Die größten MLB-Skandale: #10 Das All-Star-Game 1957

Ihr wollt sie, ihr bekommt sie: Eine überwältigende Mehrheit der teilnehmenden Baseblog-Leserinnen und Leser hat im Offseason-Wunschkonzert für eine Serie über die größten Skandale der MLB-Geschichte gestimmt. Pflichtschuldig habe mich umgehend durch die Wäschekammer des Baseballs gewühlt und die zehn schmutzigsten Geschichten ausgegraben, um sie euch im Laufe der nächsten Wochen vorzustellen. 

Den Anfang macht heute ein Ereignis, an das man normalerweise nicht so schnell denkt, wenn es um Betrug oder krumme Geschäfte geht: ein All-Star-Game. Das jährliche Freundschaftsspiel der Stars der National League gegen jene der American League ist sportlich nicht mehr als ein fröhlicher Pausenfüller zur Halbzeit der regulären Saison. Die Berufung zur Teilnahme an dem Spiel ist jedoch durchaus ein wichtiger Eintrag in der Vita eines MLB-Spielers.

Wie und von wem man gewählt werden kann, hat sich seit dem ersten All-Star-Game 1933 ein paarmal geändert. Für die ersten beiden Spiele wählten die Fans die Starter beider Teams, die jeweiligen Manager füllten die Kader auf. Von 1935 bis 1946 wurden die Teams allein von den Managern bestimmt, bevor man 1947 dahin zurückkehrte, zumindest die acht Positionsstarter von den Fans bestimmen zu lassen. Das ging zehn Jahre gut, bis das Wahlsystem 1957 von Anhängern der Cincinnati Redlegs (den heutigen Reds) allzu offensichtlich missbraucht wurde.

Die Wahl zum All-Star-Team der National League 1957 brachte hervor, dass sieben von acht Starterposten von Spielern der Redlegs besetzt wurden. First Baseman Stan Musial von den St. Louis Cardinals war der einzige Nicht-Redleg, der gewählt wurde – mit knapper Mehrheit vor George Crowe, dem First Baseman der Redlegs. Die Redlegs hatten damals zweifellos eine starke Offensive, aber kaum jemand glaubte ernsthaft daran, dass sie es verdienten, das NL-Team quasi alleine zu stellen.

Bei einer Untersuchung, die der damalige MLB-Commissioner Ford Frick in Auftrag gab, stellte sich heraus, dass mehr als die Hälfte aller abgegebenen Stimmen aus Cincinnati stammte. Eine ganze Reihe von Sponsoren und Unterstützern der Redlegs hatte mit Mitteln auf die Wahl eingewirkt, die über das übliche Maß lokaler Mobilisierung weit hinausgingen. So hatten zum Beispiel die Tageszeitungen „The Cinicnnati Enquirer“ und „Cincinnati Times-Star“ mehrfach Wahlzettel abgedruckt, die mit dem kompletten Lineup der Redlegs vorausgefüllt waren. Die Brauerei „Burger Beer“ hatte 250.000 Vordrucke an Lokale verteilt, und es wurde von Wirten berichtet, die Gästen den Ausschank verweigerten, wenn diese sich nicht an der Wahl beteiligten. Eine junge Frau gab an, allein 1.400 Wahlzettel ausgefüllt zu haben – eine reife Leistung in einem Zeitalter, in dem es keine Heim-PCs mit Drucker geschweige denn Internetbots gab und somit mühsame Handarbeit angesagt war. Zu den selbst erklärten Top-Wählern gehörte auch der ehemalige Redlegs-Pitcher Nellie Pott, der 820-mal abstimmte.

Trotz massiver Proteste aus Cincinnati entschied Commissioner Frick, das Wahlergebnis nicht vollständig anzuerkennen und zwei Startpositionen mit Willie Mays (New York Giants) und Hank Aaron (Milwaukee Braves) zu ersetzen. Noch deutlich härter war die Konsequenz, die Frick für das Wahlverfahren in den folgenden Jahren zog: Das Fan-Voting wurde abgeschafft, die Wahl der All-Star-Spieler stattdessen unter den Managern, Trainiern und Spielern der Liga aufgeteilt. Erst seit 1970 dürfen die Fans wieder mitbestimmen.

 

Dezember 8th, 2020 by