Grand Slam am Donnerstag 26/2018

Halbzeit! Ein paar Teams haben die 81 Spiele schon voll gemacht, die anderen stehen kurz davor und ich frage mich, wohin schon wieder die Zeit gerast ist. Immer wieder erwische ich mich beim Gedanken, es sei ja noch früh in der Saison, dabei ist die Hälfte bereits vorbei. Wie schnell in der MLB die Zeit vergeht, fällt auch in anderer Hinsicht auf: Gerade mal zweieinhalb Baseballjahre ist es her, da standen sich in der World Series 2015 die Kansas City Royals und die New York Mets gegenüber. Ausgerechnet diese beiden Teams sowie die Baltimore Orioles sind zurzeit die schwächsten, die die Liga zu bieten hat. Das erstaunt nicht nur, weil alle drei vor Kurzem noch vorne mitspielten, sondern auch weil keines dieser Teams sich – anders als zum Beispiel die White Sox, die Marlins oder die Reds – bislang aufgerafft hat, ein ernsthaftes Rebuilding anzugehen.

American League
Das Kopf-an-Kopf-Rennen in der American League East geht weiter: Diese Woche haben mal wieder die Boston Red Sox (54-27) die Nase vor den New York Yankees (52-26), welche einen schmerzhaften Sweep durch die Tampa Bay Rays (39-40) hinnehmen mussten. Dass die Red Sox vorne stehen, liegt aber allein an den mehr absolvierten Spielen – die Siegquote von 66,7% ist für beide Teams exakt identisch. Interessanter könnte die Ausgangslage kurz vor dem nächsten direkten Aufeinandertreffen der Erzrivalen (siehe „Einschalttipp“) gar nicht sein. Vom Rest der Division gibt es nicht viel zu berichten außer vielleicht, dass die ohnehin schon enttäuschenden Toronto Blue Jays (37-43) in den letzten Tagen noch mehr schlechte Nachrichten angehäuft haben: Die Starter Jaime Garcia und Aaron Sanchez mussten auf die Verletztenliste gesetzt werden und der ehemals vielversprechende junge Closer Roberto Osuna wurde für 75 Spiele gesperrt. Gegen Osuna steht seit Mai eine Anklage im Raum, laut der er eine Frau angegriffen haben soll, mit der er ein gemeinsames Kind hat. Osuna ließ bekannt geben, dass er vor Gericht auf „nicht schuldig“ plädieren, die Sperre der MLB aber akzeptieren wird. Es ist gut möglich, dass die Blue Jays Osuna entlassen oder traden werden.

Die Cleveland Indians (44-35) haben die Gunst des Spielplans genutzt und ihren Vorsprung in der AL Central ausgebaut, indem sie hintereinander die Chicago White Sox (28-51) und die Detroit Tigers (36-45) gesweept haben. Die Cardinals waren für die Indians gerade der erste Gegner seit rund drei Wochen mit einer positiven Bilanz – die Serie ging 2:1 an St. Louis, doch damit kann man in Cleveland leben. Konkurrenz in der Division ist nämlich nach wie vor nicht vorhanden, auch und vor allem weil die Minnesota Twins (34-42) regelmäßig vor scheinbar schwächeren Gegnern einknicken, obwohl sie in den Serien gegen starke Teams wie Cleveland oder Boston zuletzt immer gut aussahen. Alles andere als gut sehen die Kansas City Royals (25-55) aus. Der World Champion von 2015 wird zwar von der Sieg-Niederlagen-Bilanz noch von den Orioles unterboten, weist aber inzwischen sowohl die wenigsten erzielten (283) als auch die meisten kassierten (435) Runs von allen Teams der MLB auf. Es zeigt sich bei den Royals momentan nicht der kleinste Ansatz, auf dem man aufbauen könnte; auch ihre Farm gibt wenig her.

Die Houston Astros (54-28) sind das genaue Gegenteil der Royals, sie führen die MLB in Runs scored (426) und in Runs allowed (252) an und machen nach wie vor nicht den Eindruck, dass sie sich auf dem Weg zur Titelverteidigung von irgendwem stoppen lassen wollen. In der AL West haben die Astros inzwischen dreieinhalb Spiele Vorsprung auf die Seattle Mariners (50-31), welche gleichwohl ihren Anspruch auf einen Wild-Card-Platz zementiert haben. Die wichtigste Konkurrenz um diese zweite Wild Card (nehmen wir die erste mal als sicher für die Red Sox oder Yankees an) kommt aus der eigenen Division. Inzwischen haben die Oakland Athletics (43-38) dabei den Los Angeles Angels (41-40) den Rang abgelaufen. Von ihren letzten elf Spielen haben die A’s neun gewonnen und stehen nach der Hälfte ihrer Saisonspiele erstaunlich gut da. Für sie wäre jetzt eigentlich ein guter Zeitpunkt, voller Selbstvertrauen in den All-Star-Break zu gehen, doch bis dahin sind es noch 16 Spiele, darunter sechs gegen die Indians, vier gegen die Astros und drei gegen die Giants. Die Angels befinden sich derweil auf Talfahrt mit zuletzt fünf Niederlagen am Stück. Eine gute Nachricht gibt es aber: Der verletzte Shohei Ohtani wird voraussichtlich doch noch im laufenden Jahr ins Team zurückkehren, wenn auch vielleicht nur als DH und nicht als Pitcher.

National League
In der National League East schwächeln die Atlanta Braves (54-34) zurzeit ein bisschen, haben fünf der letzten sieben Spiele verloren und das gegen vermeintlich schwache Gegner (Toronto, Baltimore, Cincinnati). Da die Washington Nationals (41-37) solidarisch mitschwächeln, hat sich zwischen den beiden nicht viel geändert. Lachender Dritter – inzwischen sogar lachender Zweiter – sind die Philadelphia Phillies (42-36), die geschickt unter dem Radar in Richtung einer erfolgreichen Saison fliegen. Ab heute werden sie allerdings zumindest für vier Tage auf dem Radar auftauchen, denn gegen die Nationals steht ein direktes Duell um den Verfolgerposten in der Division an. Gleichzeitig gibt es auch im Keller der NL East ein direktes Duell: Die New York Mets (32-46) laufen höchste Gefahr, sich von den Miami Marlins (32-49) auf den letzten Platz der Division und wahrscheinlich auch der gesamten NL befördern zu lassen. Zu den extrem mageren sportlichen Ergebnissen der Mets kommt seit vorgestern die Sorge um General Manager Sandy Alderson hinzu, dessen Krebserkrankung zurückgekehrt ist und der deshalb für unbestimmte Zeit pausiert. Seine Geschäfte übernimmt ein dreiköpfiges Gremium, welches direkt Owner Jeff Wilpon unterstellt ist. Wilpon tritt damit nun etwas offizieller in den Vordergrund, wirklich ändern dürfte sich dadurch allerdings wenig, denn Wilpon gilt schon lange als Dreh- und Angelpunkt der (Miss-)Geschicke der Mets. Er soll ein Kontrollfreak sein, der dem General Manager und dem Manager bis in die kleinsten Entscheidungen hineinregiert, sodass sich kaum seriös beurteilen lässt, wieviel Schuld am desolaten Zustand man Alderson und Callaway überhaupt zuschreiben kann.

Die NL Central ist in den vergangenen eineinhalb Wochen ein Stück enger zusammengerückt: Während die Milwaukee Brewers (46-33) und die Chicago Cubs (43-35) von den letzten zehn Spielen mehr verloren als gewonnen haben, konnten die St. Louis Cardinals (42-37) ihre Bilanz in dem Zeitraum wenigstens ausgeglichen gestalten. Die große Nachricht ist allerdings, dass die Cincinnnati Reds (34-46) in den letzten zehn Partien neun Siege eingefahren haben, darunter ein Vier-Spiele-Sweep gegen die Cubs und eine gewonnene Serie gegen die Braves. Ab heute geht es für die Reds viermal hintereinander gegen die Brewers und ich bin sehr gespannt, ob sie ihren positiven Trend fortsetzen können. Unbedingt erwähnen muss ich mal wieder eine Nominierung für die dämlichste Verletzung des Jahres: Cubs-Closer Brandon Morrow ist gerade wieder zurück von einigen Tagen auf der Verletztenliste, nachdem er sich beim Ausziehen seiner Hose den Rücken verknackst hatte. Morrow selbst dazu: „It’s frustrating any time you can’t get out there, especially when you can’t go for something as stupid as taking your pants off.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die NL West sieht ganz oben mit den Arizona Diamondbacks (46-34) und ganz unten mit den San Diego Padres (36-47) so aus wie gehabt. Dazwischen war diese Woche jedoch ordentlich Bewegung. Sowohl die Los Angeles Dodgers (43-36) als auch die San Francisco Giants (42-39) haben in diesem Zeitraum fünf von sechs Spielen gewonnen, die Colorado Rockies (38-42) hingegen haben zuletzt vier Spiele hintereinander verloren, zwei davon gegen die Giants. Da noch ein weiteres Spiel gegen die Giants, im Anschluss drei gegen die Dodgers und dann wieder drei gegen die Giants anstehen, drohen den Rockies derzeit ganz massiv die Felle davon zu schwimmen. Auch um ihr weiteres Programm bis zum All-Star-Break – sechsmal Mariners, dreimal Diamondbacks – sind die Rockies definitiv nicht zu beneiden.

Szene der Woche
Der kurioseste Moment der vergangenen Tage war wohl der verschwundene Homerun von Clint Frazier. Beim Stand von 6:6 zwischen den Blue Jays und den Yankees schien der junge Slugger seine New Yorker mit einem gewaltigen Homerun in Front zu bringen. Doch der Schlag war ein bisschen zu gewaltig, denn mitten in der Flugbahn war plötzlich Endstation in Form eines von der Decke hängenden Lautsprechers. Von dort tropfte der Ball nach unten ab und war leichte Beute für Shortstop Adeiny Hechavarria, da laut den Regeln in Toronto Bälle an die Decke in diesem Bereich als „im Spiel“ behandelt werden. Hechavarria hatte in dem Moment Hilfe von oben, aber ich muss noch ein anderes spektakuläres Out erwähnen, dessen Urheber ohne jede Hilfe auskam: Brewers-Starter Brent Suter bewahrte gestern Kansas Citys Alex Gordon mit einer zirkusreifen Einzelleistung vor dem Erreichen der ersten Base. Ein bisschen habe ich allerdings den Eindruck, dass Suter sich in der Situation von Domingo Ayalas Tipps inspirieren ließ, ein Routine-Out aussehen zu lassen wie ein Top-Play…

Statistik der Woche 
27. In so vielen aufeinander folgenden Auswärtsspielen haben die Oakland Athletics einen Homerun geschlagen. Das ist ein neuer Rekord, nachdem die bisherige Bestmarke aus dem Jahr 1996 von den Baltimore Orioles gehalten wurde. Pünktlich für die Erwähnung in diesem Artikel wurde die Rekord-Strecke gestern beendet, als die A’s zwar 3:0 bei den Detroit Tigers gewannen, aber eben ohne Homerun. Die Athletics sind übrigens mit großem Abstand das Team mit den meisten Auswärts-Homeruns. 72-mal haben sie den Ball in der Fremde über den Zaun gedroschen, auf Rang zwei landen die Yankees mit „nur“ 60.

Spiel der Woche
Diese Woche gibt es zwei Kandidaten für das Spiel der Woche, von denen man sich je nach persönlicher Vorliebe eines aussuchen kann: Wenn man auf viele Hits und Runs steht, dann sollte man sich mindestens die Zusammenfassung der Partie der Red Sox gegen die Mariners vom Freitag anschauen. Bevorzugt man hingegen hochklassige Pitcherduelle, dann empfiehlt sich eher das Spiel der Brewers gegen die Cardinals vom gleichen Tag. Bis ins siebte Inning hinein war es ein No-Hitter für St. Louis‘ Jack Flaherty, der erst durch einen Solo-Homerun von Jesus Aguilar seine weiße Weste beschmutzte. Da auch Milwaukees Junior Guerra und der Brewers-Bullpen ein hervorragendes Spiel hatten, war dieser Homerun gleichzeitig der 1:1-Ausgleich. Im neunten Inning gewannen die Brewers das Spiel per Walkoff durch einen weiteren Solo-Shot von Aguilar. Es war das erste Mal seit mindestens 1961, dass derselbe Spieler nach fünf oder mehr Innings erst einen No-Hitter und dann auch das Spiel jeweils per Homeruns beendet.

Mein Einschalttipp
Ich habe nicht nachgezählt, aber vermutlich ist das Duell Red Sox gegen Yankees die häufigste Paarung in meinen bisherigen Einschalttipps. Sorry, wenn ich damit jemanden langweile, aber dieses Jahr gibt es in der MLB nichts Spannenders und Spektakulärers als das Aufeinandertreffen dieser beiden Erzrivalen, und deshalb kann ich auch für dieses Wochenende nur dazu raten, hier mal reinzuschauen. Die Zeiten sind dieses Mal leider allesamt ungünstig für Menschen mit einem „normalen“ europäischen Schlafrhythmus, aber wenigstens entsteht dadurch keine Konkurrenz zur Fußball-WM. Da die beiden Asse der Teams nicht direkt aufeinander treffen, gibt es von mir eine geteilte Empfehlung: Wenn ihr auf einen Sieg der Red Sox hofft, dann schaut euch Samstagnacht ab 1:15 Uhr Chris Sale (2.56 ERA, 2.48 FIP) gegen Sonny Gray (4.93 ERA, 4.19 FIP) an. Falls ihr es, aus welch obskuren Gründen auch immer, eher mit den Yankees haltet, dann könntet ihr an der Partie Sonntagnacht ab 2:05 Uhr von Luis Severino (2.10 ERA, 2.21 FIP) gegen David Price (3.66 ERA, 3.71 FIP) mehr Spaß haben. Wahrscheinlich habe ich durch diese Voraussage gerade bewirkt, dass es genau andersherum kommt. Beide Spiele (und auch das erste der Serie Freitagnacht ab 1:05 Uhr) werden sowohl auf DAZN als auch auf mlb.tv übertragen.

Juni 28th, 2018 by