Grand Slam am Donnerstag 30/2021

Für die MLB-Teams ist es an der Zeit, Farbe zu bekennen hinsichtlich ihrer Ambitionen für den Rest des Jahres: Am morgigen Freitag um 22 Uhr steht die Trade-Deadline an. Bis dahin müssen alle, die entweder mit Verstärkungen nachrüsten oder aber ihre Veteranen gegen Geld und Talente versilbern wollen, ihre Deals abgeschlossen haben. Traditionell finden viele Geschäfte in den letzten Stunden vor der Deadline statt, aber eine ganze Reihe interessanter Trades ging während der letzten Tage schon über die Bühne. Den dicksten Fisch zogen die Padres in Form von Adam Frazier an Land. Frazier ist eine Allzweckwaffe auf dem Feld und führt nach seiner bisherigen Saison bei den Pirates die MLB mit den meisten Hits an.

Die nachhaltigste Neuerung dieser Woche ist keine Spielerverpflichtung, sondern die Bekanntgabe, unter welchem Namen Clevelands Baseball-Franchise künftig antreten wird. Nach dem angekündigten Abschied vom umstrittenen Spitznamen „Indians“ nennt sich das Team ab nächster Saison „Cleveland Guardians“. Der Name stellt einen Bezug zur Hope Memorial Bridge dar, die den westlichen Teil der Stadt mit dem östlichen verbindet und von acht Statuen, den „Guardians of Traffic“, getragen wird. 

Die Toronto Blue Jays werden ab morgen endlich wieder dem ersten Teil ihres Namens gerecht: Nach eineinhalb Spielzeiten an coronabedingten Ausweichstandorten in den USA kehren sie zurück nach Toronto, um den Rest der Saison in ihrem Heimstadion auszutragen. 15.000 Zuschauer, rund 30 Prozent der regulären Kapazität, werden im Rogers Centre erlaubt sein. 

National League
In der NL East gab es schon einige Tradeaktivitäten. Die New York Mets (54-46) holten sich Starting Pitcher Rich Hill von den Rays. Das ist noch nicht der große Deal, auf den viele Fans hoffen, aber eine sinnvolle Ergänzung der von Verletzungen gebeutelten Rotation – verbunden mit der Hoffnung, auf Bullpen-Games und Starts von Jerad Eickhoff künftig verzichten zu können, zumal morgen auch Carlos Carrasco endlich sein Mets-Debüt geben soll. Die Philadelphia Phillies (50-50) wollen offenbar auch etwas für die Rotation tun. Jedenfalls hatten sie vorgestern bereits Tyler Anderson von den Pirates an der Angel, der dann aber doch nach Seattle ging. Die Atlanta Braves (50-52) hatten sich schon letzte Woche mit OF Joc Pederson (Cubs) und C Stephen Vogt (Diamondbacks) verstärkt. Die Washington Nationals (46-54) sind ziemlich sicher aus dem Playoffrennen, zumal sie gestern auch noch mehrere Hiobsbotschaften erhielten: Es gibt einen erneuten Covid-Ausbruch im Team, der unter anderem SS Trea Turner betrifft, zudem muss SP Stephen Strasburg operiert werden und wird dieses Jahr nicht mehr spielen. Umso wahrscheinlicher wird es, dass die Nationals ihr anderes Ass Max Scherzer vor der Deadline abgeben werden. 

Die Milwaukee Brewers (60-42) sind in der NL Central so gut wie durch. Im Hinblick auf die Playoffs wünschte sich das Team, das primär von überragendem Pitching lebt, noch ein Upgrade für die Offense – und fand es gestern Nacht in Person von Infielder Eduardo Escobar, den man von den Diamondbacks holte. Vom Rest der Division erwarte ich dieses Jahr nicht mehr viel, aber die Cincinnati Reds (53-49) scheinen durchaus noch Ambitionen zu haben. Dafür spricht jedenfalls, dass sie bereits mehrere Trades einfädelten, um ihre Schwachstelle, den Bullpen, durch die Neuverpflichtungen Mychal Givens (Rockies), Luis Cessa und Justin Wilson (beide Yankees) aufzuwerten. 

Die San Diego Padres (59-45) haben mit dem Deal für Adam Frazier den ersten Trade-Schuss in der NL West abgegeben. Man darf gespannt sein, wie die San Francisco Giants (63-38) und die Los Angeles Dodgers (62-41) darauf reagieren. Beide sind auf dem Markt für Starting Pitching, die Dodgers könnten zudem einen Shortstop gebrauchen – Trevor Story von den Colorado Rockies (44-58) dürfte ein heißer Kandidat sein. Wenn ihr die beiden Top-Teams der Division im direkten Duell sehen wollt, gibt es die Möglichkeit dazu übrigens heute Abend mit dem dritten Spiel der laufenden Serie – ausnahmsweise mal zu einer europafreundlichen Zeit um 21:45 Uhr statt der üblichen Westcoast-Nachtschichten. 

American League
Während die Verfolger in der AL East, die Tampa Bay Rays (60-42), mit der Verpflichtung von DH Nelson Cruz aus Minnesota ihren größten Need bereits angegangen sind, halten die Spitzenreiter Boston Red Sox (63-40) sich noch zurück. Allzu groß dürften ihre Lücken im Kader nicht sein angesichts ihrer starken Saison und sieben Siegen aus den letzten neun Spielen gegen die New York Yankees (53-47) und die Toronto Blue Jays (50-48), aber einen zusätzlichen Starter wollen die Red Sox wohl gerne noch holen. Die Yankees haben, wie oben erwähnt, zwei Reliever nach Cincinnati transferiert. Spricht das dafür, dass sie die Saison aufgeben? Eher nein, vielmehr sieht es danach aus, dass sie mit dem Move Platz im Kader und auf der Gehaltsliste schaffen wollten, um anderweitig noch mal nachzulegen. Während ich diesen Artikel schreibe, sieht es gerade stark danach aus, dass die Yankees mit den Rangers an einem Trade für OF Joey Gallo arbeiten.

Die Lage in der AL Central gleicht jener in der anderen Central-Division. Auch hier steht mit den Chicago White Sox (60-42) der Sieger faktisch fest, während die restlichen Teams die Postseason bereits abgehakt haben. Für einen tiefen Postseason-Run sind die White Sox noch auf der Suche nach Hilfe für den Bullpen und für das Infield, in dem seit der Verletzung von 2B Nick Madrigal eine Lücke klafft. Verstärkungen im Outfield kommen aus den eigenen Reihen durch die Rückkehr von Eloy Jimenez und Luis Robert. Die Minnesota Twins (43-60) sind nach dem Cruz-Trade vermutlich noch nicht fertig mit dem Ausverkauf in ihrer enttäuschenden Saison. Obwohl der deutsche Outfielder Max Kepler noch bis 2024 für relativ teamfreundliche 25,25 Millionen Dollar unter Vertrag steht, gibt es auch um ihn Trade-Gerüchte. 

Die Houston Astros (63-40) haben sich in der AL West ein Polster von mittlerweile sechs Spielen auf die Oakland Athletics (57-46) angelegt. Bei der Suche nach Verstärkungen legen die Astros bislang einen klaren Schwerpunkt auf den Bullpen: Yimi Garcia kommt aus Miami, Kendall Graveman und Rafael Montero von den Seattle Mariners (55-48). Die Mariners sind selbst nach wie vor erstaunlich stabil im Rennen um einen Playoff-Platz (siehe „Spiel der Woche“). Ihr GM Jerry Dipoto ist in Sachen Trade-Aktivitäten immer für eine Überraschung gut. Dass er Graveman und Montero zu den Houston Astros ausgerechnet zum aktuellen Seriengegner und Divisionskonkurrenten schickt, zudem zu zweifelhaftem Gegenwert in Form von 3B Abraham Toro und RP Joe Smith, erschließt sich mir nicht. Einleuchtender ist die Verstärkung der Rotation mit SP Tyler Anderson, den Dipoto für zwei Prospects von den Pirates holte. Er schnappte Anderson den Phillies vor der Nase weg, als die sich eigentlich mit den Pirates bereits einig waren, es aber eine offene medizinische Frage bezüglich eines der Prospects gab, die Philadelphia schicken wollte. 

Szene der Woche
Wenn aus einem Single durch mehrere Errors faktisch ein Homerun wird, ist das sicher nicht die große Kunst des Baseballs. Nicht umsonst bezeichnet man eine solche Aktion auch als „Little League Homerun“. Unterhaltsam sind Szenen wie die folgende vom vergangenen Freitag allemal, zumindest wenn man nicht gerade Fan des gegnerischen Teams ist. Auf die spöttische Schlagzeile „Guardians did not guard home“ mussten die Indians, die gerade die anstehende Namensänderung bekannt gegeben hatten, nach der Pannenserie bei der 5:10-Niederlage gegen die Rays nicht lange warten. 

Statistik der Woche 
108. So viele Stiche hat die Naht eines Baseballs. Aber darum soll es hier gar nicht gehen, sondern darum, dass die Texas Rangers die „Leistung“ vollbracht haben, 108 Innings hintereinander niemals in Führung zu liegen. Zwölf Spiele verloren sie während dieser Durststrecke, die einen Franchise-Rekord darstellte. Der Bann brach am Dienstag, als die Rangers im vierten Inning gegen die Diamondbacks 5:1 in Führung gingen und das Spiel schließlich mit 5:4 nach Hause brachten. 

Spiel der Woche
Die Mariners sind ein Team, das schlichtweg nicht aufgibt. Das zeigen sie schon die gesamte Saison über, in der sie schon mehrfach totgesagt waren und doch stets zurück ins Playoffrennen fanden. Geradezu sinnbildlich für die Mariners des Jahres 2021 war das Spiel gegen die Astros am Montag. 0:6 lagen sie nach dem ersten Inning zurück, 0:7 im vierten, erst dann fanden die Mariners langsam ins Spiel. Mit einem 7:8-Rückstand und zwei Outs im achten Inning luden sie die Bases, bevor Dylan Moore mit einem Grand Slam zum 11:8 das Comeback perfekt machte. 

Mein Einschalttipp
Ein Hauch von World Series könnte am Wochenende durch San Francisco wehen, wenn die Giants als derzeit stärkstes Team der National League auf die Houston Astros als (gemeinsam mit den Red Sox) stärkstes Team der American League treffen. Sowohl am Samstag als auch am Sonntag sind die Spiele aus europäischer Sicht günstig gelegen mit einer Startzeit von jeweils 22:05 Uhr.

Juli 29th, 2021 by