Pitching-Taktik 2: Vom Starter bis zum Closer

Letzte Woche ging es an dieser Stelle um die Auswahl der Pitches. Sie ist eine der beiden großen taktischen Herausforderungen beim Pitching. Die andere besteht in der Entscheidung des Managers, wann und wie lange die vorhandenen Pitcher eingesetzt werden.

In den frühen Jahrzehnten der Baseballgeschichte stellte sich diese Frage kaum. Es gab wie heute eine Rotation aus mehreren Starting Pitchern, die sich von Spiel zu Spiel abwechselten – wobei es damals meistens drei bis vier Starter waren, während heute fünf üblich sind. Vom jeweiligen Starting Pitcher wurde erwartet, dass er das komplette Spiel absolvierte. Gewechselt wurde nur, wenn der Starter sich verletzte oder wenn seine Leistung nicht stimmte. Das änderte sich mit der Zeit mehr und mehr. Complete Games wurden immer seltener und sind inzwischen geradezu eine Rarität.

JahrComplete GamesAnteil
1898160987,4%
1918128063,0%
1938109044,6%
195874330,1%
1978103424,6%
19983026,2%
2018420,9%

Üblicherweise wird der Starter heute spätestens nach 100 bis 120 Pitches gegen einen Relief Pitcher ausgewechselt. Das ist meistens nach fünf bis sieben Innings der Fall. Für die Entwicklung hin zu kürzeren Starts sprechen zwei wichtige Argumente: Erstens ist man zunehmend zu der Einsicht gelangt, dass bei einem hohen Pitch Count die Belastung der Muskeln und Gelenke so hoch wird, dass die Effektivität der Pitches ab- und das Verletzungsrisiko für den Pitcher zunimmt. Zweitens zeigt die Erfahrung, dass die Batter umso leichteres Spiel haben, je öfter sie einem bestimmten Pitcher gegenüberstehen, weil sie sich auf diesen einstellen und in einen Rhythmus finden. Aus Sicht des verteidigenden Teams ist es daher sinnvoll, einen Wechsel vorzunehmen, nachdem der Starter zwei- bis höchstens dreimal durch das Batting Lineup gepitcht hat.

Einhergehend mit der Tendenz zu kürzeren Starts hat sich auch die Rolle der Relief Pitcher verändert. Waren sie früher schlichtweg Ersatzleute, die wenn nötig für den Starter einsprangen und das Spiel zu Ende pitchten, handelt es sich heute um Spezialisten für besondere Aufgaben und Situationen. Hier einige typische Rollen, die Relief Pitcher ausfüllen:

– Long Reliever. Er übernimmt für mehrere Innings, falls der Starter mal besonders früh ausgewechselt werden muss. In der Regel füllt diese Rolle ein Pitcher aus, der selbst Erfahrung als Starter hat und auch von Anfang an einspringen kann, wenn zum Beispiel durch Verletzungen mal eine Lücke in der Starting Rotation entsteht.

– Middle Reliever. Pitcht in der Regel ein oder zwei Innings, bevor das Spiel in die Endphase geht. Übernimmt gegebenenfalls auch mal ein spätes Inning, wenn das Spiel ohnehin weitgehend entschieden ist und man die Top-Reliever schonen will.

– LOOGY. Der Lefty-One-Out-GuY ist Spezialist für linkshändige Batter. Da im gegnerischen Lineup selten mehr als einer oder zwei davon hintereinander an der Reihe sind, ist der Auftritt des LOOGY meistens von kurzer Dauer.

– Setup-Man. In der Regel der zweitbeste Reliever der Mannschaft. Sein Job ist es, spät im Spiel – meistens im achten Inning – einen engen Spielstand zu verteidigen.

– Closer. Der zuverlässigste Reliever im Team hat die Aufgabe, das Spiel zu Ende zu bringen, vor allem wenn es sich um eine Save-Situation handelt, es also eine knappe Führung zu retten gilt.

Eine neue Entwicklung ist die Rolle des Openers. Gemeint ist damit, dass ein Pitcher das Spiel beginnt, dessen Start von vornherein nicht für einen längeren Auftritt ausgelegt ist. Die damit verbundene Taktik nennt sich Bullpenning. Anstelle des üblichen Starter-Reliever-Modells wird beim Bullpenning von Anfang an alle ein, zwei Innings der Pitcher gewechselt. Bislang handelt es sich bei dieser Art des Pitcher-Einsatzes um eine Ausnahme, aber der Trend scheint das Potenzial zu haben, sich auszuweiten. Begonnen wurde er in der vergangenen Saison von den Tampa Bay Rays und er fand direkt einige Nachahmer. Von den Oakland Athletics und den Milwaukee Brewers wurde er bereits bis in die Playoffs getragen.

Bei der Entscheidung, welcher konkrete Pitcher zum jeweiligen Zeitpunkt eingewechselt wird, kommt es neben der beschriebenen Rollenverteilung stark auf den Spielstand an. Je deutlicher die Partie bereits in die eine oder in die andere Richtung entschieden ist, desto mehr tendieren die Manager dazu, ihr schwächeres Personal einzusetzen und dieses verhältnismäßig lange im Spiel zu lassen. In engeren Spielen hingegen schaut man sehr genau auf jedes einzelne Matchup und setzt immer den Reliever ein, der gerade die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit für die nächsten ein bis drei Outs gewährt. Eine typische Matchup-Entscheidung ist, dass bevorzugt linkshändige Pitcher gegen linkshändige Batter eingesetzt werden. Bei gleichhändigen Matchups haben Pitcher den Vorteil, dass Breaking Balls sich vom Batter weg bewegen und somit schwerer zu schlagen sind als wenn die Bewegung in die andere Richtung geht. Die Händigkeit ist aber bei weitem nicht das einzige relevante Kriterium, um ein vorteilhaftes Matchup zu finden. Die Teams nutzen den riesigen Datenfundus, den es über jeden Spieler gibt, um Stärken und Schwächen aller Art aufzudecken und zu nutzen. Das kann zum Beispiel sein, dass Batter X Probleme mit Curveballs hat, dass Pitcher Y gut darin ist, Power Hitter auf Groundballs zu beschränken oder dass Runner Z regelmäßig Bases stiehlt, wenn ein Pitcher mit etwas langwierigerer Wurfbewegung auf dem Mound steht.

Januar 12th, 2019 by