Category: Skandale

Februar 9th, 2021 by Silversurger

Zehn Wochen Anlauf habe ich genommen, um die meiner Meinung nach größten Skandale der MLB-Geschichte herunterzuzählen. Platz eins wird kaum jemanden überraschen: Der traurigste, beschämendste und zugleich am längsten andauernde Skandal im professionellen Baseball ist die große und lange währende Rolle von rassistischer Diskriminierung.

Am 15. April 1947 hatte Jackie Robinson seinen ersten MLB-Einsatz für die Brooklyn Dodgers. Das war der Anfang vom Ende jahrezehntelanger Rassentrennung im Baseball. Dieses besonderen Moments wird jedes Jahr am 15. April gedacht: Alle Spieler, Coaches und sogar die Schiedsrichter tragen für einen Tag Jackie Robinsons Rückennummer 42 auf dem Trikot, die ansonsten in der gesamten Liga nicht mehr vergeben wird.

Robinson war übrigens nicht der erste schwarze Spieler in den Major Leagues. Im 19. Jahrhundert waren einige dunkelhäutige Akteure zu Einsätzen gekommen, zum Beispiel William Edward White 1879 für die Providence Grays und 1884 die Brüder Fleetwood und Weldy Walker für die Toledo Blue Stockings. Nach 1884 war die Rassentrennung im Baseball für über 60 Jahre traurige Realität. In einigen Minor Leagues wurde der Einsatz farbiger Akteure ausdrücklich verboten, in der MLB berief man sich auf ein sogenanntes „Gentlemen’s Agreement“. Viele Spieler und Teams in der MLB drohten mit Streiks für den Fall, dass sie gegen Mannschaften antreten sollten, die dunkelhäutige Spieler einsetzten. Cap Anson, First Baseman und Manager der Philadelphia Athletics und der Chicago White Stockings (später Chicago Colts), machte sich in dieser Hinsicht einen besonders unrühmlichen Namen.

Schwarze Baseballer konnten ihr Können in jener Zeit lediglich in den in puncto Infrastruktur und Verdienstmöglichkeiten klar benachteiligten „Negro Leagues“ zeigen. Die offizielle Anerkennung der in diesen Ligen vollbrachten Leistungen ließ sehr lange auf sich warten: Erst vor zwei Monaten, im Dezember 2020, gab die MLB bekannt, dass sieben „Negro Leagues“ der Jahre 1920 bis 1948 nachträglich als Major Leagues eingestuft werden. Das bedeutet, dass die 3.400 Spieler dieser Ligen mit all ihren Leistungen, Statistiken und Rekorden nun offiziell als Major Leaguer gelten. 

Nicht nur die viel zu späte Anerkennung der „Negro Leagues“ zeigt, dass Rassismus im Baseball keineswegs am 15. April 1947 schlagartig Geschichte war. Jackie Robinson und viele andere dunkelhäutige Spieler hatten noch über Jahre und Jahrzehnte mit offenen Anfeindungen durch Spieler, Funktionäre und Fans zu kämpfen. Der kürzlich verstorbene Hank Aaron musste dies vor allem 1973/74 erfahren, als er dabei war, den Homerun-Rekord von Babe Ruth zu brechen.

The Ruth chase should have been the greatest period of my life, and it was the worst. I couldn’t believe there was so much hatred in people. It’s something I’m still trying to get over, and maybe never will. (Hank Aaron) 

1987 kosteten rassistische Äußerungen den General Manager der Los Angeles Dodgers, Al Campanis, den Job. Ausgerechnet in einer Sendung zum 40. Jubiläum des Debüts seines ehemaligen Teamkameraden Jackie Robinson verriet Campanis krude Ansichten: zum Beispiel, dass vielen Schwarzen die „Voraussetzungen“ fehlten, Field Manager oder General Manager  zu sein, und dass sie schlechte Schwimmer seien, weil sie weniger Auftrieb hätten.

Ein noch erschreckenderes Beispiel dafür, dass Rassismus im Baseball auch lange nach 1947 noch eine Rolle spielte, bot Marge Schott, die Teameignerin der Cincinnati Reds von 1968 bis 1999. Schott leistete sich im kleinen Kreis regelmäßig beleidigende Ausfälle gegen Schwarze und Juden und verbot ihren Angestellten, Schwarze einzustellen. Nachdem sie 1996 öffentlich äußerte, Adolf Hitler sei am Anfang gut gewesen, bevor er „etwas zu weit gegangen“ sei, wurde sie von der MLB für zwei Jahre gesperrt und entschied sich anschließend zum Verkauf der Franchise.

Wo steht der Baseball heute in Bezug auf Rassismus? Das Glas ist halb voll, weil offen rassistische Äußerungen wie jene von Campanis und Schott eine absolute Seltenheit sind und auf konsequente Reaktionen stoßen; es ist halb leer, weil der Anteil von Dunkelhäutigen und sonstigen Angehörigen von Minderheiten in den Führungsebenen der Klubs immer noch unverhältnismäßig niedrig ist. Das Glas ist halb voll, weil zum Beispiel die Aktionen zur Unterstützung der „Black Lives Matter“-Bewegung im August 2020 gezeigt haben, dass die Spieler aller Hautfarben und Abstammungen bereit sind, gemeinsam starke Zeichen gegen Rassismus zu setzen; es ist halb leer, weil solche Zeichen offensichtlich immer noch nötig sind. Das Glas ist halb voll, weil auch subtilere und scheinbar „positiv gewendete“ Formen der Diskriminierung wie Logos und Teamnamen (z. B. der Cleveland Indians) in den Blick genommen und geändert werden; es ist halb leer, weil dieser ganze Prozess quälend lange dauert und immer noch von viel „wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „war doch schon immer so“ begleitet wird.

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Februar 2nd, 2021 by Silversurger

Die Sache ist über 100 Jahre her, aber wenn man von MLB-Skandalen spricht, kommt einem das Schlagwort „Black Sox“ immer noch sofort in den Sinn. Der Begriff ist eine Verballhornung des Teamnamens der Chicago White Sox. Deren Gründer und damaliger Owner, Charles A. Comiskey, galt als dermaßen geizig, dass er seine Spieler nicht nur unter Wert bezahlte, sondern auch an der Wäsche der Uniformen sparte. Deswegen wurde die Farbe der Socken dem Namen des Teams selten gerecht und es kam zu dem Kosenamen. 

Natürlich bestand der Skandal, von dem wir heute reden, nicht in ungewaschenen Strümpfen. Aber er hat ebenfalls viel zu tun mit dem legendären Geiz und der Unbeliebtheit von Herrn Comiskey. Die White Sox waren zwar eines der Top-Teams der Liga und hatten bereits die World Series 1917 gewonnen. Doch viele der Spieler waren unzufrieden mit dem Klub und hätten diesen gern verlassen – was aber unter den Regeln der „Reserve Clause“ damals nicht möglich war, sofern man nicht bereit war, ganz mit dem Baseballspielen aufzuhören. So wuchs bei den betreffenden Spielern der Frust und es stieg die Anfälligkeit, sich auf unmoralische Angebote einzulassen. 

Ein solches Angebot bekamen einige Spieler der White Sox wenige Tage vor der World Series 1919 aus Kreisen der Wettmafia um Arnold Rothstein. Der Drahtzieher auf Seiten der Spieler war First Baseman Arnold „Chick“ Gandil. In seinem Zimmer im Ansonia Hotel in New York City fand am 21. September 1919 das Treffen statt, auf dem verabredet wurde, die World Series absichtlich zu verlieren. Außer Gandil waren Centerfielder Oscar „Happy“ Felsch, Shortstop Charles „Swede“ Risberg sowie die Pitcher Eddie Cicotte und Claude „Lefty“ Williams an Bord. Hinzu kam Infielder Fred McMullin, der zwar nicht bei dem Treffen war, aber von den Plänen hörte und sie zu verraten drohte, wenn er nicht beteiligt würde. Umstritten ist, inwieweit auch Third Baseman George „Buck“ Weaver und „Shoeless“ Joe Jackson als Teil der Verschwörung zu betrachten sind. Weaver war bei dem Treffen dabei, nahm aber kein Geld an und spielte eine starke World Series. Jackson war bei keinem Treffen anwesend und spielte ebenfalls gut und fehlerlos. Dennoch gab er bei der anschließenden Gerichtsverhandlung zu, 5.000 Dollar von den Wettpaten angenommen zu haben. Das Geständnis widerrief er später, da es unter Alkoholeinfluss zustande gekommen sei und er als Analphabet einen Text unterschrieben habe, den er gar nicht lesen konnte. 

Die World Series ging mit 5:3 Spielen an den Gegner der White Sox, die Cincinnati Reds. Lefty Williams verlor alle drei seiner Starts, darunter das entscheidende Spiel 8. Swede Risberg schlug während der Serie 2-25 und beging vier Errors. Diese und andere fragwürdige Leistungen brachten bereits während der Serie den Verdacht auf, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Nachdem dieser Verdacht sich in den folgenden Monaten erhärtete, wurde im September 1920 eine Grand Jury eingesetzt, also ein Gremium zur Voruntersuchung für ein Strafverfahren. Vor der Jury gab Cicotte als erster zu, dass die Korruptionsvorwürfe zutrafen und dass er dabei gewesen war. Die Jury entschied nach rund einem Monat, dass Anklage gegen alle acht oben genannten Spieler sowie gegen fünf Mitglieder der Wettmafia erhoben werden sollte. 

Im folgenden Strafprozess sagte zwar „Sleepy Bill“ Burns, ein ehemaliger White-Sox-Spieler, gegen seine Ex-Kollegen aus, und es sprachen auch weitere Zeugen und Indizien für die Anklage. Doch insgesamt war die Beweislage dünn, zumal einige Unterlagen aus der Jury-Untersuchung, unter anderem die Geständnisse von Cicotte und Jackson, „verschwunden“ waren. Das Verfahren endete daher mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen für alle beteiligten Spieler. 

Dass sie vor Gericht davonkamen, rettete keineswegs den Ruf und die Karriere der Acht, denn es stand noch ein Urteil von Seiten der Liga aus. Die Eigentümer der MLB-Teams hatten vor der Saison 1921 als direkte Konsequenz der Black-Sox-Geschichte zum ersten Mal einen Commissioner benannt, also eine Art Geschäftsführer mit sehr weitreichenden Kompetenzen. Das Amt wurde an den für seine Strenge bekannten Richter Kennesaw Mountain Landis vergeben. Der statuierte prompt ein Exempel an den Spielern der White Sox: Alle acht wurden auf Lebenszeit gesperrt. Das Urteil von Landis wurde und wird bis heute vielfach als sehr hart empfunden, vor allem im Hinblick auf Buck Weaver und Shoeless Joe Jackson. Beide waren nach allem, was man weiß, nur Mitwisser, aber nicht Mittäter. Sowohl sie selbst als auch ihre Nachkommen bemühten sich mehrfach um eine Begnadigung, die aber bis heute nicht erfolgt ist. Ein berühmt gewordener Ausspruch von Weaver lautet:

There are murderers who serve a sentence and then get out. I got life. 

(Es gibt Mörder, die ihre Strafe absitzen und dann frei kommen. Ich bekam Lebenslänglich.)

Der Black-Sox-Skandal ist journalistisch und kulturell auf vielfache Weise aufgearbeitet worden. Besonders bekannt wurden das Buch „Eight Men Out“ von Eliot Asinof und dessen gleichnamige Verfilmung von 1988 (deutschsprachige Version: „Acht Mann und ein Skandal“). Auch das filmische Baseball-Märchen „Feld der Träume“ weist einen starken Bezug zu den Vorkommnissen von 1919 und ihren Folgen auf. 

Das Team der Chicago White Sox in der Saison 1919. In der hinteren Reihe stehen ganz links Shoeless Joe Jackson, daneben Chick Gandil und dann Fred McMullin. In der mittleren Reihe ist Happy Felsch der Dritte von links, Buck Weaver sitzt ganz rechts. Vorne ist der Zweite von links Swede Risberg, der Zweite von rechts ist Lefty Williams, ganz rechts sitzt Eddie Cicotte. (Quelle: Wikimedia; Urheberrecht: Public Domain).

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Januar 26th, 2021 by Silversurger

Zur Mitte der 1990er-Jahre litt der professionelle Baseball unter sinkender Popularität, nicht zuletzt wegen des zerrütteten Verhältnisses zwischen Teambesitzern und Spielern infolge der Owner-Verschwörung in den 80ern und des Spielerstreiks von 1994. In dieser Situation erschien es wie ein Geschenk des Himmels, dass das Spiel selbst ab derselben Zeit spürbar spektakulärer wurde, weil Stars wie Marc McGwire, Barry Bonds und Sammy Sosa die Bälle weiter schlugen als jemals zuvor. Ab 1994 gab es regelmäßig im Durchschnitt mehr als zwei Homeruns pro Spiel. Jahrzehntealte Rekorde von Babe Ruth, Hank Aaron und Roger Maris wurden auf einmal reihenweise überboten.

Wie wir heute wissen, kam die neue Baseball-Power nicht vom Himmel und auch nicht nur aus dem Kraftraum, sondern zu einem guten Teil aus Spritzen mit leistungsfördernden Mitteln, sogenannten Steroiden. Diese spielten für die Ergebnisse und Rekorde von der ersten Hälfte der 1990er- bis zur Mitte der 2000er-Jahre mutmaßlich eine so große Rolle, dass man diese Zeit heute als die „Steroid-Ära“ des Baseballs bezeichnet.

Der Verdacht, dass bei den Heldentaten von McGwire, Bonds und Co. etwas nicht mit rechten Dingen zuging, kam damals recht schnell auf. Doping war schließlich spätestens seit dem Fall des Sprinters Ben Johnson von 1988 ein präsentes Thema – wenngleich eines, das die MLB damals wenig interessierte. Tatsächlich gab McGwire schon während seiner Rekordsaison 1998 offen zu, seit Jahren das Steroid Androstendion zu benutzen. Das Mittel stand damals beim Internationalen Olympischen Komitee und anderen Sportverbänden bereits auf der Dopingliste, nicht aber in der MLB. Die Liga beließ es zunächst weiterhin bei sanften Ermahnungen und halbherzigen Verboten in Bezug auf leistungsfördernde Mittel. Bis die Ligaleitung einsah, dass Doping auch im Baseball ein ernstes Problem ist, das dem Sport und seinen Akteuren langfristig schadet, brauchte es einige Jahre Anlauf. Erst 2003 wurden von der MLB Dopingtests eingeführt, erst 2005 umfassende Verbote und Strafenkataloge festgelegt und auf dieser Basis erstmals Sperren ausgesprochen.

2005 gilt nicht nur wegen der neuen Regeln allgemein als Endpunkt der Steroid-Ära. Es war auch das Jahr, in dem der mehrfache All-Star und Homerun-Champion José Canseco sein vielbeachtetes Buch „Juiced“ veröffentlichte. Canseco schildert und verteidigt darin seinen eigenen Gebrauch von Steroiden und nennt ehemalige Teamkameraden wie McGwire, Juan González, Rafael Palmeiro, Iván Rodríguez und Jason Giambi als weitere Nutzer dieser Mittel. 

Unter zunehmendem Druck aus Politik und Öffentlichkeit beauftragte Anfang 2006 MLB-Commissioner Bud Selig den Anwalt und ehemaligen Senator George J. Mitchell mit einer Untersuchung der Rolle von anabolen Steroiden und Wachstumshormonen im professionellen Baseball. Der 409 Seiten starke Abschlussbericht der 20-monatigen Ermittlungen wurde bekannt als Mitchell-Report. Der Report zeigte auf, dass die Nutzung leistungsfördernder Substanzen in der MLB weit verbreitet war und dass die Spieler sich bei der Wahl ihrer Mittel und Methoden der Entwicklung der Tests anpassten, um den Gebrauch möglichst lange und möglichst weitgehend zu verbergen. Obwohl der Report ausdrücklich nicht auf die Identifikation individueller Täter abzielte, wurden in seinem Verlauf knapp 90 Spieler namentlich genannt.

Nach der umfassenden, wenn auch späten Aufarbeitung der Steroid-Ära wurden relativ wenige Strafen ausgesprochen. Kaum mehr als eine Handvoll der im Mitchell-Report genannten Akteure erhielt Sperren zwischen 10 und 50 Spielen. Die prominentesten Figuren dieser Zeit wie Bonds, McGwire, Sosa und Roger Clemens wurden in ihrer gesamten Karriere nie belangt. Gestraft sind sie trotzdem, da ihre in der Steroid-Ära erzielten Leistungen und Rekorde heute bei jeder Erwähnung mit einer gedanklichen oder tatsächlichen Klammer oder Fußnote versehen sind. Darüber hinaus wurde bislang keiner von ihnen in die Hall of Fame gewählt, in der sie ohne die Dopinggeschichte sicher längst alle vertreten wären.

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Januar 19th, 2021 by Silversurger

Wahrscheinlich gäbe es diese Artikelserie nicht, wenn uns nicht allen ein Skandal besonders frisch im Gedächtnis wäre, der erst vor gut einem Jahr aufgedeckt wurde. Die Sign-Stealing-Affäre um die Houston Astros landet auf meiner Liste der größten Skandale der MLB-Geschichte auf Rang vier.

Nur kurz zur Einordnung: Sign-Stealing ist und war schon immer ein Teil des Baseballspiels. Wenn Catcher und Pitcher sich in die Karten schauen lassen, weil sie die Handzeichen, mit denen sie den nächsten Pitch anzeigen, nicht gut genug verbergen und verschlüsseln, dann ist das ihre eigene Schuld. Unfair bis kriminell wird das Ganze jedoch, wenn die Gegner sich dabei unerlaubterweise technischer Hilfsmittel bedienen. Das haben vor den Astros schon andere Teams versucht und sich teilweise dabei erwischen lassen, aber noch nie wurde ein so ausgefeiltes Sign-Stealing-System aufgedeckt wie beim World-Series-Gewinner von 2017. 

Öffentlich bekannt wurde das Thema im November 2019 durch ein Interview von Mike Fiers. Der ehemalige Pitcher der Astros berichtete in The Athletic, dass sein Team bei den Heimspielen eine Videokamera im Centerfield platziert hatte, die die Handzeichen des generischen Catchers auffing. Hinter dem Dugout verfolgten Spieler und andere Angestellte den Videostream und signalisierten dem Schlagmann den jeweils kommenden Pitch – wer schon mal Baseball gespielt hat, weiß, was für ein enormer Vorteil dieses Wissen ist. Die Signale erfolgten auf unterschiedlichen Wegen, besondere Berühmtheit erlangte das Verfahren per Klopfen auf eine Mülltonne.

Die Ligaleitung leitete nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe eine zweimonatige Untersuchung ein. Es wurden Aufnahmen sämtlicher Heimspiele der Astros im betreffenden Zeitraum gesichtet und 68 Zeugen befragt, darunter 23 Spieler. Schließlich sah man den Regelverstoß, der sich über die Saison 2017 und in Teile der Saison 2018 erstreckte, als erwiesen an und verkündete teilweise drastische Strafen: General Manager Jeff Luhnow und Field Manager A. J. Hinch wurden ein Jahr lang für jede Tätigkeit in der MLB gesperrt. Der ehemalige Bench Coach Alex Cora, ab 2018 Field Manager bei den Boston Red Sox, musste sich einer weiteren Untersuchung unterziehen, weil den Red Sox unter seiner Führung ebenfalls elektronisches Sign-Stealing vorgeworfen wurde. In dem Fall konnte ihm aber keine Beteiligung nachgewiesen werden, daher blieb es für ihn ebenfalls bei der Sperre von einem Jahr für die Vorkommnisse in Houston. Darüber hinaus verloren die Astros ihre Erst- und Zweitrundenpicks in den beiden folgenden Drafts und mussten 5 Millionen Dollar Strafe zahlen. 

Interessant und diskussionswürdig ist, welche Strafen nicht ausgesprochen wurden: Obwohl den Astros systematisches Mogeln in ihrer Championship-Saison 2017 nachgewiesen wurde, durften sie den Titel behalten. Teambesitzer Jim Crane ging straffrei aus, da die Untersuchung keine Anhaltspunkte dafür ergab, dass er von dem Spionagesystem wusste. Ebenfalls straffrei blieben die an dem System beteiligten Spieler. Die MLB argumentierte damit, dass die Spieler erstens deshalb verschont wurden, weil sie allesamt kooperierten und zur Aufklärung des Falles beitrugen. Zweitens sei angesichts der Vielzahl der Beteiligten nicht zu differenzieren, welche Spieler Rädelsführer des Systems waren und welche nur Mitläufer oder Mitwisser. Der einzige Spieler, der in diesem Zusammenhang namentlich bekannt wurde, war Carlos Beltran. Auch er erhielt keine Sperre, allerdings wurde er von den New York Mets, bei denen er gerade erst seinen ersten Managerposten angetreten hatte, wegen seiner Rolle im Sign-Stealing-Skandal noch vor dem ersten Spiel entlassen und hat bisher keinen neuen Job.

Von den drei Verurteilten sind übrigens zwei inzwischen wieder in Amt und Würden: A. J. Hinch hat zur Saison 2021 den Managerposten der Detroit Tigers übernommen. Alex Cora hat nach Absitzen der Sperre seinen alten Job bei den Red Sox zurückerhalten. Bleibt noch Jeff Luhnow, der möglicherweise mit dem Baseball abgeschlossen hat. Jedenfalls wurde vor einigen Tagen bekannt, dass er als Teil einer Investorengruppe am Kauf eines mexikanischen Fußballvereins arbeitet.

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Januar 12th, 2021 by Silversurger

Wir schreiben das Jahr 2013. Die Steroid-Ära der MLB von den 1990er-Jahren bis Mitte der 2000er-Jahre ist Geschichte, ihre prominentesten Vertreter wie Barry Bonds, Marc McGwire und Roger Clemens haben ihre Karrieren beendet, es finden regelmäßige Dopingtests statt. So langsam kann der professionelle Baseball von sich behaupten, den Glauben an seine Integrität wieder hergestellt zu haben. Doch am 22. Januar kommt die Miami New Times mit einem Bericht heraus, der das mühsam aufgebaute Vertrauen erneut nachhaltig erschüttert.

Im Fokus der Recherchen des Blattes standen Dokumente, die ein ehemaliger Mitarbeiter der Schönheitsklinik „Biogenesis of America“ geleakt hatte. Die Dokumente wiesen drei MLB-Spieler, die bereits 2012 positiv auf leistungsfördernde Mittel getestet worden waren – Yasmani Grandal, Melky Cabrera und Bartolo Colon –,  als Patienten der Klinik aus. Diverse weitere, bislang nicht positiv getestete Baseballstars wie Alex Rodriguez, Ryan Braun und Nelson Cruz standen ebenfalls in Verbindung mit Biogenesis und gerieten mit unter Verdacht, in der Klinik weniger eine Schönheitsbehandlung erhalten zu haben als vielmehr systematisches Doping.

Anders als in früheren Fällen zeigte die MLB von Anfang an den Willen zur schnellen und vollständigen Aufklärung. Sowohl die Ligaleitung als auch die Strafverfolgungsbehörden führten Untersuchungen durch und strengten Klagen gegen den Eigentümer der Klinik, Anthony Bosch, und mehrere seiner Geschäftspartner an. Diese führten letztlich dazu, dass Bosch zu vier Jahren Haft verurteilt wurde wegen „Verschwörung zur Verbreitung von Testosteron“. Die Strafe wurde später um ein Drittel reduziert, weil Bosch kooperativ war und die strafrechtliche Verfolgung diverser Komplizen ermöglichte.

14 MLB-Spieler wurden im Zuge der Ermittlungen des Dopings mit Wachstumshormonen überführt. Gegen sie wurde keine gerichtliche Anzeige gestellt, aber die MLB sprach teils empfindliche Strafen aus. Das härteste Urteil erging gegen Alex Rodriguez. Er wurde am 5. August 2013 bis zum Ende der Saison 2014 gesperrt, das wären 211 Spiele gewesen. Da er gegen die Entscheidung Einspruch einlegte, durfte er die Saison 2013 doch noch zu Ende spielen, bevor ein Schlichter die Sperre für das gesamte Jahr 2014 – also 162 Spiele – bestätigte. Rodriguez‘ Strafe fiel höher aus als es für einen Ersttäter üblich wäre, weil die MLB in seinem Fall als erwiesen ansah, dass seine Verstöße über mehrere Jahre hinweg erfolgt waren und er obendrein versucht hatte, die Ermittlungen zu behindern.

Ryan Braun war bereits 2011 positiv getestet worden und damals um eine Sperre herumgekommen wegen eines Formfehlers beim Umgang mit der Probe. Nach den Biogenesis-Enthüllungen einigte er sich mit der Ligaleitung, eine Sperre von 65 Spielen zu akzeptieren. Nelson Cruz, Everth Cabrera, Jhonny Peralta, Antonio Bastardo, Francisco Cervelli, Jordany Valdespin, Jesus Montero, Cesar Puello, Sergio Escalona, Fernando Martinez, Fautino de los Santos und Jordan Norberto wurden für jeweils 50 Spiele gesperrt.

Wenn man Grandal, Colon und Melky Cabrera dazu zählt, die schon 2012 für ebenfalls je 50 Spiele gesperrt waren, sind insgesamt 17 MLB-Spieler über den Biogenesis-Skandal gestolpert. Von den ausgesprochenen individuellen Strafen her war es der größte Skandal der MLB-Geschichte.

Für einige der betroffenen Spieler war die Beteiligung an den Vorgängen der Todesstoß ihrer Karriere. Braun und Rodriguez setzten ihre auf hohem Niveau fort und wären eigentlich Kandidaten für eine Aufnahme in die Hall of Fame. Aufgrund der Dopinggeschichten wird diese ihnen wahrscheinlich verwehrt bleiben. Anderen, zum Beispiel Colon, Cervelli, Cruz und Grandal, gelang es irgendwie, dass man sie heute kaum noch mit den geschilderten Vorgängen in Verbindung bringt.

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Januar 5th, 2021 by Silversurger

Im Profisport lässt sich viel Geld verdienen – zum einen, weil die Klubs durch Tickets, Merchandising, TV-Rechte und Werbung hohe Einnahmen erzielen, zum anderen weil die Sportler Fähigkeiten haben, durch die sie heiß umworben und schwer ersetzbar sind. Aber was passiert, wenn die Teambesitzer der größten und reichsten Baseballliga der Welt sich absprechen, auf das Abwerben und Wettbieten zu verzichten? Dann haben die Spieler ein Problem, denn die Klubs können plötzlich die Gehälter willkürlich diktieren, weil sie keine Konkurrenz zu fürchten haben. Das klingt nach Stoff für eine Verschwörungstheorie, ist aber Mitte der 1980er-Jahre nachweislich mehrere Jahre hintereinander genau so passiert. 

Als Drahtzieher der Absprachen gilt Peter Ueberroth, der im Oktober 1984 das Amt des MLB-Commissioners übernommen hatte. Auf dem ersten Meeting, das er leitete, hielt er den Ownern vor, sie seien „damned dumb“, wenn sie bereit seien, finanziell draufzuzahlen, um eine World Series zu gewinnen. Später erläuterte er den General Managern, warum es „not smart“ sei, sich auf langfristige Verträge mit den Spielern einzulassen. Ueberroth gelang es schließlich, sämtliche Vereine davon zu überzeugen, 1985, 1986 und 1987 auf die Verpflichtung neuer Spieler weitgehend zu verzichten und so die Gehälter zu drücken. 

In der Offseason 1985/86 wechselten lediglich vier Spieler den Verein, an denen ihre alten Klubs nicht mehr interessiert waren. Alle anderen Free Agents, darunter Stars wie Kirk Gibson, Tommy John und Phil Niekro, waren gezwungen, bei ihren bisherigen Vereinen zu Konditionen zu unterschreiben, die diese diktierten. Das Manöver der Owner war für die Spieler und ihre Agenten so durchsichtig, dass schon im Februar 1986 die Spielergewerkschaft MLBPA eine erste Klage wegen illegaler Absprachen einreichte. 

Dessen ungeachtet führten die Klubs ihr Modell in der Offseason 1986/87 fort. Auf diese Weise gelang es ihnen, die Durchschnittsgehälter der Free Agents um 16% zu senken, während ihre eigenen Einnahmen um 15% stiegen. Im Februar 1987 reichte die MLBPA eine weitere Klage ein. 

Kurz vor Beginn der nächsten Offseason, im September 1987, urteilte ein Schiedsgericht über die erste Klage aus 1985/86. Das Gericht stellte fest, dass die Owner sich verschworen hatten, um Spielerwechsel zu verhindern, und dass dadurch die Verträge zwischen MLB und MLBPA verletzt wurden. Trotz des eindeutigen Urteils ließen sich Ueberroth und die Owner nicht davon abhalten, die illegalen Absprachen in leicht modifizierter Form auch 1987/88 fortzusetzen. Die MLBPA reichte daraufhin die dritte Klage ein. 

Der Spuk fand sein Ende, als die Owner ab Januar 1988 in mehreren Prozessen zu Strafzahlungen verurteilt wurden. Insgesamt mussten die Klubs 280 Millionen Dollar berappen, die über die MLBPA an die geschädigten Spieler verteilt wurden. Zudem erhielten die betroffenen Spieler die Möglichkeit, die auf Grundlage der Owner-Absprachen geschlossenen Verträge einseitig zu kündigen und woanders zu unterschreiben. Auf diese Art kam zum Beispiel Kirk Gibson zu einem Dreijahresvertrag bei den Los Angeles Dodgers. 

Peter Ueberroth musste infolge der aufgedeckten Vorgänge seinen Hut nehmen, doch das Vertrauensverhältnis zwischen Spielern und Ownern war noch jahrelang gestört. Der massiv geführte Arbeitskampf 1994/95, dem unter anderem die World Series 1994 zum Opfer fiel, wird häufig als eine Spätfolge der hier geschilderten Vorgänge aus den 1980er-Jahren angesehen. 

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Dezember 29th, 2020 by Silversurger

Dass der professionelle Baseball spätestens ab den 1990er-Jahren ein Problem mit der Nutzung leistungsfördernder Substanzen hatte, ist allgemein bekannt und wird natürlich auch in dieser Serie noch Thema sein. Doch schon zehn Jahre vor der sogenannten Steroid-Ära erschütterte ein anderer Drogenskandal die Liga. In den Pittsburgh Drug Trials, einer Reihe von Gerichtsprozessen, kamen 1985 erschütternde Details über offenbar weit verbreiteten Kokainmissbrauch in der MLB ans Licht.

Im Fokus der Ermittlungen standen die Pittsburgh Pirates. Sieben ihrer Spieler – Dale Berra, Lee Lacy, Lee Mazzilli, John Milner, Dave Parker und Rod Scurry – sowie eine Reihe weiterer MLB-Spieler – Willie Aikens, Vida Blue, Enos Cabell, Keith Hernandez, Jeffrey Leonard, Tim Raines, Lonnie Smith und Alan Wiggins – wurden vor dem Gericht als Zeugen gehört. Im Gegenzug für ihre Aussage wurde ihnen Straffreiheit im Hinblick auf den eigenen Drogenbesitz und -konsum gewährt.

Durch die Aussagen wurde deutlich, dass es sich bei den untersuchten Vorgängen wohl nur um die Spitze des Eisberges handelte. Unter anderem kam zutage, dass man in Pittsburgh während des Spiels Kokain von Dealern kaufen und es sich vom Pirate Parrot, dem Team-Maskottchen, liefern lassen konnte. Tim Raines offenbarte, dass er in der Tasche seiner Uniformhose ein Gramm Kokain aufbewahrte, um während des Spiels schnupfen zu können, und dass er beim Baserunning extra mit dem Kopf statt den Füßen voran slidete, um den Behälter nicht zu zerbrechen. John Milner berichtete, dass er in New York und Pittsburgh von den späteren Hall of Famern Willie Mays und Willie Stargell mit Amphetaminen versorgt worden sei. Die Anschuldigungen gegen Mays und Stargell konnten allerdings nie bewiesen werden. Keith Hernandez, der vor Gericht zugab, selbst drei Jahre lang massiv Kokain konsumiert zu haben, schätzte später, in den frühen 1980ern hätten rund 40% der MLB-Spieler die Droge genommen. 

Die Drug Trials endeten mit Urteilen gegen die Dealer Curtis Strong und Dale Shiffman, die Gefängnisstrafen von je zwölf Jahren erhielten (von denen sie nur vier bzw. zwei tatsächlich absitzen mussten) sowie der Verurteilung einer Reihe kleiner Dealer zu jeweils eineinhalb bis zweieinhalb Jahren Haft. 

Gegen die involvierten Spieler gab es vor Gericht aufgrund des erwähnten Deals keine Anklage. Seitens der MLB wurden zunächst Sperren von 60 Spielen bis zu einer ganzen Saison gegen elf Spieler ausgesprochen. Die Sperren wurden jedoch allesamt ausgesetzt unter den Auflagen, dass die Spieler einen Teil ihres Einkommens für Programme gegen Drogenmissbrauch spendeten, 50 bis 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisteten und sich mit regelmäßigen Drogentests einverstanden erklärten.

Vielen der genannten Spieler gelang es, ihre Baseballkarrieren erfolgreich und – soweit man das weiß – drogenfrei fortzusetzen, allen voran Dave Parker und Keith Hernandez. Andere wie Willie Aikens und Lary Sorenson brachten ihre fortgesetzten Suchtprobleme letztlich doch noch in den Knast oder kosteten sie gar das Leben: Alan Wiggins starb 1991 im Alter von 32 Jahren an AIDS, nachdem er sich beim Spritzen von Drogen mit HIV infiziert hatte. Rod Scurry erlag 1992 mit 36 einer durch Kokain verursachten Herzattacke. 

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Dezember 22nd, 2020 by Silversurger

Letzte Woche ging es hier unter anderem um Ty Cobb, einen der größten Hitter aller Zeiten. Nur ein Spieler hat in der Geschichte der MLB mehr Basehits erzielt als Cobb: Pete Rose führt mit 4.256 Hits die Karriere-Rangliste an, in der er wohl noch auf Jahrzehnte hinaus uneinholbar sein wird. Trotz dieser einzigartigen Leistung sucht man Rose in der Hall of Fame des Baseballs vergeblich. Warum eigentlich?

Im Jahr 1989 wurde bekannt, dass Rose, der 1986 seine Spielerkarriere beendet hatte und seit 1984 als Manager für die Cincinnati Reds tätig war, beschuldigt wurde, auf Baseballspiele gewettet zu haben. Er stritt dies zunächst ab, doch die Liga setzte Anwalt John Dowd als Sonderermittler ein. Dessen erdrückende Beweisführung im sogenannten Dowd-Report brachte Rose dazu, sich auf einen Deal einzulassen. Er stimmte einem lebenslangen Ausschluss durch die MLB zu, im Gegenzug verzichtete diese auf eine offizielle Anklage. Was dies in letzter Konsequenz für Rose bedeuten würde, konnte ihm zu dem Zeitpunkt nicht klar sein. Denn erst im Nachhinein beschloss die Hall of Fame 1991 eine Regel, dass niemand, der lebenslang gesperrt ist, in die Ruhmeshalle aufgenommen werden darf.  

Erst im Jahr 2002 gab Pete Rose gegenüber dem damaligen Commissioner Bud Selig erstmals zu, tatsächlich auf Spiele gewettet zu haben, während er Manager der Reds war. Er legte dabei großen Wert auf die Feststellung, dass er nie Geld gegen das eigene Team setzte, sondern stets auf dessen Erfolg wettete. Dies führte er auch in seiner 2004 erschienenen Autobiographie My Prison Without Bars aus.

Der Fall Pete Rose spaltet bis heute die Baseballwelt. Darüber, dass man grundsätzlich als Aktiver nicht auf Spiele wetten sollte, sind sich fast alle einig, zumal dies im MLB-Regelwerk schon seit 1927 klar untersagt ist. Ob man allerdings einen der überragenden Spieler der Baseballgeschichte mehr oder weniger aus selbiger tilgen muss, weil er Geld auf das eigene Team gesetzt hat, darüber lässt sich trefflich streiten. Ich persönlich halte diese Strafe für übertrieben, vor allem weil ich – anders als die geltende Regel – einen qualitativen Unterschied zwischen Wetten für und gegen das eigene Team sehe.  

Rose hat im Laufe der Jahre mehrere Anträge auf Begnadigung von der lebenslangen Sperre gestellt, die allesamt abschlägig beschieden wurden, zuletzt 2015 durch den aktuellen Commissioner Rob Manfred. Im Februar 2020 beantragte Rose erneut eine Prüfung seines Falls im Lichte des Sign-Stealing-Skandals der Astros, für den bekanntlich deutlich mildere Strafen ausgesprochen wurden. Die Chancen, dass ihm dies etwas nützt, dürften schlecht stehen.

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Dezember 15th, 2020 by Silversurger

In der Serie über die größten Skandale der MLB-Geschichte geht es heute um die Vergabe eines Batting-Awards im Jahr 1910. Die Firma Chalmers – ein Vorläufer-Unternehmen von Chrysler – hatte für den Spieler, der die Saison mit dem höchsten Batting-Average abschließt, ein Automobil ausgelobt. In der American League gab es um diese Gelegenheit ein enges Rennen zwischen Ty Cobb von den Detroit Tigers und Nap Lajoie von den Cleveland Naps. Der Verlauf dieses Rennens in den letzten Tagen vor Saisonende sowie sein Ausgang waren gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Eigentlich reden wir hier nicht von einem Skandal, sondern eher von vier kleinen Skandalen, die sich zu einem haarsträubenden Ganzen verbinden.

Skandal 1: Ty Cobb, der extrem ehrgeizige und wenig beliebte Superstar seiner Zeit, entschied sich, zugunsten seiner Statistiken in den letzten beiden Saisonspielen nicht mitzuspielen. Mit einem Average von .385 lag er gegenüber Nap Lajoie (.376) knapp in Führung, und seine beste Aussicht, diese Führung nicht zu gefährden, bestand darin, schlichtweg nicht mehr anzutreten. Egoistisch, unsportlich? Natürlich, aber gegen solche Kritik war Cobb schon lange unempfänglich geworden oder vielleicht auch schon immer gewesen.

Skandal 2: Die St. Louis Browns, die im finalen Doubleheader gegen Lajoies Naps antraten, sahen überhaupt nicht ein, dass Cobb sich durch Nichtstun den Titel und das Auto sichern wollte. Browns-Manager Jack O’Connor gab daher die Order aus, bei jedem At Bat von Lajoie den eigenen Third Baseman Red Corriden bis ins Outfield zurückzuziehen. Lajoie bedankte sich, indem er regelmäßig in Richtung dritte Base buntete und es so auf acht Hits in acht At Bats brachte. Er wäre damit an Cobb vorbei gezogen, doch in Lajoies letztem At Bat der Saison ging der Plan doch noch schief: Lajoie kam zwar auf Base, doch die Scorerin wertete Corridens Wurf an die erste Base als Error. Für die Statistik bedeutete das ein At Bat ohne Hit und in der Gesamtabrechnung einen Average von .384 für Lajoie.

Skandal 3: Obwohl die Browns gar nicht direkt betroffen waren, setzten sie auch nach der Partie weiterhin alles daran, Nap Lajoie den Batting-Titel zuzuschieben. O’Connor und Coach Harry Howell versuchten sogar, die Scorerin zu bestechen. Sie boten an, ihr ein neues Outfit zu kaufen, wenn sie den Error als Hit wertete. O’Connor und Howell wurden für diesen Vorfall später lebenslang gesperrt.

Der damalige MLB-Commissioner Ban Johnson hatte das letzte Wort, indem er die Batting-Averages von .385 (Cobb) und .384 (Lajoie) für gültig und somit Cobb zum Champion erklärte. Das allerletzte Wort hatte allerdings Hugh Chalmers, der kurzerhand ein Auto mehr zur Verfügung stellte, sodass sowohl Cobb als auch Lajoie sich über das edle Gefährt freuen durften. Bevor die Geschichte zuende ist, steht aber noch eine finale Wendung des Statistikdramas aus, quasi das allerallerletzte Wort in Form von

Skandal 4: Im Jahr 1978 stieß der Sportstatistiker Pete Palmer auf eine Ungereimtheit in den Zahlen aus der MLB-Saison 1910. Offenbar wurden bei der Ermittlung der Jahreswerte die Stats eines Spiels der Tigers doppelt gezählt. Cobb hatte in diesem Spiel zwei Hits in drei At Bats, die Doppelzählung hob seinen Batting Average von .383 auf .385 an. 68 Jahre nach dem unwürdigen Theater um den Chalmers-Award stellte sich somit heraus, dass Lajoie diesen in Wirklichkeit gewonnen hatte – wenn auch nur dank der unsportlichen Schützenhilfe der St. Louis Browns.

Die MLB hat den von Palmer aufgedeckten Fehler übrigens bis heute nicht korrigiert. In den offiziellen Statistiken wird Ty Cobb nach wie vor der Batting-Titel 1910 zugerechnet, die beiden doppelt gezählten Hits stecken sowohl in seiner Karriere-Anzahl von 4.191 (statt 4.189) als auch in seinem Karriere-Average von .367 (statt .366).

Die beiden Protagonisten Ty Cobb (Mitte) und Nap Lajoie (rechts) einträchtig nebeneinander. Über den Herrn links im Bild wird im Laufe dieser Serie noch zu reden sein. Wer erkennt ihn?

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Dezember 8th, 2020 by Silversurger

Ihr wollt sie, ihr bekommt sie: Eine überwältigende Mehrheit der teilnehmenden Baseblog-Leserinnen und Leser hat im Offseason-Wunschkonzert für eine Serie über die größten Skandale der MLB-Geschichte gestimmt. Pflichtschuldig habe mich umgehend durch die Wäschekammer des Baseballs gewühlt und die zehn schmutzigsten Geschichten ausgegraben, um sie euch im Laufe der nächsten Wochen vorzustellen. 

Den Anfang macht heute ein Ereignis, an das man normalerweise nicht so schnell denkt, wenn es um Betrug oder krumme Geschäfte geht: ein All-Star-Game. Das jährliche Freundschaftsspiel der Stars der National League gegen jene der American League ist sportlich nicht mehr als ein fröhlicher Pausenfüller zur Halbzeit der regulären Saison. Die Berufung zur Teilnahme an dem Spiel ist jedoch durchaus ein wichtiger Eintrag in der Vita eines MLB-Spielers.

Wie und von wem man gewählt werden kann, hat sich seit dem ersten All-Star-Game 1933 ein paarmal geändert. Für die ersten beiden Spiele wählten die Fans die Starter beider Teams, die jeweiligen Manager füllten die Kader auf. Von 1935 bis 1946 wurden die Teams allein von den Managern bestimmt, bevor man 1947 dahin zurückkehrte, zumindest die acht Positionsstarter von den Fans bestimmen zu lassen. Das ging zehn Jahre gut, bis das Wahlsystem 1957 von Anhängern der Cincinnati Redlegs (den heutigen Reds) allzu offensichtlich missbraucht wurde.

Die Wahl zum All-Star-Team der National League 1957 brachte hervor, dass sieben von acht Starterposten von Spielern der Redlegs besetzt wurden. First Baseman Stan Musial von den St. Louis Cardinals war der einzige Nicht-Redleg, der gewählt wurde – mit knapper Mehrheit vor George Crowe, dem First Baseman der Redlegs. Die Redlegs hatten damals zweifellos eine starke Offensive, aber kaum jemand glaubte ernsthaft daran, dass sie es verdienten, das NL-Team quasi alleine zu stellen.

Bei einer Untersuchung, die der damalige MLB-Commissioner Ford Frick in Auftrag gab, stellte sich heraus, dass mehr als die Hälfte aller abgegebenen Stimmen aus Cincinnati stammte. Eine ganze Reihe von Sponsoren und Unterstützern der Redlegs hatte mit Mitteln auf die Wahl eingewirkt, die über das übliche Maß lokaler Mobilisierung weit hinausgingen. So hatten zum Beispiel die Tageszeitungen „The Cinicnnati Enquirer“ und „Cincinnati Times-Star“ mehrfach Wahlzettel abgedruckt, die mit dem kompletten Lineup der Redlegs vorausgefüllt waren. Die Brauerei „Burger Beer“ hatte 250.000 Vordrucke an Lokale verteilt, und es wurde von Wirten berichtet, die Gästen den Ausschank verweigerten, wenn diese sich nicht an der Wahl beteiligten. Eine junge Frau gab an, allein 1.400 Wahlzettel ausgefüllt zu haben – eine reife Leistung in einem Zeitalter, in dem es keine Heim-PCs mit Drucker geschweige denn Internetbots gab und somit mühsame Handarbeit angesagt war. Zu den selbst erklärten Top-Wählern gehörte auch der ehemalige Redlegs-Pitcher Nellie Pott, der 820-mal abstimmte.

Trotz massiver Proteste aus Cincinnati entschied Commissioner Frick, das Wahlergebnis nicht vollständig anzuerkennen und zwei Startpositionen mit Willie Mays (New York Giants) und Hank Aaron (Milwaukee Braves) zu ersetzen. Noch deutlich härter war die Konsequenz, die Frick für das Wahlverfahren in den folgenden Jahren zog: Das Fan-Voting wurde abgeschafft, die Wahl der All-Star-Spieler stattdessen unter den Managern, Trainiern und Spielern der Liga aufgeteilt. Erst seit 1970 dürfen die Fans wieder mitbestimmen.

 

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