MVP & Co.: Wer 2018 eine Auszeichnung verdient

Gewonnen und verloren wird als Mannschaft, aber mehr noch als in den meisten anderen Sportarten stehen im Baseball auch die Einzelleistungen der Spieler im Blickpunkt. Um dies zu würdigen, gibt es am Ende der Saison eine Reihe von Auszeichnungen, die überwiegend vom Baseball-Journalistenverband Baseball Writers‘ Association of America (BBWA) vergeben werden. Die wichtigste Auszeichnung ist natürlich die des wertvollsten Spielers (Most Valuable Player, kurz: MVP) in jeder der beiden Major-Ligen. Darüber hinaus gibt es für jede Liga den Cy Young Award für den besten Pitcher, einen Award für den besten Rookie und einen für den besten Manager. Nicht die BBWA, sondern die MLB selbst vergibt zudem den Award des Comeback Players of the Year. Dieser geht an je einen Spieler der AL und der NL, der es nach einer längeren Formschwäche oder Verletzung geschafft hat, wieder Top-Leistungen zu bringen. Je mehr sich die reguläre Saison ihrem Ende zuneigt, umso mehr schießen die Spekulationen ins Kraut, wer dieses Jahr eine oder mehrere der begehrten Auszeichnungen abräumen wird. Hier sind meine Tipps dazu:

American League MVP
Der naturgegebene Favorit an dieser Stelle ist eigentlich immer Mike Trout von den Los Angeles Angels, der wahrscheinlich beste Baseballspieler unserer Zeit. Trout muss regelmäßig den Makel überwinden, in einem nur eingeschränkt konurrenzfähigen Team zu spielen. Daher braucht es von ihm immer eine besonders gute Saison, um trotzdem den Award als wertvollster Spieler der AL zu gewinnen. Lange Zeit sah es ganz danach aus, dass ihm dieses Jahr wieder mal eine solche besonders gute Saison gelingt, vielleicht sogar die beste aller Zeiten. Doch nun hat Trout drei Wochen Verletzungspause hinter sich und die Konkurrenz hat spürbar aufgeholt. Vor allem Red-Sox-Outfielder Mookie Betts drängt sich auf. Betts führt die AL mit 8.4 bWAR an und steht mit allen Komponenten seiner Slashline (.336/.422/.628) weit vorne in der Liga. Eine bessere On-Base-Percentage als Betts hat nur Trout (.458), und der einzige, der Betts mit einem Average von .337 und Slugging von .657 übertrifft, ist sein Teamkamerad J. D. Martinez. Martinez ist es auch, der sich mit Khris Davis von den Oakland Athletics ein Rennen um die Homerun-Krone liefert. Beide, Martinez und Davis, tragen allerdings wenig zum Defensivspiel ihres Teams bei, während Betts auch hier zu den Top-Spielern der Liga gehört.

National League MVP
In der NL liegt nach bWAR Max Scherzer (8.7) knapp vor Aaron Nola (8.6), nach fWAR führt Jacob deGrom (6.9) vor Scherzer (6.0) – eine besondere Leistung des Pitcher-Trios angesichts der Tatsache, dass sie nur in jedem fünften Spiel dabei sind. Gerade deswegen werden Pitcher aber nur sehr selten zum MVP gewählt und ich schätze, dass sich auch dieses Mal ein Positionsspieler durchsetzt. Wer es sein wird, ist zurzeit noch schwer vorherzusagen, denn von den Statistiken her sind mehrere Spieler recht eng beisammen. Am Ende spielt sicher auch eine Rolle, wer von ihnen sein Team in die Playoffs führt und wer nicht. Matt Carpenter (St. Louis) und Nolan Arenado (Colorado) könnten gute Chancen haben, wenn die begonnenen Comebacks ihrer Mannschaften von Erfolg gekrönt werden. Wahrscheinlicher erscheint mir jedoch, dass der Award an Freddie Freeman geht, den unumstrittenen Führungsspieler der jungen und erfolgreichen Atlanta Braves.

American League Cy Young
Letztes Jahr sah Bostons Chris Sale lange Zeit nach dem sicheren Gewinner aus, doch mit einem starken Endspurt jagte Corey Cluber ihm den Award noch ab. Es ist nicht auszuschließen, dass es dieses Jahr ähnlich läuft. Wieder hat Chris Sale stark vorgelegt und führt haufenweise Statistiken an (1.97 ERA, 1.95 FIP, 13.5 K/9, 6.4 bWAR, 6.1 fWAR etc.), aber wieder scheint ihm gegen Ende der Saison ein bisschen die Puste auszugehen: Sale ist zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen auf der DL gelandet und wird noch rund 14 Tage brauchen, bevor er wieder auf dem Mound steht. Ich denke, er wird den Cy-Young-Award trotzdem bekommen, aber die Astros Gerrit Cole und Justin Verlander haben jetzt erstmal die Gelegenheit, in seiner Abwesenheit zu glänzen und das Rennen spannend zu machen. Clevelands Trevor Bauer wäre auch ein Kandidat gewesen, fällt aber ebenfalls zurzeit aus.

National League Cy Young
Hier trifft Tradition auf statistische Analyse, denn es stellt sich die Frage, ob man mit einer Bilanz von nur 8 Wins und ebenso vielen Losses die höchste Auszeichnung für einen Pitcher gewinnen darf. Es ist die Bilanz von Jacob deGrom, der mit 1.71 ERA und 2.07 FIP der beste Pitcher der NL ist. Meine Meinung ist ganz klar: Der arme Mann kann nichts dafür, dass er bei den New York Mets spielt und dass diese kaum Runs erzielen, um seine fantastischen Starts in Siege umzumünzen. Pitcher-Wins sind eine komplett unbrauchbare Statistik, und wer daran festmacht, dass Max Scherzer (16-6) oder Aaron Nola (15-3) ein würdigerer Preisträger wären, hat leider gar nichts verstanden.

American League Rookie
Der frühe Favorit für die Auszeichnung als bester Neuling war Shohei Ohtani, der japanische Two-Way-Star der Angels. Man kann nicht behaupten, dass Ohtani enttäuscht hätte, denn sowohl als Pitcher wie auch als Batter waren seine Leistungen solide bis gut. Doch Ohtanis Debütsaison wird deutlich geschmälert durch eine Verletzung, die ihn für einen Monat ganz außer Gefecht setzte und ihn bis heute vom Pitchen abhält. Zwischenzeitlich lief ihm deswegen Yankees-2B Gleyber Torres den Rang ab, der allerdings in der zweite Saisonhälfte zuerst seinerseits eine Verletzungspause einlegen musste und seit seiner Rückkehr deutlich schwächer produziert als vorher. Das öffnet die Tür für einen Überraschungskandidaten: Torres‘ Teamkamerad Miguel Andujar bringt weniger Vorschusslorbeeren mit als die beiden anderen, dafür aber mindestens genauso gute Leistungen und deutlich mehr Konstanz und Durchhaltevermögen. Andujar führt die Rookies der AL unter anderem in HRs (21), RBIs (76), AVG (.307) und bWAR (3.4) an.

National League Rookie
In der NL dürfte es auf zwei Kandidaten hinauslaufen. Juan Soto hatte sein Debüt für die Washington Nationals erst am 20. Mai, doch seitdem hat er mit 15 Homeruns in 86 Spielen, einer On-Base-Percentage von .408, einem Slugging von .507 und gutem Defensivspiel im Rightfield überzeugt. Geradezu sensationell erscheint diese Leistung angesichts der Tatsache, dass der Junge erst 19 Jahre alt ist und das AAA-Niveau der Minor Leagues komplett übersprungen hat. Soto wäre ein würdiger Rookie of the Year, Atlantas Ronald Acuna Jr. aber auch. Der 21-Jährige hat in noch weniger Spielen (76) noch mehr Homeruns (21) erzielt als Soto. Acuna kommt zwar seltener auf Base (.358 OBP), hat aber aufgrund seines stärkeren Sluggings (.570) einen etwas höheren OPS (.928 zu .915) und deutlich mehr bWAR (3.4 zu 2.0). Hinzu kommt, dass Acuna mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, weil er bei einem Contender spielt und weil er Anfang August mit einer Serie von acht Homeruns in acht Spielen aufhorchen ließ.

American League Comeback Player
Eine typische Comeback-Player-Saison erlebt Matt Duffy von den Tampa Bay Rays: Er verpasste einen Großteil der Saison 2016 und die ganze Saison 2017 mit einer Achillesssehnenverletzung. Ob er 2018 eine Rolle spielen würde, schien in den Sternen zu stehen. Doch Duffy erwies sich als ganz der Alte: ein solider Third Baseman mit guten Hitting Skills (.300/.357/.375), wenngleich – früher wie heute – mit relativ wenig Power. Weitere Kandidaten dürften SP Tyler Skaggs (Angels), SP Nathan Eovaldi (Red Sox) und SS Jurickson Profar (Rangers) sein.

National League Comeback Player
Der Comeback Award ging bisher in der Regel an Spieler, die sich entweder nach einer Verletzung oder nach einer längeren Formschwäche wieder zurück gekämpft hatten. Noch nie erhielt ihn jemand nach Rückkehr von einem Engangement im Ausland. Dieses Mal könnte das erste Mal sein und es wäre durchaus verdient, wenn Miles Mikolas die Auszeichnung erhält. Der Pitcher spielte von 2012 bis 2014 mit mittelmäßigem Erfolg für die Padres und die Rangers. Nach seiner Entlassung in Texas ging er 2015 nach Japan zu den Yomiuri Giants und entwickelte sich dort umgehend zu einem Star-Spieler, der es in drei Spielzeiten auf einen ERA von 2.18 brachte. Vor der aktuellen Saison holten die St. Louis Cardinals Mikolas zurück nach Amerika und er rechtfertigte das Vertrauen mit guten Leistungen (2.94 ERA, 3.49 FIP, 162.0 IP). Ein eher klassischer Kandidat wäre Matt Kemp. Der 33-Jährige schien dem Ende seiner Karriere nahe, als sein Trade von Atlanta zu den Dodgers im Winter als reine Sparmaßnahme eingestuft wurde und man davon ausging, dass er noch vor dem ersten Spiel entlassen würde. Doch Kemp erkämpfte sich einen Platz im Roster und spielt derzeit seine beste Saison seit 2014.

American League Manager
Manager of the Year wird man nicht unbedingt, weil man das Team mit der besten Bilanz trainiert. Man wird es, wenn man mehr aus einem Team herausholt als allgemein erwartet wurde. Von den Boston Red Sox und den New York Yankees zum Beispiel wurde, obwohl beide mit Rookie-Managern antreten, eine erfolgreiche Saison erwartet; daher hatten Alex Cora und Aaron Boone wenig Gelegenheit, die Erwartungen zu übertreffen. Ganz anders Bob Melvin, der mit den Oakland Athletics drauf und dran ist, ein regelrechtes Wunder zu vollbringen. Die A’s gingen als krasser Außenseiter in die Saison und befinden sich nun in aussichtsreicher Position, über eine Wild Card in die Playoffs zu kommen und obendrein den Houston Astros an der Spitze der AL West das Leben schwer zu machen. Sofern die Athletics in den restlichen Wochen keinen massiven Einbruch erleben, dürfte Melvin der Award sicher sein.

National League Manager
In der NL sind die St. Louis Cardinals der Klub, über den alle reden. Sie gingen als solides Mittelfeld-Team mit Überraschungspotenzial in die Saison, waren aber zum All-Star-Break praktisch abgeschrieben. Als Konsequenz läutete man einen Umbruch ein und entließ Manager Mike Matheny. Mike Shildt übernahm den Job als Interimsbesetzung und plötzlich läuft es unglaublich gut in St. Louis. Das ist ein geradezu perfektes Beispiel für einen Fall, in dem ein Manager den entscheidenden Unterschied macht. Wenn Shildt die Cardinals in die Playoffs führt, gehört der Award vermutlich ihm. Neben den Cardinals haben vor allem die beiden Spitzenteams der East-Division die Erwartungen übertroffen. Sollte St. Louis die Postseason verpassen, wird die Auszeichnung wohl an den Manager des Teams gehen, das die NL East gewinnt. Ich tippe auf Brian Snitker mit den Atlanta Braves, aber auch Gabe Kapler hat mit seinen Philadelphia Phillies eine bemerkenswerte Saison zustande gebracht, egal wie es am Ende ausgeht.

August 28th, 2018 by