Grand Slam am Donnerstag 22/2018

Beim Blick auf den aktuellen Stand der Dinge in der MLB fällt vor allem eines ins Auge: In der American League besteht eine massive Kluft zwischen einer Menge sehr starker und sehr schwacher Teams, die National League hingegen ist viel ausgeglichener. In der NL gibt es zum Beispiel neun Teams, die eine Siegquote zwischen .500 und .600 aufweisen und somit ein solides Mittelfeld verkörpern. In der AL fallen lediglich zwei Teams in dieses Fenster, alle anderen stehen besser oder schlechter da. Die zwei bislang erfolgreichsten Mannschaften der MLB – die Red Sox und die Yankees – sind ebenso AL-Teams wie die beiden schwächsten – die Orioles und die White Sox.

Die Zeit der großen Trades kommt in der MLB meist erst gegen Ende Juli. Einen nennenswerten  Handel gab es aber bereits diese Woche und natürlich waren die Seattle Mariners beteiligt – unter General Manager Jerry Dipoto schon lange das tradefreudigste Team der Liga. Dieses Mal strecke Dipoto seine Fühler in Richtung Tampa Bay aus mit dem Ziel, den Bullpen mit Alex Colome und die Tiefe des Outfields mit Denard Span zu stärken. Die Rays akzeptierten und erhielten im Gegenzug die beiden Minor-League-Pitcher Andrew Moore und Tommy Romero. Den Rays ist damit auf dem Weg geholfen, ihren Kader weiter zu verjüngen und etwas Geld zu sparen – Geld, das die Mariners vor allem wegen der Doping-Sperre von Robinson Cano übrig hatten.

American League
Obwohl der gerade geschilderte Trade dafür spricht, dass die Tampa Bay Rays (28-26) sich weiterhin als Rebuilding-Team sehen, stehen sie in der American League East überraschend solide da – insbesondere nach der jüngsten Serie von fünf Siegen gegen die Baltimore Orioles (17-39) und die Oakland Athletics. Die Rays haben sich inzwischen auf Platz drei der Division festgesetzt mit immerhin schon vier Spielen Vorsprung vor den Toronto Blue Jays (28-31). Natürlich sind da noch zwei andere Teams in der Division, aufgrund derer die Rays sich kaum großen Träumen hingeben werden: Die Boston Red Sox (39-17) sind nach wie vor das Maß der Dinge in der MLB und führen dennoch nur knapp, da mit den New York Yankees (35-17) auch das zweitbeste Team der Liga in der AL East zu Hause ist. Die Yankees haben übrigens gerade eine Serie gegen das dritte Top-Team der AL, die Houston Astros, 2:1 gewonnen. In den nächsten Tagen bekommen es nun die Red Sox mit den Astros zu tun, während die Yankees mit den Orioles eine vermutlich leichtere Aufgabe haben.

Deutlich geringer als in der AL East ist die Leistungsdichte in der AL Central. Es sieht zunehmend nach einem Alleingang der Cleveland Indians (29-25) aus, die sowohl als einzige in der Division eine positive Sieg-Niederlagen-Bilanz aufweisen als auch als einzige ein positives Run Differential (+38). Die Minnesota Twins (22-29) werden nach wie vor nicht der ihnen zugedachten Rolle gerecht, mit den Indians um den Gruppensieg zu wetteifern. Nach sechs Niederlagen in den letzten sieben Spielen sind die Twins sogar hinter die Detroit Tigers (25-30) zurück gefallen. Wenn sie die Saison in irgendeiner Weise spannend gestalten wollen, dann muss jetzt dringend eine Siegesserie her und zwar gegen die Indians – ab heute bis Sonntag gibt es viermal die Gelegenheit. Danach steht für Max Kepler und Co. eine weitere Vier-Spiele-Serie an gegen das derzeit schwächste Team der MLB, die Chicago White Sox (16-37).

Die fehlende Spannung in der AL Central wird ausgeglichen durch die überraschend interessante AL West. World Champion Houston Astros (35-22) steht zwar erwartungsgemäß vorne und das überragende Run Differential von +123 spricht dafür, dass dies auch vollkommen gerechtfertigt ist. Doch die Seattle Mariners (33-22) bleiben konstant dran und in den kommenden zwei Spielen zwischen Houston und Seattle am Dienstag und Mittwoch könnte es durchaus um die Divisionsführung gehen. Die Los Angeles Angels (30-26) haben in den letzten Tagen ein paar Niederlagen gegen die Yankees und die Tigers einstecken müssen, spielen ansonsten aber auch eine starke Saison und dürften gute Aussichten haben, diese Woche gegen die Texas Rangers (24-34) sowie gegen die Royals wieder ein paar Erfolge einzufahren. Die gleichen Gegner in umgekehrter Reihenfolge erwarten die Oakland Athletics (28-28), die ebenfalls zu den positiven Überraschungen der bisherigen Saison gehören, zuletzt aber drei teils knappe Spiele gegen die Rays verloren.

National League
In die National League East scheint nach turbulentem Beginn inzwischen die ursprünglich erwartete Normalität Einzug zu halten. Jedenfalls stehen nach sechs Siegen in Folge heute erstmals in diesem Jahr die favorisierten Washington Nationals (32-22) vorne. Schützenhilfe gab es dabei vom Erzrivalen New York Mets (27-26), der den Atlanta Braves (32-23) einen Split abtrotzte, während die Philadelphia Phillies (30-23) zwei von bislang drei Spielen an die Los Angeles Dodgers abgaben. Die aktuelle Ausgangslage mit nur einem halben Spiel zwischen Washington und Atlanta bietet die perfekte Bühne für die ab heute anstehende Vier-Spiele-Serie zwischen den Braves und den Nationals. Da werde ich auf jeden Fall mal reinschauen, wobei ich persönlich natürlich hoffe, dass sie sich die Punkte derart teilen, dass es am Ende den Mets zugute kommt.

Die Tendenz, dass sich aus dem Kopf-an-Kopf-Rennen der NL Central die Milwaukee Brewers (36-21) mehr und mehr abheben, hat sich in den letzten Tagen weiter fortgesetzt. Gegen die Mets und die St. Louis Cardinals (29-24) gewann man die letzten Serien und nun steht mit den White Sox eine sehr lösbare Aufgabe an. Viereinhalb Spiele Vorsprung haben die Brewers nun schon auf die Chicago Cubs (29-23) und fünf auf die Cardinals. Ein bisschen an Boden verloren haben die Pittsburgh Pirates (29-26), die ihre Heimserien gegen die Cubs und die Cardinals diese Woche jeweils 1:2 abgeben mussten. Eine direkte Revanche ist aber möglich, denn die Pirates sind ab heute für vier Tage in St. Louis.

Die NL West befindet sich in einer Art Übergangszustand: Vorne stehen immer noch die Colorado Rockies (30-26) vor den Arizona Diamondbacks (28-27), doch beide konnten nach dem starken Saisonstart zuletzt nicht mehr überzeugen und die Tendenz geht klar in Richtung einer fortgesetzten Aufholjagd der Los Angeles Dodgers (26-29): Zehn von dreizehn Spielen haben die Dodgers zuletzt gewonnen, am Wochenende kommt es zum direkten Duell bei den Rockies und als ganz großer Hoffnungsträger kehrt Clayton Kershaw voraussichtlich heute zurück auf den Mound. Ein paar Tage länger müssen die San Francisco Giants (26-30) noch auf ihr Ass Madison Bumgarner verzichten, doch im Laufe der nächsten Woche wird auch er sein Comeback geben und mit ihm beziehungsweise kurz davor auch Joe Panik, Hunter Pence, Alen Hanson und Mark Melancon. Ich bin gespannt, ob die Giants mit all den Verstärkungen von der eigenen Verletztenliste nun ebenfalls eine Erfolgsserie beginnen können. Das Tabellenbild der NL West könnte relativ schnell komplett anders aussehen, nur die San Diego Padres (24-33) werden schätzungsweise da bleiben wo sie sind.

Szene der Woche
Ich teile diese Kategorie mal wieder ein bisschen auf: Der Preis für die kurioseste Szene der Woche geht an Royals-Catcher Salvador Perez und das Gesicht von Shin Soo Choo von den Rangers, deren Zusammenwirken ermöglichte, Choos Teamkollegen Delino DeShields beim Stealing zu erwischen. Die hässlichste Szene war definitiv der heimtückische Slide – man kann es auch eine Blutgrätsche nennen – von Anthony Rizzo gegen Pirates-Catcher Elias Diaz. Statt einer Strafe wurde diese Aktion mit einem Error und zwei Runs belohnt, die im achten Inning der Partie die Vorentscheidung bedeuteten. Die lustigste Szene war die Gänsejagd in Detroit. Und die sympathischste Szene der Woche war für mich die Reaktion von Astros-Pitcher Justin Verlander auf das Buh-Konzert, das die Zuschauer im Yankee Stadium ihm bereiteten. Verlander ist zurzeit die Souveränität in Person, egal ob auf dem Mound oder auf dem Weg in den Dugout.

Statistik der Woche 
18,0. Das ist der K/9-Wert von Brewers-Reliever Josh Hader. Der Indikator drückt aus, wie viele Strikeouts ein Pitcher je neun Innings erzielt. Hader hat die meisten K/9 von allen MLB-Pitchern, die diese Saison mehr als 2 Innings geworfen haben. Mit bislang 66 Strikeouts steht Hader auch in absoluten Zahlen weit, weit vor allen anderen Relievern. Sein FIP von 1.00 führt ebenfalls die Liga an und auch seine 1.09 ERA sind ein Top-Wert. Wenn Hader dieses Leistungsniveau über das gesamte Jahr hinweg hält, könnte er der erste seit Eric Gagné im Jahr 2003 sein, der als Reliever den Cy-Young-Award erhält.

Spiel der Woche
Die Cleveland Indians und die Houston Astros haben sich am vergangenen Sonntag möglicherweise bereits das Spiel des Jahres geliefert. In den ersten sieben Innings war es das erwartete Pitching-Duell zwischen Gerrit Cole und Trevor Bauer, nach dem die Indians mit 3:2 knapp die Nase vorn hatten. Im achten Inning scorten die Astros sechs Runs, darunter ein 3-Run-Homerun von Evan Gattis, und die Sache schien entschieden. Doch die Achterbahnfahrt ging jetzt erst richtig los: Das neunte Inning begann Jose Ramirez mit einem epischen 17-Pitches-At-Bat, das mit einem Double für den Hitter endete. Sechs Hits und zwei verschlissene Relief-Pitcher später hatte Cleveland das Unwahrscheinliche geschafft und aus einem 3:8-Rückstand ein 8:8 gemacht. Das Spiel ging in die Verlängerung, die erst mal drei scorelose Innings brachte. Im dreizehnten Durchgang sah es zum zweiten Mal an diesem Tag danach aus, dass ein Homerun von Gattis die Entscheidung brachte. Doch der Solo-Shot wurde prompt von Yonder Alonso erwidert und es stand schon wieder unentschieden. Erst im vierzehnten Inning endete der Marathon: Der frisch eingewechselte Brad Peacock durfte für die Astros nur einen einzigen Pitch werfen – den 451. Pitch im Spiel insgesamt –, denn diesen schlug Clevelands Rookie-Outfielder Greg Allen zu seinem ersten Homerun des Jahres und somit zum Walkoff-Sieg über den Zaun.

Mein Einschalttipp
Die Astros haben gerade eine spannende Serie gegen die Yankees hinter sich, nun wartet direkt der nächste Hochkaräter aus der AL East: Von heute bis Sonntag gastieren die Boston Red Sox für vier Spiele in Houston. Normalerweise gehe ich bei meiner Entscheidung, welches Spiel innerhalb einer Serie ich zum Einschalttipp erkläre, danach, wann die Pitching-Asse der Teams am Start sind. Das momentane Ass der gesamten MLB, Justin Verlander, läuft für Houston Samstagnacht um 0:15 Uhr mitteleurpäischer Zeit auf. Aber die Rotation der Astros besteht ja momentan nur aus Assen und das wohl interessanteste Matchup steigt Freitagnacht ab 2:10 Uhr zwischen den beiden Strikeout-Maschinen Gerrit Cole (2.05 ERA, 2.29 FIP, 109 SO) und Chris Sale (2.76 ERA, 2.94 FIP, 104 SO). Leider wird keines der beiden Spiele auf DAZN übertragen, sodass mlb.tv der einzige Weg ist, sie aus Deutschland auf legalem Weg zu verfolgen.

Mai 31st, 2018 by