Grand Slam am Donnerstag – KW 28/2016

Seit letzten Donnerstag gab es zwar nur eine halbe Woche MLB, aber natürlich gibt es heute trotzdem einen vollwertigen Grand Slam, den wöchentlichen Überblick über die Liga – nicht zuletzt, weil „Ground Rule Double am Donnerstag“ sich irgendwie komisch anhören würde…
Dienstagnacht fand das All-Star-Game statt. Das Ergebnis (4:2 für die AL) ist relativ egal, außer dass wir jetzt wissen, dass der AL-Vertreter Heimrecht in den Spielen 1, 2, 6 und 7 der World Series genießt. Zum Einsatz kamen Spieler aus 29 der 30 MLB-Teams – aus allen außer den Mets, deren Vertreter Bartolo Colón und Jeurys Familia NL-Team-Manager (ausgerechnet) Terry Collins im Dugout ließ. Schade, ein Pinch-Hit-Einsatz von Bartolo hätte das Event deutlich aufgewertet.

American League

Mit 87 bis 91 absolvierten Spielen je Team ist etwas mehr als die Hälfte der Saison vorbei und in der American League East geht es nach wie vor am engsten zu: Die Baltimore Orioles (51-36), die Boston Red Sox (49-38) und die Toronto Blue Jays (51-40) liefern sich nahezu ein Kopf-an-Kopf-Rennen und man darf gespannt sein, welche Spielweise sich am Ende durchsetzt: die stark von Homeruns geprägte Offensive und durchschnittliche Defensive der Orioles; die ligaweit führende Offensivpower bei deutlich unterdurchschnittlichem Pitching der Red Sox; oder das starke Pitching der Blue Jays bei bislang nur leicht überdurchschnittlicher Offense. Hinter diesen Dreien haben sich heimlich, still und leise die New York Yankees (44-44) pünktlich zur Pause auf eine glatte .500-Bilanz hochgearbeitet. Ob mit ihnen noch zu rechnen ist, dürfte sich in den nächsten zehn Spielen abzeichnen, denn mit Boston, Baltimore und San Francisco erwarten die Yankees nun drei richtungsweisende Serien im eigenen Stadion. Definitiv nicht mehr zu rechnen ist mit den Tampa Bay Rays (34-54), die nach zehn Niederlagen in den letzten zehn Spielen weiter abgeschlagen sind denn je.

Die AL Central wird klar dominiert von den Cleveland Indians (52-36), basierend auf starkem Batting, noch besserem Pitching und der Angewohnheit, vor allem die wichtigen Spiele zu gewinnen: Die Hälfte ihrer 52 Siege haben die Indians innerhalb der eigenen Division geholt, 26-11 lautet die Bilanz und das, obwohl es sich bis auf die Minnesota Twins (32-56) um eine ziemlich starke Division handelt. Für Letzteres spricht, dass sich hinter Cleveland drei Teams mit positivem Record um Platz zwei balgen. Zur Pause haben die Detroit Tigers (46-43) trotz zuletzt nur zwei Siegen aus sieben Spielen noch knapp die Nase vor den Chicago White Sox (45-43) und den Kansas City Royals (45-43). Die Serie der Tigers gegen die Royals am kommenden Wochenende verspricht interessant zu werden.

In der AL West haben die Texas Rangers (54-36) immer noch den besten Record der gesamten AL, spüren aber mehr und mehr den Atem der Houston Astros (48-41) im Nacken, die sich nach schwachem Saisonstart seit knapp vier Wochen in der Aufholjagd befinden und nur noch 5.5 Siege zurückliegen. Noch nicht ganz aus dem Rennen sind die Seattle Mariners (45-44), die recht beständig um die .500-Marke oszillieren und ab morgen die Astros zu einer Drei-Spiele-Serie empfangen. Als einzige AL-Staffel beherbergt die West-Division mit den Oakland Athletics (38-51) und den Los Angeles Angels (37-52) zwei Teams, für die die Saison schon nach der Hälfte weitgehend gelaufen ist. Für beide dürfte die interessanteste Frage der nächsten zweieinhalb Wochen sein, welche Weichen für die Zukunft man bis zur Trade-Deadline am 1. August stellen kann. Gerade in Oakland wird mit einigen Trades zu rechnen sein, vor allem SP Rich Hill und 3B Danny Valencia dürften ziemlich sicher zu einem Contender wechseln, der bereit ist, für kurzfristige Verstärkung ein paar Prospects abzugeben. Rund um die Angels wird immer wieder mal über einen Blockbuster-Trade für Mike Trout spekuliert, der mir aber nach wie vor eher unrealistisch erscheint.

National League

Die National League East sah in den letzten vier Spielen vor der Pause das Spitzenduell zwischen den Washington Nationals (54-36) und den New York Mets (47-41) und trotz eines Auftaktsieges der Mets entschieden die Nationals die Serie letztendlich mit 3:1 klar für sich und zementierten ihre Führung mit nun 6.0 Siegen Vorsprung. Für die Mets war es eine sehr bittere Serie, denn neben der verpassten Chance, zum Spitzenreiter aufzuschließen, verletzten sich mit Yoenis Céspedes und Noah Syndergaard der beste Batter und der beste Pitcher des Teams und für Matt Harvey wurde zur traurigen Gewissheit, dass er operiert werden muss und für den Rest der Saison ausfällt. Zu allem Überfluss müssen die Mets sich nun Platz zwei mit den Miami Marlins (47-41) teilen, die mit einem Sweep über die Reds und einem Giancarlo Stanton, der seine Form wiedergefunden hat, in den All-Star-Break gehen. Die Philadelphia Phillies (42-48) sind mit 6.0 Siegen nicht weiter von den Mets und den Marlins – und damit von den Wild-Card-Plätzen – entfernt als diese von den Nationals. Ein ernstzunehmender Faktor sind sie in meinen Augen trotzdem nicht und das schreibe ich in vollem Bewusstsein über das Risiko, hier nächste Woche Abbitte leisten zu müssen, falls sich in den bevorstehenden Serien der Phillies gegen die Mets und die Marlins herausstellen sollte, dass ich falsch liege. Kein Risiko gehe ich hingegen mit der Aussage ein, dass die Atlanta Braves (31-58) den schlechtesten Record der gesamten MLB haben.

Den besten Record der MLB hatten lange die Chicago Cubs (53-35) in der NL Central, aber nach nur zwei Siegen aus den letzten elf Spielen wird kaum jemand so froh über die Pause sein wie sie. Mit 7.5 und 7.0 Siegen Vorsprung auf die St. Louis Cardinals (46-42) und die Pittsburgh Pirates (46-43) müssen die Cubs noch nicht wirklich weiche Knie bekommen, aber vor nicht mal einem Monat betrug der Vorsprung noch 12.5 Spiele und man sieht, wie schnell es gehen kann. Dabei können die Cubs noch von Glück sagen, dass beide Verfolger in den letzten 30 Tagen nicht gerade Wunderdinge vollbracht haben: Während Chicago für diesen Zeitraum eine Bilanz von 12-18 aufweist, sind es 16-14 für die Cardinals und 14-16 für die Pirates. Über die abgeschlagenen Milwaukee Brewers (38-49) und Cincinnati Reds (32-57) gibt es nicht viel zu sagen – außer vielleicht, dass die Reds mit großem Abstand die schlechteste Defensive der MLB aufbieten: 6.0 Runs kassieren sie durchschnittlich pro Spiel, Zweitschlechtester sind die Rockies mit 5.3.

Die San Francisco Giants (57-33) haben seit meinem letzten Übersichtsartikel noch mal vier Siege und keine Niederlage draufgepackt und sind somit mit dem eindeutig besten Record der MLB in die Pause gegangen. Erreicht haben sie das mit einer sehr guten Bilanz innerhalb der NL West (31-15), mit überragendem Erfolg in knappen Spielen (20-10 in 1-Run-Games) sowie mit einem offensiv wie defensiv ausgeglichen gutem Team (in Runs scored und Runs against jeweils Fünfter in der NL) – und natürlich mit ein paar herausragenden Einzelspielern, allen voran den Pitchern Madison Bumgarner (1.94 ERA, 2.96 FIP) und Johnny Cueto (2.47 ERA, 2.70 FIP). Dank der Los Angeles Dodgers (51-40) als derzeit stärkstem Zweitplatzierten der Liga wird es trotzdem nicht langweilig in der Division, die ab Platz drei allerdings deutlich abfällt mit den Colorado Rockies (40-48), den San Diego Padres (38-51) und den Arizona Diamondbacks (38-52), die allesamt bereits einen Haken an die Saison machen und sich gute Vorsätze für nächstes Jahr überlegen können.

Spielzug der Woche

Falls sich jemand gewundert hat, wo bei der Betrachtung der AL Central das Update zu Max Kepler geblieben ist: Das habe ich diese Woche hierher verschoben, um Keplers ersten Grand Slam angemessen zu würdigen. Es war übrigens der erste Grand Slam für die Twins im ganzen Jahr und er bereitete den Weg zum 15:5-Sieg des schlechtesten Teams der AL über das beste im letzten Spiel vor dem All-Star-Break. Der 23-jährige Berliner hat in den letzten 15 Spielen mit einem Average von .222 zwar nicht allzu oft den Ball getroffen, aber darüber lässt sich problemlos hinweg sehen, da er ihn im gleichen Zeitraum sechsmal über den Zaun geschlagen und 21 RBIs gesammelt hat und zudem regelmäßig Walks zieht. Mit einer OBP von .328 in den letzten 15 Spielen steht Kepler sehr solide da, kombiniert mit seinem .593 SLG im gleichen Zeitraum bringt er es auf starke .921 OPS und ist aus dem Team momentan nicht wegzudenken. Erfreulicherweise werden auch die deutschen Medien zunehmend aufmerksam auf unseren Lokalmatador.

Statistik der Woche

61. Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass ich dem Home Run Derby keinen sportlichen Wert zumesse, aber an der unglaublichen Zahl von Homeruns, die Giancarlo Stanton bei der diesjährigen Veranstaltung geschlagen hat, komme ich an dieser Stelle kaum vorbei. Und es waren nicht nur mit großem Abstand die meisten, es waren auch die härtesten (die 20 schnellsten Bälle des Abends gingen allesamt von ihm aus) und die weitesten (durchschnittlich 446 Fuß, 16 mehr als Carlos Gonzalez mit den zweitweitesten). Mit 497 Yards schlug Stanton den längsten Homerun, der seit Einführung von Statcast gemessen wurde. Was für ein Glück, dass er es ab morgen wieder mit „richtigen“ Pitches zu tun bekommt.

Spiel der Woche

Meistens wähle ich hier ein besonders spannendes oder bedeutendes Spiel, aber dieses Mal vergebe ich die Auszeichnung für ein Spiel mit besonders vielen kuriosen Szenen. Das 4:2 der Giants gegen die Diamondbacks am vergangenen Samstag war zirkusreif: Zur heiteren Einstimmung im ersten Inning gab es zwar für niemanden eine Torte ins Gesicht, aber der Foulball von Paul Goldschmidt richtete eine mindestens gleichwertige Sauerei auf der Tribüne an. Im vierten Inning zeigte Giants-Catcher Buster Posey einen Zaubertrick mit Pitcher Jake Peavy. Die Jonglage-Nummer von Jake Lamb ging leider schief, aber die Interpretation des dummen Augusts von Javier Lopez war ein voller Erfolg.

Spiel der kommenden Woche

Für die nächsten drei Tage steht mal wieder das ewig reizvolle Duell der Boston Red Sox und der New York Yankees an. Für beide Teams ist ein guter Start in den zweiten Teil der Saison wichtig: Die Red Sox wollen im Dreikampf an der Spitze der NL East nicht an Boden verlieren, die Yankees hingegen möchten gern einen Vierkampf daraus machen und müssen dafür beweisen, dass sie mehr drauf haben als den bisher gezeigten .500-Ball. Als konkreten Einschalttipp wähle ich Spiel zwei der Serie. Mit Steven Wright gegen C. C. Sabathia bietet es das interessanteste Pitching-Matchup der drei Partien und ab 22:05 Uhr mitteleuropäischer Zeit kann man es sich gut anschauen, sofern man am Samstagabend nichts anderes vorhat.

Juli 14th, 2016 by