Die Ballparks der MLB: Minute Maid Park

In der Ballparks-Serie unternehmen wir heute eine virtuelle Reise nach Texas, genauer gesagt in den Minute Maid Park in Houston. Der Ballpark stand in den letzten Jahren einige Male im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit – positiv als Schauplatz der World Series 2017 und 2019, aber auch negativ als der Ort, an dem sich der wohl größte Skandal im Baseball seit über 100 Jahren zutrug.

Minute Maid Park in Houston (1)

Geschichte
Als Mitte der 1990er-Jahre die Multifunktionsarena Astrodome unübersehbar in die Jahren gekommen war und die NFL-Franchise Houston Oilers vor der unbefriedigenden Stadionsituation nach Memphis flüchtete, war klar, dass auch die Baseballer der Houston Astros einer neuen Heimstätte bedurften. Die ersten Pläne sahen vor, den Ballpark auf dem Gelände des Astrodomes zu erbauen. Doch auf Betreiben des Energiekonzerns Enron, der sich massiv als Sponsor engagierte, wurde stattdessen der Standort des alten Bahnhofs Union Station in der Innenstadt von Houston gewählt.

Das auf Stadien spezialisierte Architekturbüro HOK Sports, heute unter dem Namen Populous bekannt, hatte die Herausforderung zu meistern, die denkmalgeschützten Teile des Bahnhofs mit einem modernen Baseballstadion zu verschmelzen. Das gelang, indem man das Haupt-Terminal des Bahnhofs renovierte und zur Eingangshalle des Ballparks umfunktionierte. Die Bauzeit währte von November 1997 bis zum Saisonbeginn 2000. Das Stadion erhielt den Namen „Enron Field“ und so würde es heute noch heißen, wenn der auf 30 Jahre ausgelegte Namensrechte-Deal erfüllt worden wäre. Doch die Firma Enron verwickelte sich in Skandale und meldete sich 2002 bankrott. Daraufhin kauften sich die Astros aus dem Vertrag heraus und vermieteten die Rechte – erneut für 30 Jahre – an die Coca-Cola-Tochter Minute Maid. Seitdem trägt der Park den Spitznamen „The Juice Box“.

Das Eröffnungsspiel fand am 7. April 2000 zwischen den Astros und den Philadelphia Phillies statt. Nach dem zeremoniellen ersten Pitch von Enron-Chef Kenneth Lay unterlagen die Hausherren mit 1:4. Auch der erste Hit (Doug Glanville) und der erste Homerun (Scott Rolen) im neuen Ballpark gingen auf das Konto der Gäste.

In der Offseason 2016/2017 wurden an Minute Maid Park einige Renovierungen und Umbauten durchgeführt. Die auffälligste Änderung bestand darin, dass „Tal’s Hill“ entfernt wurde. Das war eine ansteigende Ausbuchtung im Centerfield, auf der ein Fahnenmast platziert war. Sowohl der Anstieg als auch der Fahnenmast waren Teil des Spielfeldes. Diese einzigartige Installation brachte einige spektakuläre Catches hervor, wurde aber wegen der Verletzungsgefahr oft kritisiert. Beim Umbau wurde Tal’s Hill eingeebnet und durch neue Zuschauerplätze und Verkaufsstände ersetzt.

In Minute Maid Park fanden das All-Star-Game 2004 sowie Teile von bislang drei World Series statt. Zweimal wurde der Gewinn des Meistertitels in dem Ballpark gefeiert, allerdings jeweils von der Gastmannschaft: den Chicago White Sox 2005 und den Washington Nationals 2019. 2017, im Jahr des Sign-Stealing-Skandals, gewannen die Astros zwei der drei Heimspiele im eigenen Park, bevor sie ihren bislang einzigen Titelgewinn in Dodger Stadium klarmachten.

Ein eher seltener Anblick: Minute Maid Park mit offenem Dach (2)

Architektonische Auffälligkeiten
Das Bahnhofsthema ist in vielerlei Hinsicht prägend für Minute Maid Park. Die Westfront ist die der ehemaligen Union Station, aber auch von der Südseite mit dem Uhrturm (siehe Foto ganz oben) könnte man den Ballpark leicht mit einem Bahnhof verwechseln.

Auch das prominenteste Wahrzeichen von Minute Maid Park fügt sich ins Thema ein: Über dem Leftfield verläuft eine Bahnstrecke von rund 240 Metern, auf der nach jedem Homerun der Astros eine Lokomotive im Stil des 19. Jahrhunderts pfeifend auf und ab fährt. Gleichzeitig erhöht sich der Zähler, der sämtliche Homeruns der Astros in ihrem Stadion dokumentiert. Dieser Zähler fällt allerdings thematisch etwas aus dem Rahmen, denn er ist an der Nachbildung einer klassischen Phillips-66-Pump, also einer Benzin-Tanksäule, angebracht.

Ein sehr wichtiges und hilfreiches Feature ist angesichts des von Hitze und teilweise heftigen Unwettern geprägten Klimas der Region das ausfahrbare Dach. Das Dach besteht aus drei Teilen und kann innerhalb von 20 Minuten geöffnet oder geschlossen werden. Gemeinsam mit dem Dach öffnet oder schließt sich auch die Glasfront zur Skyline von Houston. Nach den Regeln der MLB muss die Entscheidung über das Dach vor jedem Spiel getroffen werden – ein Öffnen oder Schließen während der Partie ist nicht erlaubt. In der Regel findet nicht mehr als ein Fünftel der Spiele bei offenem Dach statt.

Der Minute Maid Park Train (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Für lange Jahre war Minute Maid Park geprägt durch eine außergewöhnlich kurze Leftfield-Line von 315 Fuß (96m) und ein extrem tiefes Centerfield mit 436 Fuß (133m) dank Tal’s Hill. Bei den Umbauten in der Offseason 2016/2017 wurde das Centerfield auf 409 Fuß (125m) verkürzt. Das ist immer noch überdurchschnittlich, fällt aber nicht mehr so aus dem Rahmen wie früher.

Die Parkfaktoren für Minute Maid Park wiesen in den drei Jahren seit dem Umbau starke Schwankungen auf, sodass man keine klare Aussage treffen kann, ob der Ballpark in seiner heutigen Form generell pitcher- oder batterfreundlich ist. Ein einheitliche Beobachtung aus allen drei Jahren ist aber, dass in Minute Maid Park einerseits überdurchschnittlich viele Homeruns und andererseits unterdurchschnittlich viele Doubles und Triples geschlagen werden.

Meistens ist das Dach geschlossen (4)

Wo sitzt man am besten?
Die Kapazitäten von Minute Maid Park waren in den letzten Jahren üblicherweise zu 85 bis 90 Prozent ausgelastet. Angesichts der Erfolge der Astros ist das keine Überraschung und es ist ein Hinweis darauf, dass man sich frühzeitig um Tickets kümmern sollte. Ob sich am Zuschauerzuspruch infolge des Sign-Stealing-Skandals etwas ändert, bleibt abzuwarten.

Gute und zugleich erschwingliche Plätze findet man in der zweiten und dritten Ebene um das Infield. Auf den Club-Sitzen der Abschnitte 213-226 für ungefähr 70 bis 150 Dollar wird man sogar am Platz bedient. Ein Level höher, in den Abschnitten 314 bis 324, muss man auf diesen Luxus zwar verzichten und ist auch etwas weiter weg, dafür kommt man hier aber schon ab 35 Dollar unter.

Zu vermeiden sind die äußeren Ecken des Outfield-Decks (432-434 und 407-408). Hier ist man nicht nur weit entfernt vom Geschehen, sondern im Sichtfeld fehlt oft auch ein Teil des Outfields.

(1) Quelle: Flickr, Urheber: Ron Kikuchi (CC BY-NC-ND 2.0)
(2) Quelle: Flickr, Urheber: Eric Kilby (CC BY-SA 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Roy Luck (CC BY 2.0)
(4) Quelle: Flickr, Urheber: Mark Hodgins (CC BY 2.0)

April 28th, 2020 by