Pitching-Taktik 1: Die Auswahl der Pitches

Gleich die erste Anregung im diesjährigen Offseason-Wunschkonzert bestand in der Bitte, dass ich etwas über Taktiken im Baseballspiel schreiben soll. Das Thema gefällt mir gut und nachdem ich mich nun eine Weile damit auseinander gesetzt habe, beginne ich heute eine Reihe von voraussichtlich fünf oder sechs Artikeln dazu. Den Anfang machen Taktiken beim Pitching. Zunächst gehe ich der Frage nach, von wem und nach welchen Kriterien entschieden wird, welcher Pitch in welcher Situation geworfen wird. Im nächsten Artikel – voraussichtlich in einer Woche – beschäftige ich mich mit dem Einsatz der Pitcher vom Starter bis zum Closer.

Als Einstiegslektüre empfehle ich die Erläuterung der verschiedenen Pitcharten, die vor zwei Jahren ebenfalls als Artikelserie in diesem Blog veröffentlicht wurde. Ich habe damals acht häufig verwendete Pitches vorgestellt. In der Regel hat ein professioneller Pitcher ein Arsenal von drei bis vier davon im Repertoire. Neben der Art des Pitches ist dessen Platzierung die zweite Variationsmöglichkeit, über die man als Pitcher verfügt. Jeder Pitch zielt auf eine bestimmte Stelle innerhalb oder außerhalb der Strikezone. Der Verlauf eines Basesballspiels hängt ganz wesentlich davon ab, ob es dem Pitcher gelingt, seine Würfe so auszuwählen, dass er die Batter überraschen und verwirren kann, oder ob er für den Gegner durchschaubar ist.

Die Entscheidung, welcher Pitch geworfen und wohin er gezielt wird, wird vom Pitcher gemeinsam mit dem Catcher getroffen. Die beiden verständigen sich über verdeckte Zeichen: Der Catcher macht per Fingerzeig einen Vorschlag, den der Pitcher entweder akzeptiert oder durch ein Kopfschütteln ablehnt, um einen neuen Vorschlag zu erhalten. Üblicherweise steht ein Finger für einen Fastball, zwei Finger signalisieren einen Curveball, drei einen anderen Breaking Ball (zum Beispiel einen Slider), vier einen Changeup. Hinzu kommt ein Zeichen, auf welche Seite und welche Höhe der Pitch zielen soll. Häufig gibt es hierzu auch Vorgaben des Managers oder des Pitching Coaches. Diese werden dem Catcher vom Dugout aus per Zeichen übermittelt und von ihm an den Pitcher weitergegeben. Dafür ist ein etwas ausgefeilteres System von Signalen nötig, damit diese von den gegnerischen Battern, Runnern und Basecoaches nicht verstanden werden. Das könnte zum Beispiel so aussehen: Ein Streichen des Managers über seinen rechten Arm bedeutet, dass er einen hohen Fastball sehen will. Er verpackt diese Vorgabe, indem er vorher und nachher ein paar andere Bewegungen macht, aber der Catcher weiß, dass nur die Anweisung zählt, die der Manager direkt nach einem Griff an die Nase gibt. Wenn er sich anschließend an den Schirm seiner Kappe greift, sind alle vorherigen Anweisungen aufgehoben und es folgt ein neues Signal. Berührt er irgendwann während der Sequenz sein linkes Ohr, so ist unabhängig von allen anderen Zeichen noch einmal der gleiche Pitch zu werfen wie der letzte.

Welcher Pitch letztlich gewählt wird, hängt von diversen Faktoren ab. Einer davon sind die Stärken und Vorlieben des jeweiligen Pitchers. Jeder Pitcher möchte Outs erzielen, aber manchen gelingt das bevorzugt über Groundballs, während andere stärker auf Strikeouts und wieder andere mehr darauf zu setzen, leicht zu fangende Pop-Ups zu verursachen.

Neben den persönlichen Voraussetzungen des Pitchers spielt bei der Entscheidung für einen Pitch primär die  Spielsituation eine Rolle – der aktuelle Count, die Anzahl der Outs und der Baserunner, die bekannten Tendenzen des Batter usw. Um ein paar konkrete Beispiele zu nennen:

– Mit einem Runner auf der ersten Base und weniger als zwei Outs wünscht man sich einen Groundball, aus dem sich ein Doubleplay produzieren lässt. Dazu braucht es einen niedrigen Pitch, bei dem der Schläger die obere Hälfte des Balls trifft. Es bietet sich ein Curveball oder ein Sinker an.

– Schlägt der Batter gegen den Wind und hat daher kaum Chancen auf einen Homerun, so könnte der Pitcher darauf abzielen, dass der Ball tief getroffen wird, um hoch in die Luft zu fliegen. Dafür eignet sich ein hoher Fastball.

– Wenn ein schneller Runner vorhanden ist, der eine Base stehlen könnte, will der Catcher den Ball möglichst schnell und sicher empfangen. Es bietet sich ein Fastball an, nicht zu tief und nicht zu nah am Batter.

– Mit einem Count von 3-0 (3 Balls, 0 Strikes) oder 3-1 möchte man das Risiko vermeiden, einen weiteren Ball und damit einen Walk zuzulassen. Daher wählt man einen Pitch, den man gut kontrollieren kann, und zielt damit klar in die Strikezone.

– Steht der Count hingegen bei 0-2, so kann man sich ohne weiteres einen Ball erlauben, während der Batter keinen weiteren Strike riskieren darf. Es bietet sich ein Pitch an, der bewusst die Strikezone verfehlt, ihr aber nahe genug kommt, um den Batter zu einem Schwung zu verführen.

In den aufgeführten Beispielen scheint relativ klar zu sein, welcher Pitch jeweils sinnvoll ist. Nun kommt aber erschwerend hinzu, dass jede der angestellten Überlegungen auch dem Batter und seinen Kollegen bewusst ist. Der Pitcher muss daher nicht nur die Spielsituation berücksichtigen, sondern auch die bestehenden Erwartungen und Erwartungserwartungen. Er muss häufig genug einen anderen als den auf der Hand liegenden Pitch wählen, damit der Batter sich nie zu sicher sein kann.

Einen Sonderfall stellt eine Spielkonstellation dar, in der ein Walk aus Sicht des Pitchers das geringste Übel darstellt. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein besonders starker Batter am Schlag ist und nach ihm eine vermeintlich leichtere Aufgabe wartet. Oder wenn die zweite Base besetzt, die erste aber frei ist. In dem Fall erhöht man die Chancen, im Infield ein leichtes Out oder auch zwei zu erzielen, indem man den Batter auf die erste Base lässt. Das kann man ganz offen tun, indem man einen Intentional Walk signalisiert: Der Manager hält vier Finger in die Höhe, woraufhin der Umpire den Batter direkt zur Base schickt. Oder man wählt die Variante “half-intentional” – das heißt, man wirft bewusst Pitches außerhalb der Strikezone und überlässt es dem Batter, ob er das Geschenk annimmt oder sich an einem wenig aussichtsreichen Schwung versucht.

Januar 5th, 2019 by