Bryant und Trout – eine gute MVP-Wahl

Kris Bryant und Mike Trout sind die MVPs, also die wertvollsten Spieler der abgelaufenen MLB-Saison. Das hat der Baseball-Journalistenverband BBWA per Abstimmung entschieden und im Gegensatz zur gestern von mir kritisierten Vergabe des Cy-Young-Awards an die angeblich besten Pitcher treffen die MVP-Auszeichnungen genau die Richtigen.

Um mit dem Offensichtlichen anzufangen: In der National League war die Sache klar. Auf die Wahl von Kris Bryant hätte man ruhigen Gewissens einen Haufen Geld verwetten können, aber man hätte nicht viel zurück bekommen, weil kaum jemand dagegen gesetzt hätte. Entsprechend eindeutig fiel das Votum aus: 29 von 30 Stimmberechtigten hatten Bryant auf Platz eins, Daniel Murphy und Corey Seager landeten mit großem Abstand auf den Rängen zwei und drei.

Bryant, letztes Jahr bereits Rookie of the Year, hatte großen Anteil am Erfolg des World-Series-Gewinners Chicago Clubs. Er war der beste Batter des besten Teams und überzeugte auch in der Defensive bei seinen Einsätzen sowohl im Infield als auch im Outfield. Die Zahlen untermauern dies: Mit einer Slashline von .292/.385/.554, einer OPS von .939, 39 Homeruns, 102 RBIs und 121 Runs ist Bryant in allen wichtigen Offensivkategorien ganz vorne dabei. Weil bei Bryant im Gegensatz zu den meisten anderen Sluggern auch sein Feldspiel keine Schwäche sondern ein zusätzlicher Erfolgsfaktor ist, kommt er je nach Quelle auf 7.7 (laut Baseball-Reference) bis 8.4 (laut Fangraphs) Wins Above Replacement, womit er klar an der Spitze der NL steht.

Noch höhere WAR-Werte – 9.4 bei Fangraphs, 10.6 bei Baseball-Reference – hat der MVP der American League erzielt. Mike Trout überzeugte offensiv mit .315/.441/.550 und 123 Runs scored, gepaart mit nicht überragendem aber zumindest überdurchschnittlichem Spiel im Outfield. Seine OPS von .991wurde ligaweit nur von David Ortiz (1.021) übertroffen. Letzterer kam in seiner Abschiedssaison nicht ernsthaft als MVP in Betracht, da er fast ausschließlich als DH zum Einsatz kam und seinem Team somit nicht auf beiden Seiten der Platte helfen konnte.

Das Besondere an der MVP-Wahl von Trout, schon seiner zweiten im zarten Alter von 25 Jahren, ist nicht, dass es über seine zählbaren Beiträge irgend etwas zu diskutieren gäbe. Es ist vielmehr, dass für seine Wahl mit dem ungeschriebenen (und in meinen Augen relativ dämlichen) Gesetz gebrochen wurde, üblicherweise nur Spieler aus erfolgreichen Teams mit dem MVP-Titel auszustatten. Das Argument dahinter ist, dass ein wirklich wertvoller Spieler sein Team zum Erfolg führt. Mike Trout ist hingegen das beste Beispiel dafür, dass selbst ein überragender Spieler begrenzt ist in dem Vermögen, im Alleingang aus einem miesen Team einen Contender zu machen. Ich würde sogar so weit gehen, die Argumentation komplett umzudrehen: Wer innerhalb einer Truppe wie den 2016er Los Angeles Angels of Anaheim beständig Leistungen auf höchstem Niveau bringt anstelle an der vergeblichen Liebesmüh zu verzweifeln, der hat sich eine Auszeichnung redlich verdient. Das sahen – etwas überraschend – wohl auch ausreichend viele der BBWA-Mitglieder so: 19 von 30 ersten Plätzen auf den Stimmzetteln sammelte Trout ein, hinter ihm landete Mookie Betts auf einem guten zweiten Rang. Mike Trout ist damit erst der fünfte MVP aus einem Team mit negativer Saisonbilanz.

November 18th, 2016 by