Grand Slam am Donnerstag 34/2017

Man sollte meinen, je stärker es auf das Ende der Saison zugeht, umso mehr Entscheidungen im Hinblick auf die Playoffs müssten absehbar sein. Das Gegenteil ist momentan richtig: Ein paar längst totgesagte Teams wie die Miami Marlins und die Texas Rangers sind auf einmal wieder voll im Rennen und während sich um die Wild Cards der American League schon lange mehr als die Hälfte der Liga balgt, ist inzwischen auch in der National League längst nicht mehr sicher, dass die Colorado Rockies und die Arizona Diamondbacks diese Playoff-Tickets unter sich ausmachen. In drei der sechs Divisionen geht es zudem noch einigermaßen eng zu, was den Divisionssieg angeht. Und bei den Los Angeles Dodgers beginnt man langsam davon zu träumen, nicht nur die beste Bilanz in diesem Jahr und am Ende womöglich die World Series einzufahren, sondern vielleicht auch mit den meisten Siegen abzuschließen, die je ein MLB-Team geschafft hat.

National League
Zum gefühlt hundertsten Mal in diesem Jahr muss ich an dieser Stelle schreiben, dass die Washington Nationals (75-49) in der National League East ungefährdet durchmarschieren. Zum gefühlt ersten Mal in diesem Jahr habe ich aber den Eindruck, dass vielleicht doch noch Hoffnung für ein anderes Team der Division besteht: Die Miami Marlins (62-63) haben sich Schritt für Schritt nach oben gearbeitet und nachdem sie Mitte Mai schon 13 Spiele hinter einer ausgeglichenen Bilanz zurückgewesen waren, standen sie gestern plötzlich bei .500. Letzte Nacht ließen sie sich zwar mit einem 0:8 gegen die Phillies ausbremsen, aber über die letzten Wochen hinweg gesehen ist es schon beeindruckend, was Stanton & Co. geleistet haben. Der Weg zur Wild Card erscheint immer noch unwahrscheinlich, aber nicht mehr undenkbar mit fünfeinhalb Spielen Rückstand auf die Rockies und mit den Brewers und den Cardinals dazwischen. Das Restprogramm der Marlins sieht jedenfalls günstig aus: Gegen die Brewers, die Diamondbacks und die Rockies kann man noch in direkten Duellen Boden gut machen, ansonsten warten außer den Nationals nur noch Gegner, die weit unter .500 stehen (Padres, Mets, Braves, Phillies).

Die NL Central bleibt die spannendste Division der MLB, auch wenn die Chicago Cubs (68-57) gerade mal wieder einen Zwischenspurt eingelegt und sich mit fünf Siegen in Folge ein wenig Luft verschafft haben vor den Milwaukee Brewers (66-62) und den St. Louis Cardinals (64-62). Für die Brewers, neben den Twins die größte positive Überraschung der bisherigen Saison, steht nun wohl so etwas wie eine Woche der Wahrheit an: Zuerst müssen sie zu den Dodgers, dann folgen zwei Spiele gegen ihren direkten Konkurrenten, die Cardinals, und anschließend eine Vier-Spiele-Serie gegen die Nationals. Das nenne ich mal ein hammerhartes Programm.

Die Los Angeles Dodgers (89-36) haben zwar gestern statt ihres 90. Sieges eine spektakuläre Niederlage eingefahren (siehe „Spiel der Woche“), sind damit aber immer noch auf Kurs für 115 Wins und könnten den Rekord von 116 ins Wanken bringen. Um den Gewinn der NL West müssen sich die Dodgers natürlich schon lange keine Sorgen mehr machen. Der Abstand zu den seit Wochen schwächelnden Arizona Diamondbacks (69-58) und Colorado Rockies (68-58) wächst beständig und die beiden richten ihren Blick längst nicht mehr nach oben sondern nach unten auf ihre Konkurrenten aus den anderen NL-Divisionen im Rennen um die Wild Cards. Apropos unten: Die San Francisco Giants (52-77) sind seit Samstag das erste und bislang einzige der Team der Liga, das auch theoretisch keine Chance mehr auf den Divisionssieg hat. Im Sprachgebrauch der Baseball-Analysten heißt das: Ihre Elimination Number ist auf 0 bzw. darunter gesunken.

American League
Mit einer Eliminiation Number von 33 und viereinhalb Spielen Rückstand haben die New York Yankees (68-57) in der American League East noch alle Möglichkeiten, doch die Boston Red Sox (73-53) sehen momentan nicht so aus als würden sie den ersten Platz dieses Jahr noch mal räumen. Sie machen einen sehr gefestigten Eindruck, haben diesen Monat schon Serien gegen die Indians, die White Sox, die Cardinals, die Rays und vor allem zwei gegen die Yankees gewonnen. Gegen die Baltimore Orioles (62-65) und die Toronto Blue Jays (60-66) stehen für die Red Sox jetzt vermeintlich lösbare Aufgaben an, während die Yankees gegen die Seattle Mariners und die Cleveland Indians antreten müssen. Anschließend wartet Ende nächster Woche schon wieder – und zum letzten Mal in dieser Saison – ein Duell der ewigen Rivalen mit vier Spielen in New York.

In ähnlicher Lage wie die Red Sox befinden sich die Cleveland Indians (69-56) in der AL Central, die sie ebenfalls mit viereinhalb Spielen Vorsprung anführen. Sie haben zwei ernsthafte Verfolger, die Minnesota Twins (65-61) und die Kansas City Royals (64-61). Die Royals sind mit drei Siegen am Stück und sieben aus den letzten zehn Spielen zurzeit am besten drauf und werden entsprechend auf die Gelegenheit brennen, sich in den anstehenden direkten Duellen zu beweisen: Ab morgen gibt es eine Drei-Spiele-Serie in Cleveland, in den kommenden zwei Wochen geht es insgesamt sieben Mal gegen die Twins. Danach dürften wir zumindest schlauer sein, wer von den beiden der ernstzunehmendere Aspirant auf die Playoffs – sei es über den Divisionssieg oder per Wild Card – ist.

Über etwas anderes als die Wild Cards muss man in der AL West nicht reden. Die Houston Astros (77-49) ziehen seit Saisonbeginn einsam ihre Kreise und müssen sich trotz durchwachsenen Verlaufs der letzten Wochen keine Sorgen machen – jedenfalls nicht um den Divisionssieg. Der spannende Teil der Division besteht aus den Los Angeles Angels (65-62), den Seattle Mariners (65-63) und den Texas Rangers (63-63), die alle ganz eng beisammen stehen und um die zweite Wild Card (die erste scheinen die Yankees relativ sicher zu haben) wetteifern. Momentan hätten sie allerdings alle drei das Nachsehen, denn die Twins aus der AL Central stehen ein halbes Spiel besser da als die Angels.

Szene der Woche
Inside-the-Park-Homeruns sind im Jugend- und Amateurbereich an der Tagesordnung, in der MLB kommt er sogenannte Little-League-Homerun eher selten vor und wenn doch, dann hängt er meist mit Glück und schlechtem Fielding zusammen. Nicht so der Homerun von Minnesotas Byron Buxton beim 10:3 der Twins über die Diamondbacks Freitagnacht: Dass Buxton nach dem Schlag ins Centerfield im vierten Inning komplett herum kam, lag schlichtweg an seinem unglaublichen Lauftempo. 13,85 Sekunden benötigte er von Home zu Home – der schnellste Homerun, der je gemessen wurde. Wenn man von der kürzestmöglichen Entfernung von 360 Fuß (109,73 Meter) Entfernung ausgeht, schaffte Buxton bei seinem Rekord 7,9 Meter pro Sekunde. In Wahrheit war er noch schneller, denn der optimale Weg um die Bases verläuft auf einer etwas gebogenen Bahn von vielleicht 125 Metern – dann kommen wir auf 9 Meter pro Sekunde. Zum Vergleich: Usain Bolt lief bei seinem 100-Meter-Weltrekord 10,4 Meter pro Sekunde – auf kerzengerader Strecke und ohne vorher einen Ball schlagen und den Schläger loswerden zu müssen.

Statistik der Woche 
30. So viele aktuell aktive MLB-Teams hat der legendäre Bartolo Colon in seiner Karriere geschlagen. Im Klartext: alle. Den letzten Haken auf der Liste konnte er am Sonntag nach dem 12:5-Erfolg seiner Twins gegen die Arizona Diamondbacks setzen. Zwanzigeinhalb Jahre hatte er seit seinem MLB-Debüt auf diesen Sieg warten müssen – naja, eigentlich nur neunzehneinhalb, denn die Diamondbacks wurden erst 1998 gegründet und sind somit ein Jahr kürzer in der Liga als Bartolo. Der treue Baseblogleser weiß, dass ich um die Statistik „Pitcher-Wins“ normalerweise einen großen Bogen mache, die Gründe dafür hatte ich hier mal näher ausgeführt. Aber für Bartolo Colon mache ich eine Ausnahme.

Spiel der Woche
Dass die Dodgers auf Kurs sind, durch ihre vielen Siege Geschichte zu schreiben, ist bekannt. Gestern Nacht aber haben sie zur Abwechslung mal Geschichte geschrieben mit einer Niederlage: Starter Rich Hill hatte einen großartigen Auftritt im Spiel bei den Pittsburgh Pirates, der fast das 24. Perfect Game der MLB-Historie geworden wäre. Stattdessen aber wurde es das erste Spiel der MLB-Historie, das seine Perfektheit durch einen Error im neunten Inning verlor. Third Baseman Logan Forsythe war der Schuldige, der Pittsburghs Jordy Mercer zum einzigen Baserunner der Pirates in der regulären Spielzeit machte. Hätten die Dodgers aus ihren eigenen acht Hits und vier Walks nur einen einzigen Run herausgeholt, hätte Hill sich zumindest über einen No-Hitter freuen können. So aber ging das Spiel ins zehnte Inning und Josh Harrison entschied es für die Pirates, indem er den ersten Hit seines Teams zum Walkoff-Homerun schlug. Auch das war historisch: Es war das erste Mal überhaupt, dass ein No-Hitter durch einen Walkoff-Homerun verloren wurde.

Spiel der kommenden Woche
Endlich mal wieder Baseball live im deutschen Free-TV und dann auch noch zur besten Sendezeit: Sport1 zeigt am kommenden Mittwoch von 20 Uhr bis 22:30 Uhr das Spiel der New York Yankees gegen die Cleveland Indians. Ich bin gespannnt darauf, sowohl auf die Übertragung als auch auf das Spiel an sich. Beide Teams sind bekanntlich gut dabei im Playoffrennen und könnten sich durchaus nach der regulären Saison noch mal auf dem Platz wiedersehen. Das Pitcherduell ist eine knappe Woche vorher noch nicht sicher, aber nach derzeitigem Stand sieht es so aus, dass zwei Linkshänder ihre Kräfte messen: der sehr erfahrene CC Sabathia (3.99 ERA, 4.45 FIP) für die Yankees und der sehr junge Ryan Merrit (3.12 ERA, 2.79 FIP) für die Indians. Schade finde ich, dass Sport1 offenbar erneut erst ins laufende Spiel einsteigen will, das eigentlich schon um 19:05 Uhr mitteleuropäischer Zeit beginnt.

August 24th, 2017 by