Das Jahr des Homeruns

Die Hälfte der MLB-Saison 2016 ist vorbei und es gibt einen Trend, der massiv ins Auge fällt: Es werden dieses Jahr deutlich mehr Homeruns geschlagen als in den Jahren zuvor.

Nach bisher 1245 Spielen steht der Zähler bei 2865 Homeruns, das sind 2,30 pro Spiel*. Wenn das diese Saison genau so weitergeht, kommt man hochgerechnet auf 5592 Homeruns. Zum Vergleich: 2015 waren es 4909 Homeruns (2,02 pro Spiel) und über 5500 Homeruns gab es in der MLB-Geschichte nur zweimal, in den Jahren 1999 (5528 HRs, 2,28 pro Spiel) und 2000 (5693 HRs, 2,34 pro Spiel). Erst seit 1994 ist es üblich, dass der Durchschnitt in den meisten Jahren bei zwei Homeruns oder mehr pro Spiel liegt, vorher waren es (mit Ausnahme von 1987: 2,12 pro Spiel) immer deutlich weniger.

Auch das Runscoring insgesamt befindet sich dieses Jahr auf hohem Stand, mit 8,99 Runs pro Spiel auf dem höchsten seit 2009. Interessanterweise tritt dieses Phänomen gleichzeitig mit einem historischen Hoch von Strikeouts (15,99 pro Spiel) auf, während Hits, Batting Average und On-Base-Percentage nur unwesentlich über den letzten Jahren (und deutlich unter 1999/2000) liegen. Das erhöhte Runscoring ist somit offenbar ganz wesentlich auf die gesteigerte Zahl von Homeruns zurückzuführen.

Wie kommt es zu einer so hohen Zahl von Homeruns? Die Jahre 1999 und 2000 lagen mitten in dem Zeitraum, den man gemeinhin die Steroid Era nennt, also eine Zeit, für die man rückblickend von sehr verbreitetem Gebrauch von Dopingmitteln und sehr schwachen Kontrollen durch die Liga ausgeht. Es wäre sehr traurig, wenn sich für den aktuellen Anstieg im Nachhinein ein ähnlicher Grund herausstellen würde. Undenkbar ist das nicht, es erscheint mir aber relativ unwahrscheinlich, da sowohl die Kontrollen als auch die Strafen für Verstöße seit 2003 in mehreren Schritten beständig verschärft wurden.

Theoretisch denkbar ist auch, dass es sich bei dem aktuellen Anstieg um einen zufälligen Ausreißer handelt, aber auch das ist sehr unwahrscheinlich, denn die Beobachtung für 2016 fußt bereits auf einer großen Masse an Daten und knüpft zudem nahtlos an eine Entwicklung an, die 2015 begonnen hat. Ebenfalls ausschließen lässt sich die Idee, dass die Zunahme an veränderter Ausrüstung, also an verbesserten Schlägern und/oder Bällen liegt; es gab hier in den letzten paar Jahren schlichtweg keine signifikanten Änderungen, was in diesem Artikel der Washington Post aus dem Frühjahr von mehreren Experten bestätigt wird.

Vielleicht lohnt es sich, auch einen Blick auf die Pitcher zu werfen wie von Bill Baer auf Hardballtalk vorgeschlagen: Führt die Zunahme der Geschwindigkeit der Pitches dazu, dass diese – wenn man sie erst mal trifft – eher aus dem Stadion fliegen? Mir schien das zunächst ein plausibler Gedanke zu sein, aber nach etwas Recherche zu dem Thema würde ich diesen Effekt als minimal bis nicht vorhanden einstufen.

Ein Faktor, der sicher eine Rolle spielt, sind bauliche Anpassungen in einigen Ballparks, wie sie vor allem in San Diego (Petco Park) und New York (Citi Field) vor der letzten Saison mit dem erklärten Ziel durchgeführt wurden, mehr Homeruns zuzulassen. Wenn man sich die Entwicklung gegliedert nach Ballparks anschaut und ein bisschen nachrechnet, so fällt auf, dass von 2014 bis 2016 die Homerun-Häufigkeiten im Citifield um rund 40% und im Petco Park sogar um 80% angestiegen sind, während es ligaweit „nur“ 34% waren. Hier liegt also ein Teil der Erklärung, aber wirklich nur ein Teil, denn zu der Zunahme von 2014 auf (das hochgerechnete Gesamtjahr) 2016 um 1406 Homeruns tragen Citi Field und Petco zusammen lediglich 133 bei.

Ein weiterer Teil der Erklärung dürften verbesserte Mess- und Evaluierungsverfahren sein. Diese haben möglicherweise erstens dazu geführt, dass das Scouting zuverlässiger geworden ist und dadurch das Talentlevel in der Liga gesteigert werden konnte. Zweitens verfügen die Batter und ihre Coaches über bessere Informationen über die Pitcher und deren wunde Punkte (wobei das natürlich umgekehrt genauso gilt). Drittens liegt die Vermutung nahe, dass neue Erkenntnisse dazu beigetragen haben, eine veränderte Grundeinstellung durchzusetzen, worauf wiederum die bereits erwähnte Strikeout-Rate auf Rekordniveau hinweist: Die Moneyball-Philosophie, dass es das wichtigste Ziel des Batters ist, auf Base zu kommen, wird möglicherweise gerade abgelöst durch einen neuen Ansatz, der eine stärkere Alles-oder-Nichts-Herangehensweise befürwortet; also die Einstellung, öfter mit Power zu hitten und dabei zu Gunsten vermehrter Homeruns den einen oder anderen Strikeout in Kauf zu nehmen.

Wie so oft im Leben gibt es nicht die perfekte Erklärung, aber ein Bündel von Ansätzen, die zusammen genommen die Entwicklung bei den Homeruns plausibel erscheinen lassen.



*Falls sich jemand wundert, dass „pro Spiel“ in der verlinkten Tabelle von Baseball Reference nur halb so hohe Werte stehen wie in meinem Artikel: BR hat eine etwas gewöhnungsbedürftige Darstellungsweise. „Pro Spiel“ bedeutet dort in Wirklichkeit „pro Spiel und Mannschaft“. Bei mir bedeutet „pro Spiel“ einfach nur „pro Spiel“.

Juli 5th, 2016 by