Sabermetrics und ihre Rolle für Entscheidungen

Ich bin euch noch etwas schuldig. Wie sich der eine oder die andere erinnern wird, habe ich zu Beginn der Offseason nach Themenwünschen gefragt und versprochen, die ersten drei davon in jedem Fall zu erfüllen. Daraus sind Artikel über Baseball-Filme und –Bücher entstanden sowie die Auseinandersetzung mit einer Regelfrage aus der World Series. Unbeantwortet ließ ich aber bisher den ersten Wunsch, der geäußert wurde: Johannes möchte wissen, „wie viel Einfluss Sabermetrics auf die Verpflichtung von einzelnen Spielern haben und welche Statistiken für die einzelnen Positionen wichtig bzw. aussagekräftig sind“. 

Ich muss zugeben, ich habe die Frage ein bisschen vor mir hergeschoben – nicht weil ich sie uninteressant fände, ganz im Gegenteil. Der Grund ist eher, dass es mir schwer fällt, eine befriedigende Antwort darauf zu geben. Aber versprochen ist versprochen, daher will ich es zumindest versuchen. 

Was sind überhaupt Sabermetrics?
Unter Sabermetrics versteht man Statistiken, die auf Basis vertiefter Analysen und oft anspruchsvoller mathematischer Konzepte verlässlichere und relevantere Erkenntnisse liefern sollen als die traditionellen Kennzahlen. Das Wort leitet sich ab von der Abkürzung SABR für die 1971 gegründete Wissenschaftlervereinigung Society for American Baseball Research. In aller Munde sind Sabermetrics spätestens seit dem Buch „Moneyball“ von Michael Lewis und dem gleichnamigen Film mit Brad Pitt.

Welche Statistiken sind aussagekräftig?
Die wohl aussagekräftigste und bekannteste Sabermetrics-Statistik ist Wins Above Replacement oder kurz WAR. Sie stellt den Versuch dar, die Gesamtleistung eines Spielers aus allen Komponenten des Spiels in einer einzigen Zahl auszudrücken.

Andere Sabermetrics beschäftigen sich mit einzelnen Teilen des Baseballspiels. Für die Offensive gibt es zum Beispiel Runs Created (RC) und diverse gewichtete und abgeleitete Versionen davon (wRC, wRC+), weighted On-Base Average (wOBA) oder die relativ neuen Deserved Runs Created+ (DRC+). Es gibt Ultimate Base Running (UBR) und weighted Stolen Base Runs (wBS) als Maße für die Leistungen zwischen den Bases und es gibt hilfreiche Indikatoren zum Feldspiel wie Ultimate Zone Rating (UZR) und Defensive Runs Saved (DRS). Möchte man die Leistungen von Pitchern analysieren, so lohnt es sich, nicht nur auf den althergebrachten Earned Run Average (ERA) zu schauen, sondern auch auf Fielding Independent Pitching (FIP) sowie vor allem auf die um einige Verzerrungen und Einschränkungen bereinigten Ableitungen ERA- und FIP-.

Die Links in den beiden letzten Absätzen führen allesamt zu früheren Artikeln von mir, in denen die genannten Statistiken etwas näher erläuter sind.

Welche Rolle spielen Sabermetrics für Spielerverpflichtungen?
Das ist der Teil, zu dem mir die Antwort schwer fällt. Denn die 30 Teams der MLB pflegen 30 verschiedene Herangehensweisen und lassen sich dabei verständlicherweise nicht gern in die Karten schauen. Jede MLB-Franchise beschäftigt heutzutage eine eigene Analyseabteilung – salopp ausgedrückt einen Haufen Nerds, die sich den ganzen Tag mit der Analyse und Weiterentwicklung statistischer Daten und Konzepte beschäftigen, um dem Front Office möglichst gute Entscheidungen zu ermöglichen. Man kann sich die Arbeit in diesen Abteilungen so vorstellen wie die Konkurrenz von Hackern und Virenexperten oder von Verschlüsselungs- und Entschlüsselungsexperten. Wie in einem Agentenkrimi sind stets alle Seiten bemüht, sich einen Wissensvorteil gegenüber der Konkurrenz zu erspielen und diesen wenigstens eine kurze Zeit lang aufrecht zu erhalten. Welche Daten und Statistiken gerade besonders wertgeschätzt werden, ist schwer zu sagen – und in dem Moment, in dem man es herausfindet, ist die Information mitunter schon wieder veraltet. 

Relativ sicher kann man wohl sagen, dass in der MLB keine Spielerverpflichtung ohne die Nutzung fortgeschrittener statistischer Analysen erfolgt. Ebenso sicher kann man sagen, dass man keinen Spieler nur auf Grundlage seiner Statistiken holt – das Augenmaß eines kompetenten Scouts ist nach wie vor unverzichtbar. Einen kleinen Hinweis, welche Teams einen größeren oder eher kleineren Schwerpunkt auf Sabermetrics legen, gibt die Anzahl der Mitarbeiter, die sie in ihren Analysebereichen beschäftigen. Laut einer Bestandsaufnahme von The Athletic beschäftigten im Herbst 2018 die New York Yankees und die Los Angeles Dodgers jeweils 20 Analysten, gefolgt von den Houston Astros, Atlanta Braves und Tampa Bay Rays mit je 15. Deutlich weniger analysegetrieben stellten sich die Chicago White Sox (2), die New York Mets (3) sowie (Überraschung!) die Oakland Athletics (3) dar. Das sind allerdings recht unsichere Angaben, weil viele Teams die Anzahl und die Rollen ihrer Mitarbeiter nicht vollständig offenlegen.

Februar 22nd, 2020 by