Grand Slam am Donnerstag – KW 27/2016

Pünktlich zur wöchentlichen MLB-Übersicht hat mit den San Francisco Giants heute zum ersten Mal seit Menschengedenken (O. K., es dürften eher so zehn, elf Wochen gewesen sein) ein anderes Team die beste Winning-Percentage der Liga als die Chicago Cubs.

National League

Zu Ehren des neuen MLB-Spitzenreiters beginne ich den Überblick diese Woche mit der National League West: Die Giants (54-33) führen zwar seit Neuestem die gesamte Liga an, in der eigenen Division ist der Vorsprung aber längst noch nicht komfortabel, denn die Los Angeles Dodgers (48-39) bleiben dran und sind derzeit auch der erste Wild-Card-Kandidat in der NL. Sowohl die Giants als auch die Dodgers profitieren davon, es mit schwachen Divisionsgegnern zu tun zu haben: Die NL West ist die einzige Division der MLB mit drei Teams unter .500 und das zeigt sich auch deutlich an der divisionsinternen 28-15-Bilanz der Giants. Die Dodgers stehen 19-15 innerhalb der NL West und man kann mutmaßen, dass ihr Rückstand auf die Giants hauptsächlich darin wurzelt, dass sie bisher weniger oft gegen ihre Divisionsgegner antreten durften.

Die Chicago Cubs (52-32) liegen mit immer noch 8.5 Siegen Vorsprung auf Platz eins der NL Central, aber mit sechs Niederlagen in den lezten sieben Spielen war es definitiv nicht ihre Woche. Zum Glück für die Cubs haben die St. Louis Cardinals (43-41) daraus wenig Kapital geschlagen. Im Gegenteil haben die Cardinals durch drei Niederlagen gegen die Pittsburgh Pirates (44-41) sogar den zweiten Rang an diese verloren. Die Pirates haben damit schon sieben Spiele in Folge gewonnen und sind plötzlich wieder mitten drin im Rennen zumindest um die Wildcards. Heute Abend werden sie versuchen, den Sweep gegen die Cardinals perfekt zu machen; es wird übrigens das MLB-Debüt des hoch gehandelten Pitching-Prospects Tyler Glasnow.

Die NL East bleibt vom Abstand zwischen den ersten drei Teams her die spannendste NL-Division: Die Washington Nationals (51-35) sind derzeit 4.0 Siege vor den New York Mets (46-38) und 6.5 Siege vor den Miami Marlins (44-41). Die vier Tage bis zum All-Star-Break können sogar noch einen Führungswechsel bringen, für den die Mets die Nationals in der anstehenden Vier-Spiele-Serie im Citi Field sweepen  müssten. Undenkbar ist das nicht, zumal die Mets mit sechs Spielen aus sieben Siegen – darunter bereits ein Vier-Spiele-Sweep gegen die Cubs – momentanen einen guten Lauf haben. Verzichten müssen die Mets allerdings in nächster Zeit auf Matt Harvey, der heute Nacht auf die DL gesetzt wurde mit Verdacht auf Thoracic-Outlet-Syndrom. Man wird es in New York mit gemischten Gefühlen sehen: Einerseits will man einen Pitcher wie Matt Harvey natürlich nicht auf der Verletztenliste sondern im Team haben, andererseits waren seine Leistungen dieses Jahr bisher überraschend unkonstant und vielleicht ist mit der neuen Diagnose nun endlich ein behandelbarer Grund dafür gefunden.

American League

Auch in der American League dürfen wir in der East-Division einen Dreikampf verfolgen. Letzte Woche sah es noch so aus, als könnten die Baltimore Orioles (49-35) etwas Luft zwischen sich und die Verfolger bringen, doch nach einer Serie von fünf Niederlagen und nur zwei Siegen stehen die O’s nur 2.5 Siege vor den Toronto Blue Jays (48-39), die ihrerseits gerade fünf Spiele in Folge gewonnen haben, und 3.0 vor den Boston Red Sox (46-38). Die Red Sox haben sich letzten Samstag einen historischen Aussetzer geleistet, indem sie im heimischen Fenway Park 2:21 gegen die LA Angels untergingen, sind aber ansonsten nach wie vor gut dabei, unter anderem aktuell mit einer gewonnen Serie gegen die Texas Rangers. Und mit den vielen Runs, die sie scoren (bislang 476) haben sie inzwischen sogar die Cubs (441) als offensivstärkstes Team der Liga abgelöst. Momentan würden übrigens beide Wild Cards an die NL East gehen.

Kommen wir zur AL Central und damit zu den Cleveland Indians (51-33), die das Ende ihrer 14-Siege-Serie (dazu später mehr) gut verkraftet und gerade die Serie gegen ihren direkten Verfolger, die Detroit Tigers (45-40) mit 2:1 Spielen für sich entschieden haben. Während Cleveland damit relativ fest im Sattel sitzt, ist auf den Plätzen zwei bis vier in den letzten Wochen sehr viel Bewegung. Die Tigers, für die die beiden Niederlagen gegen die Indians die einzigen in den letzten neun Spielen waren, halten momentan den zweiten Platz knapp vor den Chicago White Sox (44-41). Die Kansas City Royals (43-41) sind derweil durch eine verlorene Serie gegen die Phillies und einen Sweep durch die Blue Jays ein Stück ins Hintertreffen geraten. Längst gelaufen ist die Saison für die Minnesota Twins (29-55), aber nicht für unseren lokalen Helden Max Kepler: Er hat sich offenbar einen Stammplatz erspielt, denn trotz der Rückkehr von Miguel Sano aus der Verletzungspause kommt Kepler nach wie vor fast jeden Tag zum Einsatz. Einen echten Galaauftritt hatte er am Samstag, als er beim 17:5 der Twins gegen die Rangers die Hauptrolle spielte mit zwei Homeruns und sieben RBIs.

In der AL West waren die Texas Rangers (53-33) vor gut einer Woche noch zehn Spiele in Front vor den Houston Astros (46-39). Jetzt sind es plötzlich nur noch 6.5, nachdem die Rangers Serien gegen die Twins und die Red Sox verloren, während die Astros die Seattle Mariners (43-42) gesweept und auf Distanz gehalten haben. Vielleicht wird es doch noch ein spannendes Rennen in dieser Division, die schon längst entschieden schien. In den letzten 30 Spielen waren die Astros mit einer 21-9-Bilanz gemeinsam mit den Indians das erfolgreichste Team der Liga.

Spielzug der Woche

Das Play, über das ich diese Woche am meisten gestaunt habe, war ein Run, den Billy Hamilton im Spiel seiner Cincinnati Reds gegen die Chiacgo Cubs wegen eines passed Balls erzielte. Das wäre an sich kein ungewöhnlicher Vorgang, wenn er es nicht von der zweiten Base getan hätte. Es war zudem auch kein Ball, der irgendwo im nirgendwo gelandet und schwer zu finden gewesen wäre. Aber Catcher David Ross und Pitcher John Lackey ließen es beide gemächlich angehen, offenbar im festen Glauben dass das Vorrücken der Runner um eine Base nicht zu verhindern und mehr nicht zu erwarten ist. Hamilton bewies mit einer perfekten Kombination aus Aufmerksamkeit und Schnelligkeit das Gegenteil und wäre wohl selbst dann zum 1:0 durch gewesen, wenn Ross‘ hastiger Wurf bei Lackey angekommen wäre.

Statistik der Woche

6 for 6, 2 Homeruns. In einem 9-Inning-Spiel sechsmal at bat zu sein und dabei sechs Hits zu erzielen, kommt schon selten genug vor – von 2010 bis 2015 genau zweimal in der gesamten MLB. Noch seltener kommt es vor, dass bei den sechs Hits zwei Homeruns dabei sind – zuletzt gelang das Carlos Pena vor über zwölf Jahren. Aber was bis zum vergangenen Wochenende überhaupt noch nie vorgekommen ist, ist dass zwei Spieler an aufeinanderfolgenden Tagen dieses Kunststück vollbringen. Am Samstag war es zunächst C. J. Cron im Spiel der Los Angeles Angels bei den Boston Red Sox, am Sonntag folgte Wilmer Flores für die New York Mets gegen die Chicago Cubs. Sorry, Rajai Davis, aber dagegen verblasst sogar ein Cycle.

Spiel der Woche

Ein 19-Innings-Marathon ist immer eine so spannende wie langwierige Angelegenheit, aber das Duell zwischen Cleveland und Toronto am vergangenen Freitag war noch ein Stück besonderer, denn es ging nicht um irgendeinen Sieg sondern um den 14. Sieg in Folge und damit um einen neuen Club-Rekord für die Indians. Es war eine epische Schlacht, die auf beiden Seiten von der Defense dominiert wurde. Die einzigen Scores in der regulären Spielzeit kamen im dritten Inning, als Carlos Santana durch einen Single von Jason Kipnis zum 1:0 für Cleveland nach Hause kam, und im sechsten durch einen Homerun von Justin Smoak zum 1:1. Es folgten zwölf scorelose Innings hintereinander, eine großartige Leistung nicht nur beider Bullpens sondern auch von 2B Ryan Goins, den die Blue Jays in Ermangelung weiterer Pitcher im 18. Inning auf den Mound schickten. Goins lud sich zwar die Bases voll, entkam aber ungeschoren. Erst gegen Darwin Barney, den zweiten pitchenden Position Player, gelang den Indians der Score zum 2:1-Sieg durch einen Homerun von Santana. Es war der einzige Run, den Barney in seinem Inning auf dem Mound zuließ. Die Indians wählten einen anderen Ansatz als die Blue Jays, indem sie für die letzten fünf Innings Trevor Bauer pitchen ließen. Das zeigt, wie sehr sie diesen Sieg wollten. Das Spiel dauerte übrigens 6 Stunden und 13 Minuten. Die Indians haben sich damit ihre Rekordserie geholt, am Tag danach endete diese aber mit einem 6:9 gegen die Blue Jays.

Spiel der kommenden Woche

Was reguläre MLB-Spiele angeht, wird es eine kurze Woche, denn es wird nur noch bis Sonntag gespielt und dann sind vier Tage Pause, der sogenannte All-Star-Break, während dem am Dienstag das All-Star-Game stattfindet. Das interessanteste Spiel der nächsten Tage wird, wenn alles läuft wie erwartet, mal wieder ein Leckerbissen für Freunde des gepflegten Pitchings: Die Washington Nationals und die New York Mets treffen in einer Vier-Spiele-Serie aufeinander und am Freitag (nach unserer Zeit Samstagmorgen um 1:10 Uhr) werden sich voraussichtlich mit Stephen Strasburg (2.71 ERA, 2.91 FIP) und Noah Syndergaard (2.41 ERA, 1.89 FIP) zwei echte Asse auf dem Mound abwechseln, die sich übrigens beide Hoffnung auf die Ehre machen, im All-Star-Game zu starten.

Juli 7th, 2016 by