Die Ballparks der MLB: Progressive Field

Es war einmal – die Älteren unter euch werden sich erinnern – eine Serie über die Ballparks der MLB. Fenway Park, PNC Park, AT&T Park, Wrigley Field, Coors Field, Dodger Stadium und Citi Field habe ich damals vorgestellt. Mit Beginn der Saison 2018 war dann erst mal Schluss, aber ich habe zu der Reihe so viele und so positive Rückmeldungen bekommen, dass ich entschieden habe, sie in dieser Offseason fortzusetzen. Los geht es mit dem Stadion, dessen Vorstellung mit Abstand am häufigsten gewünscht wurde (allerdings immer vom selben Leser): Progressive Field, Heimat der Cleveland Indians.

Geschichte
Gut 60 Jahre lang spielten die Indians im 1931 erbauten Cleveland Stadium, das sie sich ab 1946 mit dem NFL-Team Cleveland Browns teilten. Mit einem Fassungsvermögen von fast 80.000 Zuschauern war es lange Zeit das größte Baseballstadion der MLB. Das war beeindruckend, wenn das Stadion einigermaßen voll war. Die andere Seite der Medaille: Wenn mal „nur“ 40.000 oder weniger Besucher da waren, blieb die Stimmung im weiten Rund auf der Strecke und das war in den für die Indians mageren 60er, 70er und 80er Jahren sehr oft der Fall. Aus diesem Grund sehnte man sich nach einem neuen Stadion. Dessen Planung zog sich sehr lange hin – unter anderem, weil 1984 ein Volksbegehren die vollständige öffentliche Finanzierung des Bauwerks ablehnte.

Erst 1990 konnte die Bezahlbarkeit der zwischenzeitlich mehrfach geänderten Pläne gesichert werden. Gut die Hälfte des 175 Millionen Dollar teuren Ballparks steuerte Teambesitzer Richard Jacobs bei, der Rest wurde durch eine eigens zu diesem Zweck eingeführte „Sündensteuer“ auf Alkohol und Tabak aufgebracht. 1992 begann der Bau am „Gateway Sports and Entertainment Complex“, zu dem neben dem neuen Ballpark der Indians auch eine neue Halle für die Cleveland Cavaliers aus der NBA gehörte.

Das Eröffnungsspiel fand am 4. April 1994 zwischen den Cleveland Indians und den Seattle Mariners statt. Den zeremoniellen ersten Pitch warf der damalige US-Präsident Bill Clinton. Vor 41.459 Zuschauern siegten die Indians nach elf Innings mit 4:3. Die sportlichen Highlights in der Geschichte des Ballparks waren die Indians-Heimspiele der World Series 1995, 1997 und 2016 sowie das All-Star-Game 1997. Das All-Star-Game 2019 wird ebenfalls hier stattfinden. Den bislang einzigen No-Hitter in Progressive Field erzielte Ervin Santana für die Los Angeles Angels bei deren 3:1-Sieg über die Indians am 27. Juli 2011. Vom 12. Juni 1995 bis zum 4. April 2001 waren 455 Heimspiele der Indians hintereinander ausverkauft. Das war siebeneinhalb Jahre lang MLB-Rekord, bis ihn die Boston Red Sox im Jahr 2008 überboten. 

Seinen heutigen, von einer Versicherung gesponserten Namen trägt der Ballpark übrigens erst seit 2008. Zuvor hieß das Stadion seit seiner Eröffnung „Jacobs Field“ nach dem damaligen Teambesitzer. In Ableitung davon heißt es im Volksmund bis heute „The Jake“.

Progressive Field vor Spiel 1 der ALDS 2016 zwischen den Indians und den Boston Red Sox (1)

Architektonische Auffälligkeiten
Progressive Field wird als „retro-moderner“ Ballpark bezeichnet. Der Begriff soll ausdrücken, dass das Stadion einerseits vor allem im Inneren dem Retro-Design folgt, das mit dem zwei Jahre zuvor eröffneten Oriole Park in Baltimore populär geworden war – einheitlich grüne Sitze, asymmetrische, unterschiedlich hohe Outfieldzäune, die stufenweise Anordnung der Tribünen mit einem schmalen Oberrang sind Kennzeichen dieses wiederentdeckten Stils alter Jewelbox-Parks. Andererseits pflegt Progressive Field mit seiner von grauen Stahlträgern dominierten Fassade von außen einen eher kühlen, modernen Stil.

Frontansicht von Progressive Field (2)

Der Ballpark liegt in der Innenstadt und ist dementsprechend gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Die Aussicht von der Haupttribüne ist so angelegt, dass man theoretisch einen guten Blick auf die Skyline von Cleveland hat. Dieser wird allerdings zu einem guten Teil verdeckt durch die sehr große Anzeigetafel im Outfield – mit 1.200 m² übrigens das größte Scoreboard der Liga.

Ein im Jahr 2007 neu hinzugefügtes Element ist der Heritage Park hinter dem Centerfield. In dieser Erinnerungsstätte findet man 27 Plaketten zu Ehren der Hall-of-Fame-Mitglieder der Indians sowie 38 Steine, die großen Momenten der Teamgeschichte gewidmet sind. Im gleichen Jahr wurde Progressive Field zum ersten Ballpark mit Solarkollektoren. 2012 kam noch eine Windturbine hinzu, die ein Jahr lang charakteristisch über dem Stadion thronte. Sie musste dann jedoch wieder abgebaut werden, weil sich ihre Bauart als zu instabil für die mitunter heftigen Winde in Cleveland erwies.

Heritage Park (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Laut den Ballpark-Faktoren von ESPN für die Saison 2018 ist Progressive Field eines der hitterfreundlicheren Stadien der Liga. Diese Faktoren sind allerdings Schwankungen unterworfen und langfristig ist das Stadion eher zu den relativ ausgeglichenen Ballparks zu rechnen. Zieht man die Händigkeit der Batter mit in Betracht, so zeigt Progressive Field sich als ein Ballpark, in dem es im Vergleich mit dem MLB-Durchschnitt rechtshändige Batter etwas schwerer, linkshändige Batter hingegen leichter haben, Homeruns zu erzielen. Das ist wenig überraschend, denn während die Länge des Feldes mit 325 Fuß (99 Meter) im Leftfield und im Rightfield identisch ist, ist der Zaun im Leftfield mit 19 Fuß (5,79 Meter) sehr viel höher als der im Rightfield mit nur 9 Fuß (2,74 Meter).

Ein Faktor, der das Spiel in Progressive Field stark beeinflussen kann, sind die bereits erwähnten starken und mitunter unberechenbaren Winde, die in der Gegend um Lake Erie oft herrschen.

Wo sitzt man am besten?
Progressive Field liegt von den Preisen her im Mittelfeld der Liga und ist wie nahezu jedes moderne Stadion so konstruiert, dass man von jedem Platz aus eine gute Sicht auf das Feld hat. Man bekommt das, wofür man bezahlt, das heißt weiter unten und näher zur Homeplate ist es natürlich teurer als weiter oben und Richtung Outfield. Ein guter Kompromiss sind die View Boxes hinter der Homeplate (Blöcke 450-459). Dort sitzt man direkt über den Pressekabinen mit entsprechend gutem Blick für erschwingliche Preise von 28 bis 36 Dollar (Saison 2018).

Wer es lieber ganz exklusiv hat, der kann eine Premium Suite mieten. Für 3.500 bis 6.000 Dollar bekommt man für eine Gruppe von bis zu 16 Personen nicht nur klimatisierte Plätze mit perfekter Sicht auf das Spiel, sondern auch Essen, Getränke, Parkplätze und eigene Toilettenräumlichkeiten.

Ist man hingegen eher auf Schnäppchen aus, dann bieten sich die die Plätze im Bereich Upper Reserve an. Für 8 bis 16 Dollar ist man zwar relativ weit weg vom Geschehen, aber immerhin dabei. Und wenn man erst mal drin ist, kann man sich nach ein paar Innings auch auf die Suche nach besseren Plätzen machen.

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Arturo Pardavila III (CC BY SA 2.0)
(2) Quelle: Flickr, Urheber: Eric Drost (CC BY SA 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Eric Drost (CC BY SA 2.0)

November 13th, 2018 by