Grand Slam am Donnerstag 37/2020

Zum zweiten Mal hintereinander muss ich meine wöchentliche Zusammenfassung zur MLB mit einer Trauermeldung beginnen: Wenige Tage nach Tom Seaver ist mit Lou Brock ein weiterer Star der 60er- und 70er-Jahre gestorben. Brock begann seine Karriere bei den Chicago Cubs, aber die längste Zeit verbrachte er bei den St. Louis Cardinals, mit denen er 1964 und 1967 die World Series gewann. Am bekanntesten war der Leftfielder für sein exzellentes Baserunning. Mit 938 gestohlenen Bases hielt er bis 1991 den MLB-Rekord und steht in dieser Kategorie immer noch auf Platz zwei hinter Rickey Henderson. Brock starb nach mehreren schweren Krankheiten letzten Sonntag im Alter von 81 Jahren.

Sportlich war es eine gute Woche für die MLB, denn es war die erste in diesem Jahr ohne Spielausfälle. Da die reguläre Saison schon in zweieinhalb Wochen endet, konzentriere ich mich im heutigen Überblick stark auf das Ringen um die Playoffplätze.

National League
Die National League ist im Hinblick auf das Playoff-Rennen nach wie vor die deutlich interessantere Teilliga der MLB. Der Blick auf die Tabelle zeigt, dass erst fünf von acht Plätzen so gut wie sicher vergeben sind.

In der NL East machen die Atlanta Braves (25-18) und die Philadelphia Phillies (21-18) die Ränge 1 und 2 unter sich aus, beide werden wir auf jeden Fall in der Postseason sehen. Ob sie dort sehr lange durchhalten, darf man bezweifeln, denn beide Teams haben große Probleme beim Pitching – die Braves haben den schlechtesten Starter-ERA der NL (5.92), die Phillies den schlechtesten Bullpen-ERA der MLB (7.24). Um die Divisionsgegner auf Distanz zu halten, hat es bisher gereicht, aber spätestens gegen die Top-Teams der NL West, die Los Angeles Dodgers (32-12) und die San Diego Padres (28-17), wird es wohl anders aussehen. Neben den vier Genannten sind auch die Chicago Cubs (25-19) aus der NL Central faktisch durch. Für den zweiten Platz in dieser Division sitzen trotz knapp negativer Bilanz die St. Louis Cardinals (18-17) in der besten Positon. Zweifelhaft ist allerdings, ob und wie die Cardinals es wegstecken werden, in den verbleibenden 18 Tagen noch 23 Spiele zu absolvieren. Selbst nach diesen 23 werden sie übrigens nur auf 58 absolvierte Patien kommen. Auf zwei Spiele gegen die Detroit Tigers, die in der langen Corona-Pause der Cardinals ausfielen, wird die Liga verzichten, sofern ihnen in der Endabrechnung keine entscheidende Bedeutung zukommt. Der Hauptkonkurrent der Cardinals um den zweiten Platz sind die Milwaukee Brewers (19-22). Die Brewers haben bislang alle Erwartungen enttäuscht und auch zur Trade-Deadline nicht gegengesteuert. Dennoch haben sie noch alle Chancen auf einen Turnaround, da noch zehn Spiele gegen die Cardinals anstehen.

Neben dem zweiten Platz in der Central sind noch zwei Wild Cards zu vergeben. Die San Francisco Giants (23-21) spielen eine fantastische zweite Saisonhälfte, zuletzt mit fünf Siegen hintereinander und acht aus den letzten zehn Spielen. Ihr Restprogramm mit siebenmal den Padres und dreimal den Athletics ist hart, aber die Giants gehen als klarer Favorit in den Wild-Card-Endspurt. Die zweite Wild Card hätten zurzeit die Miami Marlins (19-19); die haben aber noch fast so viele Nachholspiele wie die Cardinals zu absolvieren, darunter sieben gegen die Phillies innerhalb der nächsten fünf Tage. Vermutlich wird das Rennen um den letzten Playoffplatz zwischen den Marlins sowie entweder den Cardinals oder den Brewers – je nachdem, wer von ihnen nicht Zweiter in der Central wird – stattfinden. Ein Comeback der Cincinnati Reds (19-24), der New York Mets (20-24) oder der Colorado Rockies (20-23) ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. 

American League
In der American League ist in Bezug auf die Playoffs fast alles entschieden. Die AL East werden die Tampa Bay Rays (28-15) sich nicht mehr nehmen lassen, und auch die Toronto Blue Jays (24-19) und die New York Yankees (22-21) werden so gut wie sicher in die Postseason einziehen. Dass das den Yankees wohl nur über die Wild Card gelingen wird und dass sie im Playoff-Bild der AL der einzige Wackelkandidat sind, ist eine faustdicke Überraschung dieser Saison. Seit dem 19. August lautet die Bilanz der Yankees 6-15, die wichtigen Serien gegen Toronto und Tampa Bay wurden allesamt verloren. Gegen die Baltimore Orioles (20-22) gilt es nun, zu retten, was zu retten ist (siehe „Einschalttipp“). 

In der AL Central ist zwar noch völlig offen, in welcher Reihenfolge die Chicago White Sox (27-16), die Cleveland Indians (26-17) und die Minnesota Twins (27-18) durch die Ziellinie laufen, aber für alle drei ist der Playoff-Platz sicher und es geht nur noch um die Setzliste. Auch in der AL West ist das Wesentliche klar: Die Oakland Athletics (26-15) gewinnen die Division, die Houston Astros (22-22) ziehen als Zweiter in die Postseason ein. Die Astros sind neben den Yankees der zweite Favorit, dem das erweiterte Playoff-Format dieser Saison zugute kommt. Unter normalen Umständen wären wohl beide auf der Strecke geblieben.

Szene der Woche
Meine Szene der Woche dauerte rund 10 Minuten, aber ich erspare euch die Originallänge und poste stattdessen eine gut einminütige Zusammenfassung. Sage und schreibe 19 Pitches lang kämpften Reliever Caleb Thielbar von den Twins und Cardinals-Catcher Matt Wieters am Dienstag um den Ausgang eines At-Bats bei zwei Outs und geladenen Bases. Mit insgesamt 14 Foul Balls hielt Wieters das At Bat am Leben, Thielbar warf zehn 3-2-Pitches hintereinander in die Strikezone und entging so dem automatischen Run, den ein Walk bei vollen Bases bedeutet hätte. Schließlich gewann Thielbar das zermürbende Duell, als Wieters in ein Flyout schlug. Es war das drittlängste At Bat seit der 1988 begonnenen exakten Aufzeichnung der Pitches.

Statistik der Woche 
300. So viele Homeruns hat Mike Trout in seiner Karriere schon geschlagen. Nummer 300 erzielte er am Samstag als Beitrag zu einem 10:9-Sieg seiner Los Angeles Angels gegen die Houston Astros. Der 29-Jährige ist damit das 151. Mitglied im 300-Homeruns-Club und erst das 16., dass diese Marke mit unter 30 Jahren erreichte. Zudem hat er es schneller als jeder andere Spieler der Geschichte auf die Kombination von 300 Homeruns und 200 Stolen Bases gebracht. Der bisherige Rekordhalter Willie Mays benötigte dafür 1.295 Spiele, Trout schaffte es in 1.235. Gleichzeitig wurde Trout mit dem 300. Homerun zum alleinigen Franchise-Rekordhalter der Angels, indem er die 299 Karriere-Homeruns von Tim Salmon übertrumpfte. (Ich frage mich gerade, ob man zwingend wie ein Fisch heißen muss, um viele Homeruns für die Angels zu erzielen. Aber das nur am Rande.)

Spiel der Woche
Zum zweiten Mal in Folge präsentiere ich an dieser Stelle einen veritablen Blowout. Die 29 Runs, die die Atlanta Braves gestern Abend gegen die Marlins erzielten, waren die meisten in einem Spiel der National League seit 1897. Ein anderer witziger Fakt zum Spiel: Es war das erste 29:9 in der Geschichte der MLB. Das letzte noch nie dagewesene Ergebnis hatte es vor 21 Jahren gegeben, als die Reds die Rockies 24:12 schlugen. Jeder Spieler aus der Startformation der Braves brachte es gestern auf mindestens einen Hit und mindestens einen Run. Den größten Anteil hatte Adam Duvall mit drei Homeruns und 9 RBI.

Mein Einschalttipp
Wer hätte gedacht, dass es im September ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Yankees und den Orioles um einen Playoffplatz geben würde? Ich jedenfalls nicht, aber genau so kann es in den nächsten Tagen kommen. Ab heute treffen die größte Überraschung und die größte Enttäuschung der AL in einer Vier-Spiele-Serie aufeinander. DAZN ist leider nicht am Ball, aber die Partie am Samstag läuft ab 19:05 Uhr mitteleuropäischer Zeit als Free Game of the Day bei mlb.tv, sodass ihr auch ohne Abo reinschauen könnt.

Hier noch ein Bonus-TV-Tipp für Leser aus Österreich: Am Sonntag läuft auf Puls 4 ab 13:20 Uhr 42, die hervorragende Verfilmung der Geschichte von Jackie Robinson. Das Programm bietet auch einen Livestream an; um diesen aus Deutschland oder anderen Ländern abzuspielen, benötigt man die Hilfes eines VPN-Tools. 

September 10th, 2020 by