Grand Slam am Donnerstag 23/2020

Seit rund vier Wochen verhandeln und streiten die Klubs und die Spieler um finanzielle Fragen, die einer MLB-Saison 2020 im Wege stehen – ein Ende dieses ziemlich unwürdigen Gezerres ist leider nicht in Sicht. Immerhin ein kleines Highlight für die Fans gibt es kommende Woche durch das Stattfinden der Draft. Derweil ist für viele Spieler der Minor Leagues der Traum von der MLB-Karriere letzte Woche geplatzt – und für alle Spieler im System der Oakland Athletics der Traum, dass sie ihrem Verein etwas wert sind. Aber lest selbst:

Am Mittwoch wird gedraftet
Die MLB-Draft wird nächste Woche stattfinden, allerdings nicht so wie gewohnt. Zum einen wird das Event wegen der Corona-Krise komplett virtuell vollzogen, zum anderen wird es sehr viel kürzer sein als sonst. Anstelle der üblichen 40 Runden gibt es dieses Mal nur 5 Durchgänge zur Auswahl von Spielern aus den Colleges und Highschools. Den Teams wird dadurch der Zwang genommen, in dieser Zeit der Unsicherheit zusätzliche Gehaltsempfänger verpflichten zu müssen. Anschließend an die 5 Draftrunden haben alle Klubs die Möglichkeit, unbegrenzt viele weitere Spieler für jeweils bis zu 20.000 Dollar unter Vertrag zu nehmen.

Pick Nummer eins haben dieses Jahr die Detroit Tigers, gefolgt von den Baltimore Orioles und den Miami Marlins. Die Houston Astros sind als Strafe für den Sign-Stealing-Skandal von der ersten und zweiten Draftrunde ausgeschlossen.

Der Favorit, als erstes vom Board zu gehen, ist 1B Spencer Torkelson (Arizona State), ein Powerhitter mit exzellenter Plate-Discipline. Außenseiterchancen, anstelle von Torkelson gewählt zu werden, hat der vielseitige IF/OF Austin Martin (Vanderbilt). Die am höchsten gehandelten Pitcher sind Linkshänder Asa Lacy (Texas A&M) und Rechtshänder Emerson Hancock (Georgia). Nicht ganz so hoch gerankt, aber schlagzeilenträchtig allein wegen seines Namens ist 3B/RHP Jaden Agassi. Der 18-jährige Sohn der Tennis-Legenden Steffi Graf und Andre Agassi hat frisch die Highschool abgeschlossen und gilt als talentiert genug, in einer der späteren Runden gewählt zu werden. Als wahrscheinlicher gilt aber, sowohl aufgrund der verkürzten Draft als auch weil Agassi sich noch von einer Tommy-John-Surgery am Wurfarm erholt, dass er die Profi-Karriere ein paar Jahre hinausschiebt und zunächst seine Einschreibung an der University of South California wahrnimmt.

Die Draft beginnt in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag um 1 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Sie wird live auf ESPN und MLB Network übertragen; Letzteres ist Teil des Pakets von DAZN.

Streit um Gehälter dauert an
Wie eingangs schon erwähnt, zeichnet sich im Gehälterstreit zwischen den Klubs und den Spielern leider kein Kompromiss ab. Die Teambesitzer beharren auf ihrer Forderung nach stärkeren Gehaltskürzungen. Die Spielergewerkschaft MLBPA hat am letzten Wochenende ihren Gegenvorschlag vorgelegt, in dem sie eine 114-Spiele-Saison mit anteiligen Gehältern und einen Aufschub von Teilen der Gehaltszahlungen anbietet. Dies wurde von den Ownern erwartungsgemäß abgelehnt. Von ihrer Seite steht bislang kein neues Angebot, sondern eine Drohung im Raum: Wenn die MLBPA den angestrebten Kürzungen nicht zustimmt, könnte die Liga im Alleingang beschließen, dass eine ultrakurze Saison mit nur 48 bis 54 Saisonspielen gespielt wird. Auf diese Art würden die Gehälter automatisch drastisch sinken, da sie sich nach der bisherigen Regelung anteilig an der Zahl der durchgeführten Spiele bemessen. Theoretisch hat die MLB diese Möglichkeit, praktisch würde ein solches Vorgehen vermutlich zu einem Streik der Spieler führen.

Kein Dissens über Umstrukturierung
Ein Punkt, in dem sich die Liga und die Spieler offenbar geeinigt haben, ist die vorübergehende Umstrukturierung der Divisionen für die Saison 2020. Um lange Reisen zu vermeiden, soll die AL East mit der NL East zu einer Division aus 10 Teams zusammengelegt werden, ebenso die beiden Central-Divisonen und die beiden West-Divisionen. Alle oder fast alle regulären Saisonspiele sollen innerhalb der jeweiligen Division ausgetragen werden. Als Spielorte werden nach diesem Plan die gewohnten Heimstadien der Teams genutzt, die Designated-Hitter-Regel gilt bei allen Spielen. Auch bezüglich einer Erweiterung der Playoffs auf 14 Teams scheint man sich relativ einig zu sein, wenngleich das genaue Format der Postseason noch unklar ist.

Zahlreiche Minor Leaguer entlassen, Athletics stellen Zahlungen ein
Die MLB-Spieler jammern über die Winkelzüge der Owner zwar mit einigem Recht, aber immer noch auf hohem Niveau – um seine Existenz muss von ihnen jedenfalls niemand fürchten. Ganz anders sieht es derweil in den Minor Leagues aus. Im Unterbau des professionellen Baseballs herrscht weitreichende Unsicherheit: Wird es eine Saison 2020 geben? Wenn nein, bekommen die Spieler ihre ohnehin sehr niedrigen Gehälter trotzdem weiter? Wird zudem der schon vor Corona bestehende Plan umgesetzt, 42 Minor-League-Teams komplett einzusparen?

Letzte Woche gab es eine Entlassungswelle, bei der Hunderte Minor-League-Spieler von den Klubs freigesetzt wurden. Das war zwar eine unpopuläre und in vielerlei Hinsicht bedauerliche Maßnahme. Allerdings muss man sich dabei klar machen, dass solche Entlassungswellen jedes Jahr zum Ende des Spring Trainings üblich sind und somit erwartbar war, dass es auch dieses Jahr irgendwann dazu kommen würde.

Immerhin haben inzwischen fast alle MLB-Franchises entschieden, ihren verbleibenden Minor Leaguern zumindest die 400 Dollar pro Woche weiter zu bezahlen, auf die die Klubs sich ursprünglich bis 31. Mai geeinigt hatten. Auch die Washington Nationals, die die Zahlungen zunächst auf 300 Dollar reduzieren wollten, besannen sich schnell eines besseren, nachdem mehrere ihrer MLB-Spieler ankündigten, die Gehälter der Minor-League-Kollegen zur Not aus eigener Tasche aufstocken zu wollen. Der meines Wissens einzige Verein, der sich entschieden hat, sämtliche Minor Leaguer ab 1. Juni in unbezahlten Urlaub zu schicken, sind die Oakland Athletics. Die Entscheidung der A’s bedeutet, dass ihre Minor-League-Spieler nun erstens ohne Einkommen sind und sich zweitens noch nicht mal arbeitslos melden können, weil sie formal noch bei dem Klub angestellt sind. Um es deutlich zu sagen: Das ist eine Schande und beraubt in meinen Augen die Athletics sämtlicher Sympathien, die ich bisher für sie hatte.

Chris Archer fällt lange aus
Chris Archer, Pitcher der Pittsburgh Pirates, musste sich am Dienstag einer Operation zur Behandlung eines Thoracic-outlet-Syndroms unterziehen. Ob Archer überhaupt noch mal für die Pirates spielt, ist fraglich. Für 2020 fält er in jedem Fall aus, und für 2021 muss der Verein entscheiden, ob er die Option zur Vertragsverlängerung für 11 Millionen Dollar zieht. Ich rechne eher nicht damit, denn Archers Leistungen in Pittsburgh waren, nachdem er 2018 per Trade von den Tampa Bay Rays kam, bislang weitgehend enttäuschend. Hinzu kommt, dass nach dieser Art von OP, bei der üblicherweise eine Rippe ganz oder teilweise entfernt wird, um dem betroffenen Nerv Raum zu verschaffen, viele Pitcher – z. B. Matt Harvey, Tyler Thornburg, Tyson Ross – nicht mehr zur vollen Form gefunden haben.

Juni 4th, 2020 by