Die größten MLB-Skandale: #9 Der Chalmers-Award 1910

In der Serie über die größten Skandale der MLB-Geschichte geht es heute um die Vergabe eines Batting-Awards im Jahr 1910. Die Firma Chalmers – ein Vorläufer-Unternehmen von Chrysler – hatte für den Spieler, der die Saison mit dem höchsten Batting-Average abschließt, ein Automobil ausgelobt. In der American League gab es um diese Gelegenheit ein enges Rennen zwischen Ty Cobb von den Detroit Tigers und Nap Lajoie von den Cleveland Naps. Der Verlauf dieses Rennens in den letzten Tagen vor Saisonende sowie sein Ausgang waren gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Eigentlich reden wir hier nicht von einem Skandal, sondern eher von vier kleinen Skandalen, die sich zu einem haarsträubenden Ganzen verbinden.

Skandal 1: Ty Cobb, der extrem ehrgeizige und wenig beliebte Superstar seiner Zeit, entschied sich, zugunsten seiner Statistiken in den letzten beiden Saisonspielen nicht mitzuspielen. Mit einem Average von .385 lag er gegenüber Nap Lajoie (.376) knapp in Führung, und seine beste Aussicht, diese Führung nicht zu gefährden, bestand darin, schlichtweg nicht mehr anzutreten. Egoistisch, unsportlich? Natürlich, aber gegen solche Kritik war Cobb schon lange unempfänglich geworden oder vielleicht auch schon immer gewesen.

Skandal 2: Die St. Louis Browns, die im finalen Doubleheader gegen Lajoies Naps antraten, sahen überhaupt nicht ein, dass Cobb sich durch Nichtstun den Titel und das Auto sichern wollte. Browns-Manager Jack O’Connor gab daher die Order aus, bei jedem At Bat von Lajoie den eigenen Third Baseman Red Corriden bis ins Outfield zurückzuziehen. Lajoie bedankte sich, indem er regelmäßig in Richtung dritte Base buntete und es so auf acht Hits in acht At Bats brachte. Er wäre damit an Cobb vorbei gezogen, doch in Lajoies letztem At Bat der Saison ging der Plan doch noch schief: Lajoie kam zwar auf Base, doch die Scorerin wertete Corridens Wurf an die erste Base als Error. Für die Statistik bedeutete das ein At Bat ohne Hit und in der Gesamtabrechnung einen Average von .384 für Lajoie.

Skandal 3: Obwohl die Browns gar nicht direkt betroffen waren, setzten sie auch nach der Partie weiterhin alles daran, Nap Lajoie den Batting-Titel zuzuschieben. O’Connor und Coach Harry Howell versuchten sogar, die Scorerin zu bestechen. Sie boten an, ihr ein neues Outfit zu kaufen, wenn sie den Error als Hit wertete. O’Connor und Howell wurden für diesen Vorfall später lebenslang gesperrt.

Der damalige MLB-Commissioner Ban Johnson hatte das letzte Wort, indem er die Batting-Averages von .385 (Cobb) und .384 (Lajoie) für gültig und somit Cobb zum Champion erklärte. Das allerletzte Wort hatte allerdings Hugh Chalmers, der kurzerhand ein Auto mehr zur Verfügung stellte, sodass sowohl Cobb als auch Lajoie sich über das edle Gefährt freuen durften. Bevor die Geschichte zuende ist, steht aber noch eine finale Wendung des Statistikdramas aus, quasi das allerallerletzte Wort in Form von

Skandal 4: Im Jahr 1978 stieß der Sportstatistiker Pete Palmer auf eine Ungereimtheit in den Zahlen aus der MLB-Saison 1910. Offenbar wurden bei der Ermittlung der Jahreswerte die Stats eines Spiels der Tigers doppelt gezählt. Cobb hatte in diesem Spiel zwei Hits in drei At Bats, die Doppelzählung hob seinen Batting Average von .383 auf .385 an. 68 Jahre nach dem unwürdigen Theater um den Chalmers-Award stellte sich somit heraus, dass Lajoie diesen in Wirklichkeit gewonnen hatte – wenn auch nur dank der unsportlichen Schützenhilfe der St. Louis Browns.

Die MLB hat den von Palmer aufgedeckten Fehler übrigens bis heute nicht korrigiert. In den offiziellen Statistiken wird Ty Cobb nach wie vor der Batting-Titel 1910 zugerechnet, die beiden doppelt gezählten Hits stecken sowohl in seiner Karriere-Anzahl von 4.191 (statt 4.189) als auch in seinem Karriere-Average von .367 (statt .366).

Die beiden Protagonisten Ty Cobb (Mitte) und Nap Lajoie (rechts) einträchtig nebeneinander. Über den Herrn links im Bild wird im Laufe dieser Serie noch zu reden sein. Wer erkennt ihn?

Dezember 15th, 2020 by