November 26th, 2019 by Silversurger

Heute betreibe ich ein bisschen Regelkunde zum Baserunning und Basecoaching. Auf die Idee gebracht hat mich Leser Calvero im Zuge meines Offseason-Wunschkonzerts. Seine meiner Ansicht nach sehr interessanten Fragen machen sich fest an Spiel 6 der World Series. Dort gab es zum einen die folgende Szene im siebten Inning:

Trea Turner wurde hier von den Umpires als out erklärt, weil er den defensiven Spielzug des gegnerischen Teams behindert habe. Es gab um diese Entscheidung sowohl während des Spiels als auch danach intensive Diskussionen. Zuerst hieß es, Turner sei deshalb ausgegeben worden, weil er innerhalb der Foullinie – und somit außerhalb der Running Lane – gerannt sei. Später stellte Liga-Funktionär Joe Torre klar, dass es bei der Entscheidung nicht allein um Turners Laufweg gegangen sei, sondern darum, dass er den First Baseman beim Catch behindert habe, als er beim Schritt auf die Base mit dessen Handschuh kollidierte. Turner selbst berief sich darauf, den direkten Base Path zwischen der Home Plate und der ersten Base gewählt zu haben.

Schauen wir uns die beiden Begriffe, mit denen argumentiert wird, näher an, basierend auf den Regeln der MLB.

Base Path: Der Base Path laut Regel 5.09(b)1 ist keine gemalte Linie, sondern der jeweilige direkte Weg des Runners zur Zielbase. Zu beachten ist, dass es einen Base Path nur dann gibt, wenn ein Verteidiger versucht, den Runner zu taggen. Solange kein Tag-Versuch stattfindet, kann der Runner seinen Laufweg frei wählen – ein Base Path existiert nicht. Während des Tag-Versuchs hingegen darf der Runner nicht weiter als drei Fuß (91cm) vom Base Path abweichen, um dem Tag zu entgehen. Entfernt er sich in so einer Situation nach Ermessen des Umpires zu weit vom Base Path, so ist der Runner out.

Running Lane: Eine Besonderheit stellt der Weg von der Homeplate zur ersten Base dar, genauer gesagt die zweite Hälfte dieses Weges. Dort ist die sogenannte Running Lane eingezeichnet. Sie wird in Regel 5.09(a)11 defniert als der Streifen zwischen der Foullinie und der drei Fuß rechts davon aufgemalten Three-Foot-Line (die Linien selbst zählen ebenfalls mit zur Running Lane). Als Runner ist man nicht verpflichtet, innerhalb der Running Lane zu laufen; aber wenn man es nicht tut und nach Urteil des Umpires dabei den Verteidiger an der ersten Base beim Fangen des Ball behindert, dann kann man als out erklärt werden.

Ob die oben erwähnte Szene mit Trea Turner unter diese Regel fällt, ist eine Ermessensentscheidung. Fakt ist, dass Turner seinen gesamten Weg links von der Foullinie, also außerhalb der Running Lane, zurück gelegt hat. Fakt ist auch, dass er sich an der Base mit Yuli Gurriel ins Gehege kam und der dabei den Handschuh verlor. Für den Umpire war das in dem Moment Grund genug, auf out zu entscheiden – eine harte, aber innerhalb des von den Regeln eingeräumten Spielraums liegende Entscheidung.

Zu Calveros zweiter Frage habe ich leider kein Video gefunden. Hier ist seine Beschreibung der Szene:

Die andere Situation die mir aufgefallen ist, war an der 3. Base. Da hat der Astros 3rd-Basecoach den Runner fast körperlich aufgehalten, zur Home durchzulaufen. Auf jeden Fall war er weit weit weg von dem aufgemalten Bereich, in dem er stehen soll. Gilt der nicht? Es gab eine Challenge, in der wohl nur nachgeschaut wurde, ob er den Runner berührt hat. Nach der Logik könnte er also überall stehen, wenn er niemanden behindert?

Tatsächlich sind die Regeln in diesem Fall recht großzügig. Eine Interference unter Beteiligung des Base Coaches ist nur in zwei Fällen vorgesehen. Der erste Fall ist in Regel 6.01(a)9 beschrieben: Der Coach verlässt seine Box, um einen Fielder zu einem Wurf zu bewegen. Das kann man sich am ehesten in Form eines schlitzohrigen Coaches vorstellen, der dem Pitcher oder einem anderen gegnerischen Spieler signalisiert, dass er ihm den Ball zuwerfen soll, weil er ihn angeblich überprüfen möchte. Wenn der Spieler darauf reinfällt, lässt der Coach den Ball an sich vorbei fliegen und schickt seinen Runner von der dritten Base nach Hause. Regel 6.01(a)9 verhindert diesen Trick – sie gilt allerdings ausdrücklich nur für den Fall, dass ein Runner an der dritten Base vorhanden ist.

Der zweite Fall einer Interference durch den Coach kommt der oben beschriebenen Situation deutlich näher: Nach Regel 6.01(a)8 ist ein Runner an der ersten oder dritten Base out zu geben, wenn der Base Coach ihn nach Ermessen des Umpires durch Berühren oder Festhalten körperlich dabei unterstützt, die Base zu verlassen oder zu ihr zurück zu kehren. Die entscheidenden Wörter sind hier „Berühren“, „Festhalten“ und „körperlich“ – nur im Weg zu stehen oder irgendwo außerhalb der Box herumzutänzeln genügt nicht, um eine Konsequenz zu verursachen; und selbst wenn eine Berührung vorliegt, ist es noch Ermessenssache des Schiedsrichters, ob der Runner dadurch unterstützt wurde oder nicht.

Was Interference-Entscheidungen betrifft, kann der Base Coach somit tatsächlich stehen wo er will. Allerdings gibt es da noch Regel 5.03(c), laut der sich die Base Coaches – von bestimmten Ausnahmesituationen abgesehen – in der eingezeichneten Coach’s Box aufzuhalten haben. Verstoßen sie dagegen, so kann sie der Umpire auf Antrag des gegnerischen Teams erst verwarnen und dann falls nötig des Feldes verweisen.

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Februar 10th, 2019 by Silversurger

Die Offseason neigt sich dem Ende entgegen und das tut auch die kleine Serie über grundlegende Taktiken im Baseball. Nach zwei Artikeln über das Batting geht es in der heutigen vorletzten Folge um eine andere wichtige Komponente des Offensivspiels: das Baserunning.

Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf die Laufwege der Runner. Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist bekanntlich eine Gerade. Wenn man beobachtet, wie die Runner von Base zu Base laufen, scheinen sie dieses Wissen jedoch nur manchmal umzusetzen. Einen geraden Weg wählen sie üblicherweise dann, wenn die nächste Base das eindeutige und einzige Ziel der aktuellen Bemühung ist. Sobald eine Chance besteht, dass aus dem Spielzug mehr herausspringt – zum Beispiel bei einem Hit ins Outfield -, gleicht die Bahn des Runners eher einer Banane. Dadurch gelingt ihm leichter die Kurve, um nach dem Berühren der Base einige Schritte in Richtung der nächsten Base anzuschließen und dann zu sehen, ob sich das Weiterlaufen lohnt oder er besser zur bereits erreichten Base zurückkehrt und dort erstmal bleibt.

Wenn es hingegen auf dem Weg zu einer Base knapp wird, so bietet sich für den Runner oft ein Slide an, also eine eingesprungene Rutschbewegung auf dem letzten Abschnitt der Strecke. Ein Slide kann entweder “head first” mit den Händen und dem Oberkörper voran ausgeführt werden oder “feet first” mit den Füßen zuerst. Feet first ist die häufigere Variante; sie ist weniger verletzungsintensiv und bietet eine bessere Chance, schnell aufzustehen und weiterzurennen, falls sich die Gelegenheit dazu ergibt. Head first zu sliden hingegen bietet den Vorteil, dass man mehr Kontrolle darüber hat, durch zusätzliche Bewegungen einem Tag auszuweichen. Das Vermeiden eines Tag Plays, indem man einem bereits wartenden Feldspieler ein möglichst kleines und bewegliches Ziel bietet, ist der häufigste Anlass für einen Slide. Andere Gründe zum Sliden bestehen darin, spät aber effektiv abzubremsen, um ein Überrennen der Base zu verhindern, und darin, einen Feldspieler davon abzuhalten, per Wurf zu einer anderen Base ein (weiteres) Out zu erzielen.

So gut wie nie wird man einen Slide auf dem Weg des Batters zur ersten Base sehen, denn dort trifft keiner der genannten Gründe zu: Ein Tag Play ist an dieser Stelle irrelevant, da an der ersten Base immer ein Force Play möglich ist; Double Plays werden immer von der höheren zur niedrigeren Base ausgeführt, daher spielt auch die legale Behinderung eines Feldspielers hier keine Rolle; obendrein ist es nicht nötig, an der ersten Base zu bremsen, denn im Gegensatz zu den anderen Bases darf diese gefahrlos überrannt werden – und ungebremstes Überrennen ist immer schneller als Sliden. Der Runner darf nicht ausgetaggt werden, sofern er nach dem Überrennen auf direktem Weg zur Base zurückkehrt.

Erfolgreiches Baserunning erfordert hohe Konzentration und gutes Spielverständnis. Es ist nämlich nicht damit getan, an der Base auf das Geräusch des nächsten Schlags zu warten und dann einfach loszurennen. Je nach Spielsituation hat der Baserunner ganz unterschiedliche Dinge zu beachten und in seine Entscheidung einzubeziehen, ob, wann und auf welche Weise er läuft. Ein paar Beispiele für unterschiedliche Konstellationen und ihre jeweiligen Konsequenzen:
– Groundball im Infield, während die erste Base besetzt ist: Der Runner von der ersten Base wird auf jeden Fall loslaufen, denn er muss die Base freimachen und kann an der zweiten Base per Force Play ausgemacht werden. Sein Ziel besteht darin, so schnell unterwegs zu sein, dass die Defense höchstens ein Out schafft und kein Double Play.
– Groundball,während die zweite Base besetzt, die erste aber frei ist: Der Runner an der zweiten Base kann laufen, muss es aber nicht. Seine Entscheidung hängt davon ab, wie die Defense sich verhält. Meistens wird der Runner an der Base bleiben, wenn der Ball vor ihn geschlagen wird (zur dritten Base oder zum Shortstop), und losrennen, wenn er hinter ihn (zwischen erster und zweiter Base) geschlagen wird.
– Fly Ball und weniger als zwei Outs: Wenn der Ball aus der Luft gefangen wird, muss jeder Runner zurück an seine ursprüngliche Base. Sobald diese Base nach dem ersten Kontakt eines Feldspielers mit dem Ball berührt wurde (Tag-up), kann der Runner entscheiden, auf eigenes Risiko loszulaufen. Wenn er das vorhat, wird er schon während der Ball in der Luft ist an der Base warten, um dann sofort loszurennen. Andernfalls geht er ein paar Schritte in Richtung der nächsten Base, um je nach Ergebnis des Fangversuchs entweder den Rest des Weges zurückzulegen oder zurück zur vorherigen Base zu gehen.
– Fly Ball und bereits zwei Outs im Inning: Der Runner wird auf jeden Fall loslaufen und nicht bremsen. Wird der Fly Ball gefangen, so ist das Inning ohnehin beendet. Wenn er nicht gefangen wird, hat der Runner gute Chancen, gleich mehrere Bases zu erlaufen.
– Zwei Outs im Inning, Full Count für den aktuellen Batter, keine freien Bases zwischen den Runnern: Alle Baserunner werden loslaufen, sobald der Pitcher seine Wurfbewegung beginnt, denn sie haben nichts zu verlieren: Bei einem Strike ist das Inning zuende, bei einem Ball dürfen sie ungehindert vorrücken, bei einem Foulball kehren sie ebenso ungehindert zur Base zurück und bei einem Schlag ins Fair Territory müssen sie sowieso laufen.

Als Runner ist man weitgehend auf die Aktionen von Mitspielern oder auf Fehler des gegnerischen Teams angewiesen, um auf dem Weg von Base zu Base voran zu kommen. Die eine Möglichkeit, aus eigener Leistung die nächste Base zu erreichen, besteht im Stealing. Stehlen ist im Baseball erlaubt, solange man sich nicht erwischen lässt. In aller Regel funktioniert es wie folgt: Man bringt sich ein paar Schritte von der bisherigen Base in Stellung, rennt los sobald der Pitcher seine Wurfbewegung begonnen hat und slidet zur neuen Base, bevor der Catcher es schafft, den Ball zum jeweiligen Infielder zu werfen, der ein Tag Play anbringen könnte. Die meisten Steals finden zwischen der ersten und zweiten Base statt, nicht zuletzt weil die zweite Base weiter vom Catcher entfernt ist als die anderen Bases. Steals von der zweiten zur dritten Base sind entsprechend seltener und Steals von Drei nach Home sind ein extrem rares und spektakuläres Ereignis, das nur gelingt, wenn die Defense sich komplett überrumpelt lässt.

Das Stehlen von Bases ist ein aufregender Spielzug, der leider in der MLB in den letzten Jahren immer seltener ausgeübt wird. Das liegt nicht etwa daran, dass es den Verteidigungen häufiger gelingen würde, versuchte Steals zu verhindern. Im Gegenteil, das Verhältnis von gelungenen zu vereitelten Steals (“caught stealing”) hat sich in den letzten 30 bis 40 Jahren eher zu Gunsten der Baserunner entwickelt: In den 1980er und frühen 1990er Jahren, während der Hochphase des Base-Stealings, gelangen ligaweit mit Ausnahme eines Jahres (1987) nie mehr als 70% der Stealversuche; von 2004 bis 2018 lag die Quote in jedem Jahr deutlich über dieser Marke. Im gleichen Zeitraum hat sich aber mehr und mehr die auf statistischen Analysen beruhende Erkenntnis durchgesetzt, dass sich das Stehlen von Bases oft nicht lohnt beziehungsweise das Risiko nicht wert ist. Eine erfolgreich gestohlene Base bringt dem Team im Durchschnitt rund 0,3 Runs ein. Das bedeutet, es müssen mehr als zwei Drittel aller Steal-Versuche erfolgreich sein, um nicht mehr zu schaden als zu nutzen – und deutlich mehr, damit man behaupten kann, dass sie wirklich etwas bringen. Folgte in jedem der 1980er Jahre dem Erreichen der ersten Base in 11 bis 12 Prozent der Fälle ein Steal-Versuch, war dies 2017 und 2018 nur noch zu je 7,8 Prozent der Fall.

Eine Taktik, die kein Base-Stealing darstellt, aber eng mit diesem verwandt ist, ist das “Hit and Run”. Genau wie beim Stealing laufen der oder die Baserunner in dem Moment los, in dem der Pitcher seine Bewegung begonnen hat und sie nicht mehr abbrechen darf. Sie sind bei ihrem Versuch, die nächste Base zu erreichen, auf den Batter angewiesen. Dieser hat den Auftrag, um jeden Preis Kontakt zwischen Schläger und Ball herzustellen. Gelingt ihm das und der Ball landet im Fair Territory, so dürften die Runner schon weit genug gekommen sein, dass es zumindest kein Double Play wird. Wenn es ein Foulball wird, kann jeder ungefährdet zurück zur vorherigen Base gehen. Problematisch wird es allerdings, wenn der Ball nicht getroffen wird und beim Catcher landet oder noch schlimmer: wenn es ein Fly Ball wird und die Runner plötzlich ungeschützt weit weg von ihrer ursprünglichen Base stehen.

Während ein Baserunner auf den nächsten Pitch wartet, bleibt er im Normalfall nicht direkt an der Base stehen (außer in den jüngsten Altersklassen, wo dies oft vorgeschrieben ist). Er nimmt einen Lead, das heißt er entfernt sich ein paar Schritte in Richtung der nächsten Base. Dadurch wird sein Weg beim nächsten Schlag oder auch beim Stealing kürzer und die Erfolgswahrscheinlichkeit, die nächste Base zu erreichen, entsprechend höher. Während eines Leads setzt man sich dem Risiko eines Tag Plays aus. Deshalb sollte man es mit der Entfernung von der Base nicht übertreiben, denn der gegnerische Pitcher wird von Zeit zu Zeit einen Pick-off versuchen. Er wirft dazu den Ball zur Base, wo ihn der jeweilige Feldspieler fängt und versucht, den Runner auszutaggen, bevor dieser zurück an die Base gehechtet ist. Selten gelingt das tatsächlich, aber in jedem Fall sendet es ein Signal an den Runner, dass man ihn im Blick hat und er es sich zweimal überlegen sollte, ob er einen weiten Lead nimmt oder gar einen Steal versucht. Die Sache kann allerdings auch ins Auge gehen, denn wenn der Pick-off-Wurf nicht gefangen wird und am Feldspieler vorbei geht, ist das meistens eine geschenkte Base für den Runner.

An der dritten Base nehmen die Runner ihren Lead übrigens immer im Foul Territory. Das liegt daran, dass ein Runner automatisch aus ist, wenn er im Fair Territory einen geschlagenen Ball berührt. Im Foul Territory ist man vor diesem Risiko sicher.

Mitunter kommt es vor, dass ein Runner zwischen zwei Bases festsitzt, wenn er sich bei einer Aktion verschätzt hat und weder vor noch zurück kann, weil die Feldspieler den Ball und die beiden Bases kontrollieren. Man nennt diese Situation einen Run-Down. Die Feldspieler werfen sich dabei den Ball hin und her und gehen von beiden Seiten auf den Runner zu, um ihn auszutaggen. Für den Runner ist es äußerst unwahrscheinlich, aus dieser Lage zu entkommen. Er kann die Sache aber durch Richtungswechsel und Ausweichmanöver in die Länge ziehen und dadurch anderen Runnern die Zeit verschaffen, sich selbst in Sicherheit zu bringen.

Wie vieles im Spiel, wird auch das Verhalten zwischen den Bases ganz wesentlich durch Zeichen des Managers aus dem Dugout gesteuert. Ein Stealversuch, ein Hit and Run oder auch die Länge des Leads werden den Spielern in aller Regel vorgegeben. Eine wichtige Rolle spielen zudem die beiden Basecoaches, die im Foul Territory neben der ersten und der dritten Base stehen. Sie beraten die Runner, ob und wann sich ein Steal lohnt, warnen sie bei Pick-off-Versuchen und signalisieren, während der Ball im Spiel ist, ob man weiterlaufen, an der erreichten Base stehen bleiben oder zum Tag-up zurücklaufen soll und wann ein Slide sinnvoll ist.

Auch beim Baserunning gibt es Auswechslungen. Analog zum Pinch Hitter, einem eingewechselten Batter, spricht man von einem Pinch Runner, wenn ein Spieler für einen bereits vorhandenen Baserunner ins Spiel kommt. So etwas geschieht meistens in der Endphase des Spiels, wenn es darauf ankommt, einen einzigen Run unbedingt zu erzielen. Der Pinch Runner ist naturgemäß ein besonders schneller Spieler, der eine Gefahr darstellt, Bases zu stehlen und/oder bei einem Hit eine Base mehr zu holen als der langsamere Kollege, der für ihn rausgegangen ist.

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Januar 21st, 2018 by Silversurger

Als Baseball- und Statistikfan habe ich mich schon mit einer großen Menge statistischer Kennzahlen über Schlag- und Pitchingleistungen, über Defensivqualitäten und über den Gesamtbeitrag eines Spielers zum Erfolg des Teams auseinandergesetzt. Viele davon habe ich auch in der entsprechenden Kategorie dieses Blogs erklärt und bewertet. Dennoch ist mir kürzlich aufgefallen, dass es einen Bereich des Spiels gibt, über den mir kaum handfestes Zahlenmaterial bekannt war: das Baserunning. Die Zahl der gestohlenen Bases ist das einzige, was mir dazu sofort eingefallen ist. Aber da muss es doch mehr geben, dachte ich mir, schließlich hat man nach dem Erreichen einer Base viel mehr zu tun als nur zu entscheiden, ob und wann man stiehlt. Also habe ich mich ein bisschen eingelesen und möchte mein neues Wissen hier teilen.

Stolen Bases (SB) / Caught Stealing (CS)
Fangen wir an mit der Statistik, die jeder kennt: Wenn es um herausragende Baserunner geht, wird fast immer mit der Anzahl gestohlener Bases argumentiert. Auch im Fantasy Baseball sind Stolen Bases (SB) in der Regel die einzige für das Scoring berücksichtigte Baserunning-Kategorie.

Die Spitze ist in dem Bereich recht schmal: In der Saison 2017 führte Dee Gordon (Miami) die Liste mit 60 gestohlenen Bases an, dicht gefolgt von Billy Hamilton (Cincinnati) mit 59. Zu Platz drei besteht dann schon eine deutliche Lücke, Whit Merrifield (Kansas City) steht dort mit „nur“ 34 Bases. Den Rekord hält Hugh Nicol mit 138 gestohlenen Bases im Jahr 1887 für die Cincinnati Reds. Den höchsten Wert der modernen Ära hat Rickey Henderson mit 130 im Jahr 1982 Oakland Athletics erzielt. Auf die gesamte Karriere hin betrachtet, ist Henderson mit großem Abstand Rekordhalter mit insgesamt 1.406 Steals.

Üblicherweise stehen die Spieler mit den meisten Steals auch in der Kategorie Caught Stealing (CS), also der Anzahl missglückter Steal-Versuche, weit vorne. Das ist logisch, weil Spieler wie sie es sehr viel öfter versuchen als andere und es dann eben auch ab und zu mal schief geht. Es überrascht daher nicht, dass 2017 auch hier Dee Gordon (16) und Billy Hamilton (13) die Liga anführten. Man könnte nun auf die Idee einer Nettobetrachtung gestohlener Bases kommen, also die missglückten Versuche von den gelungenen abzuziehen – tatsächlich habe ich so etwas schon in einer Fantasyliga erlebt. Der Haken an der Sache ist, dass – wie unmittelbar einleuchten dürfte – eine erfolgreich gestohlene Base dem Team zwar hilft, aber nicht so sehr wie ein Aus beim gescheiterten Versuch dem Team schadet. Als Faustregel kann man sagen, dass Steals sich nur dann lohnen, wenn sie mindestens doppelt so häufig gelingen wie sie scheitern. Informativer ist deshalb, nicht auf Absolut- oder Nettowerte zu schauen, sondern die Steals als Anteil an allen Steal-Versuchen darzustellen. Das ist dann die Stolen Base Percentage (SB%).

Wie jede Prozentzahl ist SB% natürlich nur aussagekräftig, wenn sie auch auf einer gewissen Anzahl basiert – eine Erfolgsquote von 100% bei nur einem Versuch verrät nicht viel. Deswegen stellt zum Beispiel baseball-reference diese Zahl nur für Spieler dar, die es in einer einzelnen Saison auf 0,1 Versuche pro Spiel ihres Teams (also 16,2 bei den üblichen 162 Spielen) bringen oder in ihrer Karriere auf 80 Versuche. Byron Buxton (Minnesota) führte 2017 mit 96,7% die MLB an, indem er sich bei 30 versuchten Steals nur einmal erwischen ließ. Zwölfmal gelang es in der Geschichte der MLB Spielern mit der entsprechenden Mindestzahl von Versuchen, eine Erfolgsquote von 100% zu erzielen, zuletzt Alcides Escobar (Kansas City) im Jahr 2013. Über die ganze Karriere betrachtet ist der zuverlässigste Base-Stealer aller Zeiten Alexi Casilla mit 87,9%. Trotz dieser Stärke brachte Casilla es in Minnesota und Baltimore nie über die Rolle eines Ergänzungsspielers hinaus – im Gegensatz zu Chase Utley und Carlos Beltran, die mit 87,6% bzw. 86,4% die Plätze zwei und drei der ewigen Rangliste einnehmen.

weighted Stolen Base Runs (wBS)
Eine sinnvolle Weiterentwicklung der Stolen-Bases-Statistik stellt der Indikator weighted Stolen Base Runs (wBS) dar. Er basiert auf linearen Gewichten und übersetzt den Beitrag, den ein Spieler durch Base-Stealing zum Erfolg seines Teams leistet, in die universelle „Währung“ des Balls: in Runs. Man bekommt durch wSB ein deutlich besseres Gefühl dafür, welche Kombinationen aus gelungenen und missglückten Stealing-Versuchen dem Team wie sehr weiterhelfen und welche mehr schaden als nützen. wSB ist auf Null normiert, das bedeutet dass man für einen durchschnittlichen Spieler von einem Beitrag von 0 Runs ausgeht. Dementsprechend erzielt ein überdurchschnittlicher Base-Stealer Werte über 0 und ein unterdurchschnittlicher Werte unter 0. Die Berechnung von Fangraphs basiert darauf, dass das Resultat jeder Steal-Möglichkeit eines Spielers mit dem durchschnittlichen Resultat einer solchen Möglichkeit in der gesamten Liga verglichen wird. Macht ein Spieler mehr aus der gegebenen Möglichkeit als der Durchschnitt (das heißt, er stiehlt die Base), steigt sein wSB-Wert; macht er weniger daraus (das heißt, er lässt sich erwischen oder probiert es trotz aussichtsreicher Gelegenheit gar nicht), sinkt der Wert.

Die übliche Spannweite, in der MLB-Spieler bei wSB landen, liegt ungefähr zwischen -3 und +6, nur selten werden zweistellige Werte erzielt. Teams insgesamt landen meistens zwischen -7 und +10 wSB pro Saison. Angesichts der Faustregel, dass ungefähr 9 bis 10 Runs einen Win wert sind, ist der Beitrag von Base-Stealing zum Gesamterfolg eines Teams somit relativ gering. 2017 war Billy Hamilton mit 5,9 wSB der wertvollste Base-Stealer der Liga, gefolgt von Byron Buxton mit 5,1 und Dee Gordon mit 4,7. Karriere-Rekordhalter mit 142,7 wSB ist auch hier wieder der oben schon erwähnte Rickey Henderson. Die erfolgreichste Einzelsaison hatte Vince Coleman  (St. Louis) mit 15,7 wSB im Jahr 1986.

Ultimate Base Running (UBR)
Mit Base Stealing haben wir uns nun ausführlich befasst, aber was ist mit dem Rest, den gutes Baserunning ausmacht? Dieser Bereich findet in Standardstatistiken leider wenig Beachtung, obwohl Fangraphs auch hierfür einen guten Indikator bereit hält: Ultimate Base Running (UBR). Der Name ist etwas irreführend, denn UBR ist kein Gesamtindikator für Base Running, sondern betrachtet „nur“ die Base-Running-Leistungen, die nichts mit Steals zu tun haben. Dazu zählen im Einzelnen:

  • Erreicht der Runner nach dem Hit eines Teamkollegen eine Extra-Base, erreicht er sie nicht oder wird er beim Versuch, sie zu holen, ausgeworfen?
  • Wird der Batter beim Versuch, nach eigenem Hit eine Extra-Base zu erreichen, ausgeworfen? (Wenn er sie holt, wird das in UBR nicht erfasst, weil nicht klar ist, ob dafür der Hit oder das Baserunning verantwortlich ist.)
  • Erreicht der Batter eine Extra-Base, erreicht er sie nicht oder wird ausgeworfen, während ein anderer Runner safe oder out wird beim Versuch, vorzurücken?
  • Gelingt es einem Runner, nach einem Flyout und Tagging Up vorzurücken?
  • Gelingt es einem Runner, während eines Groundballs von der ersten die zweite Base zu erreichen, ohne in ein Force-Out oder Double Play zu geraten?
  • Erreicht ein Runner von der zweiten Base bei einem Groundball Richtung SS oder 3B die dritte Base, erreicht er sie nicht oder wird er beim Versuch ausgeworfen?
  • Rückt ein Runner während eines Passed Balls oder Wild Pitches vor oder nicht oder wird er beim Versuch ausgeworfen?
  • Sicher kann man sich problemlos einige Baserunning-Beispiele überlegen, die in dieser Auflistung nicht berücksichtigt sind, aber UBR deckt schon ein großes Spektrum ab und leistet damit einen guten Beitrag zur vollständigeren statistischen Erfassung des Baserunnings. Praktischerweise ist auch UBR ein auf linearen Gewichten basierendes Maß mit Runs als Einheit. Das heißt, jedem der aufgeführten Ereignisse wird ein positiver oder negativer Wert in Form von Runs zugeordnet. Ein Wert von 0 stellt auch für UBR eine durchschnittliche Leistung im jeweiligen Jahr dar, übliche Werte liegen zwischen -6 und +6 je Spieler und zwischen -15 und +15 je Team insgesamt.

    Der beste Baserunner der Saison 2017 jenseits gestohlener Bases war Xander Bogaerts (Red Sox) mit 6,3 UBR. Die beste Einzelsaison hatte 2004 Juan Pierre (Marlins) mit 8,3 UBR. Dabei ist zu berücksichtigen ist, dass die ermittelte Zeitreihe bei Fangraphs nur bis 2002 zurück reicht und für frühere Zeiträume keine UBR-Werte zur Verfügung stehen. Pierre hat mit 47,8 UBR auch den höchsten Wert für eine Karriere insgesamt und das, obwohl seine beiden ersten Spielzeiten 2000 und 2001 nicht gezählt wurden.

    Base Running (BsR)
    Mit wSB für die Fähigkeit des Base-Stealings und UBR für die sonstigen Baserunning-Leistungen haben wir zwei sehr brauchbare Maße. Idealerweise bringt man nun noch beide zu einem umfassenden Indikator zusammen, der die Baserunning-Fähigkeiten insgesamt bewertet. Genau das ist das Ziel einer weiteren Fangraphs-Statistik, die sich schlicht Base Running (BsR) nennt und auch in die Berechnung von Fangraphs‘ WAR einfließt.

    BsR wird wie die beiden gerade vorgestellten Maße in Runs über oder unter dem Durchschnitt ausgedrückt. Gebildet wird BsR durch einfache Addition: UBR plus wSB plus wGDP. Moment mal, wGDP? Ja, tatsächlich zählt Fangraphs als dritte Komponente von BsR den Indikator weighted Grounded Into Double Play Runs (wGDP) hinzu. Das heißt, es wird berücksichtigt, inwiefern es dem Spieler gelingt, keine Double Plays zu verursachen, wenn er mit weniger als zwei Outs und einem Runner an der ersten Base am Schlag ist. An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich den Einbezug von wGDP für einen Fehler der von mir sonst sehr geschätzten Kollegen von Fangraphs halte. Natürlich ist die mit wGDP gemessene Fähigkeit relevant, aber sie ist meiner Ansicht nach in erster Linie dem Batting zuzurechnen und nicht dem Baserunning. BsR wäre daher in meinen Augen aussagekräftiger, wenn man es auf die Addition von wSB und UBR beschränken würde.

    Nichtsdestotrotz ein kurzer Blick auf die 2017 erzielten BsR-Werte: Die meisten Spieler liegen im Bereich zwischen -6 und +6 BsR. Das ist interessant, denn wenn man sich im Vergleich dazu die Werte von UBR und wSB anschaut, fallen diese ähnlich hoch aus. Es kommt also selten vor, dass Spieler in beiden Bereichen so gut sind, dass sich starke Effekte durch die Addition der Werte ergeben. Die große Ausnahme davon ist Byron Buxton: Der Outfielder der Twins führt die Rangliste der Saison 2017 mit 11,7 BsR mit großem Abstand an. Ohne den Einbezug von wGDP brächte Buxton es übrigens auf einen Wert von 9,4 und wäre auch damit einsame Spitze in der MLB.

    Geschwindigkeitsmessung mit Statcast
    Eine weitere Baserunning-Statistik liegt im Prinzip auf der Hand, ist aber erst seit kurzem zuverlässig und umfangreich messbar: die Schnelligkeit der Spieler. Erfolgreiches Baserunning lässt sich im Wesentlichen auf die zwei Komponenten Geschwindigkeit und Spielintelligenz reduzieren. Den Beitrag der Spielintelligenz kann man wohl nur durch Maße wie die oben vorgestellten Sabermetrics sinnvoll berücksichtigen. Den anderen der beiden Faktoren kann man seit der letzten Saison direkt erfassen – die MLB-weite Einführung der Statcast-Technologie macht es möglich.

    Dank Statcast wissen wir nun, dass der durchschnittliche MLB-Spieler es auf eine Baserunning-Geschwindigkeit von 27 Fuß pro Sekunde (29,6 km/h) bringt und dass Byron Buxton auch in dieser Rangliste die Liga anführt – mit 30,2 Fuß pro Sekunde (33,1 km/h), dicht gefolgt von Billy Hamilton mit 30,1 Fuß pro Sekunde (33,0 km/h). Der langsamste Spieler der MLB ist übrigens Albert Pujols (Angels) mit 23,0 Fuß pro Sekunde (25,2 km/h). Pitcher werden dabei allerdings nicht berücksichtigt, sonst hätten Bartolo Colon und CC Sabathia sicher gute Chancen, Pujols diesen Titel streitig zu machen. Dargestellt wird in der Tabelle die Geschwindigkeit, die der jeweilige Spieler im seinem schnellsten Eine-Sekunde-Zeitfenster erzielt hat.

    Ein neuer Indikator für Spielintelligenz?
    Nur so als Idee: Will man den anderen Faktor erfolgreichen Baserunnings, die Spielintelligenz, isoliert beziffern, so könnte man versuchen, BsR (bevorzugt allerdings ohne wGDP) um den Beitrag der mit Statcast gemessenen Geschwindigkeit eines Spielers zu bereinigen. Vereinfacht ausgedrückt heißt das, wer unterdurchschnittlich schnell ist und trotzdem gute BsR-Werte erzielt, der verfügt offenbar über eine besonders hohe Spielintelligenz in Bezug auf Baserunning. Geben wir der Sache noch einen schönen Namen – wie wäre es mit Smart Base Running (SBR)? – und schon haben wir eine neue Statistik erfunden. Ich muss noch mal ausführlicher recherchieren, ob es so eine Zahl bereits gibt oder ob die Idee wirklich neu ist und es sich lohnt, sie weiterzuverfolgen.

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