Baseball und Punkrock: Scott Radinsky im Interview

Wenn im Baseball die Rede von einem 2-Way-Player ist, denkt man vermutlich erst mal an Shohei Ohtani und an Babe Ruth. Bei mir geht es heute um einen 2-Way-Player der ganz anderen Art. Scott Radinsky war von 1990 bis 2001 als Relief Pitcher für die Chicago White Sox, die Los Angeles Dodgers, die St. Louis Cardinals und die Cleveland Indians aktiv und füllte danach diverse Coaching-Jobs in den Major und Minor Leagues aus. Das würde nach einer ziemlich normalen Profi-Baseballkarriere klingen, hätte Radinsky nicht die ganze Zeit über ein zweites Standbein als Punkrocker gepflegt, was seine Lebensgeschichte zu einer doch eher ungewöhnlichen macht. Zunächst mit Ten Foot Pole und dann mit der 1994 von ihm gegründeten Band Pulley nutzte Radinsky regelmäßig die Saisonpausen, um Alben aufzunehmen und durch die Welt zu touren, unter anderem als Support von Green Day und NOFX. Vor wenigen Tagen hat Pulley eine neue EP veröffentlicht. Ich hatte das Vergnügen, mit Scott Radinsky ein Interview führen zu dürfen, das ihr im Folgenden nachlesen könnt.

Scott Radinsky 2012 als Pitching Coach der Indians1

Dominik: Zunächst mal herzlichen Dank, dass du dir die Zeit für mich und meine Leserinnen und Leser nimmst. Würdest du dich bitte kurz vorstellen und erzählen, was du getan hast und zurzeit tust?

Scott: Danke, gern. Ich bin Scott Radinsky, ein ehemaliger MLB-Pitcher und Profi-Baseball-Coach, der auch in einer Punk-Band namens Pulley singt. In den letzten paar Jahren habe ich bei einem lokalen High-School-Team ausgeholfen und mich für USA Baseball engagiert. [Anm.: USA Baseball ist quasi das US-Pendant zum DBV und unter anderem für die Olympia- und Nationalmannschaften verantwortlich.]

Dominik: Baseball und Punkrock, das klingt für mich nach einer großartigen Kombination, weil ich persönlich beides sehr mag, aber es scheinen mir auch zwei sehr unterschiedliche Welten zu sein – auf der einen Seite ein Sport, der als eher konservativ gilt und viel Disziplin und Einordnung in hierarchische Strukturen verlangt, auf der anderen Seite eine Musikszene, deren Mottos darin bestehen, seinen eigenen Weg zu gehen, Autoritäten und Hierarchien in Frage zu stellen usw. Wie passt das für dich zusammen?

Scott: Nun, tatsächlich hat beides für mich nie richtig zusammengepasst, abgesehen davon, dass es die einzigen Dinge sind, die ich je gemacht habe. Wenn ich nach Gemeinsamkeiten suche, dann ist es am ehesten, dass man in beiden Fällen vor Publikum spielt, aber das ist auch schon so ziemlich alles. Baseball ist der große Apparat mit festen Strukturen und Leuten, die sich gegenseitig ausbooten, um selbst nach oben zu kommen. Es ist eine ziemliche Ellenbogengesellschaft. Das Spiel ist großartig, aber das Business? Äh, nicht so großartig. 
Punkrock hingegen kam immer ohne echte Grenzen aus, innerhalb derer man sich bewegen müsste, man hat die Freiheit, sich künstlerisch und musikalisch auszudrücken und einfach man selbst zu sein. Gerade wenn man mit Labels arbeitet, die selbst von Punks betrieben werden, gibt einem das die Freiheit, sich auszudrücken und die Ermutigung, den eigenen Weg zu gehen, egal wohin dieser einen führt. 

Dominik: Würdest du sagen, Baseball sollte in der Hinsicht etwas vom Punkrock lernen?

Scott: Sie könnten auf jeden Fall lernen, mehr sie selbst zu sein und den Spielern mehr zu erlauben, sich auszudrücken. Tatsächlich gab es in den letzten paar Jahren deutlich weniger Kontroversen um die Aufrechterhaltung bestimmer Images, und einige Spieler mit offener Persönlichkeit werden ermutigt, diese auszuleben und sich nicht anzupassen. Das ist ein großer Schritt für ein Spiel, das es seit über 100 Jahren gibt, mit ungeschriebenen Regeln, Traditionen usw. Vielleicht ist der Baseball also bereits dabei, eine Seite aus dem Punkrock-Handbuch zu übernehmen.

Dominik: Alice Cooper hat mal gesagt: „Wenn mich jemand vor die Wahl gestellt hätte, ein Rockstar zu sein oder im Leftfield für die Tigers zu spiele, dann wäre das gar keine Frage gewesen. Ich hätte einfach gesagt: Wo ist mein Spind?“ Was wäre deine Wahl gewesen, wenn du zwischen Bühne und Mound hättest entscheiden müssen?

Scott: Ich denke, in dem Fall hätte ich gewählt, von Februar bis Oktober ein Baseballspieler zu sein und ein Punk in den restlichen vier Monaten des Jahres. Moment mal – das ist ja genau das, was ich bin!

Dominik: Wie war das mit deinen Teamkameraden während der aktiven Karriere, haben sie sich für dein Zweitleben als Musiker interessiert?

Scott: Einige waren beeindruckt, anderen war es egal oder es war ihnen gar nicht bewusst. Ich habe es meistens ziemlich gut hinbekommen, beides voneinander zu trennen, außer wenn ich wusste, dass sich jemand aufrichtig interessierte. Einige der Jungs waren auf Konzerten oder während der Aufnahmen im Studio und da wurde ihnen erst richtig klar, scheiße, das ist echt. Sie hatten definitiv eine andere Perspektive, nachdem sie es persönlich aus der Nähe gesehen haben.

Dominik: Und wie war es andersherum für deine Bandkollegen? Es heißt, dass du wegen dem Baseball aus deiner früheren Band Ten Foot Pole rausgeflogen bist.

Scott: Ja, Baseball war die Begründung, dass man mich bat, die Band zu verlassen, obwohl ich zu der Zeit schon seit acht Jahren professionell gespielt hatte. Es war die Zeit der Punk-Explosion in den frühen bis mittleren 1990ern und Ten Foot Pole hatte die Hoffnung, den Durchbruch zu schaffen. Je nachdem, wie man es betrachtet, kann man wohl auch sagen, dass vielleicht Geld der Grund war.  

Dominik: Du hast in 557 MLB-Spielen gepitcht. Welches war das eine Spiel oder der eine Moment, den du am meisten genossen hast?

Scott: Das war wahrscheinlich der Zeitpunkt, als ich zum ersten Mal in der Major League pitchen durfte. Das ist der Moment, auf den wir alle hinarbeiten. Als es endlich passierte und ich mir bewusst machte, dass ich in einem MLB-Spiel pitchte, da wusste ich: Ich hab’s geschafft! Danach kam der anstrengende Teil, der Kampf ums Überleben und darum, so lange dabei zu bleiben wie ich konnte.

Dominik: Hattest du als Reliever einen Walkup-Song, vielleicht sogar von deiner Band? 

Scott: Ich hatte leider keinen Song, der regelmäßig gespielt wurde, wenn ich ins Spiel kam. Ich hätte wohl einen von den Ramones gewählt.

Dominik: Inwiefern fließen deine Baseballerfahrungen in deine eigenen Songtexte ein?

Scott: Mein tägliches Leben ist definitiv ein Einfluss auf meine Lyrics und manchmal ist Baseball ein Teil davon. Ich bin nicht sicher, ob ich einen ganzen Song nennen könnte, der sich auf Baseball zurückführen lässt. Der Einfluss kommt wohl eher in Form von einzelnen Gedanken, Zeilen und Abschnitten zum Tragen als in kompletten Liedern. 

Dominik: Wäre es denn vorstellbar für dich, mal ein ganzes Album zu veröffentlichen, auf dem sich alles um Baseball dreht, so wie man es von den Isotopes kennt?

Scott: Ich weiß nicht recht, ob ich das könnte. Gott sei Dank gibt es die Isotopes.

Dominik: Apropos Veröffentlichen, ihr habt mit Pulley gerade die EP „Different Strings“ herausgebracht. Sie enthält vier Songs, die man von euch schon kannte, in neuen Akustik-Versionen. Wie ist es dazu gekommen?

Scott: Das ging zum Beginn der Coronazeit los, während wir dabei waren, neue Songs zu schreiben. Wenn wir davon eine Pause brauchten, klimperten wir zwischendurch ältere Songs auf Akustikgitarren und stellten fest, dass einige der Lieder auf diese Art gar nicht schlecht klangen. Also haben wir eine Auswahl getroffen und sie aufgenommen.

Dominik: Dass ihr dabei wart, neue Songs zu schreiben, heißt also, dass demnächst auch mit einem vollen Album zu rechnen ist? 

Scott: Ja, wir sind nach wie vor dran und werden demnächst weitere Veröffentlichungen am Start haben.

Dominik: Gibt es Hoffnung, euch auch bald mal wieder in Deutschland zu sehen, wenn die Coronasache durchgestanden ist?

Scott: Ich hoffe ganz stark, dass wir alle bald wieder Shows besuchen und spielen und uns an Live-Musik erfreuen können.

Dominik: Leider sind Musik und Sport zwei der am härtesten von Corona getroffenen Bereiche. Wie gut bist du mit der Pandemiesituation zurecht gekommen?

Scott: Ja, die Pandemie hat uns alle hart getroffen. Aber für mich persönlich kann ich sagen, dass ich viel Zeit mit meiner Familie verbracht habe und das langsame Leben genossen habe. Insofern war es in Ordnung für mich und hat mich nicht verrückt gemacht. Sicher war bei mir der Druck auch dadurch geringer, dass ich vorher schon keinen festen Job hatte und mir trotzdem keine Sorgen machen musste. Ich weiß nicht, wie lange das Sportgeschäft brauchen wird, bis es die finanziellen Einbußen verkraftet hat, aber zurzeit können die Stadien ihre Kapazitäten wieder stärker ausschöpfen, was für die Eigentümer hilfreich und ermutigend sein dürfte. 

Dominik: Wie sehen deine Zukunftspläne im Baseball aus? Hast du die Hoffnung, es als Trainer oder Manager noch mal zurück in die Big Leagues zu schaffen?

Scott: Momentan setze ich erstmal meine Arbeit mit USA Baseball und auf dem High-School-Level fort. Zudem gibt es ein College-Summer-League-Team in meiner Nähe, bei dem ich ebenfalls als Coach mithelfen werde. Was eine Rückkehr in den professionellen Baseball angeht, würde ich die Tür nicht ganz schließen wollen, aber ich bin definitiv nicht auf der Suche. Falls jemand anruft, werde ich sicher zuhören. Angesichts der Richtung, die das Profi-Level zurzeit eingeschlagen hat, muss ich sagen, dass ich sicher besser in einen Bereich passe, in dem ich eher lehren kann als nur Informationen zu transferieren. 

Dominik: Wie stehst du zu den Regeländerungen, die in letzter Zeit umgesetzt wurden oder noch diskutiert werden, zum Beispiel das 3-Batter-Minimum, automatische Baserunner in Extra-Innings oder den universellen DH?

Scott: Ich habe schon eine Meinung zu all diesen Themen, aber im Endeffekt werde ich weder in die eine noch in die andere Richtung etwas ändern können. Daher schwimme ich in dem Fall mit dem Strom und nehme es so wie es kommt. Generell habe ich den Eindruck, dass sich die Dinge ein bisschen in Richtung Little League entwickeln. 

Dominik: Du hast jahrelang für die Cleveland Indians gespielt und gearbeitet. Was hältst du von den Diskussionen um den Namen und das Logo?

Scott: Ja, ich war fast ein Jahrzehnt lang in verschiedenen Rollen für die Indians tätig. Ich muss zugeben, dass ich in der Zeit nie wirklich über den Namen nachgedacht habe. Es hat mich nie beschäftigt, weil ich sie nur unter diesem Namen kannte.

Dominik: Wenn du bei der anstehenden Auswahl des neuen Namens mitbestimmen könntest, wie würdest du das Team nennen?

Scott: Ich würde es definitiv gern „The Cleveland Baseball Team“ nennen. Ich finde, das hat einen guten Klang, lang aber gut. Aber es wird mir auch schwer fallen, sie irgendwie anders zu nennen als die Indians.

Dominik: Gibt es noch etwas, das du mit mir und meinen Leserinnen und Lesern teilen möchtest, auch wenn ich versäumt haben sollte, die richtige Frage zu stellen?

Scott: Ich möchte einfach allen danken, die das Interview gelesen haben und bis zum Ende dabei geblieben sind. Passt auf euch auf und seid nett zueinander!

Dominik: Da schließe ich mich doch glatt an. Vielen Dank, Scott!

Scott Radinsky bei einem Konzert mit Pulley 20132

Ein weiteres Dankeschön geht an Nick Josten von JO!PR und SBÄM Records für die Vermittlung des Interviews. Hier könnt ihr euch den ersten Song der EP „Different Strings“ von Scotts Band Pulley anhören. Ihr findet sie bei den bekannten Streaminganbietern, zudem sind unter dem Video (wenn ihr es in Youtube öffnet) Bezugsquellen für die Vinyl-Version genannt.

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Keith Allison (CC BY-SA 2.0)
(2) Quelle: Wikimedia, Urheber: Achim Raschka (CC BY-SA 3.0)

Juni 5th, 2021 by