Saison-Vorschau 2021: #11 Tampa Bay Rays

Die Tampa Bay Rays eroberten 2020 die AL East im Sturm, überwanden auf dem Weg zur Meisterschaft der American League die Blue Jays, die Yankees und die Astros und mussten sich erst in der World Series den Dodgers geschlagen geben. Wie knüpft man an die erfolgreichste Saison der Teamgeschichte an? Indem man seine Leistungsträger beisammen behält und sich in der Offseason darauf konzentriert, die letzten Schwachpunkte auszumerzen? So hätten es die meisten wohl gemacht, aber nicht die Rays, die schon immer alles ein bisschen anders machen als andere Franchises. Ihre erste und einschneidendste Maßnahme bestand darin, sich von zwei der drei Top-Starter des letzten Jahres zu trennen. Zuerst verzichteten sie auf die Vertragsoption, Charlie Morton für 15 Millionen Dollar ein weiteres Jahr zu halten; Morton unterschrieb daraufhin für genau diesen Betrag bei den Braves. Kurz darauf tradeten die Rays Blake Snell zu den San Diego Padres und sparten dadurch weitere 10,5 Millionen für dieses bzw. 39 Millionen für die drei ausstehenden Vertragsjahre – was, nebenbei bemerkt, nicht viel Geld für einen Top-Pitcher ist. Als Ersatz für die zwei Elite-Pitcher vergab man bescheidene Einjahresverträge an Michael Wacha und Chris Archer, deren gute Zeiten jeweils drei bis vier Jahre zurückliegen, sowie an den 41-jährigen Rich Hill, der seinem Alter nicht ewig davonlaufen wird. Wenn es nicht die Rays wären, würde man ihnen wohl allenthalben eine katastrophale Offseason attestieren und den Absturz ins Mittelmaß prophezeien. Das tut aber keiner, weil sie eben die Rays sind und als solche den wohlverdienten Ruf genießen, dass ihre Moves sich im Nachhinein meistens als sinnvoll erweisen und dass sie großartig darin sind, aus verhalten begeisternden Einzelteilen ein starkes Ganzes zu formen. Wenn sich hinter ihrem Ass Tyler Glasnow keine vier, sondern nur ein oder zwei verlässliche Starter herauskristallisieren, dann behelfen sie sich mit einer Opener-Strategie oder anderen innovativen Taktiken. Ähnlich sieht es mit dem Batting-Lineup aus, das weitgehend unverändert in die neue Saison geht: Der Star ist nicht ein einzelner Spieler, sondern die Flexibilität, mit der die Rays sich auf jeden Gegner einstellen. Alles in allem bleiben die Rays, obwohl sie letztes Jahr in der World Series waren, für die neue Saison nicht mehr als ein Geheimtipp – aber auch nicht weniger.

Voraussichtliches Lineup
C Mike Zunino
1B Ji-Man Choi
2B Brandon Lowe
SS Willy Adames
3B Joey Wendle
LF Randy Arozarena
CF Kevin Kiermaier
RF Austin Meadows
DH Yandi Diaz

Voraussichtliche Rotation
RHP Tyler Glasnow
LHP Ryan Yarbrough
RHP Chris Archer
RHP Michael Wacha
LHP Rich Hill
Key Relievers: Nick Anderson, Diego Castillo

Wichtigster Zugang
SP Chris Archer (Pittsburgh Pirates)

Wichtigster Abgang
SP Blake Snell (San Diego Padres)

Bestes Prospect
SS Wander Franco

Größte Stärke
Das Farmsystem: In nahezu allen gängigen Rankings steht die Nachwuchsabteilung der Rays auf dem ersten Platz, angeführt von Top-Prospect Wander Franco und fünf weiteren Talenten in den Top-100 von MLB Pipeline. Eine so starke Farm ist völlig untypisch für ein Small-Market-Team, das gerade einen World-Series-Trip hinter sich hat, und spricht für die exzellente und nachhaltige Arbeit, die in dieser Organisation geleistet wird.

Größte Schwäche
Die Konkurrenz: Selbst wenn man den Rays sehr wohlwollend zugesteht, dass ihr Kader sich gegenüber dem letzten Jahr kaum verschlechtert hat, so fällt es doch schwer zu glauben, dass sie die großen Player der AL East weiter hinter sich halten können. Die Blue Jays haben massiv aufgerüstet, und die Yankees werden explodieren, sobald sie mal ohne übermäßiges Verletzungspech durch eine Saison kommen.

Spannendste Frage
Hält Arozarena, was der erste Eindruck verspricht? Randy Arozarena war die Sensation des vergangenen Herbstes. Der Outfielder rückte im September in den MLB-Kader auf und schlug in 23 Saisonspielen .281/.382/.641 (176 wRC+); in den Playoffs legte er sogar noch eine Schippe drauf mit .377/.442/.831 (239 OPS+) und wurde zum MVP der Championship Series gewählt. Die Story des 26-Jährigen, der vor fünf Jahren seine kubanische Heimat auf einem Flüchtlingsboot verließ und sich über Mexiko bis in die MLB durchkämpfte, ist so faszinierend, dass bereits eine Verfilmung in Arbeit ist. Allem Hype zum Trotz sollte man nicht vergessen, dass wir nur eine kleine Stichprobe von Arozarenas Können gesehen haben und dass abzuwarten bleibt, ob er die Pitcher auch dann noch zur Verzweiflung treibt, nachdem diese ihn eine ganze Offseason lang studiert haben. Wenn ihm das gelingt, ist der Junge ein ganz heißer Anwärter auf den Titel des Rookie of the Year.

Meine Prognose
Platz 3 in der AL East

Hier geht’s zum Power-Ranking mit allen bisher erschienenen Previews.

März 20th, 2021 by