Grand Slam am Donnerstag 36/2020

Der Baseball hat einen seiner Größten verloren: Tom Seaver ist am Montag im Alter von 75 Jahren gestorben. Der Pitcher war von 1967 bis 1986 in der MLB aktiv und wurde 1992 in die Hall of Fame gewählt. Seinen größten Erfolg feierte er 1969, als er mit den „Miracle Mets“ die World Series gewann. Ironischerweise feierte er seinen Abschied ebenfalls bei einem World-Series-Sieg der Mets, wenngleich er 1986 beim Gegner, den Red Sox, spielte und wegen einer Verletzung in der Finalserie nicht zum Einsatz kam. Seaver hatte sich ab 2012 zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, da er an Demenz litt. Er starb an dieser Krankheit, verbunden mit einer Covid-19-Infektion.

Covid-19 beeinträchtigt auch weiterhin immer wieder die laufende MLB-Saison. Die Oakland Athletics haben sich letzten Sonntag in die Liste der Teams mit corona-bedingten Spielausfällen eingereiht und seitdem vier Partien abgesagt. Nach aktuellem Stand soll es am Freitag für sie weitergehen. Die Infektion eines Angestellten, die zu den Maßnahmen geführt hatte, zog bislang glücklicherweise keine weiteren Kreise.

American League
Dreieinhalb Wochen vor dem Ende der Saison werfe ich wie gewohnt einen Blick auf die Tabellenstände, welche zumindest in der American League schon ein ziemlich klares Bild im Hinblick auf die Playoffs vermitteln.

Die Spitze der AL East bleibt fest in der Hand der Tampa Bay Rays (26-12). Gerade haben die Rays die letzte direkte Serie dieses Jahres gegen die New York Yankees (20-15) mit 2:1 entschieden, insgesamt haben sie acht von zehn Spielen gegen die Yankees gewonnen. Letztere können froh sein, dass sie am letzten Wochenende drei von fünf allesamt äußerst knappen Derbys gegen die Mets gewonnen haben, denn nur dadurch halten sie sich noch knapp vor den Toronto Blue Jays (19-16) auf Platz zwei. Interessanterweise haben die Blue Jays und die Yankees sich dieses Jahr noch gar nicht auf dem Platz gesehen. Das ändert sich ab nächsten Dienstag: Dann bleiben nur noch 20 Saisonspiele übrig und die Hälfte davon besteht aus direkten Duellen der Blue Jays gegen die Yankees. Ein bisschen Entwarnung muss aber auch sein: Wer von den beiden das Rennen um den zweiten Platz verliert, wird höchstwahrscheinlich trotzdem als Wild-Card-Team in die Postseason einziehen. Weder die Baltimore Orioles (16-20) noch die Boston Red Sox (12-25) noch die Konkurrenz aus den anderen Divisionen machen den Eindruck, diesen Playoffplatz gefährden zu können.

Auch in der AL Central ist die Frage nicht wirklich, wer in die Playoffs kommt, sondern allein in welcher Reihenfolge es die Cleveland Indians (23-14), die Chicago White Sox (22-15) und die Minnesota Twins (22-16) tun werden. Die Führung hat in den letzten Tagen mehrmals zwischen den drei Teams gewechselt und sie treffen alle noch ein paarmal aufeinander. Letzte Woche sah es zeitweise danach aus, dass die Twins sich aus dem Rennen verabschieden, als sie sechs Spiele hintereinander verloren, die Hälfte davon gegen die direkten Konkurrenten. Doch mit zwei Siegen gegen die White Sox gestern und vorgestern haben sie sich zurückgemeldet. Nun müssen sie allerdings fünfmal hintereinander gegen die Detroit Tigers (17-17) antreten, die mit ihrer .500-Bilanz zu den positiven Überraschungen des Jahres gehören.  

Die eingangs erwähnten Spielausfälle bei den Oakland Athletics (22-12) führten dazu, dass sich in der AL West diese Woche nicht viel getan hat. In Bezug auf den Gruppensieg wird es in der kommenden Woche richtig interessant, wenn die A’s von Montag bis Donnerstag fünfmal auf die Houston Astros (20-15) treffen. Hinsichtlich der Playoffs ist aber auch in dieser Division die Messe gelesen. Denn die Athletics und die Astros sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Boot, während es für die Seattle Mariners (15-22), die Texas Rangers (13-22) und die Los Angeles Angels (12-25) mehr als nur ein kleines Wunder bräuchte, um sich für Oktober-Baseball zu qualifizieren.

National League
In der National League geht es deutlich spannender zu als in der American League. Das Rennen um beide Wild Cards sowie das um zwei zweite Plätze sind noch weit offen.

In der NL East stehen die Atlanta Braves (22-14) nicht nur vorne, machen nicht nur den gefestigsten Eindruck innerhalb der Division, sondern sie haben auch das mit Abstand einfachste Restprogramm. Wenn sie die anstehende Pflichtaufgabe gegen die abgeschlagenen Washington Nationals (12-22) ähnlich souverän lösen wie die letzte gegen die Red Sox, dann sind die Braves quasi durch. Dahinter wird es interessant. Die Philadelphia Phillies (17-15) haben sich mit acht Siegen aus den letzten neun Spielen vom Fehlstarter zum Favoriten für den zweiten Playoffplatz der Division gemausert. Am Wochenende müssen sie sich in vier Spielen der New York Mets (16-21) erwehren, die in dieser Serie vermutlich die letzte Chance sehen, ihre Saison noch zu retten. Zwischen den Phillies und den Mets stehen die Miami Marlins (16-16). Denen hatte vor der Saison wirklich niemand etwas zugetraut und erst recht nicht, nachdem sie kurz nach dem Start zehn Tage pausieren mussten, weil sich das halbe Team mit Corona infiziert hatte. Nun stehen sie mit ausgeglichener Bilanz auf einem Wild-Card-Platz. Ob sie den noch haben, nachdem sie in den nächsten eineinhalb Wochen dreimal gegen Tampa Bay, dreimal gegen Atlanta und siebenmal gegen Philadelphia ran müssen? Unterschätzen wird man die Marlins jedenfalls nicht mehr.

Die NL Central haben sich schon früh in der Saison die Chicago Cubs (22-14) gesichert, indem sie mit 13 Siegen aus den ersten 16 Spielen starteten. Seitdem spielen sie zwar nur noch einen knappen .500er-Ball, aber in der eher schwachen Division reicht das, um die Konkurrenz auf Distanz zu halten. Theoretisch können die St. Louis Cardinals (14-14) mit ihren vielen coronabedingten Nachholspielen den Cubs noch gefährlich werden – der Praxistest steht unmittelbar bevor, denn die Cardinals und die Cubs bestreiten von Freitag bis Montag fünf Spiele gegeneinander. Lachender Dritter dieses Duells könnten die Milwaukee Brewers (17-19) werden, die sich noch berechtigte Hoffnung auf Platz zwei oder eine Wild Card machen. Um diese Hoffnung zu nähren, müssen sie allerdings die schwere Serie bei den Indians erfolgreich bestreiten. Auch die Cincinnati Reds (16-21) rechnen sich noch Chancen auf die Wild Card aus; die anstehende Aufgabe gegen die Pittsburgh Pirates (10-24) erscheint jedenfalls lösbar.

Bei der Beschäftigung mit der NL West fällt mir gerade auf, dass ich in letzter Zeit kaum etwas über die Los Angeles Dodgers (28-10) geschrieben habe. Woran liegt das, sind sie etwa nicht der Rede wert? Natürlich sind sie das. Aber sie cruisen so unheimlich souverän und überlegen durch die Saison, dass sie quasi keine Fragen offen lassen. Sie scoren so viele Runs und lassen gleichzeitig so wenige gegnerische Runs zu wie kaum ein anderes Team. Sie verlieren nie eine Serie und nie mehr als zwei Spiele am Stück. Sie sind zur Trade-Deadline untätig geblieben und niemanden hat es gewundert, weil das Team komplett ist und keine Lücken oder Schwachstellen aufweist. Die Dodgers bieten einerseits keine Angriffspunkte, es ist andererseits aber auch schwer, über sie ins Schwärmen zu geraten, denn wie schon vor der Saison klar war: Für dieses Team gibt es dieses Jahr nur ein Ziel und nur daran wird es sich messen lassen.
Hinter den Dodgers hat sich mit den San Diego Padres (23-15) inzwischen ein zweites Team fest in der Spitze etabliert und wird sich von dort nicht mehr vertreiben lassen, erst recht nicht nach den umfangreichen Nachrüstungen zur Trade-Deadline. Spannend wird es auf den weiteren Plätzen. Die Colorado Rockies (18-19) und die San Francisco Giants (18-20) sind beide in der Verlosung eines Wild-Card-Platzes. Allerdings ist mein Eindruck, dass die beiden in unterschiedliche Richtungen unterwegs sind: Die Rockies waren in den ersten zwei, drei Wochen der Saison richtig stark, haben aber seitdem spürbar abgebaut. Nun müssen sie hintereinander je dreimal gegen die Dodgers und die Padres ran, was durchaus das Ende der Playoff-Träume bedeuten könnte. Die Giants hingegen starteten so schwach in die Saison, wie es von ihnen erwartet wurde, arbeiteten sich dann aber Stück für Stück nach vorne. Diese Woche geht es gegen die abgeschlagenen Arizona Diamondbacks (14-23) und die Mariners.

Szene der Woche
Hier gibt es diese Woche mal kein Highlight-Play, bei dem dem unbedarften Beobachter sofort die Kinnlade runterklappt, sondern einen eher nerdigen Fakt: Seit der lückenlosen Aufzeichnung von Spielzügen, also seit mindestens 1961, hatte es in der MLB noch nie ein 3-2-8-Double-Play gegeben – bis zum Auftritt der St. Louis Cardinals am letzten Freitag. 3-2-8 bezeichnet die Positionen der beteiligten Spieler, in dem Fall einen Spielzug vom First Baseman zum Catcher und von dort zum Centerfielder. Schwer vorzustellen, wie das geht? Hier ist die Auflösung:

Da ich keine Kategorie für die beste Schlagzeile der Woche habe, gibt es hier noch einen Bonus. Am Dienstag gelang Rangers-Shortstop Elvis Andrus von den Texas Rangers der folgende Homerun gegen Astros-Reliever Ryan Pressly. Matt Kelly von mlb.com kommentierte dies mit der Überschrift: „Heartbreak Hotel – Elvis homers off Pressly“. Hut ab.

Statistik der Woche 
62. Das ist der aktuelle ERA– der Cleveland Indians. Zur Erklärung: ERA steht für Earned Run Average und ist die bekannteste Statistik für Pitcher. Das Minus hinter der Abkürzung zeigt an, dass die Zahl unter Berücksichtigung des historischen Umfelds, Ballparkfaktoren und anderen Einflüssen derart normiert wurde, dass eine durchschnittliche Leistung den Wert 100 trägt und dass eine Leistung umso besser ist, je weiter sich der Wert nach unten von 100 entfernt.  Auf diese Weise kann man die Leistungen über Zeiten und Orte hinweg vergleichen. Das Bemerkenswerte an dem ERA– von 62 der Indians ist, dass dies bislang die dominanteste Pitching-Saison ist, die im modernen Baseball (d. h. seit 1900) je gemessen wurde. Das zweite Team in der ewigen Rangliste sind übrigens die Los Angeles Dodgers, ebenfalls im laufenden Jahr. Es ist klar, dass man die Statistiken dieser außergewöhnlichen Saison im Vergleich mit normalen Jahren eher vorsichtig betrachten sollte. Ich hätte allerdings eher mit Ausreißern in die andere Richtung gerechnet, nachdem zu Beginn der Saison vielfach gemutmaßt wurde, die verkürzte Vorbereitung stelle einen Nachteil für die Pitcher dar.

Spiel der Woche
Allzu spannend war es nicht, das Duell der Colorado Rockies und der San Francisco Giants Dienstagnacht. Aber es war auf seine Art ein denkwürdiges Spiel und wenn man nicht gerade glühender Anhänger der Rockies ist, sollte man es sich mal anschauen. Unter den vielen bemerkenswerten Fakten und Statistiken, die die Partie hervorbrachte, fand ich persönlich am verblüffendsten, dass die Giants in jedem Inning Runs scorten – außer im letzten, in dem der Ersatz-Catcher der Rockies pitchte.

Mein Einschalttipp
Der Divisionssieg in der NL Central kann an diesem Wochenende praktisch entschieden werden: Fünfmal treffen die Cubs auf die Cardinals, ihren einzigen vielleicht noch ernstzunehmenden Verfolger. In diese Serie sollte man mal reinschauen. Leider überträgt DAZN keines der Spiele, es sei denn MLB Network wählt die Partie am Samstagabend aus. Ansonsten bleibt nur mlb.tv, zum Beispiel am Samstag ab 23:15 Uhr oder am Montag ab 22 Uhr, um die beiden Spiele zu erwähnen, die nach unserer Zeit nicht mitten in der Nacht laufen.

September 3rd, 2020 by