Grand Slam am Donnerstag 32/2018

Wird die aktuelle MLB-Saison in die Geschichte eingehen mit den meisten Saisonsiegen eines Teams? Den Rekord halten zurzeit die Seattle Mariners mit 116 Siegen im Jahr 2001. Die Boston Red Sox stehen dieses Jahr nach 115 von 162 Spielen bei 81 Siegen. Das entspricht einer Siegquote von 70,4%. Behalten sie dieses Tempo bei, landen sie am Ende bei 114 Siegen. Das wäre exakt das gleiche Ergebnis, das 1998 die New York Yankees erzielt hatten und das bis heute die zweitbeste Saison eines Teams im modernen Baseball ist. Die Prognose von Fangraphs für den Rest des Jahres ist etwas zurückhaltender und geht von 109 Siegen aus. Um den Rekord der Mariners einzustellen, bräuchten die Red Sox aus den verbleibenden 47 Spielen eine Bilanz von 35-12. Das dürfte sehr schwer werden, aber nicht unmöglich: In ihren letzten 47 Spielen erzielten die Red Sox eine Bilanz von… 35-12.

National League
Die Atlanta Braves (62-49) haben heute Abend in der Hand, wohin sich ihr Blick in der National League East in den nächsten Tagen hauptsächlich richten wird. Wenn sie im vierten Spiel der Serie gegen die Washington Nationals (58-56) den dritten Sieg einfahren, dann haben sie die Tabellenführung von den Philadelphia Phillies (63-49) zurück erobert und können sich bis auf weiteres ganz auf den Zweikampf mit den Phillies konzentrieren. Gewinnen hingegen die Nationals, dann bewahren diese ein Mindestmaß an Tuchfühlung zur Spitze und damit ihre Hoffnung, die bislang enttäuschende Saison noch retten zu können. In direktem Zusammenhang damit steht auch die Frage, ob Washington doch noch einen Trade von Bryce Harper, ihrem Superstar mit auslaufendem Vertrag, anstreben wird oder nicht. Im Keller der NL East haben sich derzeit die New York Mets (47-65) mal wieder ein Stück von den Miami Marlins (47-69) absetzen können – nicht zuletzt, weil ihnen gestern endlich mal wieder gelungen ist, ein von Jacob deGrom gestartetes Spiel zu gewinnen (siehe Statistik der Woche). Am Wochenende kommt es zum direkten Duell um den letzten Platz.

In der NL Central haben die Chicago Cubs (66-48) derzeit mal wieder die Spitze von den Milwaukee Brewers (66-51) übernommen. Beide müssen am Wochenende ein bisschen Schicksal für die NL East spielen, denn die Cubs empfangen die Nationals, während die Brewers bei den Braves antreten, bevor es am Dienstag und Mittwoch zu zwei direkten Duellen zwischen den Cubs und den Brewers kommt. Die St. Louis Cardinals (60-55) haben sich offenbar auch noch nicht aufgegeben. Mit sieben Siegen aus den letzten zehn Spielen haben sie sich auf nur noch vier Spiele Rückstand im Wild-Card-Rennen herangearbeitet und dabei auch die Pittsburgh Pirates (59-56) hinter sich gelassen.

Auch in der NL West hat sich die Sortierung an der Spitze gegenüber letzter Woche etwas verändert: Die Arizona Diamondbacks (64-52) stehen jetzt wieder allein vorne, auch wenn es nur ein halbes Spiel ist, das sie von den Los Angeles Dodgers (63-52) trennt. Das kann sich heute noch ändern, dennn die Diamondbacks haben spielfrei, während die Dodgers auf die Colorado Rockies (60-54) treffen. Bei einem Sieg ziehen die Dodgers wieder exakt gleich mit den Diamondbacks, eine Niederlage hingegen würde die Rockies zurück ins Rennen holen und diesen die Möglichkeit eröffnen, den Dodgers im weiteren Verlauf der Vier-Spiele-Serie echte Probleme zu bereiten. Die Rockies könnten ein paar Siege gegen die Dodgers gut gebrauchen, denn danach warten schwierige Auswärtsserien in Houston und in Atlanta.

American League
Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schon Anfang August schreiben kann, aber: Die American League East scheint entschieden. Was lange Zeit wie ein Kopf-an-Kopf-Rennen bis zur Ziellinie aussah, ist inzwischen ein 9-Spiele-Vorsprung für die Boston Red Sox (81-34) gegenüber den New York Yankees (71-42). Dazu kam es, indem die Red Sox zehn ihrer letzten elf Spiele gewannen, darunter die komplette Vier-Spiele-Serie gegen die Yankees. Mit 15:7, 4:1, 4:1 und im letzten Spiel 5:4 nach zehn Innings fertigte Boston den Erzrivalen ab, der nun erst mal schauen muss, wie es in der Wild-Card-Tabelle steht (zum Glück für die Yankees ganz gut, vor allem weil sie der Enttäuschung einen Drei-Spiele-Sweep gegen die White Sox folgen ließen, während die Mariners in Texas zweimal patzten). Die Siegesserie der Red Sox kann unterdessen durchaus noch eine Weile andauern: Nach dem dritten Spiel gegen die Toronto Blue Jays (51-62) treten sie viermal bei den Baltimore Orioles (35-79), dem vielleicht schwächsten Team der Liga, an.

Der Titel „schwächstes Team der Liga“ ist allerdings nicht ganz unumstritten, denn dafür finden sich in der AL Central auch noch ein paar Kandidaten: Die Kansas City Royals (35-79) haben die gleiche miserable Bilanz wie die Orioles und ihr Run Differential von -198 ist mit Abstand das schlechteste der MLB – die Orioles als Zweitschlechtester haben „nur“ -158. Die Detroit Tigers (47-68) sind zwar aktuell Dritter der Division, mit sechs Niederlagen hintereinander weisen sie aber derzeit die längste Serie von Misserfolgen auf. Die würden sie natürlich gerne beenden in den anstehenden Spielen gegen die Minnesota Twins (53-60), die zwar Zweiter, aber ebenfalls weit weg von allen Wild-Card- oder Divisionstitelhoffnungen sind. Ganz oben cruisen weiterhin gemütlich die Cleveland Indians (63-50). Paradoxerweise sind die Indians der Divisionsführer mit den wenigsten Siegen und gleichzeitig der mit dem größten Vorsprung (10 Spiele) auf Platz zwei.

Mit zehn Siegen mehr cruisen in der AL West auch die Houston Astros (73-42) weitgehend  unangefochten auf dem ersten Rang. In deren Windschatten haben die Oakland Athletics (68-47) sich inzwischen auf den Wild-Card-Platz hochgearbeitet und die Seattle Mariners (65-50) drei Siege weit abgehängt. Nächste Woche kommt es dreimal zum direkten Duell der beiden Außenseiter, die so gern mal wieder in die Playoffs kommen wollen (siehe Einschalttipp). Vorher müssen die A’s noch zu den Los Angeles Angels (58-58), bei denen gerade etwas Verwirrung um die Zukunft von Mike Scioscia herrscht. Scioscia ist seit 19 Jahren Manager der Angels und damit der dienstälteste Manager der Liga. In den letzten Tagen gab es mehrfach Meldungen aus „verlässlichen Quellen“, Scisoscia plane seinen Rücktritt zum Saisonende. Er selbst bezeichnet diese Meldungen zwar als „poppycock“ (Blödsinnn), doch dass die Angels unmittelbar danach mit Eric Chavez einen möglichen Nachfolger als Manager des Triple-A-Teams verpflichteten, lässt vermuten, dass an den Spekulationen doch etwas dran ist.

Szene der Woche
Ich kann nicht behaupten, dass ich noch nie einen Homerun bei einem Bunt gesehen hätte – in der Altersklasse der Schüler kommt so etwas durchaus vor. In der MLB ist es eine extreme Seltenheit, aber Philadelphias Cesar Hernandez ist dieses Kunststück gegen die Diamondbacks gelungen. Vom offiziellen Scoring her ist es natürlich kein Homerun, sondern eine Verkettung von zwei Throwing Errors durch Jake Diekman und Steven Souza Jr. Aber ein Run ist ein Run und Hernandez darf sich durchaus damit rühmen, ihn sich durch schnelles und aufmerksames Baserunnning verdient zu haben. Denn hätte er nicht sowohl auf dem Weg zur ersten als auch auf dem zur dritten Base die Defense durch sein aggressives Bemühen unter Druck gesetzt, wären die Errors vermutlich nicht passiert.

Statistik der Woche 
2,4. So viele Runs hatten die New York Mets durchschnittlich in den letzten 16 Spielen (ohne das von gestern) erzielt, in denen Jacob deGrom ihr Starting Pitcher war. Das ist ein unglaublich niedriger Wert und der Grund dafür, warum der aktuell beste Pitcher der MLB mit einem ERA von 1.77 nach 23 Starts und 152.1 gepitchten Innings nur eine Bilanz von 6-7 auf dem Konto hat. Nebenbei bemerkt zeigt dieser Fall mal wieder, was für eine dämliche und nichtssagende Statistik Pitcher-Wins sind. Obwohl deGrom einen halben Run pro Spiel weniger zulässt als der nächstbeste Pitcher der NL, Max Scherzer (2.28 ERA), musste er Scherzer bereits den Start im All-Star-Game überlassen und auch im Voting für den Cy-Young-Award steht Scherzer derzeit deutlich vor deGrom. Wenn es dabei bleibt, wäre das eine schreiende Ungerechtigkeit.

Spiel der Woche
Natürlich hätte sich hier angeboten, noch mal den Sweep der Red Sox über die Yankees zu rekapitulieren und hier insbesondere das aufregende Comeback im letzten Spiel der Serie. Aber es gab diese Woche ein Minor-League-Spiel, über das ich unbedingt schreiben möchte: Der Class-A-Mannschaft der Yankees, den Tampa Tarpons, gelang ein No-Hitter gegen die Clearwater Threshers, ein Team der Phillies. Es war sogar fast ein Perfect Game, denn Tampas Starter Deivi Garcia erlaubte in dem gesamten Spiel, das über reguläre sieben Innings plus ein Extra-Inning ging, keinen einzigen Baserunner. Dennoch verloren die Tarpons das Spiel 0:1. Dass es dazu kommen konnte, ist der neuen Overtime-Regel geschuldet, die derzeit in den Minor Leagues getestet wird. Nach dieser Regel beginnt in den Extra-Innings jedes Team mit einem Runner auf der zweiten Base. Der automatische Runner von Clearwater im oberen achten Inning rückte durch einen Error weiter zur dritten Base und scorte kurz darauf während eines Groundouts. Das war der siegbringende Run – und ein verdammt gutes Argument, das Regelexperiment bitte, bitte nie auf die MLB auszuweiten.

Mein Einschalttipp
Seit Wochen wetteifern die beiden Überraschungsteams des Jahres, die Seattle Mariners und die Oakland Athletics, um den zweiten Wild-Card-Platz der AL. Zu einem direkten Aufeinandertreffen kam es, obwohl die Mariners und die A’s Divisionsrivalen sind, seit Mitte Mai nicht. Jetzt ist es endlich soweit, von Montag bis Mittwoch gibt es in Oakland drei Spiele gegen Seattle. Bei diesen Westküsten-Matchups sind die Zeiten meistens recht ungünstig für uns Europäer, es sei denn man ist extremer Frühaufsteher. Am Mittwoch immerhin findet das Spiel schon um 21:35 Uhr mitteleuropäischer Zeit statt, da werde ich dann wohl mal reinschauen. Die Starter dieser Partie sind voraussichtlich Mike Leake (4.16 ERA, 4.30 FIP) für die Mariners und Brian Anderson (4.64 ERA, 4.91 FIP) für die Athletics. Das ist nicht das hochkarätigste Pitching-Matchup, aber das muss ja für ein spannendes Spiel kein Hindernis sein. Leider weiß ich noch nicht, ob DAZN eines der Spiele überträgt, auf mlb.tv könnt ihr sie jedenfalls alle sehen.

August 9th, 2018 by