Grand Slam am Donnerstag 35/2020

2020 wird natürlich als das Corona-Jahr in die Geschichte eingehen. Vielleicht wird es darüber hinaus im Rückblick aber auch das Jahr sein, in dem über ein anderes großes Problem in den USA in weiten Teilen der Gesellschaft nicht mehr geschwiegen wurde. Letzte Nacht fielen drei Spiele in der MLB aus – nicht wegen der Pandemie, nicht wegen des Wetters, sondern weil die Spieler entschieden, ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt zu setzen. Sie schlossen sich damit einer Bewegung an, die die Basketballer der Milwaukee Bucks gestartet hatten, als sie gestern Spiel 5 ihrer NBA-Playoffserie absagten. Milwaukee ist nur 50 Kilometer entfernt von Kenosha – dem Ort, an dem Polizisten vor wenigen Tagen Jacob Blake durch sieben Schüsse in den Rücken schwer verletzten und an dem bei den folgenden Protesten zwei Menschen durch ein 17-jähriges Mitglied einer rassistischen Bürgermiliz getötet wurden. Auf einem Team-Meeting beschlossen die Milwaukee Brewers, zum Spiel gegen die Cincinnati Reds nicht anzutreten. Die Reds zogen sofort nach, auch damit die Brewers für ihre couragierte Aktion nicht mit einer automatischen Niederlage bestraft werden können. Im Anschluss entschieden auch die Dodgers und die Giants sowie die Mariners und die Padres, ihre Spiele nicht auszutragen. Viele Spieler der restlichen Teams drückten ihre Solidarität durch das Tragen von „Black Lives Matter“-Shirts aus oder indem sie während der Nationalhymne auf die Knie gingen. So sehr ich sonst versuche, Politik aus diesem Blog herauszuhalten: An dieser Stelle muss ich einfach mal sagen, wie richtig und wichtig ich diese Aktionen finde. Manche Themen sind größer als Sport. Rassismus ist ein solches Thema, und niemand sollte dazu schweigen.

Ich weiß offen gestanden nicht, wie ich nun einen angemessenen Übergang zur Zusammenfassung des sportlichen Geschehens in der MLB finde – ich fürchte, es gibt keinen. Unter „normalen“ Umständen hätte ich den Artikel damit eingeleitet, dass wir bei der Halbzeit der Saison angelangt sind. Die meisten Teams haben knapp über oder knapp unter der Hälfte der 60 Spiele absolviert, wenngleich einige noch Nachholbedarf wegen Corona-Ausfällen haben. Zuletzt pausierten von Donnerstag bis Montag die New York Mets nach zwei positiven Tests, denen glücklicherweise keine weiteren folgten. Der wichtigste Termin der kommenden Tage ist Montag, der 31. August: An diesem Tag ist Trade-Deadline, also die letzte Chance, vor der Endphase der Saison noch Spieler zwischen den Teams zu handeln. 

National League
In der Tabelle der NL East geht es nach wie vor recht eng zu. Die Atlanta Braves (18-12) führen zwar deutlich, was die Zahl der Siege angeht, aber sie sind das einzige Team der Division, das schon 30 Spiele absolviert hat. Die Miami Marlins (14-12), die Philadelphia Phillies (12-14) und die New York Mets (13-16) sind alle noch so nah dran, dass das Rennen um die zwei Playoffplätze zwischen diesen vier Teams viel Spannung verspricht. Die Washington Nationals (11-17) haben nach drei Niederlagen in Folge etwas den Anschluss verloren und müssen zudem den Ausfall ihres wertvollsten Spielers verkraften: World-Series-MVP Stephen Strasburg musste sich zur Behandlung eines Karpaltunnelsyndroms operieren lassen und wird dieses Jahr nicht mehr pitchen.
Bei den Mets steht am Montag neben der Trade-Deadline noch ein anderer Tag der Entscheidung an: Bis zu diesem Tag werden die aktuellen Teambesitzer, Fred und Jeff Wilpon, noch Angebote für den Verkauf der Franchise entgegen nehmen. Als Favorit gilt nach wie vor der Milliardär Steve Cohen. Allerdings haben die Wilpons sich beim vorläufigen Scheitern eines Deals vor einigen Monaten mit ihm wohl persönlich überworfen und würden daher im Zweifelsfall lieber an jemand anderen verkaufen. Die Frage ist, ob es ein anderes Angebot gibt, das mit Cohen finanziell halbwegs mithalten kann. Die prominente Bietergruppe um den ehemaligen Yankees-Star Alex Rodriguez und seine Frau Jennifer Lopez dürfte damit ihre Schwierigkeiten haben.

Die Chicago Cubs (18-12) führen die NL Central an, aber zurzeit scheint ihnen die Luft auszugehen: Nach einem traumhaften Start in die Saison haben sie in den letzten zwei Wochen vier Serien hintereinander verloren, darunter die gegen ihre wichtigsten Konkurrenten St. Louis Cardinals (11-9) und Milwaukee Brewers (13-15) sowie das Stadtderby gegen die White Sox. Den Cubs dürfte es gerade recht kommen, dass auf sie nun die beiden schwächeren Teams der Division, die Cincinnati Reds (11-17) und die Pittsburgh Pirates (7-19), warten. Bevor sie Freitagnacht ihr nächstes Spiel haben, können die Cubs allerdings bereits ihren Spitzenplatz verlieren: Die Cardinals tragen heute Abend zwei Nachholspiele als Doubleheader gegen die Pirates aus. Sollten sie beide gewinnen, rücken sie gemäß ihrer Winning Percentage auf Platz eins.

Die NL West macht dieses Jahr Spaß, weil sie Woche für Woche immer wieder tüchtig durcheinander gewirbelt wird. Das betrifft nicht Platz eins, welchen die Los Angeles Dodgers (22-9) mit ihrem Überteam längst fest gebucht haben. Doch angesichts der erweiterten Playoffs ist diese Saison der zweite Platz genauso interessant wie der erste. Erster Anwärter darauf sind derzeit die San Diego Padres (18-13), die sich letzte Woche in einen regelrechten Rausch gespielt haben mit sieben Siegen in Folge, bevor sie gegen die Mariners mal wieder eine Partie abgeben mussten. Die Colorado Rockies (16-15) haben ihr Zwischentief überwunden und stehen nach einem Sweep über die Arizona Diamondbacks (13-19) wieder auf einer positiven Bilanz. Die Überraschung der Woche sind die San Francisco Giants (15-16). Das vor kurzem noch hoffnungslos abgeschlagene Team hat gegen die Angels, die Diamondbacks und die Dodgers acht Siege in Folge eingefahren – fast alle davon deutlich – und ist plötzlich wieder mitten im Rennen.

American League
In der AL East standen die Tampa Bay Rays (21-11) vor einer Woche kurz davor, die New York Yankees (16-11) an der Spitze abzulösen. Inzwischen sind sie einen Schritt weiter, indem sie zuerst einen 3-Spiele-Sweep gegen die Yankees komplettierten und anschließend deren Spielausfälle nutzten, um sich weiter abzusetzen. Die Yankees kamen auch nach der Spielpause nicht in Tritt und verloren beide Spiele eines Doubleheaders gegen die Braves. Obendrein verspürte Aaron Judge bei seinem Comebackversuch erneut Schmerzen in der Wade und wird wohl wieder ausfallen. Verletzungspech haben aber auch die Rays: Yonny Chirinos musste sich einer Tommy-John-Surgery unterziehen, er fällt bis ins nächste Jahr hinein aus. Mit ihm haben die Rays bereits sieben Pitcher auf der Injury List stehen.
Zwischen den Rays und den Yankees wird es vermutlich dieses Jahr nur darum gehen, wer auf Platz eins und wer auf Platz zwei in die Playoffs einzieht. Dahinter mühen sich die Toronto Blue Jays (15-14) redlich um eine mögliche Wild Card. Ihr Programm der nächsten eineinhalb Wochen sieht sehr lösbar aus: Es geht fünfmal gegen die Boston Red Sox (10-21), viermal gegen die Baltimore Orioles (14-16) und zweimal gegen die Marlins.

Die AL Central ist in gewisser Weise sowohl die spannendste als auch die langweiligste Division der MLB: Spannend ist sie in der Hinsicht, dass die Minnesota Twins (20-12), die Cleveland Indians (19-12) und die Chicago White Sox (19-12) nahezu gleichauf vorne stehen und sich den Rest der Saison um die Plätze balgen werden. Langweilig ist sie, weil es absehbar erscheint, dass alle drei Teams letztlich in die Playoffs kommen werden, und weil die anderen beiden Mitglieder der Division – die Detroit Tigers (13-16) und die Kansas City Royals (12-19) – die Saison frühzeitig abschreiben können.
Die aufregendste Geschichte ist sicher die um die White Sox – das junge Team gilt seit zwei Jahren als Geheimtipp für eine Breakout-Season, und jetzt ist es möglicherweise soweit. Von den letzten zehn Spielen haben sie neun gewonnen, darunter ein erfolgreiches Derby gegen die Cubs und ein No-Hitter gegen die Pirates (siehe „Spiel der Woche“). Gegen die Indians und die Twins sahen sie dieses Jahr allerdings bisher noch nicht gut aus (3 Siege, 6 Niederlagen). Ich bin daher sehr gespannt auf die Serie zwischen den Twins und den White Sox Anfang nächster Woche.

Die Kluft in der AL West ist ähnlich deutlich wie die in der Central: Hier verläuft sie zwischen den ersten beiden Plätzen und den dreien dahinter. Die Oakland Athletics (22-10) spielen eine überragende Saison, die Houston Astros (17-14) eine immerhin so solide, dass ihnen das Playoffticket so gut wie sicher ist. Die Seattle Mariners (12-19), die Texas Rangers (11-19) und die Los Angeles Angels (10-22) hingegen müssten schon einen extremen Turnaround hinlegen, um noch mal in Reichweite der Postseason zu kommen. Am kommenden Wochenende steht in Houston ein Gipfeltreffen an. Für drei Spiele kommen die Athletics in den Minute Maid Park, um möglicherweise eine Vorentscheidung im Kampf um den Divisionssieg herbeizuführen.

Szene der Woche
Als Metsfan tut es mir in der Seele weh, diese Szene zu verbreiten, aber vor der Chuzpe und dem Geschick von Jon Berti, nach seinem Walk im sechsten Inning die zweite, die dritte und schließlich im Vierfüßlergang die Homeplate zu stehen, muss ich einfach den Hut ziehen:

Statistik der Woche 
4. In so vielen Spielen hintereinander schlugen die San Diego Padres letzte Woche einen Grand Slam. Das ist MLB-Rekord. Hier noch mal alle vier Slams in einem Video:

 

Spiel der Woche
Die Saison 2020 hat ihren ersten No-Hitter! Lucas Giolito gelang das Meisterstück am Dienstag beim 4:0-Sieg seiner Chicago White Sox gegen die Pittsburgh Pirates. Er brauchte nur 101 Pitches, um 27 Batter zu retiren, 13 davon per Strikeout. Den einzigen Fleck auf seine weiße Weste (oder Socke?) brachte ein Walk, den er gegen Leadoff-Hitter Erik Gonzalez im vierten Inning zuließ. Nachdem Gonzalez damit bereits ein Perfect Game verhindert hatte, wurde er bei zwei Outs im neunten Inning fast noch einmal zum Spielverderber. Doch Chicagos Rightfielder Adam Engel bekam Gonzalez‘ harten Linedrive unter Kontrolle und rette damit seinem Freund und Teamkameraden Giolito den besonderen Erfolg.

Mein Einschalttipp
Es wird die längste Subway Series seit der World Series 2000: Am Wochenende treffen die New York Yankees und die New York Mets fünfmal aufeinander. Für beide Teams geht es nicht nur um die „Bragging Rights“ in der Stadt, sondern auch um Rehabilitierung nach zuletzt unbefriedigenden Ergebnissen: Die Yankees brauchen die Siege, damit ihnen in der AL East die Rays nicht davonziehen; die Mets brauchen sie, um ihre Chancen auf eine Playoffteilnahme zu wahren. Ich werde mir so viel wie möglich anschauen von den beiden Doubleheadern am Freitag (ab 22:05 Uhr) und am Sonntag (ab 19:05 Uhr) sowie dem Einzelspiel am Samstag (19:05 Uhr). Letzteres wird übrigens auch von DAZN gestreamt. Ob es im Laufe der Serie zu einem Duell der beiden Mega-Asse Gerrit Cole und Jacob deGrom kommt, steht noch nicht fest – die Chance dazu bestünde in einem der Sonntagsspiele.

August 27th, 2020 by