul-Linien von 318 Fuß (97 Meter) im Leftfield und 314 Fuß (96 Meter) im Rightfield sowie einem 408 Fuß (124 Meter) tiefen Centerfield gehört der Ballpark zu den kleineren in der MLB und ermöglicht entsprechend viele Homeruns.

Das spiegelt sich auch in den Ballpark-Faktoren wieder, denen zufolge Yankee Stadium mehr Hits, mehr Runs und mehr Homeruns zulässt als die meisten anderen Stadien. Doubles und Triples kommen hingegen seltener vor als im MLB-Durchschnitt – auch das ist eine typische Beobachtung in eher kleinen Ballparks.

Wo sitzt man am besten?
New York ist generell ein teures Pflaster und das merkt man auch beim Kauf von Baseballtickets. Aufgrund der ungebrochenen Popularität der Yankees ist das Stadion häufig ausverkauft, sodass man Tickets oft nur mit großem zeitlichem Vorlauf oder aber über die gängigen Weiterverkaufs-Plattformen erhält.

Man kann das Spiel in Yankee Stadium von fast jedem Sitz gut verfolgen, am besten natürlich von den Plätzen auf der unteren Ebene rund um die Homeplate. Für solche Sitze muss man in aller Regel mit Preisen von mehreren hundert Dollar rechnen. Eine Ebene höher ist die Sicht fast genauso gut und der Preis pro Ticket deutlich geringer, aber immer noch dreistellig.

Blick von der Homeplate-Seite aus (5)

Ein Schnäppchen kann man in Yankee Stadium machen, indem man mit einem Platz auf den Bleachers, also den unüberdachten Outfield-Tribünen vorlieb nimmt. Ab 15 Dollar kann man hier ein Ticket bekommen, wenn es nicht gerade gegen die Red Sox oder die Mets geht. In den Blöcken 201 und 239 fangen die Preise sogar bei 5 Dollar an – allerdings nur, weil das die Blöcke sind, aus denen die Sicht auf einen Teil des Feldes beschränkt ist.

Meine Empfehlung sind Plätze entlang der First-Base- und Third-Base-Linie auf der dritten oder vierten Ebene. Hier findet sich ein meiner Ansicht nach sehr annehmbarer Kompromiss aus einem guten Überblick aus der Vogelperspektive und auch mit Familie noch erschwinglichen Preisen von ungefähr 30 bis 70 Dollar pro Karte.

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Severin St. Martin (CC BY SA 2.0)
(2) Quelle: Wikimedia, Urheber: Groupe Canam (CC BY SA 3.0)
(3), (4), (5) Eigene Aufnahmen

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November 20th, 2018 by Silversurger

In meiner Serie über die Ballparks der MLB geht es heute zum ersten und voraussichtlich einzigen Mal um ein Stadion außerhalb der USA. Im Rogers Centre tragen die Toronto Blue Jays ihre Heimspiele aus. Da es sich um eine Multifunktionsarena handelt, finden in dem Gebäude diverse weitere Veranstaltungen wie zum Beispiel Messen und Konzerte statt. Bis 2015 war es gleichzeitig die Heimstätte des CFL-Football-Teams Toronto Argonauts.

Geschichte
Football spielte eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, dieses Stadion zu bauen. Denn es war ein Spiel um die CFL-Meisterschaft im Jahr 1982, bei dem auf nachhaltige Weise deutlich wurde, dass ein geschlossenes Stadion angesichts des kanadischen Wetters eine gute Idee wäre. Das Exhibition Stadium, die damalige Heimat sowohl der Blue Jays als auch der Argonauts, wurde während des Spiels von einem sehr heftigen Regenschauer heimgesucht. 7,8 Millionen Fernsehzuschauer wurden Zeuge der unhaltbaren Zustände in der Arena, in der 55.000 Zuschauer versuchten, unter einen kleinen überdachten Bereich sowie in die Toilettenräumlichkeiten zu flüchten. Während der Siegesfeier am nächsten Tag gab es massenhafte und lautstarke Forderungen nach einem überdachten Stadion, denen sich der Premierminister des Bundesstaates Ontario, Bill Davis, der selbst das Spiel besucht hatte, anschloss.

Nach einer gut dreijährigen Phase des Sondierens und Planens begann 1986 der Bau der neuen Arena. Die Finanzierung des Baus, der erst 150 Millionen kanadische Dollar kosten sollte, im Endeffekt aber 570 Millionen verschlag, erfolgte zu einem guten Teil über Sponsoren. Das Modell, das dabei angewandt wurde, stieß auf starke Kritik, da es den beteiligten 30 Unternehmen für je 5 Millionen Dollar unter anderem exklusive Werbepartnerschaften für 99 Jahre zusicherte, was sich mittelfristig absehbar als Spottpreis erwies. 

Die offizielle Eröffnung des Stadions, zunächst unter dem Namen SkyDome, fand am 3. Juni 1989 in Form einer Feier mit prominenten Gästen und Livemusik statt. Das Highlight war die Öffnung des weltweit ersten komplett einfahrbaren Stadiondachs. Die 50.000 anwesenden Besucher waren davon allerdings nicht allzu begeistert, denn sie wurden bei der Zeremonie prompt wieder vollgeregnet.

Das erste Baseballspiel in der Arena war die Partie der Blue Jays gegen die Milwaukee Brewers am 5. Juni 1989. Das Spiel wurde 3:5 verloren, aber ein schlechtes Omen war diese Niederlage nicht: Der Umzug in das neue Stadion markierte den Beginn der erfolgreichsten fünf Jahre der Teamgeschichte mit vier Divisionsmeisterschaften und zwei gewonnenen World Series. Dementsprechend erlebte der Dome seine sportlichen Highlights als Baseballstadion allesamt Anfang der 90er Jahre: das All-Star-Spiel 1991 sowie die World-Series-Heimspiele der Blue Jays 1992 und 1993. 

Da das Stadion sich nicht nur im Bau, sondern auch im Unterhalt als sehr viel teurer erwies als ursprünglich kalkuliert, häuften sich über die Jahre Unsummen an Schulden an, sodass die Arena 1998 Gläubigerschutz anmelden musste und zum Preis von 80 Millionen Dollar an eine Investorengruppe verkauft wurde. 2005 übernahm Rogers Communications das Stadion – ein Telekommunikationsunternehmen, dem auch die Blue Jays gehören und von dem der ehemalige SkyDome seinen neuen Namen erhielt.

Rogers Centre, CN Tower und die Skyline von Toronto (1)

Architektonische Auffälligkeiten
Rogers Centre liegt in der südlichen Innenstadt von Toronto und bietet allein dadurch schon einen spektakulären Anblick, dass es direkt neben dem CN Tower steht, dem 553 Meter hohen Wahrzeichen der Stadt. Das herausragende Feature der Arena selbst ist das komplett ein- und ausfahrbare kuppelförmige Dach. Innerhalb von 20 Minuten wird aus einem offenen Stadion eine riesige Halle und umgekehrt. Bei niedrigen Temperaturen funktioniert der Mechanismus allerdings nicht zuverlässig, daher bleibt die Kuppel in den kalten Monaten durchgängig geschlossen.

Rogers Centre mit offenem Dach (2)

Nicht nur in Bezug auf das Dach ist Rogers Centre ein wahrer Verwandlungskünstler: Der Pitchermound wird hydraulisch ein- und ausgeklappt, je nachdem ob gerade ein Baseballfeld gebraucht wird oder nicht. Für Footballspiele können zusätzliche Sitze ausgefahren und bewegt werden, sodass sich die benötigte Form des Feldes ergibt. Bei Bedarf kann innerhalb einiger Stunden auch der Kunstrasenbelag entfernt  und später wieder ausgerollt werden.

Eine weitere Besonderheit von Rogers Centre ist ein integriertes Hotel mit 350 Zimmern, von denen 70 Blick auf das Spielfeld gewähren.

Innenansicht bei geschlossenem Dach (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Die Ballpark-Faktoren von ESPN für die Saison 2018 sehen Rogers Center als ein Stadion, in dem etwas unterdurchschnittlich viele Hits und etwas überdurchschnittlich viele Homeruns vorkommen. Die Dimensionen von 328 Fuß (100 Meter) langen Foullinien ins Rightfield und Leftfield sowie einem 400 Fuß (122 Meter) tiefen Centerfield liegen im Mittelfeld der MLB-Ballparks. Es spricht somit vieles dafür, dass Rogers Centre eine Spielumgebung darstellt, in der weder die Hitter noch die Pitcher besonders bevorteilt werden.

In einer anderen Eigenheit, die sich auf das Spiel auswirkt ist Rogers Centre allerdings durchaus etwas besonderes im Vergleich mit fast allen anderen Ballparks: Es ist eines von nur noch zwei Kunstrasenstadien in der MLB (das andere ist Tropicana Field in Tampa Bay). Der künstliche Untergrund, das sogenannte AstroTurf, ist häufiger Gegenstand von Diskussionen. Einerseits liegt es auf der Hand, dass ein künstlicher Belag angesichts des kanadischen Klimas und des häufig geschlossenen Daches sehr viel leichter zu unterhalten ist als natürlicher Rasen. Andererseits herrscht unter den Spielern und Verantwortlichen im professionellen Baseball mehr und mehr die Meinung vor, dass Kunstrasen zu mehr Verletzungen und körperlichen Abnutzungserscheinungen führt als echtes Gras. Aus diesem Grund spielen inzwischen fast alle MLB-Klubs auf Naturrasen und auch in Toronto wurden mehrmals entsprechende Pläne publik. Umgesetzt wurden diese bisher nicht und es ist völlig offen, ob es jemals dazu kommt. Denn der finanzielle Aufwand für die bauliche Installation und Pflege eines Grasuntergrunds unter den gegebenen Bedingungen wäre hoch und würde der Arena obendrein einen guten Teil ihrer aktuellen Wandlungsfähigkeit nehmen.

Wo sitzt man am besten?
Im Bett liegen und Baseball schauen – nicht im Fernsehen, sondern live durch ein bodentiefes Fenster. Wäre das was? Im Toronto Marriott City Centre Hotel ist das möglich. Für 500 bis 600 kanadische Dollar (pro Nacht und Zimmer, nicht pro Person) kann man sich dieses besondere Erlebnis gönnen.

Was die normalen Sitzplätze betrifft, so folgt Rogers Stadium den gleichen Regelmäßigkeiten wie alle anderen MLB-Stadien: Oben ist es günstiger als unten, im Outfield ist es günstiger als hinter der Homeplate, Spiele gegen populäre Teams wie die Red Sox oder die Yankees sind teurer als andere Spiele. Das höchste Level (Blöcke mit 500er Nummern) ist zwar das billigste, aber man sitzt dort schon sehr weit weg, weil sich in Rogers Centre zwischen den normalen Blöcken noch zwei Ringe mit Logen ziehen. Je nach Wetter sind auch die Plätze auf der First-Base-Seite nicht empfehlenswert, denn bei starkem Sonnenschein und offenem Dach wird man dort oft geblendet.

In den letzten fünf Jahren sind die Ticketpreise in Toronto jährlich gestiegen, 2018 betrugen sie ca. 17 bis 85 Dollar je nach Platz. Das Ende der Fahnenstange scheint allerdings vorerst erreicht, denn angesichts steigender Preise bei sinkender sportlicher Leistung verkauften sich die Tickets dieses Jahr so schlecht, dass es in der zweiten Saisonhälfte teilweise wahnwitzige Sonderangebote hagelte wie zum Beispiel Premiumsitze für unter 10 Dollar.

Wer das Spiel mit Kindern besucht, kann sich bei der Blockwahl für einen der speziellen Familienbereiche entscheiden. Hierzu zählen die Abschnitte 237/238 (mittig im Leftfield) sowie 516/517 (oben auf Höhe der ersten Base). Der Hauptunterschied dieser Bereiche zu anderen Sitzen ist, dass dort kein Alkohol verkauft wird. Man kann sich mit seinen Kindern aber auch auf alle anderen Plätze wagen – meiner Erfahrung nach ist die Wahrscheinlichkeit, in einem MLB-Ballpark von Betrunkenen angepöbelt zu werden, sehr viel geringer als in einem deutschen Fußballstadion.

(1) Quelle: Flickr, Urheber: The City of Toronto (CC BY SA 2.0)
(2) Quelle: Wikimedia, Urheber: Magnus Manske (CC BY SA 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: The West End (CC BY-NC-ND 2.0)

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