Grand Slam am Donnerstag – KW 24/2016

Ich blicke zurück auf die Woche, in der Max Kepler seinen ersten Homerun in der MLB geschlagen hat, in der Freddie Freeman der erste Cycle des Jahres gelungen ist und in der Ichiro Suzuki für einen Rekord gefeiert wird, den es offiziell nicht gibt. Noch sind wir ein gutes Stück entfernt von der Halbzeit der Saison, aber in der Mehrzahl der Divisionen hat man bereits den Eindruck, dass sich die Spreu vom Weizen trennt.

American League

Die American League bleibt der spannendere der beiden MLB-Teile, denn in zwei von drei Divisionen ist die Tabellenspitze ganz eng beisammen.

In der AL East wechselt die Führung zwischen den Baltimore Orioles (37-27) und den Boston Red Sox (37-27) hin und her, momentan sind beide gleichauf. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, treffen die beiden Kontrahenten gerade in einer Drei-Spiele-Serie in Boston aufeinander, deren Rubber Match heute Nacht stattfinden wird. Die Toronto Blue Jays (37-31) haben gleich viele Siege eingefahren wie die Red Sox und die Orioles, allerdings schon vier Niederlagen mehr. Dass mit ihnen noch zu rechnen ist, haben sie jedenfalls am Wochenende mit einer 3:1 gewonnenen Serie gegen die Orioles untermauert. Und zu allem Überfluss zeigen plötzlich auch die schon abgeschriebenen Tampa Bay Rays (31-32) mehr als nur Zeichen von Leben, indem sie neun ihrer letzten elf Spiele gewonnen haben.

Genauso knapp geht es in der AL Central zu, in der die Cleveland Indians (35-30) und die Kansas City Royals (35-30) sich die Spitze teilen, nachdem die Royals einer Niederlagenserie von acht Spielen eine Siegesserie von bislang fünf Spielen folgen ließen. Nur zwei bzw. zweieinhalb Spiele zurück sind die Detroit Tigers (33-32) und die Chicago White Sox (33-33).

Als zurzeit einzige AL-Division weist die AL West relativ klare Verhältnisse auf: Die Texas Rangers (41-25) kristallisieren sich nach Anlaufschwierigkeiten inzwischen mehr und mehr als das dominierende Team der AL heraus und haben 19 ihrer letzten 25 Spiele gewonnen – das sind stolze 76% und das trotz der erneuten Verletzung von Pitching-Ass Yu Darvish und eines immer noch fragwürdigen Bullpens (ERA von 4.99). Die Seattle Mariners (34-31) sind mit einer Juni-Bilanz von bisher 3-10 nun schon ziemlich abgeschlagen, der Rest der Division steht ohnehin klar unter .500.

National League

Die klaren Verhältnisse, die es in der AL nur in einer Division gibt, sind für die National League inzwischen der Normalfall und wer nicht gerade Fan eines der drei führenden Teams ist wird hoffen, dass das nicht auf Dauer so bleibt, denn sonst beschränkt sich das Playoff-Rennen dieses Jahr schon bald auf die Wild-Card-Plätze.

In der NL Central drehen die Chicago Cubs (44-20) nach wie vor einsam ihre Kreise und man muss als neutraler Beobachter schon dankbar sein, dass sie aus den letzten zehn Spielen wenigstens mal „nur“ mit 5-5 herausgegangen sind. Es folgen nun zwei interessante Serien, zuerst gegen die Pittsburgh Pirates (33-32) und dann gegen die St. Louis Cardinals (35-30). Je nach Ausgang dieser Serien kommt in der Division vielleicht doch noch ein bisschen Spannung auf oder wir können im Grand Slam der nächsten Woche bereits einen dicken Haken an die NL Central machen, weil dort – zumindest was den Divisionssieg angeht – nichts mehr passieren wird.

Die NL West war vor einer Woche noch vom Zweikampf zwischen den San Francisco Giants (41-26) und den Los Angeles Dodgers (35-32) geprägt, doch mit sechs Siegen in den letzten sieben Spielen (darunter eine 2:1 gewonnene Serie gegen die Dodgers) haben sich die Giants an der Spitze etwas Luft verschafft. Die Dodgers haben im gleichen Zeitraum nur drei Spiele gewonnen und müssen so langsam über die Schulter schauen, denn die Colorado Rockies (32-33) sind richtig gut drauf und haben acht ihrer letzten zehn Spiele gewonnen.

Acht von zehn haben auch die Washington Nationals (41-25) zuletzt gewonnen und damit den Vorsprung vor den New York Mets (35-29) vergrößert. Das tut mir als Metsfan natürlich weh, aber die gestrige Offensivexplosion (11:2 gegen die Pirates) gibt mir Hoffnung. Das Monatsrestprogramm der Mets sieht unter anderem drei Spiele gegen die Nationals und sieben gegen die Atlanta Braves (19-46), das schwächste Team nicht nur der Division sondern wahrscheinlich der ganzen Liga, vor. Wenn sie danach nicht wieder Tuchfühlung zur Spitze haben, haben sie es wohl nicht besser verdient. Nicht ganz abschreiben darf man unterdessen die Miami Marlins (34-32), die sich – für mich überraschend – mit einem offensiv und defensiv recht ausgeglichenen Team beständig bei einer knapp positiven Bilanz halten und das, obwohl ihr Star-Batter Giancarlo Stanton nach wie vor (2016: .193/.301/.416) weit von seiner Normalform (Karriere: .264/.357/.538) entfernt ist.

Spielzug der Woche

In dieser Kategorie entscheide ich mich diese Woche nicht für ein einzelnes Play sondern für vier, genauer gesagt für einen Single, einen Double, einen Triple und einen Homerun. Im Baseball nennt man das Kunststück, jede Sorte von Hit in einem einzigen Spiel unterzubringen, einen Cycle und der gelang letzte Nacht zum ersten Mal in dieser Saison Freddie Freeman während des 9:8-Sieges seiner Atlanta Braves gegen die Cincinnati Reds. Natürlich hat ein Cycle keine zählbare Auswirkung, die über die Summme seiner Teile hinausgeht, und wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich lieber vier Homeruns schlagen als die vier verschiedenen Hits. Aber ich halte es für eine liebenswürdige Eigenart des Baseballs, dass solchen kleinen Besonderheiten hohe Aufmerksamkeit zuteil wird. Es ist zudem nur fair, dass man auch als Batter die Möglichkeit hat, sich die Anerkennung der Baseballszene mit einer Leistung zu verdienen, die von der Häufigkeit ihres Auftretens dem No-Hitter sehr ähnlich ist.

Statistik der Woche

4.257. So viele Hits hat Ichiro Suzuki in seiner Karriere in den höchsten Ligen erzielt – jedenfalls, wenn man sich erlaubt, als „höchste Ligen“ die Hits in der MLB und in der Japan Pacific League zusammenzuzählen. Das ist methodisch nicht ganz sauber und deshalb auch nur eine inoffizielle Statistik. Ist Ichiro, der in dieser kombinierten Zählung seit gestern Nacht MLB-All-Time-Leader Pete Rose (4256) überholt hat, nun der größte Hitter aller Zeiten oder bleibt dieser Titel bei Rose? Dazu kann man stehen wie man will. Eine beeindruckende Karriereleistung sind die 4.257 Hits in jedem Fall und das auch deshalb, weil Ichiro sie in über 1.500 weniger Plate Appearances als Rose vollbracht hat (14.334 gegenüber 15.890).

Spiel der Woche

Einen wahren Krimi lieferten sich Montagnacht die Chicago White Sox und die Detroit Tigers. Dabei hatte es nach zweieinhalb Innings bei einer 7:0-Führung der Tigers gegen Chicagos bislang glücklose Neuverpflichtung James Shields schon so ausgesehen, als wäre die Partie gelaufen. Aber die White Sox gaben sich nicht auf und arbeiteten sich bis zum fünften Inning auf 6:7 heran, unter anderem durch Homeruns von Jose Abreu und Dioner Navarro. Im sechsten und im neunten Inning baute Detroit die Führung jeweils auf zwei Runs aus, Chicago verkürzte beide Male gleich im Anschluss auf einen Run. Erst als mit zwei Outs und Full Count der letzte Strike des Spiels anzustehen schien, gelang Avisail Garcia mit einem Single der Ausgleich für die White Sox und zweeinhalb scorelose Innings später machte Adam Eaton per Walk-Off-RBI-Single das Comeback für Chicago perfekt.

Spiel der kommenden Woche

Bei meinem Anschau-Tipp entscheide ich mich dieses Mal für das von der Tabellenkonstellation her interessanteste Spiel: Kommende Nacht, genauer gesagt um 1:10 Uhr mitteleuropäischer Zeit, treffen die Boston Red Sox und die Baltimore Orioles zum dritten Spiel ihrer bisher 1:1-unentschiedenen Serie aufeinander und machen die Tabellenführung der AL East unter sich aus. Als Starting Pitcher treffen die Youngster Tyler Wilson (Orioles) und Eduardo Rodriguez (Red Sox) aufeinander.

Juni 16th, 2016 by