Warum will (fast) niemand die Rays sehen?

Wenn man sich die Zuschauerzahlen der MLB-Teams anschaut, so erklärt sich Vieles von selbst: Ganz oben stehen Teams, die sowohl eine lange Tradition ihr eigenen nennen als auch aktuell oben mitspielen – die Dodgers, die Cardinals, die Yankees, die Phillies und die Cubs. Ganz unten stehen überwiegend die Klubs, die sportlich mit geringen Ambitionen unterwegs sind – zum Beispiel die Orioles, die Tigers, die Royals und ganz besonders die Marlins. Vergleicht man die Zahlen mit denen des Vorjahres, so kann man auch ganz gut ablesen, welche Teams interessanter geworden sind – vor allem die Phillies und die Padres – und welche sich auf dem absteigenden Ast befinden – beispielsweise die Giants, die Nationals und die Indians.

Eine erstaunliche Konstanz legen hingegen die Zuschauer der Tampa Bay Rays an den Tag: Durchschnittlich 14.540 Leute wollten im bisherigen Jahr die Rays im Ballpark sehen. Das sind fast exakt gleich viele wie 2018 (14.428), und es sind vor allem deutlich weniger als bei jedem anderen Team außer den Marlins. Die Marlins stecken bekanntlich tief im Rebuilding, sind mit Abstand das schlechteste Team der MLB und tun nichts, was irgendwie zum Stadionbesuch ermuntern würde. Ganz anders die Rays: Sie haben letztes Jahr 90 Spiele gewonnen und nur äußerst knapp die Playoffs verpasst. Dieses Jahr führen sie die AL East an, in welcher mit den Red Sox und den Yankees die vielleicht stärksten und attraktivsten Konkurrenten der gesamten Liga unterwegs sind.

Am vergangenen Wochenende immerhin war Tropicana Field an zwei Tagen hintereinander ausverkauft. Man muss dazu zweierlei sagen: Erstens sahen die optischen und akustischen Eindrücke sehr stark danach aus, als wären es Heimspiele der Yankees. Zweitens bedeutet „ausverkauft“ in Tampa Bay nicht mehr als 25.025 Zuschauer und somit eine geringere Zahl als in anderen MLB-Stadien durchschnittlich die Spiele besucht. Die Kapazität von Tropicana Field wurde im Laufe der letzten 20 Jahre von einst rund 45.000 Plätzen immer weiter künstlich reduziert, indem ganze Blöcke und Ebenen dauerhaft geschlossen wurden mit dem Ziel, durch engeres Zusammenrücken der wenigen Zuschauer mehr Atmosphäre zu schaffen.

Die Gründe für das Ausbleiben der Zuschauer sind vielfältig. Ein Punkt ist sicher, dass das Stadion alles andere als schön ist. Es ist der einzige Ballpark der MLB mit dauerhaft geschlossenem Dach. Das Dach mit seinen vielen Verstrebungen und Gerüsten sieht von innen aus wie ein behelfsmäßiges Zirkuszelt, die Bullpens sind nicht vom Feld abgetrennt und die vielen außer Betrieb genommenen und abgedeckten Sitzplätze versprühen den Charme einer Bauruine. Auch die Lage des Stadions ist sehr ungünstig für einen Großteil der Einwohner des Einzugsbereichs. Von Tampa, der bevölkerungsreichsten Stadt der Tampa-Bay-Region, sind es über 30 Kilometer und das mit Verkehrsanbindungen, die im Berufsverkehr in der Regel überlastet sind. Hinzu kommt, dass Florida generell ein schlechtes Pflaster für professionellen Baseball zu sein scheint: Die beliebteste Sportart der Gegend ist Football und die Bevölkerung des Staats hat eine hohe Quote von Zugereisten, die selbst bei vorhandenem Baseballinteresse meist andere Lieblingsteams haben als die erst 1998 gegründeten Rays.

Im Endeffekt scheint es nur zwei realistische Auswege aus der Zuschauermisere der Tampa Bay Rays zu geben: einen Stadion-Neubau oder eine Relocation. Über Ersteren wird seit Jahren diskutiert, doch die aussichtsreichsten Pläne für einen neuen Ballpark im weitaus günstiger gelegenen Ybor City haben sich inzwischen zerschlagen. Momentan konzentrieren sich die Überlegungen wieder auf St. Petersburg, die aktuelle Heimat der Rays. Wahrscheinlicher erscheint allerdings, dass die Franchise spätestens 2027 mit Auslaufen der aktuellen Mietverträge eine ganz neue Heimat suchen und finden wird. Über mögliche Verlegungen oder Erweiterungen der MLB wird seit Jahren spekuliert. Es erscheint sehr gut vorstellbar, dass die Rays in diesem Zuge nach Montreal, Portland, Charlotte oder gar Mexico City verlegt werden. Das wäre zwar schade für die Region, aber ich glaube für die Liga wäre es die richtige Entscheidung.

Mai 14th, 2019 by