Rivalitäten in der MLB: Blue Jays vs. Rangers

In meiner kleinen Serie über Rivalitäten in der MLB habe ich bisher fünf verschiedene Konkurrenzverhältnisse vorgestellt. Alle fünf haben gemeinsam, dass örtliche Nähe bei ihrem Entstehen eine Rolle gespielt hat und dass jede von ihnen als jahrzehntealte Tradition gepflegt wird. Auf die Rivalität, um die es heute geht, trifft beides nicht zu. Toronto und Arlington liegen knapp 2000 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt und bis vor gut einem Jahr war das Verhältnis zwischen den Blue Jays und den Texas Rangers ein ganz normales.

Das änderte sich erst mit Spiel 5 der Divisional-Serie zwischen den beiden am 14. Oktober 2015. Nach den vorherigen Spielen stand es 2:2 nach Siegen (jedes Team hatte seine beiden Heimspiele verloren) und 2:2 war auch der Spielstand nach sechs Innings des fünften Spiels. Es folgte ein 53 Minuten langes siebtes Inning, nach dem zwischen den beiden Teams nichts mehr so war wie zuvor: Im Top des Innings traf bei zwei Outs und Rougned Odor als Runner auf der dritten Base Torontos Catcher Russell Martin versehentlich den Schläger von Batter Shin Soo Choo, als er den Ball zurück zum Mound werfen wollte. Odor nutzte die entstandene Verwirrung und scorte. Die Schiesdrichter entschieden zunächst auf Dead Ball und somit keinen Run. Nach einer Beschwerde von Rangers-Manager Jeff Banister wurde die Entscheidung geändert und blieb auch nach einer längeren Pause – welche die Schiedsrichter zur Beratung und die Zuschauer in Toronto zum Ausflippen nutzten – bestehen: der Run zählte. Blue-Jays-Manager John Gibbons verkündete daraufhin, sein Team spiele den Rest der Partie unter Protest. Die Nerven lagen auf allen Seiten spürbar blank und vor allem den Rangers verursachte das handfeste Probleme, als sie in der unteren Hälfte des siebten Innings mit drei Errors hintereinander die Bases füllten sowie durch einen verpassten Catch von Odor den Ausgleich zuließen. Mit immer noch zwei Baserunnern kam Jose Bautista an den Schlag und entschied das Spiel durch den wohl wichtigsten Homerun seiner Karriere – ihr wisst schon, der mit dem Batflip des Jahrhunderts. Sowohl nach dieser Aktion als auch ein zweites Mal, nach einem Po-Klaps für Troy Tulowitzki von Rangers-Pitcher Sam Dyson, leerten sich die Dugouts und beide Mannschaften stürmten den Platz. Zum Glück kam es zu keinen direkten Gewalttätigkeiten, aber Freundschaften sind dabei sicher auch nicht entstanden. Bewegte Bilder vom Verlauf dieses denkwürdigen siebten Innings gibt es übrigens hier.

Die Serie, bei der sich die beiden Teams im Mai dieses Jahres in Texas erneut begegneten, verlief zunächst in relativ geordneten Bahnen. Erst im achten Inning des letzten Spiels zeigten beide Teams, dass die Unstimmigkeiten nicht ausgestanden sind: Zuerst wurde Bautista von Matt Bush mit einem Pitch abgeworfen, kurze Zeit später revanchierte sich Bautista mit einem harten Slide gegen Odor an der zweiten Base. Die beiden wechselten zunächst einige Worte und Schubser, dann schlug Odor Bautista ins Gesicht und wieder einmal leerten sich beide Dugouts. Odor wurde anschließend für sieben Spiele gesperrt, Bautista für eines.

Gegen Ende der regulären Saison 2016 beziehungsweise während der Wild-Card-Runde zwischen den Baltimore Orioles und den Toronto Blue Jays hoffte wohl die gesamte Baseballwelt (außer den Orioles) darauf, dass sich das heiße Matchup des Vorjahres in der ALDS 2016 wiederholt und genau so kam es. Dieses Mal gewannen die Blue Jays die Serie gegen die Rangers klar mit 3:0, aber das Ende passte zu den vorherigen Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten wie Odors Faust auf Bautistas Auge: Ausgerechnet Odor verantwortete im zehnten Inning die Niederlage seines Teams durch einen schlechten Wurf zur ersten Base. Statt eines Double Plays, das das Spiel ins elfte Inning befördert hätte, bedeutete Odors Fehler den Sieg für Toronto. Es war übrigens der erste Walk-Off-Error, der jemals eine Playoff-Serie der MLB beendete.

Man darf gespannt sein, wie es zwischen Texas und Toronto weitergeht – entsteht hier gerade eine dauerhafte Hassliebe, die in zwanzig, dreißig Jahren in einem Atemzug mit Traditionsduellen wie Yankees vs. Red Sox oder Giants vs. Dodgers genannt wird? Oder kühlt das hitzige Verhältnis schnell wieder ab, sobald man sich mal ein paar Jahre lang nicht in den Playoffs begegnet ist und/oder durch übliche Kaderveränderungen die Hauptpersonen der Auseinandersetzungen woanders spielen?

Die Toronto Blue Jays und die Texas Rangers sehen sich seit 1977 (dem Gründungsjahr der Blue Jays) acht- bis zwölfmal pro Jahr, in dieser Zeit haben 208-mal die Blue Jays gewonnen und 203-mal die Rangers. Über die Rivalität zwischen den beiden Teams sagt das allerdings nicht viel aus, denn die gibt es ja in dieser aufgeheizten Form erst seit den Playoffs 2015. In diesem Zeitraum haben die Blue Jays die Nase mit 4:3 Siegen in der regulären Saison sowie mit zwei 3:2 und 3:0 gewonnenen Playoff-Serien vorn.

Dezember 20th, 2016 by