Die größten MLB-Skandale: #4 Sign-Stealing der Astros

Wahrscheinlich gäbe es diese Artikelserie nicht, wenn uns nicht allen ein Skandal besonders frisch im Gedächtnis wäre, der erst vor gut einem Jahr aufgedeckt wurde. Die Sign-Stealing-Affäre um die Houston Astros landet auf meiner Liste der größten Skandale der MLB-Geschichte auf Rang vier.

Nur kurz zur Einordnung: Sign-Stealing ist und war schon immer ein Teil des Baseballspiels. Wenn Catcher und Pitcher sich in die Karten schauen lassen, weil sie die Handzeichen, mit denen sie den nächsten Pitch anzeigen, nicht gut genug verbergen und verschlüsseln, dann ist das ihre eigene Schuld. Unfair bis kriminell wird das Ganze jedoch, wenn die Gegner sich dabei unerlaubterweise technischer Hilfsmittel bedienen. Das haben vor den Astros schon andere Teams versucht und sich teilweise dabei erwischen lassen, aber noch nie wurde ein so ausgefeiltes Sign-Stealing-System aufgedeckt wie beim World-Series-Gewinner von 2017. 

Öffentlich bekannt wurde das Thema im November 2019 durch ein Interview von Mike Fiers. Der ehemalige Pitcher der Astros berichtete in The Athletic, dass sein Team bei den Heimspielen eine Videokamera im Centerfield platziert hatte, die die Handzeichen des generischen Catchers auffing. Hinter dem Dugout verfolgten Spieler und andere Angestellte den Videostream und signalisierten dem Schlagmann den jeweils kommenden Pitch – wer schon mal Baseball gespielt hat, weiß, was für ein enormer Vorteil dieses Wissen ist. Die Signale erfolgten auf unterschiedlichen Wegen, besondere Berühmtheit erlangte das Verfahren per Klopfen auf eine Mülltonne.

Die Ligaleitung leitete nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe eine zweimonatige Untersuchung ein. Es wurden Aufnahmen sämtlicher Heimspiele der Astros im betreffenden Zeitraum gesichtet und 68 Zeugen befragt, darunter 23 Spieler. Schließlich sah man den Regelverstoß, der sich über die Saison 2017 und in Teile der Saison 2018 erstreckte, als erwiesen an und verkündete teilweise drastische Strafen: General Manager Jeff Luhnow und Field Manager A. J. Hinch wurden ein Jahr lang für jede Tätigkeit in der MLB gesperrt. Der ehemalige Bench Coach Alex Cora, ab 2018 Field Manager bei den Boston Red Sox, musste sich einer weiteren Untersuchung unterziehen, weil den Red Sox unter seiner Führung ebenfalls elektronisches Sign-Stealing vorgeworfen wurde. In dem Fall konnte ihm aber keine Beteiligung nachgewiesen werden, daher blieb es für ihn ebenfalls bei der Sperre von einem Jahr für die Vorkommnisse in Houston. Darüber hinaus verloren die Astros ihre Erst- und Zweitrundenpicks in den beiden folgenden Drafts und mussten 5 Millionen Dollar Strafe zahlen. 

Interessant und diskussionswürdig ist, welche Strafen nicht ausgesprochen wurden: Obwohl den Astros systematisches Mogeln in ihrer Championship-Saison 2017 nachgewiesen wurde, durften sie den Titel behalten. Teambesitzer Jim Crane ging straffrei aus, da die Untersuchung keine Anhaltspunkte dafür ergab, dass er von dem Spionagesystem wusste. Ebenfalls straffrei blieben die an dem System beteiligten Spieler. Die MLB argumentierte damit, dass die Spieler erstens deshalb verschont wurden, weil sie allesamt kooperierten und zur Aufklärung des Falles beitrugen. Zweitens sei angesichts der Vielzahl der Beteiligten nicht zu differenzieren, welche Spieler Rädelsführer des Systems waren und welche nur Mitläufer oder Mitwisser. Der einzige Spieler, der in diesem Zusammenhang namentlich bekannt wurde, war Carlos Beltran. Auch er erhielt keine Sperre, allerdings wurde er von den New York Mets, bei denen er gerade erst seinen ersten Managerposten angetreten hatte, wegen seiner Rolle im Sign-Stealing-Skandal noch vor dem ersten Spiel entlassen und hat bisher keinen neuen Job.

Von den drei Verurteilten sind übrigens zwei inzwischen wieder in Amt und Würden: A. J. Hinch hat zur Saison 2021 den Managerposten der Detroit Tigers übernommen. Alex Cora hat nach Absitzen der Sperre seinen alten Job bei den Red Sox zurückerhalten. Bleibt noch Jeff Luhnow, der möglicherweise mit dem Baseball abgeschlossen hat. Jedenfalls wurde vor einigen Tagen bekannt, dass er als Teil einer Investorengruppe am Kauf eines mexikanischen Fußballvereins arbeitet.

Januar 19th, 2021 by