Die Ballparks der MLB: Guaranteed Rate Field

Zum zweiten Mal macht meine Serie über die Ballparks der MLB Halt in Chicago. Die alles entscheidende Frage in der Metropole in Illinois lautet „Norden oder Süden?“. Die North Side, den reicheren, hipperen Stadtbezirk, regieren die Cubs von Wrigley Field aus; die South Side ist die bodenständigere, von ethnischer Vielfalt und Arbeiterklassenmentalität geprägte Heimat der White Sox und ihrem Guaranteed Rate Field, um das es in diesem Artikel geht.

Guaranteed Rate Field, Chicago (1)

Geschichte
Chicago ist dafür bekannt, seinen Sportstätten sehr lange die Treue zu halten. 81 Jahre lang, von 1910 bis 1990, spielten die White Sox in ihrem klassischen Stadion Comiskey Park. Als dieses schließlich ersetzt wurde, handelte es sich um den ersten Neubau eines großen Sportgebäudes in der Stadt seit 1929. Bevor es dazu kam, hatten die White Sox intensiven Druck ausüben müssen, bis hin zu der Drohung mit einem Umzug nach Florida.

Für den Standort des neuen Ballparks waren diverse Optionen im Spiel, gebaut wurde letztlich direkt gegenüber vom alten Stadion. Dieses wurde nach der Neueröffnung abgerissen und durch Parkplätze ersetzt. Markierungen auf den Parkplätzen erinnern bis heute daran, wo früher die Homeplate und die Foulpoles von Comiskey Park platziert waren.

Für 137 Millionen Dollar entstand ein moderner Ballpark, der zunächst ebenfalls „Comiskey Park“ hieß. Erst 2003 wurden die Namensrechte verkauft und das Stadion zunächst in „U. S. Cellular Field“ und 2016 in „Guaranteed Rate Field“ umbenannt.

Das Eröffnungsspiel fand am 18. April 1991 statt. Die White Sox werden sich nicht gern daran erinnern: 0:16 unterlagen sie den Detroit Tigers, die 19 Hits inklusive 5 Homeruns erzielten und von ihrem Pitcher Frank Tanana einen Complete-Game-Shutout bekamen.

Auf große Erfolge seiner Hausherren musste der Ballpark lange warten. 1993 und im Jahr 2000 schafften es die White Sox in die Playoffs, verloren aber alle Heimspiele und schieden jeweils in der ersten Runde aus. 2005 war dann endlich ihr Jahr: Mit 99 Siegen wurde die Division gewonnen, es folgten Playoff-Erfolge gegen die Red Sox und die Angels und schließlich eine überlegen geführte World Series gegen die Astros.

Weitere sportliche Highlights der Stadion-Geschichte waren das All-Star-Spiel 2003, der erste No-Hitter am 18. April 2007 sowie das erste Perfect Game am 23. Juli 2009 – beide übrigens von Mark Buehrle für die White Sox.

Architektonische Auffälligkeiten
Guaranteed Rate Field war 1991 der letzte Ballpark, der erbaut wurde, bevor der vielgerühmte Oriole Park at Camden Yards den Siegeszug des retro-klassischen Stils begründete. Ein Vorbild bei den ursprünglichen Felddimensionen und der Anordnung der Sitze war unübersehbar das 1973 eröffnete Kauffman Stadium in Kansas City. Mit seiner modernistischen Betonfassade, dem symmetrischen Outfield und den weit nach außen gezogenen Oberdeck-Tribünen wirkte Chicagos neuer Ballpark schon bald ein wenig aus der Zeit gefallen. Dem versuchte man entgegen zu wirken, indem zwischen 2001 und 2007 zahlreiche Umbauten durchgeführt wurden.

Von außen relativ unspektakulär (2)

Schon im alten Comiskey Park war das „explodierende“ Scoreboard ein Markenzeichen. Bei jedem Homerun der White Sox gab es Licht-, Sound- und Feuerwerkseffekte von sich. Dieses Feature wurde sowohl beim Neubau 1991 als auch beim Ersetzen der Videoleinwände im Jahr 2016 beibehalten.

Die aktuelle Version des „explodierenden“ Scoreboards (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Guaranteed Rate Field hat ein 400 Fuß (122m) tiefes Centerfield und ist fast symmetrisch mit einer Leftfieldline von 330 Fuß (101m), einer Rightfieldline von 335 Fuß (102m) und jeweils 375 Fuß (114m) Ausdehnung im Left- und Rightfield. Es ist damit im Hinblick auf Batter- oder Pitcherfreundlichkeit ein durchschnittliches Stadion. Statistische Parkfaktoren weisen für Guaranteed Rate Field meistens einerseits eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit für Homeruns aus und andererseits eine leicht geringere Wahrscheinlichkeit für andere Arten von Hits. Vor allem Triples kommen vergleichsweise selten vor, vermutlich weil die Felddimensionen im Vergleich mit anderen MLB-Plätzen kaum unerwartete Ecken und Kanten aufweisen.

Panorama aus dem rechten Centerfield (4)

Wo sitzt man am besten?
Eines sollte man vor einem Besuch in Guaranteed Rate Field wissen: Anders als in den meisten anderen MLB-Stadien hat man nicht die Freiheit, sich zwischen den verschiedenen Ebenen frei zu bewegen. Das heißt, wenn man ein Ticket für eines der höheren Decks hat, kann man nicht zum Beispiel vor dem Spiel mal bei den tiefer gelegenen Plätzen vorbei schauen, um ein Foto zu machen – geschweige denn, sich im halbvollen Stadion trotz günstigem Ticket einen besseren Platz suchen.

Ebenfalls zu beachten ist, dass Guaranteed Rate Field wie erwähnt relativ weit gezogene Tribünen aufweist. Das hat zur Folge, dass man auf den oberen Decks zwar durchweg eine ungehinderte Sicht auf das Spielfeld hat, dabei aber auch besonders weit von selbigem entfernt ist. Obwohl man im Zuge der Umbauten in den 2000er-Jahren versucht hat, diesen Effekt abzumildern, indem man über 6.000 Sitze von den oberen Decks entfernte, ist er immer noch existent.

Aus den beiden genannten Gründen ist von Tickets im oberen Level (500) abzuraten. Die sehr guten Plätze auf Level 100 rund um das Infield (121-143) gibt es je nach Zeit und Gegner für 50 bis 120 Dollar. Wenn man weniger ausgeben möchte, empfiehlt es sich, auf Level 100 zu bleiben, aber weiter in Richtung Outfield auszuweichen, wo es Tickets bereits ab 15 Dollar gibt. An heißen Tagen sollte man Plätze an der First-Base-Line wählen, denn die Third-Base-Seite bis ins Leftfield bekommt deutlich mehr Sonne ab. Außerdem empfiehlt sich an solchen Tagen, sofern man Tickets für das untere Level hat, ein Besuch der kalten Dusche hinter Abschnitt 161.

(1) Quelle: Flickr, Urheber: John Martinez Pavliga (CC BY 2.0)
(2) Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: Oak Park Cycle Club (CC BY-SA 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: David Wilson (CC BY 2.0)
(4) Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: Jordano53 (CC BY-SA 4.0)

Mai 26th, 2020 by