Dezember 9th, 2018 by Silversurger

Es ist mal wieder eine neue Statistik auf dem Markt. Deserved Runs Created Plus, kurz DRC+, nennt sich der von Baseball Prospectus entwickelte und diese Woche vorgestellte Indikator. DRC+ liefert eine Gesamtbeurteilung der Leistungen eines Spielers als Batter.

Als wichtigster Beitrag fließen in DRC+ die Resultate der Plate Appearances des betreffenden Spielers ein – Hits, Walks, Strikeouts, Groundouts und alles, was sonst noch passieren kann. Diese Resultate werden dann gewichtet – erstens nach der Höhe des Beitrags, den sie zur Erzielung von Runs leisten (z. B. hat ein Double einen höheren positiven Beitrag als ein Walk, ein Strikeout hingegen hat einen negativen Beitrag und in ein Doubleplay zu grounden einen noch negativeren); zweitens nach dem Ausmaß, zu dem der Batter selbst für sie verantwortlich ist (d. h. man versucht seine Eigenleistung gegenüber den Einflüssen von Zufall, Mitspielern, gegnerischen Feldspielern usw. zu isolieren); drittens nach dem Kontext, in dem sie erzielt wurden (z. B. in welchem Ballpark, gegen welchen Pitcher etc.).

Das Plus in DRC+ kennt man aus anderen Statistiken wie ERA+, OPS+ und so weiter. Es bedeutet, dass der Indikator in eine leicht lesbare Form gebracht wird, indem man einen Wert von 100 als Durchschnitt definiert. So kann man daran, ob der DRC+ eines Batters über oder unter 100 liegt, direkt ablesen, ob es sich um einen über- oder unterdurchschnittlichen Batter handelt. Als Faustregel kann man ab 120 DRC+ von einem guten und ab 145 DRC+ von einem hervorragenden Batter sprechen.

Das klingt interessant, aber natürlich stellt man sich unwillkürlich die Frage, was dieser neue Kennwert anders – und idealerweise besser – macht als bekannte Indikatoren mit vergleichbarem Anspruch, also zum Beispiel wOBA, wRC+ oder OPS+. Tatsächlich weisen alle diese Indikatoren im Vergleich miteinander sowie mit DRC+ relativ hohe statistische Zusammenhänge auf. Sie messen also weitgehend das Gleiche. Laut den von Baseball Prospectus vorgestellten Berechnungen liefert DRC+ im Vergleich mit den anderen Werten genauere Messungen, das heißt einen kleineren anzunehmenden Zufallsfehler und eine größere Vorhersagefähigkeit. Letzteres wird vor allem dadurch erreicht, dass DRC+ einen stärken Schwerpunkt als die anderen Werte darauf legt, zufällige und extern verursachte Einflüsse auf die Leistungen des Batters zu isolieren und herauszurechnen.

Es bleibt abzuwarten, ob es DRC+ gelingt, OPS+ und wRC+ als die meistzitierten Sabermetrics für Batting-Leistungen abzulösen. Der Ansatz ist in jedem Fall vielversprechend und ich bin gespannt, wie die anderen Institutionen der Baseballstatistik – vor allem Fangraphs und Baseball-Reference – auf den Vorstoß von Baseball Prospectus reagieren.

Ich möchte den Artikel natürlich nicht beenden, ohne ein paar konkrete Zahlen genannt zu haben. Der beste Batter der Saison 2018 war laut der neuen Statistik Mike Trout mit 180 DRC+ vor Mookie Betts mit 174 DRC+. Die ersten fünf Plätze der Rangliste sind fest in der Hand der American League, erst auf Rang sechs findet sich mit Christian Yelich (145 DRC+) der erste Akteur aus der National League. Historisch betrachtet war Babe Ruth mit 197 DRC+ über seine Karriere hinweg der beste Batter, gefolgt von Ted Williams (180 DRC+), Barry Bonds (175 DRC+) und Lou Gehrig (168 DRC+). Zu beachten ist, dass DRC+ bisher nur für die Zeit ab 1921 berechnet wurde; daher bleiben zum Beispiel die ersten Jahre von Babe Ruth sowie ein Großteil der Karriere von Ty Cobb unberücksichtigt.

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September 24th, 2016 by Silversurger

Angesichts von Europameisterschaft, Deutscher Meisterschaft und der heißen Phase der MLB-Saison sind in letzter Zeit meine Statistik-Erklärartikel ein wenig zu kurz gekommen. Das ist nicht schlimm, denn es gibt ja bald wieder eine viel zu lange Offseason. Mit einem Indikator möchte ich mich aber doch schon jetzt beschäftigen, denn er ist besonders interessant in Bezug auf die aktuelle Diskussion, wer dieses Jahr die Titel der Most Valuable Players (MVP) der beiden Ligen erhalten soll.

Die MVPs werden vom Baseball-Journalistenverband, der Baseball Writers‘ Association of America (BBWA) gewählt. Regelmäßig gibt es flammende Kontroversen darüber, welche Kriterien bei der Auswahl angelegt werden sollen. Da gibt es zum einen die Frage, ob und welche Rolle es spielen soll, ob der betreffende Spieler in einem erfolgreichen Team spielt. Die eine Fraktion sagt, es ist egal, da es um eine individuelle Auszeichnung geht und ein Spieler nicht für den Rest des Teams verantwortlich ist; die andere Fraktion sagt, ein Spieler, der mit seinem Team dauernd verliert, kann nicht der wertvollste der Liga sein. Die andere Frage ist, welche Statistiken am besten Auskunft über die Qualität eines Spielers geben. Traditionalisten schauen in erster Linie auf die Komponenten der Triple Crown: RBI, Batting Average und Homeruns für Batter; Wins, ERA und Strikeouts für Pitcher. Der progressivere Ansatz hingegen besteht darin, über diese Einzelwerte hinaus zu schauen und zu versuchen, den gesamten egenständigen Beitrag des jeweiligen Spielers zum Teamerfolg zu messen.

Der bekannteste Indikator, der diesen Gesamtbeitrag eines Spielers misst, heißt Wins Above Replacement, kurz: WAR. Das Grundprinzip von WAR besteht darin, dass der Wert des jeweiligen Spielers in Form von Siegen gemessen wird und zwar im Vergleich mit einem Spieler auf Replacement Level. Oder anders formuliert, WAR beantwortet die Frage: Wie viele Siege hat das Team mehr auf dem Konto, weil es den bestimmten Spieler X im Roster hat statt eines beliebigen Spielers Y?

Das Thema Replacement Level oder „beliebiger Spieler“ muss ich noch etwas näher erläutern: Ein Spieler auf Replacement Level meint einen Spieler, der einem MLB-Team zu minimalen Kosten und mit minimalem Aufwand zur Verfügung steht. Replacement Level ist in jedem Fall weniger als ein durchschnittlicher MLB-Spieler, aber auch mehr als irgend jemand Dahergelaufenes wie Tim Tebow oder ich. Replacement Level ist das Niveau, das ich erwarten kann, wenn ich wegen Verletzungen oder sonstiger Ausfälle eine Lücke mit einem Minor Leaguer oder einem arbeitslosen Profi zum Mindestlohn der MLB fülle. Die beiden führenden Statistikseiten Fangraphs und Baseball-Reference haben sich vor einigen Jahren auf eine gemeinsame Annahme zum Replacement Level geeinigt. Demnach entspricht das Replacement Level einer Siegrate von 29,4%. Ein Team, das nur aus Replacements besteht, würde in einer 162-Spiele-Saison nach dieser Annahme 47,7 Spiele gewinnen.

WAR ist keine offizielle MLB-Statistik und nicht standardisiert, das heißt unterschiedliche Quellen benutzen unterschiedliche Formeln und kommen zu leicht unterschiedlichen Ergebnissen, obwohl sie im Großen und Ganzen das gleiche messen. Das gilt auch für Fangraphs und Baseball-Reference, die sich zwar auf ein einheitliches Replacement Level geeinigt haben, aber eben nicht auf eine einheitliche Formel für WAR. Mit in die Aufzählung gehört auch Baseball Prospectus, bei denen der Indikator WARP (Wins Above Replacement Player) heißt. Die Grundidee ist bei allen drei Quellen die gleiche, nämlich dass man sich fragt,
– wie viele Runs ein Spieler für sein Team produziert hat,
– wie viele Runs der gegnerischen Teams er verhindert hat,
– wie viele Siege für sein Team diese Anzahl von verursachten oder verhinderten Runs wert ist und
– welchen Mehrwert gegenüber einem hypothetischen Replacement-Spieler diese Siege darstellen.

Eine sehr übersichtliche Darstellung der Unterschiede in den Berechnungsweisen kann man bei Baseball-Reference nachlesen. Fürs Erste genügt es zu wissen, dass bei der Bewertung von Pitchern für Baseball-Reference und Baseball Prospectus die Runs Allowed (RA) im Mittelpunkt stehen, für Fangraphs hingegen Fielding Independent Pitching (FIP) und dass bei der Bewertung von Battern alle drei auf unterschiedliche Weise die Leistungen am Schlag, im Feld und beim Baserunning mit einbeziehen und auch Parkfaktoren berücksichtigen. Letzteres bedeutet, dass der Einfluss auf die zählbaren Leistungen eines Spielers, häufiger in einem eher hitter- oder pitcherfreundlichen Ballpark zu spielen, herausgerechnet wird.

Unterschiedliche Berechnungen führen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das sieht man auf einen Blick, wenn man die WAR-Tabellen von Fangraphs (Spalte ganz rechts), Baseball-Reference (links oben) und Baseball Prospectus (zwei Links für Pitcher und Batter, jeweils Spalte ganz rechts) vergleicht. Immerhin sind sich Fangraphs und Baseball-Reference einig, dass Mike Trout in der aktuellen Saison bisher die meisten Wins für sein Team wert war und alle drei Seiten kommen gleichermaßen zu dem Ergebnis, dass Trout mit 8 bis 10 WAR die American League anführt und Kris Bryant mit 7 bis 9 die National League. Folgt man diesen Zahlen, müssten Trout und Bryant dieses Jahr MVP werden. Ob es wirklich so kommt? Wir werden sehen, aber ich wage es zu bezweifeln – vor allem in Bezug auf Trout, der in keiner der „klassischen“ Kategorien vorne steht und obendrein bei einem wirklich schlechten Team spielt.

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